Während erste, schwere Regentropfen den Nacken der jungen Frau hinunterlaufen, dringt die Kälte langsam durch das abgewetzte Stoffhemd und legt sich mit einer eisigen Umarmung auf ihre Haut. Der Griff der Pistole liegt schwer in ihrer rechten Hand, die sie langsam an ihre Schläfe führt. Ihr Blick wandert über die Leiche zu ihren Füßen, bevor sie die Augen schließt und den tödlichen Mechanismus der Waffe in Gang setzt. Ein lauter Knall, Blut spritzt in alle Richtungen. Willkommen in der Apokalypse. Willkommen in der Welt von DayZ.

Dezember 2013: Steam wird infiziert

In der ersten Ausgabe von „Wege durch die Apokalypse“haben wir euch Rust vorgestellt, ein neuer, ganz besonders vielversprechender Titel, der aus der Early-Access-Abteilung von Steam stammt und auf dem aktuellen Trend der Survivalspiele-Welle mitreitet. Diese Woche werfen wir einen Blick auf den spielgewordenen Superstar des Genres, der bisher am erfolgreichsten das Konzept einer offenen Welt mit dem knallharten Überlebenskampf in der Postapokalypse verbunden hat: DayZ.

Der digitale Aufbruch der Spielermengen in die Apokalypse begann am 16. Dezember 2013. DayZ erobert als Standalone-Version den damals noch recht frischen Early Access-Bereich von Steam, nachdem das Spiel als eine Mod für Arma II bereits 2012 viel Aufmerksamkeit und Lob einstreichen konnte. Die nun auf eigenen Beinen stehende Version hat viele Features des ursprünglichen Spiels in eine neue optimierte Engine übernommen und schickt regelmäßig mit jedem weiterem Update neue Features in die erbarmungslose Welt von DayZ.

Wie aber unterscheidet sich nun DayZ als bekanntester Genre-Vertreter von den vielen anderen Konkurrenten um die Gunst des Spielers? Immerhin konnte die Standalone-Version nach rund vier Wochen rund 1 Millionen Kopien an den Mann/die Frau bringen – irgendwas muss DayZ also verdammt richtig machen!

Auf diese Frage nach den Gründen des Erfolgs weiß der Entwickler Dean Hall eine einfache Antwort: „Der Fokus von DayZ liegt auf dem unerbittlichen Überlebenskampf in einer möglichst realistischen Welt. Der Spieler findet sich im Staat Chernarus wieder, wo er in einer von Zombies infizierten Welt lernen muss, zu überleben. Viele Spieler verhungern bereits in den ersten Spielstunden, weil sie keinen Dosenöffner oder anderes Gerät finden, um Ihre Nahrungsmittelkonserven zu öffnen“, berichtet der Entwickler grinsend.

"Halt, draußen ist es gefährlich! Wilde Zombies leben im hohen Gras!"

Ähnlich wie auch bei Rust beginnt der Neuankömmling in der Welt von Chernarus nur mit dem Nötigsten. Doch bereits in den ersten Minuten zeigt sich der grundlegende Unterschied beider Genrekonkurrenten: Während man sich in Rust sofort in das Unterholz schmeißt, um möglichst schnell genügend Rohstoffe für den Hausbau zusammenzukratzen, befolgt DayZ die wichtigste Regel im Bundeswehrhandbuch: Hinlegen und Orientieren! Befinden sich Gegner in der Nähe? Soll ich mich durchs Dickicht schlagen oder lieber der Straße folgen? Sind das da hinten Zombies? All diese Gedanken schießen dem (noch) Überlebenden in DayZ durch den Kopf, während sein Pendant im parallelen Spieluniversum von Rust bereits zwei Holz und ein Metall kombiniert, um ein halbautomatisches Maschinengewehr in seine Hände zu zaubern.

Wege durch die Apokalypse II - "Ich sehe tote Spieler": DayZ feiert den Weltuntergang

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In der Welt von DayZ sind nicht nur Zombies eure Gegner!
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Rust schlägt ein deutlich höheres Tempo an und spielt sich wie eine Arcade-Version von DayZ. Auch der optische Eindruck unterstreicht diesen spürbaren Unterschied in der Spielgeschwindigkeit: Während die Zombieapokalypse den Spieler durch eine Welt hetzt, in der graue und erdige Farbtöne überwiegen, inszeniert Rust eine deutlich farbenfrohere Welt. So werden bereits nach wenigen Spielstunden in beiden Universen die spielerischen Unterschiede deutlich, die der Kurzbeschreibung auf Steam kaum zu entnehmen war.

Garry Newman und sein Team begannen die Arbeiten an Rust mit Blick auf das Werk von Dean Hall, entschlossen aber noch während der Entwicklung, dass man keinen Klon des erfolgreichen DayZ schaffen wolle, sondern ein eigenständiges Open-World-Spiel, dessen Fokus nicht auf dem Hyperrealismus des Vorbilds liegt. Kurzerhand entfernte man die Zombiemobs aus dem Spiel und konzentrierte sich verstärkt auf den Minecraft-Aspekt. In den beiden Trailern zu Rust und DayZ wird schließlich die unterschiedliche Herangehensweise an die Apokalypse besonders deutlich.

Zombies und Mitspieler: Vom Regen in die Traufe

Wer bereits in Rust über häufige Reibereien mit anderen Spielern klagt, wird Chernarus als die Bronx der Apokalypse erleben: Die Spieler sind extrem misstrauisch und selten wird das Risiko eingegangen, Opfer am Leben zu lassen, wenn man sich ihrer Habseligkeiten bereichert hat. Doch natürlich gibt es auch in dieser unbarmherzigen Welt nicht nur schwarze Schafe, sondern auch genügend hellgraue.

Zu ihnen gehört der Spieler Gilroy, der bei seinen zahlreichen Überfällen auf andere Menschen immer sehr höflich ist, nur das Nötigste nimmt und manchmal sogar eine kleine Entschädigung zurücklässt. Ihm selbst bin ich leider noch nicht begegnet, aber die Geschichten von seinen Taten und Abenteuern wurden mir schon an vielen digitalen Lagerfeuern erzählt.

Meine ersten Schritte in DayZ

Ich stehe auf Zombies und den ganzen morbiden, popkulturellen Kram. Ob nun in Büchern, Filmen oder Spielen: Der untote Schlurfer kann lustig oder erschreckend gruslig sein, Menschen fressen oder aber von Hintergartenpflanzen ins Visier genommen werden. Mit einem aufgeregten Hopser und großflächiger Gänsehaut registrierte ich daher im letzten Winter, dass die durchaus gute Mod für Arma II namens DayZ nun als Standalone auf den Markt geschmissen werden sollte.

Mit frischen Ersatzbatterien und bis zum Rand gefüllter Kaffeekanne machte ich mich mit der ersten Welle Neuankömmlinge nach Chernarus auf, um der Zombieapokalypse entgegenzutreten – doch es sollte ganz anders kommen. Während ich in den ersten zwanzig Spielminuten durch die Wildnis schlich und weder auf Zombies noch Menschen traf, stieß ich bald auf eine heruntergekommene Scheune.

Da meine Vorräte allmählich zur Neigung gingen und mich der Durst plagte, unterbrach ich meine Reise und stöberte zwischen faulenden Heuballen und morschem Holz nach Verpflegung. Auf meinem Weg vom Speicher, wo ich etwas Munition aber keine Waffen gefunden hatte, zurück auf den sprichwörtlichen Boden der Tatsachen geschah mir allerdings ein großes Missgeschick: Ich verfehlte eine der maroden Sprossen und fiel ungebremst – zwar nur etwa zwei Meter, doch reicht ein Sturz aus dieser Höhe in der Welt von DayZ wohl schon aus, um kurz darauf zwei gebrochene Beine diagnostizieren zu können.

Dort lag ich also nun: Auf allen Vieren liegend ruderte ich hilflos mit den Armen in der Luft und kam aus eigener Kraft nicht mehr auf die Beine. Die Gegenstände in meinen Taschen, wie Batterien, Muntion und eine angebrochene Tüte Reis, konnten mir ebenfalls nicht weiterhelfen. Also musste ich entweder darauf hoffen, dass im gigantisch großen Chernarus noch ein anderer der etwa 30 Mitspieler ausgerechnet jetzt auf die Idee kam, diese Scheune im Nirgendwo auszukundschaften – oder dass ein herumirrender Zombie Erbarmen zeigte und mich ins Spielnirvana biss.

Aber nichts passierte.

Nach einigen Minuten kam ich auf die Idee, nicht nur durch ständiges Brüllen in den Voice-Chat auf mich aufmerksam zu machen, sondern nach draußen zu kriechen. Viel zu schnell musste ich allerdings feststellen, dass das hohe Gras der Umgebung eine hervorragende, wenn auch unfreiwilige Tarnung für mich war – und ich nun noch viel schwerer zu entdecken war. Harch.

Schließlich kam allerdings ein Spieler des Weges und während ich ihm noch von meinem Unfall erzählte, fesselte er mich, nahm mir meine Hose weg und verschwand wieder im Unterholz. Sein rauschendes Lachen, dass in irgendeinem europäischen Wohnzimmer in ein Headset geschallt wurde, steckt noch immer tief in meinen Gehörgängen.

So lag ich also, Zombiejäger und hochmotiviert, nach gerade einmal einer halben Stunde mit zwei gebrochenen Beinen und einer halbvollen Tüte Reis auf einer Wiese und trug nicht mal eine Hose. Was in unserer Realität nach dem Plot einer französischen Liebeskomödie klingt, führt in Chernarus glücklicherweise dann doch zum Tod durch Unterkühlung.

Für die nächsten Tage hielt ich mich erst einmal von sämtlichen Servern fern und leckte meine moralischen Wunden, die mir die erste und wichtigste Lektion in der Welt von DayZ beigebracht hatte: Der wahre Feind ist der Mensch. Ob nun du selbst oder ein anderer, das macht letztendlich keinen Unterschied.