Leo SchmidtIn den letzten Jahren kann man kaum noch den Fernseher anmachen, ohne Sherlock Holmes zu erblicken. Klar, er trägt nur selten seinen richtigen Namen, aber die Merkmale sind unverkennbar: genialer Kopf, Blick für Details, sozialer Außenseiter, mehr als eine Macke und auf verschrobene Art charismatisch. Ob er jetzt Dexter, Monk, House oder ausnahmsweise Sherlock heißt, ist da herzlich wurscht. Die Formel funktioniert jedenfalls, der Alleskönner aus der Feder von Arthur Conan Doyle ist in Mode.
Zu leicht und seicht, aber tolle Atmosphäre und interessante Mechaniken.FazitIn der Spieleszene ist dieser Archetyp seltener anzutreffen, aber wenn, dann darf der Meister noch selbst ran. Seit mittlerweile sechs Teilen können wir „Die neuen Abenteuer des Sherlock Holmes“ bestreiten, eine Reihe von Adventures aus dem Hause Frogwares, die zwar in aller Regel nicht total vom Hocker reißen, sich dafür aber mit jedem Teil ein Stückchen bessern. Sie basieren nicht auf den Originalgeschichten, sondern sind vielmehr frische Fortsetzungen, in denen der größte Detektiv aller Zeiten am Ende des 19. Jahrhunderts Mysterien untersucht oder auch mal den Weg von Charakteren wie Arsène Lupin oder Jack the Ripper kreuzt.
Sein neuester Fall beginnt recht harmlos. Holmes wird nach seinem letzten Abenteuer bezichtigt, eine von ihm wiederbeschaffte Kette durch eine Fälschung ersetzt zu haben. Zunächst ist das nichts als Verleumdung, doch als kurz darauf ein Bekannter von Holmes brutal ermordet aufgefunden wird, beschließt der Detektiv, auf eigene Faust zu ermitteln. Sein leicht zu verblüffender Gehilfe Dr. Watson ist natürlich mit von der Partie und beginnt schon bald, sich Sorgen zu machen – nicht nur ist Holmes strikt dagegen, die Polizei einzuschalten, er benimmt sich mit jeder neuen Spur, auf die das Duo stößt, merkwürdiger.
Die alte Spürnase ist wieder da.Zwischen all den grausigen Funden und kniffligen Aufgaben lockt uns also schon sehr bald ein zusätzliches Geheimnis in der Handlung, was nicht so wirkungsvoll wäre, wenn es nicht den Hauptcharakter, unsere eigene Spielfigur, betreffen würde. Der Spieler tappt über Holmes genauso im Dunkeln, wie Watson es tut, und muss zwangsläufig irgendwann die Frage stellen, ob er dem Menschen, den er da steuert, trauen kann. Das ist schon ein beachtlicher Schuss Psychospielchen und Metaebene für ein Wald-und-Wiesen-Adventure und ein Kniff, vor dem man den Hut ziehen muss – auch und gerade, weil man seinetwegen die Handlung deutlich gespannter verfolgt.
Während Watson wie immer den fleißigen Beobachter spielt und dabei ordentlich hornochst, müssen wir die Tatorte untersuchen, Spuren finden und, ganz wichtig, kombinieren. Denn nichts wäre eines Sherlock Holmes unwürdiger als dumpfe Additionsrätsel im Stile von "Biene + Blume = Bestäubung". Die übliche Adventure-Kost wollte man dem Meisterdetektiv verständlicherweise nicht zumuten, weswegen es auch eher selten darum geht, fassbare Gegenstände zu kombinieren, und vielmehr darum, aus den ermittelten Umständen logische Schlüsse zu ziehen.
Nachdem wir also akribisch jeden Ort auf Spuren abgeklopft haben, gelangen wir zu einem Menü, in dem gesammelte Fakten präsentiert werden. Fakten sind aber nun mal keine Wahrheiten, also müssen wir im Multiple-Choice-Verfahren Antworten darauf geben, wie sich alles zusammenfügt. Aus der Art der Wunden und dem Fehlen gewisser Objekte schließen wir auf die Mordwaffe.
Mit seinem Partner durchkämmt er alles, was er findet.Eine gefundene Chemikalie analysieren wir im Labor per Minispiel auf ihre Eigenschaften, finden heraus, woher sie stammt. Gefundene Beweise wollen gereinigt und unter der Lupe untersucht werden. Aus den Fußabdrücken der Täter erfahren wir nicht nur ihre Schuhgröße, sondern von der Art ihrer Sohlen auch, in welchem Millieu sie verkehren. Sogar eine Obduktion dürfen wir zwischenzeitlich durchführen.
Jetzt baut das Spiel aus all diesen Spuren eine Art Flowchart, eine grafische Darstellung, wie das alles zusammenhängt. Allerdings ist dieses Netz lückenhaft, überall prangen Fragezeichen. Hier nun müssen wir aus mehreren verschiedenen Schlüssen den logischen und richtigen auswählen, um zu weiteren Wahrheiten zu gelangen. Haben wir einen Fehler gemacht, müssen wir unsere Gedankengänge überprüfen, unsere Kette von Schlüssen auf Schwächen abklopfen. Haben wir alles richtig gemacht, geht Holmes ein Licht und uns das Herz auf – wir sind wieder einen Schritt weiter, aus unserer eigenen Denkleistung leitet Holmes ab, wie es jetzt weitergeht.
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Auch der sechste Teil scheint nicht viel besser geworden zu sein. Eigentlich traurig, denn den hochintelligenten, manchmal etwas arroganten Holmes finde ich klasse (genau wie House).