Für Tolkien-Fans gibt es vermutlich nicht Schlimmeres als Abweichungen von der "wahren" Lore, dem Kanon von "Der Herr der Ringe" oder "Der Hobbit". Bereits Peter Jackson erlebte den Hass dieser Rechthaber bei der Produktion seiner monumentalen Filmwerke.

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Und dann kommen die Snowblind Studios (u.a. Baldur's Gate: Dark Alliance, Champions of Norrath) mit einem Action-Rollenspiel namens Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden, in dem ihr in die Rolle eines mächtigen Kampfzauberers schlüpft. In dem knallharte Action statt sanfter Baumriesen dominieren. Ja, kann denn so etwas überhaupt gut gehen?

Mächtiges Franchise

Nun, das kommt darauf an. Zum einen ist es davon abhängig, ob ihr persönlich damit leben könnt, dass die Geschichte abseits der bekannten, oftmals zitierten Pfade rund um die neun Gefährten spielt und der Handlungsstrang sich in seinen überwiegend linearen Bahnen größtenteils auf Schnetzelmomente konzentriert. Zum anderen - und das ist wohl die weitaus wichtigere Komponente eurer Entscheidungsfindung - sollte man sich darüber im Klaren sein, dass „Der Krieg im Norden“ erst im Koopmodus mit zwei weiteren menschlichen Mitstreitern seine Daseinsberechtigung erfüllt.

Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden - Was Tolkien verschwiegen hat...

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Der mächtige Adler bleibt leider nicht mehr als eine Randnotiz.
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Wer jetzt schon weiß, dass er keine Lust hat, sich online Gefährten zu suchen und auch in seinem Freundeskreis bei der reinen Erwähnung von "Der Herr der Ringe" nur panische Angstattacken auslöst, wird an diesem Spiel eher wenig Spaß haben.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich ideal. Mit Warner sitzt ein Publisher im Hintergrund, der die Rechte an allen bedeutenden Filmlizenzen hält und damit eine mediale Rumdumversorgung auch für diesen HdR-Titel garantiert. Sprich: Die bekannten Charaktere wie Frodo, Aragorn oder Gandalf sehen ihren filmischen Pendants ziemlich ähnlich. Geneigte Anhänger dürften sich in dieser Umgebung sofort heimisch fühlen, auch wenn diese Protagonisten über Statistenrollen kaum hinauskommen.

Der Beginn des Spiels ist dementsprechend recht verheißungsvoll, das "Tänzelnde Pony" ist ein guter Ort, um ein Abenteuer von epischer Bedeutung einzuleiten und die drei neuen Helden einzuführen.

Bald jedoch wird klar, dass genau in dieser Ausrichtung auf ein Trio kampferprobter Recken die Krux liegt. Für sich allein besitzt keiner der Gefährten eine Chance, den bösen Diener Saurons zur Strecke zu bringen und den Norden Mittelerdes von orkischer und untoter Brut zu befreien. Der Spielablauf ist daher auf das Zusammenwirken der verschiedenen Talente abgestimmt.

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Trotz titanischer Gegner bleiben die Details meistens auf der Strecke.
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Der Zwerg Farin schwingt sich in den Nahkampf, der Ranger Eradan agiert eher mit seinem Bogen aus dem Hintergrund und die Elfen-Zauberin Andriel unterstützt ihre Freunde mit magischen Attacken und Heilzaubern. Es ist sogar möglich die Schwerpunkte der Charakterfertigkeiten mithilfe der Verteilung von Attributspunkten anders zu betonen - also etwa die Geschicklichkeit des Zwerges so hoch zu setzen, dass er mit seiner Armbrust ein effektiver Fernkämpfer wird.

Alle drei Helden verfügen zudem über ganz spezielle Rassenfertigkeiten, die sie etwa zu Experten mit Mineralien oder Gewürzen machen. Farin erkennt aufgrund seiner Fertigkeit Lücken im Gestein und findet so Geheimräume, ähnlich funktioniert das bei der Zauberin und beim Waldläufer.

Zu dritt kann dieses HdR-Abenteuer zumindest teilweise recht spaßig sein, Solospieler hingegen müssen schon ziemlich frustresistent sein.Fazit lesen

Doch das hat auch einen gewichtigen Haken, der durchaus zum Spielverderber für Einzelspieler taugt: Wir können nicht ad hoc zwischen den Figuren wechseln und finden deshalb bei einem Durchlauf durch die Levels höchstens einen Teil der versteckten Jagdbeute. Zudem ist es nicht möglich, situativ auf Ereignisse oder Feinde zu reagieren. Nur an bestimmten Speicherpunkten ist der Wechsel der Charaktere erlaubt.

Wer also sichergehen will, alles abgegrast zu haben, ist als Solokämpfer gezwungen, alle Bereiche drei Mal zu durchforsten. Im Koop-Modus funktioniert das dagegen ideal, weil jeder Spieler gefundene Truhen ohne Beschränkung plündern darf und Streit um Schätze so vermieden wird.

Nur als Trio wird man glücklich

Auch beim Item-System ergeben sich unerquickliche Probleme: Finden wir beispielsweise eine Waffe, die nur eine der zwei anderen Klassen nutzen kann, schaufeln wir sie im Gepäck einfach in deren Inventar. Doch merkwürdigerweise tauchen sie dort oft nicht auf, sie sind verschollen.

Dumm auch, dass die Spielfiguren zwar mitleveln, Attributspunkte aber bei computergesteuerten Helden, nicht automatisch verteilt werden. Wer also nach 16 Stufen erstmals einen weiteren Recken ausprobiert, stellt fest, dass es einiges nachzuholen gibt und ihr praktisch mit Anfängern in die recht schwierigen Scharmützel gegen stetig wachsende Feindesscharen zieht.

Im Kampf mit Orks, Trollen und ähnlich fiesen Widersachern erledigen die KI-Kameraden zwar einen soliden Job und beleben euch bei Gelegenheit auch wieder. Mitunter versperren sie uns jedoch den Weg oder agieren dort, wo sie nicht wirklich benötigt werden. Menschliche Mitstreiter sind aus diesen Gründen absolut zu empfehlen.

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So brutal zeigt sich das Tolkien-Universum in diesem Metzel-Spielchen regelmäßig.
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Trotz einer Fülle von Spezialfertigkeiten bleibt das 3rd-Person-Kampfsystem insgesamt recht blass und bietet nur geringe Spieltiefe. Neben zwei Standardattacken verfügt jede Figur über eine Reihe von klassenexklusiven Talenten, die die oft eintönigen Schlachten ein wenig auflockern. Leider verzichten die Entwickler völlig auf Komboattacken - gerade unter der Prämisse von drei Gefährten wären mächtige gemeinschaftliche Attacken denkbar gewesen.

Hier verschenkt „Der Krieg im Norden“ viel Potenzial. Selbst ein ähnlich angelegtes, aber insgesamt schwächeres "Hunted: Die Schmiede der Finsternis" zeigt sich in diesem Punkt kreativer und abwechslungsreicher. Vermutlich floss die Energie in eine Reihe von brutalen Zeitlupen-Finishern, bei denen Körperteile und Säfte nur so fliegen. Dass man gelegentlich noch den riesigen Adler Beleram zu Hilfe rufen kann, der sich einzelne Bösewichter herauspickt, bleibt kaum mehr als eine Randnotiz.

Wenn schon die Actionanteile doch sehr mittelmäßig abschneiden, verspricht möglicherweise der Rollenspielanteil mehr? Leider nicht. Das Dialogsystem ist oberflächlich und offeriert in der Regel nur absolut offensichtliche Antworten. Zwar stoßen wir durch Gespräche mit herumstehenden Figuren hier und da auf Nebenaufgaben, doch die beschränken sich häufig auf simple Aufträge der Marke "Bring mir drei Gewürze/Erze". Der Ablauf bleibt so meist linear, Überraschungen oder interessante Wendungen bleiben Wunschdenken.

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Nur zu dritt macht der Ausflug nach Mittelerde Spaß.
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Wer glaubt, die technische Seite des „Krieges im Norden“ könnte nun eventuell einen Ausflug aus der Mittelmäßigkeit begründen, sieht sich getäuscht. Optisch schwankt die Qualität der Schauplätze stark - während einige Außenlevels, beispielsweise Bruchtal, zumindest atmosphärisch punkten, bleiben viele andere Locations aufgrund notorischer Detailarmut weit hinter den Erwartungen zurück.

Karg wird es zudem in Höhlen und Kerkern, denen oft jegliche Nuancen fehlen und die augenscheinlich nur zum stupiden Monstermetzeln taugen. Immerhin unterstützt ein orchestraler Soundtrack das Geschehen passabel, doch in der getesteten PS3-Version klirrten teilweise verzerrte deutsche Sprecher aus den Boxen.