Die Versuchung ist groß, eine Kritik zu Deadpool mit einem Gag über den Bruch der 4th Wall zu beginnen, aber ganz ehrlich: So sehr viele von uns die extravaganten Eskapaden des geschwätzigen Söldners mit dem Herzen aus Krebs lieben, die Gefahr mit ihm ist immer groß, es zu übertreiben. Kein Gag wird dadurch besser, dass man ihn wiederholt. Und die vielleicht größte Frage vor dem Gucken von Deadpool ist: Bei aller Liebe zum Stoff, werden die Filmmacher zu dick auftragen oder die richtige Mischung aus filmischem Anspruch und Deadpools Stärken als Charakter finden?

Die Entwarnung folgt zugleich: Deadpool, der Film, macht richtig Spaß, wie eben auch Deadpool, der Charakter. Er ist, was auch sonst, eine Originstory, die von dem irrsinnigen Anti-Helden selbst erzählt wird, während er dabei ist, einen irren Verbrecher zu jagen - allerdings nicht aus altruistischem Antrieb heraus, um die Welt zu schützen, sondern einfach, weil ihm Unrecht getan wurde. Oder wie man das nennen will.

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Denn eigentlich hätte sich Wade Wilson (Ryan Reynolds) niemals mit den verrückten Wissenschaftlern des Weapon-X-Programms eingelassen. Der schlagfertige Söldner mit dem Hang zum Blödsinn hatte gute Aufträge und die Liebe der nicht minder durchgeknallten Vanessa (Morena Baccarin). Doch dann schlug das Schicksal zu: Krebs im Endstadium. Wade hatte keine Wahl mehr, er wandte sich dem Programm zu, in dem der sadistische Wissenschaftler / Psychopath Ajax (Ed Skrein) Wade einen künstlichen Heilfaktor verpasste – und um diesen zu aktivieren musste er Wade foltern, wie noch niemand je gefoltert wurde. Wades Krebs wucherte, sein Gesicht und ganzer Körper wurden entstellt, doch seine neu gewonnene Superkraft hält seitdem nicht nur die Krankheit in Schach, sondern macht Deadpool, wie sich Wade nun nennt, nahezu unsterblich. Keine Verletzung, und sei sie noch so schwer, kann nicht durch Regeneration gelöst werden.

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Doch als entstellter Freak wagt sich Deadpool nicht zu seiner geliebten Vanessa zurück. Mit Unterstützung seines Freundes Weasel (T.J. Miller) jagt er Ajax und seine Handlanger. Über das Schlachtfest einer Verfolgung sind ein paar der rechtschaffeneren Helden gar nicht erfreut, sodass sich schon bald die beiden X-Men Colossus (Stefan Kapicic) und die wundervoll benannte Negaton Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) auf die Suche nach dem Söldner mit der Schnauze machen.

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Kino mit Schnauze

Das Ganze ist Aufhänger für eine Sammlung von Action und Slapstick, wie man sie wirklich nicht oft vor die Glubscher bekommt. Vom Vorspann aus angefangen gibt es quasi keine Minute in Deadpool (oder "Skullpoopl", wie der Film nach der Veröffentlichung eines bestimmten Plakats auch genannt wird), die nicht witzig ist. Eigentlich ist das nicht mal wahr: Dank des genialen Marketings ist der Film bereits lustig, bevor er beginnt, und dieser Trend wird über die gesamte Laufzeit hinweg aufrechterhalten.

Deadpool - Der Film, der schon Spaß macht, bevor er überhaupt losgeht

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Erst malen wir Strichmännchen, dann perforieren wir Bad Guys.
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Eine Einschränkung: Die ganz großen Brüller blieben bei unserer Pressevorführung so ein bisschen aus, aber das ist wohl eher dem Umstand geschuldet, dass die Publikumsdynamik ganz anders ist, wenn man alleine in einem riesigen Kinosaal sitzt, in dem ansonsten vielleicht ein Dutzend anderer Journalisten vereinzelt rumdümpelt. Es ist wohl nur Hemmung, denn trotz des Streufeueransatzes, was Humor angeht (Deadpool hat in seinen Hochphasen eine Quote wie ein alter Zucker-Abrahams-Zucker-Film) und ein paar vereinzelter Pointen, die arg vorhersehbar sind, hat keine Minute nicht mindestens einen guten Gag. Eine Frequenz, die selbst Guardians of the Galaxy nicht erreichte.

Erst malen wir Strichmännchen, dann perforieren wir Bad Guys.[/screenshot]Auch handwerklich gibt es an Deadpool nichts zu meckern. Die Leistung von Regisseur Tim Miller ist vielleicht nicht revolutionär oder von übermäßiger Vision geprägt, aber ohne jeden Zweifel professionell und völlig tauglich. Nicht nur Schauspieler, sondern auch der Rest der Crew, hatten sichtlich Spaß an der Erschaffung dieses Feuerwerks, wie uns Ryan Reynolds auch im Interview bestätigte – selbst die Leute vom Catering seien bei guter Laune gewesen.

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Es zahlt sich aus, denn man fühlt sich mit der bunten Mischung aus Sexwitzen, Blut, unflätigen Ausdrücken und wirklich kompetenten Stärken des Popcorn-Kinos erstaunlich wohl. Die Chemie stimmt einfach, nicht nur auf der Leinwand, auf der Ryan Reynolds in so ziemlich der Rolle brilliert, für die er sich zu Recht geboren fühlt, sondern auch die Chemie zwischen Zuschauer und Film.

Deadpool - Der Film, der schon Spaß macht, bevor er überhaupt losgeht

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Skullpoopl startet am 11. Februar in deutschen Kinos.
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Und dabei wäre es, wie anfangs erwähnt, so leicht gewesen, in eine Falle zu tappen. Ein Durchbruch der vierten Wand zu viel, ein übermäßiger Pipi-Kacka-Jux, ein derber Sex-Witz, der die notwendige Grenze überschreitet - schon wäre das Gelächter unter dem peinlich berührten Augenrollen des Publikums zusammengebrochen.

Dass das nicht passiert, sondern im Gegenteil die Frech- und Derbheit von Deadpool so geschickt balanciert wurde, dass der ganze Film hinhaut, sollte nochmal gesondert erwähnt werden, auch und gerade Scriptwriter Rhett Reese und Paul Wernick haben sich einen dicken Klopfer auf die Schulter oder, wahlweise, einen lobenden Klaps auf den Arsch verdient. Wer hätte gedacht, dass ein ursprünglich stinklangweiliger Pistolenschwinger aus der Feder von Rob Liefeld mal so unterhaltsam würde werden können?