Kennt ihr das, wenn jemand einen Satz beginnt mit "Ich will ja nicht sagen, dass ich es vorhergesagt habe, aber..." und ihn dann nicht mehr vollenden kann, weil ihr ihm mit voller Wucht eine heiße Backkartoffel oder ein anderes greifbares Objekt in die Knutschgrotte stopft? Mir geht es dann immer so, dass ich ein bisschen neidisch werde. Ich will auch mal Recht behalten und gleichzeitig gefüttert werden, verdammt!

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Es passiert selten, aber hin und wieder eben doch. Wie ein paar andere gehörte ich nämlich vor einigen Jahren zu den eisernen Verfechtern der Theorie, dass Rundentaktik nicht tot sei, sondern nur einen ausgedehnten Winterschlaf hält. Was sind wir nicht belächelt worden! Die CEOs großer Publisher streichelten uns gönnerhaft übers Köpfchen und raunten "Jaja, meine Kleinen, es ist gut, dass ihr in dieser harten Welt euren unerschütterlichen Glauben und euer letztes bisschen Unschuld nicht verliert..."

Das Schwarze Auge: Blackguards 2 - Im Zeichen der Spinne

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Taktische RPG-Action - und es gibt sie doch.
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An sowas wie das Remake XCOM: Enemy Unknown war einfach noch nicht zu denken. Als sich das Genre dann aber aus seiner Ruhephase erhob, tat es das mit voller Gewalt – wie ein Bär eben, der grantig und hungrig aufwacht. Und wenn wir auch nicht gerade an erstklassigen Taktiktiteln ersticken, so gibt es doch mittlerweile wieder genug Vertreter, als dass man mindestens beide Hände zum Abzählen braucht.

Packshot zu Das Schwarze Auge: Blackguards 2Das Schwarze Auge: Blackguards 2Erschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Eines der erfreulicheren Beispiele für diesen Trend war Das Schwarze Auge: Blackguards von den Hamburger Adventure-Spezis Daedalic Entertainment. Mit einer Truppe aus ordentlich charakterisierten Anti-Helden kämpften wir uns durch Aventurien und arbeiteten gleichzeitig an der Aufklärung eines Mordfalles. Der launige Taktik- und RPG-Mix schlug kommerziell gut ein und war uns sogar einen Gold-Award wert.

Dass noch im selben Jahr die Arbeit am Nachfolger angekündigt wurde erstaunte dennoch – das war wirklich zügig, und dass der Titel schon sehr bald auf heimische PCs purzelt ist ebenfalls recht fix. Nachdem wir nun aber zahllose Hexfelder überquert und allerlei Soldaten, Monster und Getier plattgehauen haben, können wir Entwarnung geben: Auch der zweite Teil ist richtig gut.

Keine Umwälzung des Vorgängers, sondern eine Verbesserung in Nuancen - dafür aber eine, die richtig gelungen ist.Fazit lesen

Es beginnt drei Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers mit der Adligen Cassia von Tenos, Ehefrau seiner Hoheit Marwan al-Ahmad, die selbigem gerne den Thron abluchsen würde. Das Problem an diesem Plan ist, dass sie von ihrem voraussichtigen Mann ins Verlies geworfen wurde, wo sie langsam dem Wahnsinn anheimfällt, nachdem sie von einer höchst giftigen Corapia-Spinne gebissen wurde. Das hat eine ambitionierte Putscherin aber noch nie aufgehalten – nach vielen Jahren entkommt sie (mit Unterstützung des Spielers) und formuliert einen Plan: Sie will die Ländereien von Marwan erobern, eine nach der anderen.

Das Schwarze Auge: Blackguards 2 - Im Zeichen der Spinne

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Gemeinsam mit ihrem Gefolge von Antihelden versucht Cassia, einen beträchtlichen Teil Aventuriens zu erobern.
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Alleine ist das natürlich nicht drin, also versammelt sie im Laufe der Zeit nicht nur Scharen von Söldnern um sich, sondern auch die "Helden", die im ersten Teil die Neun Horden bezwungen haben, darunter der indianisch anmutende Krieger Takate (der sich mittlerweile für eine Art Gott hält), der Magier Zurbaran (der mal wieder versklavt wurde) und der gaunerisch-merkantile Zwerg Naurim (der eine respektable Wohlstandswampe entwickelt hat). Jeweils mit einer beachtlichen Liste an Kopfgeldern und Feinden versehen, raufen sich die Haudegen einmal mehr zusammen, für eine Chance auf Ruhm, Macht und Rache.

Ja gut, der zu großen Teilen aus dem Vorgänger übernommene Cast ist so eine Sache. Fans werden sich freuen, angesichts der zügigen Entwicklungszeit darf man sich aber natürlich fragen, ob die Entscheidung nicht eher aus der Not heruas getroffen wurde. Ist aber eigentlich gehüpft wie gesprungen, denn die Charaktere, ob alt oder neu, haben abermals Fleisch auf den Rippen, sind toll gestaltet und machen die Reise zu einem persönlichen Erlebnis.

Ein Fest für Veteranen

Wer den ersten Teil gespielt hat, wird sich schnell zurechtfinden. Einmal mehr jagen wir unsere Kämpfer in separaten Missionen und Karten in Spielrunden über Hexfelder, dazwischen werden Abenteuerpunkte (sprich: Erfahrung) für neue Fähigkeiten und Statuswerte ausgegeben, geplünderte oder erworbene Ausrüstung angelegt und, sonst hätte das Spiel kaum den Namen "Das Schwarze Auge" verdient, zwischen den Charakteren geredet, Entscheidungen getroffen und so eine Menge Persönlichkeit rübergebracht.

So weit, so bekannt. Überhaupt kann man ohne unfair zu werden behaupten, dass sich zwischen dem direkten Vorgänger und seiner zügigen Fortsetzung nicht gar so viel geändert hat, jedenfalls nicht an der Oberfläche. Das liegt im Wesen der Sache, die Entwicklung und vor allem auch die Entscheidung zur Entwicklung von Blackguards 2 musste ja quasi schon beim Release des ersten Teils gefallen sein. Das Grundgerüst stand also schon – technisch und ästhetisch unterscheiden sich die Teile quasi gar nicht, das Gefühl von déjà-vu schleicht sich ein.

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Die Änderungen sind vorhanden und für Profis auch wichtig, stellen das Spiel aber nicht auf den Kopf.
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Das bedeutet aber nicht, dass nicht geschraubt wurde, es ist nur eben in Details passiert, die für Veteranen sicherlich einige Bedeutung haben, obwohl sie auf dem Papier nicht unheimlich spannend klingen mögen. Für die physischen Kämpfer gibt es jetzt ein Ausdauer-System, parallel zur astralen Energie der Magier, das einige der stärkeren Aspekte deutlich balanciert. Die Zeiten, in denen Bogenschützen ganze Räume leerfegten, sind weitgehend vorbei, und ein Krieger kann nicht nach Gutdünken Widersacher zu Boden werfen oder wie ein Derwisch durch Feindeshorden wirbeln. Eine gesunde Einschränkung, ohne Frage.

Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, vor dem Kampf seine eigenen Truppen positionieren zu können. Angesichts der nach wie vor vorhandenen Knackigkeit des Schwierigkeitsgrades und der taktischen Tiefe des Systems ist das sicherlich eine schöne Option, allerdings eine, die nur für die Hardcore-Detailschrauber etwas sein dürfte, die auch auf der höchsten Schwierigkeitsstufe ein Optimum aus den Kämpfen herausholen wollen. Otto-Normalspieler (wie, sagen wir, ich) positioniert halt die Frontkämpfer vorne, die Fernkämpfer hinten und gut ist. Auf manchen der stark interaktiven Karten, auf denen man mit seinen Truppen Schalter aktivieren oder Hindernisse zerstören kann, ist das Feature definitiv sinnvoller.

Die dritte große Neuerung ist ein Deckungssystem, das von vielen Fans gewünscht wurde und das angesichts der zahlreichen und mächtigen Fernkämpfer eine gute Idee ist. Die Umsetzung ist auch durchaus taktisch gelungen und sorgt für weitere schwere Entscheidungen des quadratäugischen Kommandanten vor dem Bildschirm. An (halbwegs) festen Objekten kann sich nun jeder Charakter ducken und wird deutlich schwerer von Pfeilen und Bolzen getroffen. Auch die Gegner beherrschen das Manöver, sodass man sich einfallen lassen muss, wie man die Deckung überwindet – flankieren, zerstören, durch Zauber umgehen?

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Für eine so schnell gelieferte Fortsetzung ist Blackguards 2 richtig gut geworden.
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Die Deckung schränkt allerdings die Bewegung und Möglichkeiten des Kopfeinziehers empfindlich ein. Dadurch kommen schöne Situationen zustande, etwa, wenn ein Nahkämpfer von Barriere zu Barriere huscht, um dem feindlichen Feuer zu entgehen. Verbunden mit dem Sichtlinien-System, das visuell ganz gut rübergebracht wird, kann man so taktischer planen als zuvor.

Der Rest der Änderungen ist vorhanden, durchaus erfreulich, aber nicht überwältigend. Es gibt vergleichende Tooltipps für neue Ausrüstung, die aber für meinen Geschmack etwas deutlicher sein könnten. Und überhaupt wäre eine Anpassung der Menüs, die immer noch relativ unübersichtlich und nicht optimal zu handhaben sind, ebenfalls wünschenswert gewesen. Auch war im ersten Teil die Inszenierung der Sequenzen etwas ansprechender, mit dynamischerer Kameraarbeit bei Zwischensequenzen in Ingame-Grafik. Jetzt hat man allermeistens Illustrationen mit Voice-Over oder quasi statische, wenn auch hübsch gemachte Umgebungen, in denen die Charaktere miteinander schwatzen.