Da ist sie wieder, die Moralfrage in Bezug auf Computerspiele. Darf ein Spiel Spaß machen, das die Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation durch einen globalen thermonuklearen Krieg simuliert? Diese Frage gilt es erst einmal zu verdauen. Noch pragmatischer formuliert: Die Bombardierung der Erde mit Atomwaffen, die alles Leben auslöschen – kann dieses Szenario im positiven Sinne an den Bildschirm fesseln?

Wir meinen: ja. Denn so brisant der Supergau thematisch auch ist, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bleiben gewahrt. Das Geschehen in „Defcon“ ist eine so abstrahierte, weil emotionslose Darstellung des atomaren Ernstfalls, dass sie die nüchtern-pragmatische Unterhaltungsebene nicht einmal im Ansatz verlässt.

Defcon? Wat, wer bist du denn?

Defcon, für Defense readiness conditions, bezeichnet den Alarmzustand des US-amerikanischen Militärs. Fünf Risikostufen sieht das Programm vor. Defcon 5 ist in Friedenszeiten aktiv. Seeeinheiten dürfen sich ohne Einschränkungen in internationalen Gewässern bewegen. Bei Defcon 4 herrscht per Definition ebenfalls Frieden, erhöhte Aufklärungsmaßnahmen bereiten hinter den Kulissen aber auf den möglichen Ernstfall vor.

DEFCON - Der Frühling wird heiß, weil thermonuklear: Defcon entpuppt sich als Geheimtipp für Strategen.

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Keine Kurvendiskussion im Matheunterricht, sondern der Startschuss zahlreicher Atomraketen in „Defcon“.
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Nur zur Veranschaulichung: Im Kalten Krieg galt fast permanent die vierte Gefahrenstufe. Defcon 3, zuletzt am und nach dem 11. September 2001 scharf geschaltet, bedeutet nochmals erhöhte Alarmbereitschaft. Bei Defcon 2 werden zusätzlich die Armee-Reservisten mobilisiert. Beim bis dato noch nie in Kraft getretenen Defcon 1 gilt schließlich die maximale Einsatzbereitschaft. Die wird ausgelöst, sobald feindliche Angriffe auf US-Territorium unmittelbar bevor stehen. Einzig in diesem Rahmen kann auch der Einsatz nuklearer Waffen erwägt werden.

Genug der Hintergrundinformationen. Bleibt die Frage, in welcher Verbindung diese mit dem gleichnamigen Spiel der unabhängigen Entwicklerschmiede „Introversion Software“ stehen. Die Antwort darauf fällt einfach: Der Titel hievt euch in den Chefsessel des militärischen Oberkommandos ausgewählter Weltterritorien, darunter die USA, Nord- und Südasien sowie Europa.

Packshot zu DEFCONDEFCONRelease: PC: 28.1.2008
DS: 3. Quartal 2009
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Der Dritte Weltkrieg steht vor dem Ausbruch. Es geht um die Wurst, um fressen oder gefressen werden. Die eigenen Länder müssen vor dem Niedergang bewahrt, im gleichen Zuge die Feinde vernichtet werden. Zu diesem Zweck spult ihr das volle Programm ab, von der Aufklärung in Defcon 4 bis zu den finalen Atomangriffen in Defcon 1. Exakt dieses Spektrum schier unvorstellbarer Macht bildet das Spiel ab. Visuell abstrakt, aber in all seiner schonungslosen Härte.

Defcon schlägt ein wie eine Atombombe. Der volle Wumms entfaltet sich aber nur im Mehrspielermodus!Fazit lesen

Herrlich dröge und übersichtlich

Einen globalen Krieg austragen, mit allem was dazugehört – die Grundprämisse von „Defcon“ klingt erst einmal nach überbordender Komplexität. Dass der Titel in der Praxis trotz allem stets bedienbar bleibt und den Spieler – nach etwas Eingewöhnungszeit – nie überfordert, liegt in erster Linie an der zweckmäßigen Optik. Was viele andere Spiele Kopf und Kragen kostet, trägt in „Defcon“ zur bewusst unterkühlten Atmosphäre bei.

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Eine geballte Armada feindlicher Schiffe nähert sich den USA. Hoffentlich greifen die Verteidigungsmaßnahmen.
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Auf einer nüchternen, zweidimensionalen Weltkarte verwaltet ihr Raketensilos, Luftwaffenstützpunkte und Seeflotten, alle nur als zweckmäßige Symbole dargestellt. Unnütze Objekte wie die Infrastruktur von Ländern oder Umweltfaktoren blendet das Spiel aus. Damit der Blick aufs Wesentliche nicht getrübt wird. Neben der Verwaltung und dem Einsatz der Kriegsmaschinerie trägt einzig die Diplomatie zum Erfolg oder Misserfolg bei. Bekanntlich lässt sich alleine kein Weltkrieg gewinnen.

Um also am Ende als Sieger hervor zu gehen, bedarf es zumindest temporärer Allianzen. Die könnt ihr ebenso schnell schließen wie brechen. Der Vorteil der vorübergehenden Staatenbündnisse: Ihr könnt die Radardaten der Partner einsehen und so unter Umständen noch früher auf Bedrohungen reagieren. Zudem herrscht Waffenstillstand zwischen den Alliierten. In Zeiten weltweiter Bedrohung ein unschätzbarer Vorteil!

Stadt, Land, Fluss

Es sind die zahlreichen strategischen Winkelzüge, die das Spiel so spannend machen. Dabei geht es geruhsam los, der Beginn eines jeden Matches gestaltet sich stets gleich. Im Defcon 5-Modus platziert ihr Raketensilos, Flugplätze, Radaranlagen sowie eure Flotte. Dazu gehören jeweils zwölf Schlachtschiffe, Flugzeugträger und mit Atomsprengköpfen beladene U-Boote.

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Das war wohl nichts: Seestreitkräfte nehmen den Osten der USA unter Beschuss. New York geht als erstes unter.
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Bis maximal Defcon 3 dürft ihr mit dem Bau der Anlagen und Einheiten warten, ab dann geht es in die Schlachtphase, in der Boote und Flugzeuge erstmals von ihren Waffen Gebrauch machen dürfen. Kleinere Wartepausen, etwa zwischen den automatisch herunter tickenden Countdowns bis zur nächsten Defcon-Phase, dürft ihr per Zeitraffer beschleunigen.

Die zur Verfügung stehenden Einheiten und Anlagen sind beschränkt und dürfen nach deren Zerstörung nicht erneuert werden. Umso achtsamer solltet ihr mit ihnen umgehen. Radaranlagen dienen der Aufklärung und decken feindliche Einheiten in eurem Gebiet auf. Die für den Kriegsverlauf entscheidenden Raketensilos verfügen gar über zwei Modi. In der Verteidigungsstellung holen sie gegnerische Gefechtsköpfe und Kampfflieger vom Himmel. Im Angriffsmodus verschießen sie selbst gebunkerte atomare Langstreckenraketen.

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Offener Schlagabtausch: Asien und die USA hauen sich gegenseitig Atomraketen en masse um die Ohren.
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Luftstützpunkte beherbergen Bomber und Kampfflugzeuge. Letztere erkunden feindliches Gebiet und greifen gegnerische Flieger an. Die dicken Bomber sind zwar langsam und besonders anfällig gegen Kampfflugzeuge. Dafür können sie auf kurze Distanz Atombomben abwerfen und mit Raketen Schiffe vernichten. Die Marine-Einheiten unterteilen sich wiederum in Flugzeugträger, Schlachtschiffe und U-Boote. Flugzeugträger beheimaten Fliegerstaffeln zum Angriff mitten in feindlichem Hoheitsgebiet.

Schlachtschiffe dienen dem Kampf gegen See- und Luftstreitkräfte der Widersacher. U-Boote, nur zu entdecken durch das Sonar von Flugzeugträgern, tauchen lautlos unter dem feindlichen Radar hindurch. In Zielreichweite angekommen, zerstören sie mit ihren Mittelstreckenraketen ausgewählte Feindinstallationen.

Ihr seht, „Defcon“ hält reichlich Munition zum Taktieren und für die aktive Kriegsführung bereit. Nur wer alle Möglichkeiten geschickt ausnutzt und sich die Fehler des Feindes zunutze macht, kann am Ende als einer der letzten noch lebenden Menschen auf der Erde umher wandern. Zwar nur noch unter Tage in Atomschutzbunkern, doch immerhin…

Einmal Apokalypse in 45 Minuten, bitte!

„Defcon“ existiert nur aus einem einzigen Grund: um den Verlauf eines fiktiven Dritten Weltkriegs zu simulieren, vom Ausbruch bis zum finalen Atombombenhagel. Entsprechend eingeschränkt ist die Erzähltiefe. Der Titel beschäftigt sich nicht mit den Ursachen der Auseinandersetzungen und schon gar nicht mit den Folgen. Eine Story samt tiefgründiger Charaktere, spannender Wendungen und überraschender Intrigen gibt es nicht. So kennt „Defcon“ nur ein Ziel: den allumfassenden Krieg, der die Erde in ihrer jetzigen Form zerstört.

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Nichts mehr zu retten: Ein Kontinent versinkt im Meer. Mit ihm viele Milliarden von Menschen…
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Das Spektakel dauert kaum länger als 45 bis 60 Minuten. Danach geht’s auf Wunsch von vorne los. Gegen die KI wird das schnell langweilig. Der Fokus von „Defcon“ ist also klar auf Mehrspielergefechte ausgelegt. „Wage ich Überraschungsangriffe mit U-Booten, die die Verteidigungsanlagen meiner Feinde torpedieren? Oder setze ich auf den direkten Schlagabtausch und jage den Schweinebacken mein komplettes Arsenal an Atomraketen um die Ohren? Dadurch wird zwar meine Verteidigung geschwächt. Doch wenn ich schnell genug agiere, sind die Gegner sowie längst Geschichte…“

Solche und ähnliche Fragen werdet ihr euch in allen Partien stellen. Mit jedem absolvierten Weltkrieg und jeder gewonnenen oder verlorenen Schlacht lernt ihr neue Kniffe von „Defcon“ kennen. Kniffe, mit denen ihr vielleicht den Krieg gewinnen, nicht aber den Tod Milliarden virtueller Menschen verhindern könnt, wohlgemerkt…