Träge schieben sich beide Seiten des Vorhangs auseinander. Er steht auf der Bühne, mit schlotternden Knien und guter Miene zum bösen Spiel. Er weiß: Die nächsten Stunden werden keine leichten. „Reiß dich zusammen! Wenn du über dich hinauswächst, wird’s keiner merken. Wahrlich begnadete Darsteller können noch das kürzeste Stück auf sieben Akte auswälzen.“ Und das tat er dann auch.

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Applaus. Zunächst nur aus reiner Höflichkeit, er weiß das genauso gut wie das Publikum selbst. Er will das in den nächsten rund acht Stunden ändern, zum Abschluss seines Auftritts von stehenden Ovationen und ekstatischen „Zugabe, Zugabe!“-Rufen anstelle von verhaltenem Klatschen verabschiedet werden. Er hat doch so viel Mühe in sein Programm gesteckt, verlangt ja nicht einmal den vollen Preis für eine Karte in die von ihm erdachte Wunderwelt.

Er, das ist Kutaro. Ein Holzkopf im doppelten Sinne, ein mutiger Held, buchstäblich aus dem richtigen Holz geschnitzt, mit mehr verschiedenen Gesichtern als Zuschauern im Puppentheater. Sie sind seine größte Stärke und gravierendste Schwäche zugleich – eine Tatsache, die ihm bislang noch immer auf die flinken Füße gefallen ist.

Der Puppenspieler - "Die ganze Welt ist eine Bühne": Sonys kreative Verbeugung vor einer zeitlosen Kunstform

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Vorhang frei für das Theaterstück des Jahres.
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So wird es auch heute sein, trotz all seiner Bemühung. Er ahnt es bereits, ließ sich aber selbst während der letzten Akte nichts anmerken, als auch die hintersten Reihen sein Spiel durchschaut und bemerkt hatten, dass der Wechsel seiner Köpfe ohne Gehalt und nichts als Blendwerk ist. Kutaro ist ein Profi, doch viel wichtiger ist: Er liebt sein Handwerk.

Tausend Gesichter und doch gesichtslos

So ist auch sein Auftreten wenig verwunderlich. „Unterschätze niemals dein Publikum!“, mag ihm einmal von einem seiner Vorbilder mit auf den Weg gegeben worden sein. Ein Ratschlag, den Kutaro fortan immer zu schätzen wusste, einer, nach dem er sein Spiel fortan stets ausrichtete. „Es kommt nicht darauf an, was, sondern wie du deine Geschichte erzählst.“

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Und mit welch' charmantem Elan der junge Held seine Erzählung beginnt! Nicht allein, freilich. Gemeinsam mit seinen Kollegen, nicht minder begnadeten Darsteller, vereinnahmt er das Publikum innerhalb weniger Minuten. Mit großen Gesten und viel Eifer erzählen sie vom Schicksal des jungen Kutaros, der sich notgedrungen gegen den bösen Mond-Bärenkönig auflehnt. Der grimmige Koloss verschlingt ohne Unterlass die Seelen unschuldiger Kinder und verwandelt sie in Puppen und macht sie sich Untertan und erwischt auch Kutaro und …

Der Vorhang schließt sich, das Publikum applaudiert entzückt. 'Zugabe'-Rufe sind jedoch keine zu hören.Fazit lesen

Lautes Gähnen dringt bis an die Ohren der Akteure. Sie reden zu viel. Sie tun es humorvoll, sehr akzentuiert und mit sichtlich Spaß an der Sache selbst – aber schlichtweg zu ausschweifend. Doch gelernt ist gelernt: Jetzt lässt sich das Programm nicht mehr ändern, weshalb auch alle der folgenden Akte mit vielen Worten ausgepolstert werden. Nicht so viel, dass sie das Interesse der Zuschauer aufs Spiel setzten, aber mehr als nötig wären. Daran lässt sich nicht rütteln.

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Das Bühnenbild könnte vielseitiger kaum sein.
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„Weitermachen, lasst euch nicht aus dem Konzept bringen!“, ruft die Souffleuse mit donnerndem Flüstern aus dem Schatten ihres Kastens heraus. Zeitgleich nehmen die Geiger ihre Arbeit auf, auch ein Kontrabass und Trompeten sind zu hören. Es müssen Virtuosen sein, die ihren Instrumenten diese Klänge entlocken und gemeinsam mit einigen begnadeten Sängern selbst kurze Musicaleinschübe möglich machen.

Während sie zum Crescendo ansetzen, sticheln Kutaro und seine feenartige Begleiterin erst einander, schließlich gegen den grummeligen Mond-Bärenkönig. Der Kommandant von zwölf gefährlichen Generälen erkennt die Gefahr des Duos und hetzt ihnen den ersten seiner Lakaien auf den Hals: einen grimmigen Tiger, so groß wie drei seiner selbst. Das Biest fletscht die Zähne. Das Publikum hält den Atem an.

Vor den Augen der Zuschauer entspinnt sich der erste von vielen ungleichen Kämpfen, doch Kutaro macht seine körperliche Unterlegenheit mit Mut und Geschick wieder wett. Messerscharf durchschneidet eine Tigertatze die Luft.

Der wandlungsfähige Held rollte behände zur Seite, rappelt sich auf, weicht weiteren Angriffen mit gezielten Sprüngen aus und bringt schließlich sein wertvollstes Gut zum Einsatz: Calibrus.

Als die magische Schere die Tigerreißzähne zerteilt wie ein Messer warme Butter, geht ein tiefes Raunen durch den Saal. Die Auseinandersetzung geht unaufhaltsam ihrem spektakulären Höhepunkt entgegen. Ein letztes Mal nimmt der General seine Kräfte zusammen, setzt alles auf eine Karte – und verliert. Tosender Applaus.

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Kutaro muss sich zahlreicher Bossgegner erwehren. Jeder einzelne Kampf ist ein Erlebnis.
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The show must go on

Von der charismatischen Stimme des Erzählers beeinträchtigt, ebbt der Beifall langsam ab, bis er endlich ganz verstummt. Die sonore Stimme erfüllt das Theater, fasst die Geschehnisse zusammen und gewährt einen verheißungsvollen Ausblick auf das, was noch kommen mag. Nur das gelegentliche Zucken des Vorhangs lässt erahnen, welch reges Treiben hinter dem weinroten Sichtschutz herrscht.

Und tatsächlich: Kaum teilt sich der feine Zwirn erneut in zwei Hälften, ist nichts mehr so, wie es noch vor wenigen Augenblicken war. Zeigte das Bühnenbild eben dunkle Kerker und detailreiche Verliese mit mehr liebevollen Einzelheiten, als ein einziger Zuschauer auf einen Blick wahrnehmen kann, erblicken Dutzende verblüffte Augen plötzlich eine magische Unterwasserwelt. Sie ahnen noch nicht, dass sich dieses beeindrucke Schauspiel nach jedem Abschluss eines Aktes wiederholen wird.

Gemeinsam mit Kutaro durchstreifen sie die geschmückten Straßen einer mexikanischen Stadt, schippern auf löchrigen Schiffen über die Sieben Weltmeere, wandern an gruseligen Spukschlössern mit Friedhöfen und riesigen Kürbissen vorbei und reiten auf dem Rücken einer gigantischen Schlange durch die Wüste. Niemand weiß, wohin er seinen Blick zuerst richten soll; alles wird von einer nur schwer greifbaren Magie getragen. Ob Tim Burton an der Inszenierung des Stücks beteiligt war, will ein Filmkenner vom Platzanweiser wissen. „Nein, aber die Ähnlichkeiten zu vielen seiner Werke sind nicht von der Hand zu weisen.“

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Irgendwann hat das Publikum die Struktur des Stücks durchschaut. Dem vergnüglichen Schauspiel tut das aber keinen Abbruch.
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Doch der beginnende zweite Akt zeigt ihnen auch etwas anderes, das sich mit fortschreitender Zeit weiter bestätigt: Gleichförmigkeit, die in ihren deutlichsten Momenten sogar in Berechenbarkeit umschlägt. Immer wieder hüpft der sympathische, aber stumme Held von links nach rechts, gelegentlich auch von unten nach oben oder auf dem Rücken eines tierischen Gefährts durch die drei Szenen eines jeden Aktes.

Kutaro schneidet sich mit dem Calibrus munter durch die Welt, rennt, wartet, hüpft. Er gibt sich redlich Mühe, tut das, was er nun einmal tut, mit Hingabe und Leidenschaft. Ebenso weiß er jedoch um sein Problem, vieles nicht zu können, sich zu sehr an ein festes Muster zu halten – und nach und nach kommen diese Gedanken auch den zahlenden Besuchern.