Neue Produkte müssen sich immer am Marktführer messen lassen. Ob das nun Autos, Kekse und Fernseher betrifft oder eben Games. Im Fall von Der Herr der Ringe Online heißt der Branchenprimus World of WarCraft.

Das derzeit erfolgreichste Spiel seiner Art wird von über acht Millionen Gamern weltweit gespielt. Keine Frage also, dass die Umsetzung der Romane von J. R. R. Tolkien als Online-Rollenspiel Vergleiche provoziert. Doch, soviel sei an dieser Stelle schon gesagt, diesem Vergleich hält es stand. Jedenfalls soweit sich das nach 14-tätiger PreOrder-Phase zum jetzigen Zeitpunkt beurteilen lässt.

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Ab nach Mittelerde
Was schon während der Beta-Phase von Der Herr der Ringe Online positiv aufgefallen ist, bestätigte sich in der Release-Fassung: Das Spiel wirkt unheimlich erwachsen. Im Gegensatz zu den Startschwierigkeiten vieler anderer Spiele des Genres macht es sogar den Eindruck, als wäre es "fertig". Bei Projekten dieser Größenordnung waren wir in den letzten Jahren schon ganz anderes gewohnt.

Der Herr der Ringe Online - Auf nach Mittelerde! Rauf auf den Genre-Thron!

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Die Qual der Wahl: Hobbit, Mensch, Elb oder Zwerg?
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Entwickler Turbine stand bei der Erstellung der Welt natürlich vor einer vertrackten Aufgabe: Millionen Leser der Romane, deren Lizenz man für diese Umsetzung erwarb, haben ihre eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt von Mittelerde aussehen soll. Wie die Helden Frodo, Gandalf, Aragorn und all die anderen "Gefährten" gestaltet sind. Wie die Feinde - Orks, Goblins und natürlich die Nazgul - ins Spiel eingebettet werden. Alle Geschmäcker zu treffen ist de facto unmöglich und trotzdem gelang es, eine wunderschöne Spielwelt mit glaubhaften Charakteren zu erschaffen, in man sich sofort als Teil der übergeordneten Story fühlt.

Ein Ring, sie zu binden...
Das fängt schon bei der unheimlich stimmigen Gestaltung der verschiedenen Spielzonen an, die sich deutlich vom Comic-Look des Genre-Führers abhebt. Hier wunderschöne Grasländer des Auenlands, dort zerklüftete Berglandschaft der Zwergengebiete vom Einsamen Berg, friedliche, offene Lande der Elben und von marodierenden Orks heimgesuchte Gegenden der Menschen.

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Schon der Anfang hat's in sich! Wir begegnen Gimli und Gandalf!
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Gerade wer die Möglichkeit hat, Der Herr der Ringe Online in voller Auflösung zu spielen, wird in den vollen Genuss dieser Vielfalt kommen. Eine Optik, die bisher so bei noch keinem MMOG zu sehen war. Diese Detailverliebtheit beschränkt sich aber nicht auf die Umgebung, sondern ist auch bei den Spielfiguren und NPCs anzutreffen, deren Gestaltung eine beachtliche Vielfalt beweist. Überhaupt wirkt die Landschaft lebhaft, selbst in weniger besiedelten Zonen: Es fällt Laub von den Bäumen, Vogelschwärme ziehen ihre Kreise, Hühner gackern vor sich hin, Rinder weiden und so weiter.

Warum wir das an den Anfang unseres Reviews stellen? Weil es äußerst bedeutend ist für den ersten Eindruck, den man sehr schnell vom Spiel erhält. Und richtungsweisend ist er zugleich, denn gerade diese spezielle HdRO-Atmosphäre bestimmt das Gameplay und macht es zu etwas ganz Besonderem. So ist auch der Einstieg ins Spiel diesem Aspekt untergeordnet, und jede der vier zur Verfügung stehenden Rassen (Menschen, Elben, Zwerge, Hobbits) beginnt sein Abenteuer in Mittelerde in einer in sich geschlossenen Instanz, die mit einem geskrtipteten Ablauf die richtige Einstimmung bietet: Zwerge etwa erleben, wie Gimli sich einem riesigen Höhlentroll entgegenstellt und von keinem Geringeren als Gandalf gerettet wird. Dies ist der Beginn der epischen Quest, die über Allem thront und die den Spielern die Chance gibt, die von Tolkiens Roman geleitete Geschichte nachzuspielen.

Den Endkampf gegen Sauron können Spieler aber erst zu einem späteren Zeitpunkt bestreiten. Fürs Erste müssen wir uns mit seinen Handlangern abgeben, da HdRO zunächst nur ein relativ kleines Gebiet des Mittelerde-Kontinents abbildet und erst mit einigen Addons weitere Zonen hinzugefügt werden sollen, darunter Rohan und Mordor.

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Wächter können mächtig einstecken und vermöbeln auch locker zwei Orks.
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Doch für den Anfang dürfte unseren Helden die Auseinandersetzung mit dem Hexenkönig von Angmar, dem Anführer der Nazgul ohnehin Aufgabe genug sein. Es ist schon spannend und beeindruckend, wenn man den Ringgeistern begegnet und plötzlich der eigene Spielcharakter vor Angst in die Knie geht und das flammende Auge Saurons den Blick auf uns wirft. "Wo ist der nächste Stein, unter dem man sich verkriechen kann?", denkt man da.

Abgesehen davon ist diese über allem schwebende, epische Questlinie natürlich noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, und zudem bekommt ihr sie nur häppchenweise, dafür aber besonders gut erzählt präsentiert. Quests und nochmals Quests sind in HdRO der Schlüssel zum Level-Aufstieg. Anders als bei üblichen MMOGs, wo man eher für das massenhafte Abschlachten von Feinden belohnt wird.

Aber auch viele der "normalen" Abenteueraufgaben sind nicht nach dem 08/15-Fedex-Prinzip geschneidert. Natürlich gibt es auch hier Quests, bei denen es schlicht darum geht, Gegenstände von Punkt A nach B zu transportieren oder 20 Monster einer bestimmten Sorte platt zu machen und dafür Belohnungen einzusacken. Doch selbst dann sind die Geschichten höchst interessant, lesenswert und oft berührend.

08/15-Quests? Denkste!
Oft genug weichen die Quests von althergebrachten Schemata ab, wenn wir etwa eine Luchsmutter bei der Jagd beschützen und ihre Jungen retten, Teile für ein uraltes Zahnrad sammeln, Familientreffen organisieren, verloren gegangene Schätze wiederfinden und Geistern ihre letzte Ruhe verschaffen.

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Hin und wieder zurück...
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Oft genug beginnen große Abenteuer mit einer klitzekleinen Aufgabe und münden in epischen Quests mit mehreren Teilen, an deren Ende eine völlig unterwartete Auflösung wartet. Obendrein vergessen viele NPCs nicht, dass sie euch begegnet sind, oder sie erkennen den strahlenden Helden in euch: So geschieht es, dass man an einer Spielfigur vorbeiläuft und sie sich plötzlich dafür bedankt, dass ihr einen wichtigen NPC gerettet habt. Oder ihr lest: "Ach, ihr seid es! Ich werde euch ewig dankbar sein!" So was passiert ständig, und obendrein erzählen viele Figuren einfach nette, kleine Geschichten. Atmosphäre pur!

Dabei gestaltet sich der Einstieg in das Spiel sehr einfach. Selbst Anfänger werden vor keine großen Probleme gestellt. Das liegt zum einen an der oben erwähnten, gut durchdachten Einführung, zum anderen an der anfangs angenehm flachen Lernkurve. Auch notorische Singles können bis etwa Level 15-20 noch Vieles problemlos im Alleingang unternehmen. Doch spätestens zu diesem Zeitpunkt zieht der Schwierigkeitsgrad deutlich an, und viele Quests können nur noch im Gruppenverband gelöst werden, was bei HdRO die "Gefährten" mit bis zu sechs Spielern sind. Hier zeigt sich auch eine kleine Schwäche des Questsystems, das derzeit noch nicht vollkommen ausbalanciert ist und euch manchmal vor Aufgaben stellt, die nicht für den angegebenen Level optimiert sind.

Turbine zeigt jedoch auch bei den Gruppenkämpfen, dass bei MMORPGs noch Raum für Innovationen ist. Dafür sorgt das System der Gefährten-Heldentaten. In bestimmten Spielsituationen werden Manöver ausgelöst, mit denen Komboattacken oder Heilfähigkeiten aktiviert werden, die eure Gruppe noch effektiver machen. Wer dieses Feature besonders gut einsetzen möchte, ist auf kommunikatives Zusammenspiel und koordinierte Absprachen angewiesen. Ein ziemlich mächtiges Feature, das vor allem in höheren Leveln gegen starke Feinde von Nutzen ist.

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Chaos! Wo, wer, wie, was?! Hauptsache, der Barde bleibt am Leben!
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In Bezug auf Quests sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die Beschreibungen der Zielorte nicht immer optimal gewählt sind. Häufig genug irrt man eine Weile in der Gegend herum, bis man manchmal nur durch Zufall auf die gesuchten NPCs trifft. Positiv hingegen ist, dass die gesuchten Spielfiguren durch ein Ringsymbol auf der Mini-Map abgebildet sind. Diese Anzeige befindet sich übrigens als Hinweisgeber über den Köpfen aller Charaktere, die Quests vergeben.

Aller Anfang…
Beim leichten Einstieg behilflich sind zwei weitere Schlüsselkomponenten des Spiels: Da wäre zum einen das absolut eingängige Interface, das viele Elemente aus anderen MMOGs "geliehen" hat und Fans dieses Genres bekannte Features bietet: bequemer Vergleich der Item-Werte, Schnellzugriffsleisten, Fenster für Charaktere, Auktionshaus, Postzustellung, jede Menge Beutel usw. Turbine erfindet diesbezüglich das Rad nicht neu, aber das ist gut so - lange Eingewöhnungszeiten entfallen dadurch.

Zum anderen muss an dieser Stelle das Kampfsystem genannt werden, bei dem man eigentlich kaum etwas falsch machen kann. Attackieren Feinde unsere Spielfigur, wird der Kampfmodus aktiviert und unser Held schlägt los. Effektivere Angriffe, aktive Skills und Fertigkeiten müssen selbstverständlich vom Spieler ausgelöst werden. Leider wendet sich unser Charakter den Monstern nicht selbsttätig zu, sodass man gelegentlich Luftlöcher schlägt.

Dabei sind die Fights sehr Nahkampf-lastig, richtige Zauberer-Charaktere gibt es in Mittelerde nicht. Trotzdem sind in den meisten Gruppenquests Wächter (Defensiv-Tanks) und Barden (Heiler) kaum zu ersetzen und gehören quasi zur Pflichtausstattung. Selbst wenn ihr in den letzten fünf Jahren hinter dem Mond gelebt haben solltet, dürfte euch das Kämpfen sehr schnell fließend von der Hand gehen.

Allerdings hat HdRO trotz seines bereits recht ausgeklügelten Systems so manches Problemchen. Nervig sind beispielsweise die derzeit sehr hohen Reparaturkosten für Gegenstände. Sollte es euch dahinraffen, entstehen sehr schnell exorbitante Kosten, die sich mit dem bisschen Geld, was man anfangs verdient, kaum decken lassen. Dieses Problem wird dadurch potenziert, dass immer alle Gegenstände in den Rucksäcken Schaden nehmen. Gerade erst "gelootet"? Egal, schon ist es kaputt - selbst wenn ihr lediglich aus zu großer Höhe herunterfallt, leiden eure Items darunter, was ihren Wert automatisch mindert. Hier sollten die Entwickler schnellstens Abhilfe schaffen. Ebenfalls nicht fehlerfrei ist die Darstellung der Karten, wo aufgedeckte Gebiete plötzlich wieder "blind" sind. Nicht ganz unproblematisch sind außerdem größere Spieleransammlungen wie Städte, wo es eigentlich immer zu Framerateeinbrüchen kommt.

Kleine Unebenheiten ausgeglichen
Doch diesen "Unebenheiten" stehen viele weitere positive Seiten gegenüber. So könnt ihr eure Charaktere auf so viele verschiedene Arten individualisieren, wie bei wohl keinem Online-Rollenspiel zuvor. 08/15-"Templates" werdet ihr in HdRO so schnell nicht finden. Abgesehen von den Standard-Fertigkeiten erhaltet ihr im Spielverlauf eine ganze Palette von weiteren, mehrstufigen Fähigkeiten.

Beispielsweise über das "Buch der Taten", wo zig unterschiedliche Belohnungen freigeschaltet werden - je nachdem wo, wie viel und was ihr getan, entdeckt oder gejagt habt. Darüber hinaus erhaltet ihr durch Levelaufstiege (und Monsterplay, mehr dazu unten) so genannte Schicksalspunkte, mit denen ihr temporäre Buffs und Fertigkeiten für eure Alter Egos einkauft. Wem das alles nicht ausreicht, der verdienst sich durch bestandene Abenteuer einen Titel und nennt sich fortan "Befreier des Auenlands", "Netzschlitzer" oder auch "Meisterschürfer".

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Wir können nicht vorbei? Jetzt sei mal nicht so...
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Abgerundet wird HdRO durch das Handwerks-System. Zur Auswahl stehen die üblichen Berufe wie Waffen- oder Rüstungsschmied, aber auch Entdecker oder Historiker. Jeder Handwerker erlernt drei Berufe. Rüstungsschmiede betätigen sich also als Schürfer, Schmied und Schneider. Für viele Gegenstände werden aber Zusatzkomponenten benötigt, die man entweder aufkaufen oder handeln muss. Erst die Zukunft wird zeigen, ob für selbst erstellte Gegenstände wirklich ein Markt vorhanden ist. Zumindest anfänglich ging die erstellte Ware nicht sonderlich gut über den Ladentisch bzw. das Auktionshaus weg.

Monsterplay? Was'n das?
Wer sich bisher gefragt hat, ob es auch Spielmöglichkeiten für PvP-Liebhaber gibt, kann aufatmen: Ja, die gibt es - allerdings anders als gewohnt. Aufgrund von Einwänden der Tolkien-Erben, die es nicht mit dem Konzept der Bücher vereinbar sahen, dass Spieler in die Haut der Bösewichte schlüpfen dürfen, ist dies nur über einen "Umweg" möglich.

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Gefährten-Heldentaten aktivieren Fähigkeiten, vor denen auch mächtige Feinde erzittern.
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Ab Level 10 besucht ihr dafür einen "Grausamen Wahrsagerteich", der euch in die umkämpften Ettenöden verfrachtet, wo ihr beispielsweise sofort mit einem Level-50-Ork auf die Jagd gehen könnt, um Schicksalspunkte und andere Boni zu ergattern. Zwar trefft ihr in diesem Gebiet auch auf normale Monster, im Mittelpunkt steht aber die Jagd auf andere Spieler. Diese haben erst ab Level 40 Zugang, sodass so kurz nach Release kaum ein Spieler in diese Regionen vorgedrungen war und wir uns diesem Thema erst zu einem späteren Zeitpunkt im Detail widmen können.

Nicht unerwähnt bleiben soll aber auch, dass Publisher Codemasters sich zum Launch des Spiels einige Pannen erlaubt hat. Zum einen war am 24. April (Release-Date) nicht für eine flächendeckende Auslieferung des Spiels gesorgt, weshalb auch die PreOrder-Phase um drei Tage verlängert wurde. Zum anderen wurde kurz vor dem Start mirnixdirnix der Inhalt der Special- und Collector's Edition geändert, zunächst sogar ohne offizielle Stellungnahme. Ob es aufgrund der Lieferschwierigkeiten nicht zu den sonst üblichen Launch-Katastrophen wie viel zu vollen Servern und Startgebieten mit einhergehenden technischen Problemen gekommen ist, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen. Diesbezüglich kann sich der Publisher sicher noch Einiges vom Platzhirsch Blizzard abgucken.