Turbine lüftet ein weiteres Stück Mittelerde und all seine virtuellen Bewohner stürzen sich darauf, als gäbe es dort Mithril-Hemden umsonst. Der Aufstieg Isengarts gilt dank Vorbestelleraktionen schon jetzt als erfolgreichstes Add-on des Herr-der-Ringe-Massenrollenspiels. Zu Recht?

Der Herr der Ringe Online: Helms Klamm - Launch Trailer

Die Straße gleitet fort und fort
Weg von der Tür wo sie begann
Weit über Land von Ort zu Ort
Ich folge ihr so gut ich kann

Sogar bis in das finstere Tal von Mordor, wenn es denn irgendwann so weit ist. Wie lange die Reise noch dauert, weiß keiner, denn sie umspannt mit vier Jahren in Herr der Ringe Online (HdRO) bereits viermal so viel Zeit, wie Frodo und seine Gefährten ursprünglich brauchten, um von Hobbingen zum Schicksalsberg und wieder zurück zu gelangen. Gemeine Schelme unken gar, die Macher von Turbine streckten das MMO-Rollenspiel, so weit es nur ginge, denn hinter den Toren Mordors sei ja handlungsbedingt Schluss.

Immer mit der Ruhe, sag ich da. Bis Power-Grinder und Mittelerde-Fanatiker vor den Toren des finsteren Reiches stehen, wird auch ohne Streckmittel noch viel Wasser den Isen hinunterfließen. Zinnoberrotes Wasser, verdickt durch Blut und Gedärm von Orks, Trollen, Elben, Zwergen, Hobbits und Menschen. Und angesichts der Mühe, die in jeder Ortschaft und jeder noch so kleinen Nebenhandlung steckt, sehe ich auch keinen Grund, Turbine einen Vorwurf zu machen. Nicht anders im neuesten Add-on „Der Aufstieg Isengarts“.

Der Herr der Ringe Online: Der Aufstieg Isengarts - Das Vorspiel zur großen Schlacht

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Für eine Hochgeschwindigkeitsverbindung nach Mordor werfen Sie bitte zwei Goldstücke in den Einwurfschlitz ihres Palantirs
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Wie üblich zaubern deren Designer ein unvergessliches Mittelerde auf den Bildschirm, das sich angenehm von Peter Jacksons Filmen abhebt und in vielen Belangen sogar nebensächlichste Beschreibungen aus der Vorlage fantasiereich materialisiert. Isengart und die umliegenden Reiche bestehen schließlich nicht nur aus einem Turm und ein paar leeren Feldern, sondern auch aus Siedlungen, sehenswerten Landstrichen sowie distinktiver Flora und Fauna, die in Tolkiens Erzählungen nicht immer so genaue Beschreibung fanden, wie für eine Verbildlichung nötig ist.

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Trotzdem sieht, spürt und schmeckt ein Mittelerde-Kundiger in beinahe jedem Charakter und jeder zerfallenen Ruine die harte, aber faire Hand der Tolkien-Gesellschaft, die dafür sorgt, dass mit der Lizenz auch kein Schindluder getrieben wird. Dabei liest HdRO anscheinend zwischen jeder Zeile und zitiert jede akzeptierte Zweitquelle, egal ob Silmarillion oder beliebte Zeichner. Allein die landschaftliche Verwirklichung von Herr der Ringe Online ist eine Umsetzung Mittelerdes, wie man sie detailgetreuer kaum wahr werden lassen kann.

Vom dunklen Turm bis zu den eisigen Bergkuppen seines umringenden Felsgürtels verschwimmt die komplette Darstellung in einem Mix aus surrealer Architektur und realistisch anmutenden, kitschfreien Farbspielen. Toll, dass Turbine diese Linie seit vier Jahren konsequent beibehält, wobei in den neuen Gebieten sogar schärfere Texturen das Auge verwöhnen, während schönere Rüstungen und neue, aufwändige Animationen für NPCs so manchen alten Rechner in die Knie zwingen.

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Hier könnte man sich glatt niederlassen. Turbine versteht es hervorragend, die Magie Mittelerdes zu transportieren.
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Klar, wer das neue „Aufbruch nach Isengart“-Add-on als reiner Online-Rollenspieler ohne näheren Bezug zum Herrn der Ringe in Augenschein nimmt, fühlt sich womöglich ein wenig auf den Arm genommen. Die drei neuen Gebiete Dunland, Isengart und Rohan umspannen kein monströses Labyrinth, wie es noch bei Moria der Fall war. In der Tat fällt der neue Spielplatz sogar recht überschaubar aus, egal ob geografisch oder inhaltlich. Instanzen für sechs Spieler fehlen etwa noch komplett und werden erst in den kommenden Monaten nachgereicht.

Ein Drachen-Raid für 12 bis 24 Spieler soll inzwischen als Trostpflaster herhalten. Außerdem sorgen neue Scharmützel samt neuem Rüstungsset und höher skalierbare Schlachten, die dem neuen Levelcap von 75 entsprechen, für zünftige, wenn auch generische Ork-Schnetzeleien. Sicherlich ist selbst die Hatz nach dem überragenden vierten Zeichen, das man nun erwerben darf, kein vollwertiger Ersatz für spannende Sechser-Inis, aber ein Brückenschlag, der Zeit für die neuen Solo-Abenteuer und die üblichen Bringdienste lässt.

Blutvergießen am Ufer des Isen

Sammele so-und-so-viel Felle, sprich mit Person X und schlachte diese Orkbastion nieder - solche eher einfach gestrickten Quest-Vorgaben bleiben nach wie vor präsent, und wenn man am schwarzen Brett Aufgaben wie „Sammele 15 Einheiten dreckigen Drecks“ liest, wünscht man sich durchaus, Turbine würde sich ein paar neue Tätigkeiten einfallen lassen. Was deren Designer aber nach wie vor hervorragend hinbekommen, ist das Verpacken solcher einfachen Handlungen in witzige und spannende Geschichten. Geschichten, die die Vorlage nicht verfälschen, sondern stilgerecht erweitern. Bei Tolkiens Stoff kein leichter Drahtseilakt.

Isengart schlägt eine gehaltvolle Brücke zwischen Aufbruch aus dem Norden und den epischen Schlachten, die noch bevorstehen. Auf den großen Knall müssen Rollenspieler aber noch warten.Fazit lesen

Betritt man das neue Gebiet zum ersten Mal, hat man etwa die Wahl zwischen den beiden Sub-Arealen Trum Dreng und Knochental. In ersterem sucht ihr zeitweise die Zutaten für ein Festritual, das ihr in der zugehörigen Instanz auch aktiv miterlebt, wodurch die vorhergehenden, kleineren Quests in einen großen Handlungsstrang münden. Ähnlich geht es bei anderen Inis vonstatten, die ebenfalls mehrere kleinere Quests zusammenführen, dabei aber gerade so weit ausschweifen, dass man das Gebiet näher kennenlernt. Vorgaben für die handlungsbasierten Buch-Quests gibt es zudem gar keine, da sonst alle Free-to-Play-Spieler benachteiligt würden.

Die dürfen das neue Gebiet schließlich erst mit Stufe 48 betreten – so wie alle anderen auch -, müssen jedoch schon bei 50 Feierabend machen, weil das Levelcap bei ihnen strenger ist als bei den Abonnenten. Turbine empfiehlt stattdessen, so viele Aufgaben wie möglich zu erledigen, um die Geschichte besser zu verstehen.

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Sammelt fünfzehn Haufen dreckigen Drecks? So ein Mist, ich hab nur sauberen Dreck dabei.
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Egal ob Power-Gamer oder Mittelerde-Forscher, Abonnent oder Kostenlosspieler, niemand wird benachteiligt. An jeder Ecke stehen sowohl grindbare Dailies als auch die üblichen Sammelaufgaben zur Verfügung, die ihr vor den Buch-Quests bis zum Anschlag ausreizen dürft. Wenn nicht sogar müsst, sofern ihr das Höchstlevel in diesem Gebiet erreichen möchtet. Übermäßig lange dürfte euch das neue Levelcap trotz allem nicht aufhalten, denn ihr werdet mit Erfahrungspunkten überhäuft – speziell was die Bewaffnung angeht.

Die breite Auswahl an Taten erhöht immerhin den Anreiz, alle vernachlässigten Anwohner-Wehwehchen mit anderen Twinks zu lindern. Ein geschickter Schachzug, der bis zum quälenden Entschluss bei den Belohnungen reicht, denn nicht selten sollt ihr euch bei Abschluss einer Aufgabe zwischen zwei gleichermaßen begehrenswerten Gegenständen entscheiden.

Das Wie und Wo bestimmt zudem erneut viel stärker den Unterhaltungswert eines Schlachtzugs als das Wofür. HdRO nutzt auch in Isengart einfallsreiche Nebengeschichten, um dem Spieler Details zu zeigen, die er eigentlich gar nicht zu Gesicht bekommen dürfte. Etwa den Turm Orthanc und die gigantische Rüstungsfabrik drumherum. In einer Welt mit Tausenden Helden verhindern nur zwei riesige Erz-Nemesis-Trolle, dass jeder Möchtegern-Aragorn ungehindert in Sarumans Lager marschiert.

Die genügen aber vollkommen, denn ein Keulentreffer reicht aus, um selbst einen bis an die Zähne gebufften und mit seltenen Rüstungen geschmückten High-Level-Elben-Waffenmeister ohne Umweg in die Hallen von Mandos zu katapultieren. Mit ein paar Ablenkungsmanövern schleicht man sich trotzdem an den plumpen Spatzenhirnen vorbei und erlebt herrlichen Nervenkitzel beim Ausspionieren der Feste.

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Wie widersteht man Sarumans manipulierendem Gesäusel? Na klar, man tippt kurzerhand /widerstehen in die Kommandozeile.
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Lasst ihr euch hingegen in der Quest zu Buch vier von Orks gefangen nehmen, endet euer Held als Sklave im dunklen Turm und muss aufschlussreiche Botengänge für Saruman und hohe Offiziere verrichten, ja sogar aktiv seinen vernebelnden Worten widerstehen. Rückblickende Sitzungsspiele decken Zeitpunkte vor dem Eintreffen der grauen Schar ab, sodass man selbst Gandalfs Gefangenschaft auf der Zinne Orthancs rekapitulieren darf oder zusieht, wie Schlangenzunge und Saruman die Krieger der umliegenden Völker mit List auf ihre Seite ziehen.

Für Herr-der-Ringe-Fans ein wahrer Erlebnis-Jackpot. Aber wer rein aus Genre-Affinität in Mittelerde verweilt und alle Aufgaben in Leistungssportmanier herunterbetet, muss schon genauer hinsehen, um Rechtfertigungen für ein 30-Euro-Update zu finden.

Was man nämlich nicht vergessen darf, ist, dass Turbine letztendlich nur mehr von den üblichen, leicht einseitigen Taten in neuer Umgebung verkauft. Rund 30 Aufgaben je Gebiet plus Buch-Quests stehen an. Die frischen Umgebungen sind jedoch theoretisch frei begehbar, und die neuen, völlig kostenfrei eingespielten Regeln gelten in ganz Mittelerde - auch für Free-to-Play-Spieler. Kurzum: Man muss bei Isengart zumindest ein klein wenig Interesse für die Handlung und die wunderschön visualisierte Umwelt übrig haben, sonst hat man nicht viel davon.

Feinheiten im System

Dass ihr für Herr der Ringe Online ein wenig Tolkien-Liebe mitbringen solltet, ist nichts Neues, und so fällt die Kritik in dieser Hinsicht auch milde aus. Tatsächlich wird es in den kommenden Monaten noch sehr spannend werden, denn einige NPCs weisen bereits auf die Schlacht an den Furthen des Isen hin und lassen erahnen, dass der aktuelle Zustand nur von vorübergehender Dauer ist. Quasi ein eingefrorener Moment, der Gelegenheit gibt, Isengart zu besuchen, bevor es von den Ents überschwemmt wird.

Trotzdem deckt das Add-on leider nur so viel wie nötig ab, bevor es an die wirklich dicken Schlachten geht. Man denke nur an Helms Klamm, Osgiliath oder Minas Tirith. Bei diesen Feldzügen werden einerseits Massenschlachten dargestellt, andererseits wird mitunter zu Pferde gekämpft, was in HdRO bisher noch nicht möglich war. Isengart dürfte der letzte Brückenschlag zu diesen spielerischen Erweiterungen sein, denn an den Pforten Rohans begegnet man man bereits den ersten Rohirrim. Bis dahin halten leider nur wenige spielerische Anpassungen Profis bei Laune.

Allem voran der neue Charakterwert „Finesse“ sorgt für eine leichte Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Dieser Wert bestimmt, wie gut man durch die Verteidigung eines Gegners kommt. Allerdings verfügen auch Monster über diesen neuen Status, was die Gewichtung von Parade- und Blockfertigkeiten neu verteilt.

Zudem garantiert die die angepasste Statusbalancierung ein gezielteres Aufwerten der Fähigkeiten. Statt einzelne Fähigkeiten über ein unüberschaubares Bündel an Zahlen zu definieren, genügt nun ein einziger Wert. Wächter und Hauptmänner ziehen ihren Klassenvorteil ausschließlich aus dem Stauswert „Macht“. Taktische Klassen wie Barde, Kundiger und Runenbewahrer setzen hingegen auf „Wille“, während flinke Jäger, Hüter und Schurken vornehmlich „Beweglichkeit“ nutzen.

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Dank des neuen Finessewertes kommt ihr leichter durch die Verteidigung einiger Gegner. Allerdings haben auch Monster diesen neuen Kniff auf Lager.
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Vitalität und Schicksal bleiben selbstverständlich weiterhin für alle Klassen wichtig, um Moral und sekundäre Talente auszubauen, aber die Gewichtung im Angriff wurde stark verlagert und resultiert in einer angenehmeren, um nicht zu sagen etwas leichteren Aufstiegskurve.

Der Rest artet in den üblichen Erweiterungen aus. Wie zu erwarten feiert eine neue Stufe für alle Berufe ihre Premiere: die Westfoldstufe. Ebenfalls ergänzt wurden neue Rezepte für Waffen, Tränke und Rüstungen – oh, Wunder. Tugendcaps reichen außerdem bis Level 12, statt wie bisher bei 10 Halt zu machen, was einiges an Nacharbeit ermöglicht. Überraschungen bleiben aus, aber zu tun gibt es genug.

Schade nur, dass Herr der Ringe Online mit dem Update auch ein paar unschöne Rückschritte offenbart. Etwa die nun sehr hässlichen Animationen beim Abstieg von einem Pferd, bei denen der Held schlichtweg durch den vaporisierenden Gaul zu Boden plumpst. Die Siedlung Galtrev tritt hingegen das Erbe als DSL-Benchmark an, denn nach Bree und der 21. Halle in Moria gibt es keinen anderen HdRO-Ort, der je so stark unter Verbindungsproblemen litt.

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Hier trifft sich Hinz und Kunz, wodurch Anbindung und Bildrate auf Diashow-Niveau purzeln. Auch die angelegten Netzwerkschichten, die eine Überpopulation verhindern sollen, um die Bandbreite zu schonen, greifen noch nicht richtig. Stattdessen ist die Verwirrung groß, wenn ganze Ork-Bataillone und Heldensippen zwischen zwei Dimensionen hin und her springen. Offene Baustellen, gegen die gelegentlich fehlenden Übersetzungen noch harmlos wirken.