Asche auf mein Haupt! Weil mir der Titel seinerzeit so rein gar nichts sagte, noch dazu das Cover wie von einem Zwölfjährigen hingekritzelt aussah und mit Zitaten von Magazinen übersät war, die mir noch unbekannter waren als das Spiel selbst, gab es niemals einen Test zu „The Lost Crown“ auf gamona.

Erst durch den Tipp eines Kollegen wurde ich darauf aufmerksam, um überrascht festzustellen, dass es sich hierbei – trotz vieler Kritikpunkte – um eines der cleversten, spannendsten und besten Adventures der letzten Jahre handelt. Das nun erschienene Dark Fall: Lost Souls ist vom gleichen Entwickler Darkling Room, und dieses Mal gelobte ich Wiedergutmachung, dem Spiel die Ehre zuteil werden zu lassen, die es verdient.

Dark Fall: Lost Souls - Trailer des Grauens

Bad to the Bones

Die kleine Amy wird vermisst. Ihr Verschwinden liegt bereits lange Jahre zurück. Eine ganze Stadt nahm damals Anteil am Schicksal des jungen Mädchens, suchte nach dem Entführer, bangte um ihr Leben. Doch Amy wurde nie gefunden – ihr Mörder schon. Zumindest glaubten das anfangs alle, vor allem der ermittelnde Polizeiinspektor: Als solcher haben wir seinerzeit den obdachlosen Mr. Bones verhaftet, einen sonderlichen, vielmehr absonderlichen Gesellen, der tote Tiere sammelt, um sie zu kochen, ihnen das Fleisch abzuziehen und mit ihren Knochen Geister zu beschwören.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Der Horror ist allgegenwärtig: Dark Fall schafft eine einzigartige Atmosphäre.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Von seiner Schuld überzeugt, fälschten wir gar Beweise, versuchten durch Misshandlung ein Geständnis zu erwirken, trieben den vermeintlichen Täter bis in den Tod – und irrten doch. Als die Presse Kenntnis über unsere Methoden erlangte, gab es einen landesweiten Skandal, wir wurden suspendiert, verfielen dem Alkohol, sind heute nur noch ein trauriger Schatten unserer selbst. Nun, Jahre später, kehren wir zurück nach Dowerton, wo das Drama seinen Anfang nahm, überzeugt davon, die kleine Amy vielleicht doch noch retten zu können und die mysteriösen Ereignisse aufzuklären. Um endlich unseren Frieden zu finden…

Ein Albtraum ohne Erwachen

Heutzutage werden Computerspiele in der Regel von bis zu hundert Mann starken, hochspezialisierten Teams entwickelt. Die Zeiten, in denen Legenden wie David Braben (Elite) oder Alexei Paschitnow (Tetris) ihre Spiele in Personalunion in der sprichwörtlichen Garage zusammenschusterten, sind längst vorbei. Nicht so für Jonathan Boakes. Der unabhängige Gamedesigner strickt seine Spiele von der Geschichte über die Rätsel, bis hin zum Code und gar der Grafik nach wie vor in Eigenregie höchstselbst. Entsprechend eigenwillig, ungewöhnlich, mitunter aber auch sperrig sind seine Spiele.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Zurück im Schreckenshotel: Spielern der Vorgänger werden einige Szenen bekannt vorkommen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

In Dark Fall: Lost Souls kehren wir zurück in den Bahnhof von Dowerton und das Horrorhotel, das bereits im ersten Teil der Serie Ort des Schreckens war. Doch Züge fahren hier schon lange nicht mehr, und auch der letzte Hotelgast checkte bereits vor Ewigkeiten ein. Die Mauern sind verfallen und von Pflanzen überwuchert, die Gleise vom Rost zerfressen und die Gegend menschenleer – aber nicht von jeder Menschenseele verlassen. Denn die Geister der Verstorbenen suchen den Ort weiterhin heim und harren ihrer Erlösung…

Dark Fall schafft es wie kein anderes Adventure zuvor, dem Spieler Angst zu machen – leider auch ob seines Rätsel-Designs…Fazit lesen

Das Dowerton von Dark Fall 3 erweckt in seiner Gestaltung weniger den Eindruck eines geografischen Ortes, denn eines surrealen Spiegelbildes für den zerrütteten und zutiefst traumatisierten Geisteszustand seines Besuchers. Satanische Kritzeleien an den Wänden, blutüberströmte Räume, die auf bestialische Geschehnisse hindeuten, abscheuliche Kreaturen und übersinnliche Erscheinungen - die Welt von Dark Fall ist ähnlich einem Silent Hill Albtraum gewordenes Zwischenreich, in dem sich die grauenhaften Ereignisse der Vergangenheit in schockierender Symbolik manifestieren.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Die kleine Amy wird vermisst - und sucht uns dennoch als Geist heim.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Seine Faszination bezieht Dark Fall aus seiner rätselhaften Geschichte und der morbid schaurigen Atmosphäre. Einzigartig fürs Genre: Noch nie in einem Adventure wurde ich dermaßen erschreckt wie hier – und das nicht nur ein Mal. Wenn Geistererscheinungen im Dunkeln urplötzlich vor einem aufblitzen und unheimliche Stimmen aus dem Verborgenen Grauenvolles ankündigen, steigt der Pulsschlag regelmäßig in den wummernden Frequenzbereich. Spielen bei entsprechender Tages- bzw. eben eher Nachtzeit sei dementsprechend empfohlen.

Die Story um das Schicksal der verschollenen Amy, die einem ähnlich dem Horror-Mädel Alma aus F.E.A.R. immer wieder als an die eigene Schuld gemahnender Geist begegnet und dabei eine blutige Spur zu ihrer Erlösung auslegt, hält bei der Stange, wenngleich sie dem Ideal einer Steuererklärung entspricht: passt auf einen Bierdeckel.

Myst-eriös!

Im Gegensatz zu den vorherigen Spielen von Jonathan Boakes verlässt sich Dark Fall mehr auf seine Atmosphäre denn auf eine raffiniert konstruierte Geschichte. Häufiger Leerlauf und im Grunde irrelevante Nebenhandlungen um die diversen Geister, die das alte Hotel heimsuchen, sind die Folge. Die Erzählweise durch gefundene Notizen und Tagebucheinträge, sowie mysteriöse SMS von einem anonymen Mitwisser wirkt zudem mitunter antiquiert.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Gruselig: Rätsel wie das Knochenspiel im Restaurant sind zwar orignell, aber beinahe unfair schwer.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie auch die Steuerung in Ego-Perspektive, die dem ebenfalls nurmehr als unheilvoller Geist durch die Spielehistorie wandelnden Myst nacheifert: Auf festen Positionen klickt ihr euch durch die vorgerenderte Welt und schwenkt die Kamera in 90-Grad-Schritten zur Seite. Oder nach oben und unten, was auch möglich, aber nur selten nötig ist und daher nach einer Weile ziemlich nervt, weil man in jeder neuen Location zunächst einmal meist unnötig den Kopfnicker machen muss, um zu gucken, ob nicht doch etwas Wichtiges auf dem Boden liegt oder von der Decke baumelt.

Gerade zu Beginn fällt die Orientierung in der Renderwelt durch die unflexible Perspektive etwas schwer und die träge Steuerung trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die gelegentlich doch etwas längeren Wege einmal quer durch die gesamte Spielwelt tatsächlich anfühlen wie ein Albtraum – und zwar ein solcher, in dem es trotz größter Anstrengungen beim Davonlaufen nicht so recht vorwärts gehen will. Da erscheint es schon als Segen, dass das Spiel mit seinem Bahnhof und dem Hotel äußerst überschaubar in der Zahl seiner Schauplätze ist.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Von knifflig bis nervig: Häufig müssen nicht nur Gegenstände, sondern auch Zahlen kombiniert werden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beim Rätsel-Design wandelt Dark Fall auf seinen eigenen Pfaden und zwar auf konsequenterweise gleich allen, die das Adventure-Genre in den letzten Jahren ausgetreten hat – und von denen manche aus gutem Grunde eigentlich schon wieder zugewachsen und wegen Straßenschäden gesperrt waren. Klassisches Gegenstände-Kombinieren wechselt sich ab mit simplen Minispielen, Zahlenkombinationen, dem Deuten und Interpretieren kryptischer Symbole oder gar Gedichten, Puzzeleien mit Zeitungsschnipseln und Dialogrätsel.

Extrem bis unangenehm

Frustrierend ist hierbei das ständige Pendeln zwischen Extremen: Auf durchaus Einfallreiches folgt erschreckend Banales, lachhaft Einfaches wird zu unfassbar Schwerem, Abstruses, Nerviges, Originelles, Unnötiges halten sich nicht die Waage, sondern schaukeln einander gehörig durch… Das ständige Wechselbad der Gefühle frustrierte mich jedenfalls zum Ende hin derart, dass ich irgendwann die Komplettlösung selbst in Situationen zurate zog, in denen ich sie eigentlich nicht einmal gebraucht hätte – nur um mir möglicherweise unnötige Wege und Aktionen zu ersparen. Wenn ein Spiel einem derart die Lust am Ausprobieren, Erforschen, sich Vertiefen nimmt, hat es irgendetwas falsch gemacht.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Veraltet und umständlich: die Steuerung im Myst-Stil.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Immer wieder müsst ihr beispielsweise Papierschnipsel wie ein Puzzle zusammenfügen – eine Aufgabe, die beim ersten Mal schon kinderleicht ist und beim zehnten Mal nicht schwieriger wird. Das Knacken von Schlössern mittels Dietrich – etwas, das auch wiederholt vollbracht werden muss – geschieht mittels reinem Rumprobieren, ebenso wie manche Dialogrätsel, bei denen solange die möglichen Antworten variiert werden müssen, bis das vom Spiel gewünschte Gespräch abläuft.

Dann wiederum müsst ihr euch einen nicht gerade kurzen Text notieren, der aber nach nur wenigen Sekunden unleserlich wird. Die Folge: immer wieder dieselbe Szene spielen, bis man sich endlich alles notiert hat. Dass man die Dialoge dabei nicht überspringen kann, macht die Angelegenheit umso mehr zur Geduldsprobe. Beinahe schon unfair: Einmal muss das Licht in einem Raum völlig entgegen jeder Gewohnheit ausgeschaltet werden, um phosphoriszierende Kokons im Dunkeln sichtbar zu machen – ohne vom Spiel einen Tipp auf diese gänzlich abwegige Aktion zu bekommen (zumindest habe ich keinen bemerkt). Schade, denn im Grunde ist die Idee dahinter durchaus gewitzt.

Dark Fall: Lost Souls - Das Silent Hill unter den Adventurespielen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 10/171/17
Schaurig: Die Stimmung von Dark Fall macht einige Patzer im Spieldesign wieder wett.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dann müssen auf einmal wieder längst erforschte Orte aufgesucht werden, weil sich dort plötzlich neue Gegenstände befinden, die vorher nicht da waren. Die Schere, euer wichtigster Begleiter im Inventar, geht regelmäßig nach der Benutzung kaputt und muss umständlich wiederbesorgt werden. Und manches Mal scheint das Spiel bereits mit der möglichen Wii-Version im Hinterkopf entworfen zu sein, wenn erst bestimmte Mausbewegungen zum Öffnen von Türen und Schubladen zum Erfolg führen.

Nichtsdestotrotz muss man den ungebrochenen Innovationswillen von Dark Fall bewundern. Standardware wird man hier kaum, und wenn, dann in (nicht immer erfolgreich) gegen den Strich gebürsteter Form serviert bekommen. Seine Stärken spielt Jonathan Boakes bei den zumeist logischen Kombinationsrätseln aus, bei denen verschiedene Hinweise, Tagebucheinträge, Zahlentabellen oder Bilder die Spuren legen, die zu deuten gehörig Gehirnschmalz fordern.

Komplett verbockt wurde leider die deutsche Sprachausgabe: Während die Soundeffekte durch geschickte Akzentuierung, unheilvolle Stimmen im Dunkeln und morbide Harmonien die einzigartige Stimmung perfekt unterstützen, reißen die Sprecher all das mit dem Hintern wieder ein: Von der Dialogregie offenbar völlig im Stich gelassen betonen sie Sätze völlig falsch, scheinen gar mit Akzent zu sprechen, als habe jemand den Sprechern der Originalversion einfach die deutschen Texte hingelegt. Größter Ausreißer in diesem Ensemble des Grauens ist leider der Hauptdarsteller, der klingt wie Samson aus der Sesamstraße. Ui ui ui ui ui…