Ich verwette meine Jungfräulichkeit drauf: Jedes Mal, wenn Daedalic Entertainment ein neues Adventure produziert, werfen sie ganz viele kleine Zettel in einen Hut. Auf den Zetteln stehen verschiedene potenzielle Schauplätze, wie etwa "Irrenanstalt" oder "Klosterschule".

Deponia - Launch TrailerEin weiteres Video

Und während wir alle dankbar sein können, dass sie diesmal nicht "Swingerclub" gezogen haben, hätten wir es auch appetitlicher treffen können: eine Müllhalde. Und um das Ganze etwas geeigneter für Abenteuer zu machen, wurde einfach noch der Maßstab ein wenig vergrößert – willkommen auf Deponia, dem Schrottplaneten!

Hier, in der kleinen Siedlung Kuvaq, lebt Rufus. Er ist ein Verlierer, wie man es dreht und wendet, er schnorrt sich bei seiner Ex-Freundin durch, hat keinen Job... aber einen Traum, den hat er! Er will von Deponia verschwinden, will zum Planeten Elysium, wo das Leben süß und einfach ist. Vielleicht findet er dort auch seinen vor langer Zeit verschwundenen Vater, der eine Art Legende Deponias ist.

Deponia - Ganz und gar nicht Schrott

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Willkommen auf dem Müllplaneten.
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Bei seinem neuesten Fluchtversuch landet Rufus auf einem Kreuzer der mysteriösen Soldatenmacht Organon, einer Art Fantasy-SS, und rettet dabei die schöne Elysiums-Elfe Goal... indem er sie mit Vollkaracho ein paar hundert Meter auf die Erde rauschen lässt, sodass sie hinterher einen Hirnschaden hat und in ein Halbkoma sinkt. Leicht verknallt und scharf auf eine Belohnung, nimmt Rufus sich der jungen und leblosen Dame an und will sie zu ihrem Verlobten Cletus zurückbringen, doch der hat ganz andere Dinge als ihr Wohlsein im Sinn.

Ein Traumtänzer hat es schwer im Leben, gerät in eine herausfordernde Situation, beißt sich durch und hat am Ende etwas gewonnen, und sei es nur charakterliche Reife. Eine klassische Geschichte, und die hier gebrauchten Star-Wars-Anleihen schaden sicherlich nicht. Der bewährte Aufhänger funktioniert tadellos und wird teils schön unkonventionell erzählt. Eine längere Reise mit einem komatösen Mädchen im Schlepptau sieht man nicht jeden Tag, es ist auch Anlass für ein paar schöne Rätsel.

Packshot zu DeponiaDeponiaRelease: PC: 27.1.2012
PS3: 3. Quartal 2014
kaufen: ab 11,99€

Leider wird die Prämisse nicht völlig optimal genutzt, genauer gesagt: Sie kommt etwas schwer in die Gänge. Bevor sich die Handlung mal ein bisschen öffnet, bevor wir erfahren, was nun überhaupt der Organon ist oder was Goals Verlobter mit ihr will oder in welche Richtung sich Rufus entwickeln wird, haben wir schon einige Spielstunden intus und sind kein Stückchen schlauer geworden. Eine Stärke von "Edna bricht aus" war die im Titel erwähnte klare Zielstellung, auf die kontinuierlich hingearbeitet wurde. Lili wurde in "Harveys neue Augen" in eine schräge Situation nach der anderen geworfen, aber alles folgte organisch aufeinander, somit waren es viele kleine Abenteuer, die gemeinsam ein großes ergaben.

Deponia - Ganz und gar nicht Schrott

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Deponia wird begleitet von einem schönen Zeichenstil - der leider nicht mehr so markant ist wie bei Edna und Harvey.
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In Deponia werden anfänglich Geheimnisse und Potenziale aufgezeigt, aber es dauert zu lange, bis sie sich entfalten. Die oben umrissene Handlungsstruktur funktioniert in Filmen und teils auch in anderen Spielen, aber wenn zwischen der aufgeworfenen Frage und ihrer Beanwortung je nach Rätselgeschick des Spielers mehrere Stunden liegen, dann geht zwangsweise das Interesse ein wenig flöten. In Deponia haben wir das Pech, bis fünf vor zwölf im Dunkeln zu tapsen – und selbst nach Abschluss des Spiel werden einige wichtige Fragen nicht beantwortet.

Toll präsentiert und ordentlich fordernd, aber nicht ganz so charmant wie erwartet.Fazit lesen

Natürlich haben gerade Adventures ein paar Tricks, mit denen sie solche Schwächen etwas kaschieren können, etwa unterhaltsame Dialoge und interessante Charaktere. An dieser Front sieht es bei Deponia etwas mau aus. Zwar gibt es Charakterkonzepte, die im Ansatz schön schrullig sind (etwa ein meditierender Mechaniker oder ein Herr, der je nach Notfall Polizist, Arzt oder Feuerwehrmann spielen muss), doch insgesamt bleiben die Figuren hinderliche Staffage oder schlichtweg zu blass, die Dialoge bestenfalls halbwitzig.

Down in the Dumps

Rufus' Ex ist eine Zicke, Goals Verlobter einfach schroff und den Gag mit der maskulin brüllenden Frau hinterm Schalter hatten wir so ähnlich schon in "Harveys neue Augen". Am deutlichsten wird die nicht ganz gelungene Charakterisierung bei Rufus selbst, der mal clever-sarkastisch, dann wieder dümmlich-inkompetent daherkommt, mal heroisch, mal egozentrisch agiert, scheinbar wahllos. Es ist schon klar, alle Macher lustiger Adventures wollen insgeheim Guybrush Threepwood schreiben, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Vor allem klappt es nicht, wenn man Dialoge schreibt wie: "Die Sonne scheint mir aus dem Arsch." - "Wie praktisch, dann kannst du nachts im Bett lesen." Oder ohne die für die Pointe notwenige Voraussetzung ein Zeitreise-Easter-Egg einbaut.

Ein beliebter Fehler von Adventures in Fantasy-Szenarien ist es, alle Denkaufgaben mit Mondlogik zu tränken, um den Spieler wie einen Blinden beim Gruppensex durch die Gegend fühlen zu lassen. Deponia unterläuft dieser Lapsus erfreulicherweise nicht, wir müssen kaum, wie dermaleinst bei "The Dig", skurriles Gerät A mit absurdem Mechanismus B verbinden, in der Hoffnung, dass praktischerweise etwas passiert, was die Handlung voranbringt. Im Gegenteil, die Probleme sind allermeist echt bodenständiger Natur. Finde Teile für ein notwendiges Gerät, überwinde ein Hindernis, erreiche einen Ort.

"Bodenständig" bedeutet übrigens nicht "leicht", im Gegenteil. Einer der angenehmsten Aspekte von Deponia ist der Schwierigkeitsgrad, denn der ist für Adventure-Verhältnisse ordentlich fordernd. Selbst kopfnussgeprüfte Tausendsassa haben oft ganz schön zu knobeln und das Rätseldesign ist größtenteils gut, teils sogar sehr kreativ. Leider reicht die innere Logik der Rätsel manchmal nur genau so weit, wie es dem Spiel gerade so in den Kram passt.

Deponia - Ganz und gar nicht Schrott

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Was für ein wunderwunderschöner Ausblick.
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Derselbe Topf ist einmal zu heiß, um ihn auch nur anzufassen, das zweite Mal tunken wir unsere Hand ohne Konsequenz hinein. Eine bestimmte Maschine verhält sich, als hätte sie ein Bewusstsein, das wird aber leider niemals angedeutet oder erklärt – man erfährt es erst, wenn man dank Herumgestümpers die Lösung gefunden hat. Schnapsflaschen enthalten Wasser, Ballons werden mit Lachgas statt Helium zum Fliegen gebracht und wie Phosphor funktioniert oder welche Farben er haben kann, hätte man vielleicht auch nachschlagen können. Spätestens beim Versuch, einen Schaltplan für einen Minenschacht durch reines Herumprobieren zu erkunden, sackt die Laune auch beim geduldigsten Rätseler etwas ab.

Erwähnenswert ist, dass Deponia für Daedalic in ästhetischer Hinsicht einen großen Schritt nach vorne geht. Waren Edna und Harvey noch eher skurril aussehende Doodles in einer zweckmäßigen Welt, der eher das Prädikat "charmant" als wirklich "schön" verliehen werden konnte, strotzt Deponia nur so vor richtigen Augenweiden. Vor malerisch rostbraunen Müllhalden fliegen kleine Steampunk-Roboter, den Charakteren wurden haufenweise Details und kleine Verzierungen spendiert und der Zeichenstil stark verfeinert, sodass wir jetzt eine echt ansprechende Cartoon-Welt haben, deren Figuren etwa an Penny Arcade erinnern und deren Sonnenuntergänge betören können.

Auch akustisch hat sich etwas getan, denn man wagt sich mit der Musik erstmals ins Orchestrale, was der insgesamt größeren Perspektive des Spiels außerordentlich guttut. Die Einzigen, die den Schritt nach vorn nicht mitgegangen sind, sind die Sprecher, die zwar ihre Zeilen durchweg ganz ordentlich geben, insgesamt aber die Tendenz haben, etwas steif und unnatürlich zu wirken. Das und die Tatsache, dass Monty Arnold die Stimme des Protagonisten gibt, was etwas gewöhnungsbedürftig ist, wenn man eine Abneigung gegen dessen Fistelstimme hat.