Ein „God of War“-Klon - mal was ganz Neues. Vor allem dieser Tage, in denen man sich kaum retten kann vor derlei Genrevertretern. Dennoch gehört „Dante’s Inferno“ zu jenen Titeln, über die schon Monate vor Release gesprochen und gestaunt wird. Für die großen „Aha“-Momente sorgte schon lange im Vorfeld die Ankündigung, man wolle Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ als Grundlage nutzen und daraus ein waschechtes Metzelspektakel basteln.

Aus einer Ansammlung altertümlicher Verse und Gesänge entsteht also ein gotischer Fiebertraum samt wüstem Geprügel und Innereien-Cocktail - Hände heben, wer da nicht zumindest neugierig geworden ist. Harte Fakten, angesichts derer wohl nur eines zu sagen bleibt: Halt dich fest, Kratos – jetzt gibt es richtig in die Familienjuwelen. Oder etwa nicht…?

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Dante, der Höllenrambo

Nehmen wir an, wir stünden vor einem riesigen Eisentor, verziert mit grässlichen Fratzen, Menschenhaut und dämonischen Bildnissen, darin eingemeißelt, in übergroßen Lettern, eine Inschrift: „Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer; Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze – lasst ab von jedweder Hoffnung, wenn ihr eingetreten.“ Müsste man nicht ziemlich angetrunken sein, um da einen Fuß hindurch zu setzen?

Dante's Inferno - Fieser Höllentrip oder göttliche Komödie?

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Ein ganzer Kerl: Dante fürchtet nicht einmal die Tiefen der Hölle.
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Muss man natürlich nicht. Wenn man von einer gehörigen Portion Liebestrunkenheit absieht, könnte man eigentlich kaum nüchterner sein als Kriegsheld Dante, den es trotz geistiger Klarsicht durch das Höllentor, hinein in den ewigen Schlund aus Blut, Feuer und Qual verschlägt. Seine geliebte Beatrice wurde getötet, ihre Seele vom Leibhaftigen persönlich verschleppt. Außer sich vor Zorn folgt Dante ihrer Spur – direkt in die neun Zirkel des Fegefeuers.

Dante – das ist so einer dieser knallharten Über-Kerle, die sich in ihrer Freizeit die eigene Kleidung ins Fleisch nähen, auf meterhohen, zweibeinigen Stieren in die Schlacht reiten oder Gevatter Tod mit dessen eigenen Sense das halbe Gesicht wegsubtrahieren. Dem es auf seinem Erlösungsfeldzug nicht zu stören scheint, wenn riesige, glitschige Mäuler an schreienden Seelen nagen oder sein silbernes Kreuz plötzlich blitzende Salven heiliger Laser… äh… wasauchimmer verschießt.

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Blitzende Salven der Erlösung: Mit seinem Kreuz verschießt Dante... öhm, Gottes Willen?!
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Nun gut, Absurditäten dieses Schlages waren zwar auch im 14. Jahrhundert ein eher seltener Anblick, aber wirklich stören wird sich an derlei Logikmurks wohl niemand, erst recht nicht, wenn man die God-of-Wars und Devil-May-Crys der Spielgeschichte bereits mit geschlossenen Augen durchspielt. Diese herrlich beschwingte Sinnbefreitheit gehört halt zum Hack’n'Slay-Genre wie das Quicktime-Gefuchtel zum matschigen Innereien-Mambo am Ende eines langen Bosskampfes.

Keine Gefahr für Kratos: Dante's Inferno bedient sich frech und frei beim Vorbild, wird aber in beinahe allen Belangen vom drei Jahre älteren Göttergemetzel deklassiert.Fazit lesen

Womit die Marschrichtung des Ganzen im Prinzip schon punktgenau eingegrenzt ist: Hier wird gehackt, gestochen und gesäbelt, dass sich die Balken biegen, nach „Bayonetta“ und zuletzt „Darksiders“ steht mit „Dante’s Inferno“ nun der dritte Teilnehmer im Ränkespiel der „God of War“-Gedächtniskompanie im Verkaufsregal, kurz bevor der derzeitige Genreplatzhirsch im März selbst beweisen kann, dass er immer noch den Längsten hat.

Titten statt Kunst

Die Hölle also. Zugegeben: In den Jahren als Spiele-Verrückter waren wir schon so häufig in den unheiligen Hallen des Antichristen zugegen, dass wir wahrscheinlich bereits einen Ehrenplatz dort unten reserviert bekämen. Aber auf der Basis einer Jahrhunderte alten Erzählung, einem Meilenstein der Literaturgeschichte, geschah dies nie – hinsichtlich unserer Erwartungshaltung darf man also mindestens von vorsichtiger Erregung sprechen.

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Den Tod überlistet: Dante stibitzt die Sense des Todes - und schneidet den düsteren Kuttenträger gleich in mundgerechte Häppchen.
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Trotzdem ist es sogar etwas überraschend, wie nah sich Entwickler Visceral Games dann letztlich doch an Alighieris Schriften gehalten hat. Natürlich wird die Vorlage zum Teil sehr frei ausgelegt, aber im Groben entspricht das Design den detaillierten Beschreibungen des Autors. Etwa die Sünder, die wir auf unserem Abstieg treffen, oder die historischen Figuren, die Visceral Games in manchen Fällen zu bildschirmfüllenden Bossgegnern aufgewertet hat.

Wenn Hauptcharakter Dante in der „Göttlichen Komödie“ einen See aus schwarzem Pech durchschreitet, aus dem die knorrigen Arme der Zornigen und Hasserfüllten gierig nach seinen Beinen greifen, dann wird man diese Sequenz zumindest in abgewandelter Form im Spiel wiederentdecken. Setting und Art Design sind dann auch ohne Frage als die größten Stärken von „Dante’s Inferno“ festzuhalten.

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Turmhohe Gegner erfreuen die Netzhaut. Leider gibt es solche Bosskämpfe zu selten.
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Genau hier schraubt das Hack’n Slay an der Gravitation und lässt die Unterkiefer von Testern und Spielern gleichermaßen gen Boden schnellen. Wenn ein blutroter Horizont von den Seelen herabstürzender Sünder verdunkelt wird oder wir auf dem Rücken eines gigantischen Dämons die Tore der inneren Höllenkreise einreißen, dann sind das Bilder, die man nicht so schnell vergisst, die man so bisher noch nicht kannte.

Leider erschöpfen sich die kreativen Impulse der Entwickler jedoch schon beim bloßen Übertragen dieser Textpassagen. Wenn man das immense Potential einer solchen Umsetzung bedenkt, muss man sogar von einer mittelschweren Enttäuschung sprechen. Nehmen wir die neun Zirkel: Jeder davon einer anderen Sünde gewidmet, bergen diese in der Theorie schier unendliche Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung.

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Der Schwierigkeitsgrad ist teils enorm. Ohne punktgenaue Blocks und Konterattacken geht hier gar nichts.
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Doch statt etwa den zweiten Zirkel der Hölle (Wolllust) als morbiden Alptraum aus erotischen und dennoch abstoßenden Phallussymboliken (Vergleiche: die Arbeiten eines gewissen H.R. Giger) zu entwerfen, also irgendetwas zu erschaffen, das nicht alltäglich im Videospiel des Jahres 2010 erscheint, beschränken sich die Entwickler auf stumpfe Einfälle, die wohl auch einem zwölfjährigen Pubertierenden als erstes eingefallen wären: halbnackte Dämoninnen mit dicken Titten. Schon traurig.

Wirklich einfallsreich werden die Herren hingegen immer dann, wenn es darum geht, irgendjemandem die rechte Gesichtshälfte abzuschneiden, halb verkohlte Sünder in zwei Hälften zu reißen oder den Bildschirm mit Blut zu besudeln. Es spritzt und trieft aus allen Poren, zwar niemals so grafisch wie in „Dead Space“ (vom selben Entwickler), dafür feiern hier andere Geschmacklosigkeiten ihre Premiere - ungetaufte Babys durften wir bisher jedenfalls noch nicht vermöbeln.

Kratos würde müde lächeln

Dass wir nicht mit Federkiel und Tinte gegen die höllische Dämonenbrut zu Felde ziehen oder diese in wortreichen Dichter-Battles per dreifachen Jambus zu Kleinholz reimen, war ja abzusehen. Aber irgendwie keimte da die leise Hoffnung, EA könnte anhand dieser monumentalen Vorlage etwas wahrhaft Großes, etwas Anderes erschaffen. Stattdessen wächst „Dante’s Inferno“ niemals über den Status „God-of-War-Abklatsch“ hinaus. Und das nicht einmal richtig gut.

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Auch kleinere Rätsel fehlen nicht, wirklich anspruchsvoll sind sie aber nie.
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Der Vergleich mit Sonys Kleinod liegt spielerisch natürlich auf der Hand. Tatsächlich funktionieren sogar dieselben Kombos wie im Vorbild. Auch sonst sind die Ähnlichkeiten mehr als nur frappierend: Tastenfolgen, Gameplaymechaniken, ja selbst ganze Szenarien und Kamerawinkel sind 1:1 aus der griechischen Göttermetzelei „entliehen“. Das ist natürlich reichlich frech und wenig originell, aber zumindest konsequent.

Problematisch wird dies jedoch ab jener Sekunde, in der auch der letzte Optimist realisiert, dass „Dante’s Inferno“ lediglich die Grundformeln wiederholt. Ohne eigene Impulse. Ohne eine einzige frische Idee. Was darüber hinaus fehlt, sind Momente, die uns atemlos in den Sitz pressen. Viel zu selten, z.B. während der raren, aber tollen Bosskämpfe oder ob manch atemberaubender Panoramen, dürfen wir staunen. Ansonsten ist schon der Prolog von „God of War 2“ spektakulärer als die gesamten, arg knapp bemessenen zehn Stunden in Dantes Höllenkreisen.

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Die Zwischensequenzen sind meist ebenso schnell vorbei, wie sie kamen, und entbehren jedweder Aussagekraft. Enttäuschend.
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Gegen Ende, namentlich im achten Zirkel der Hölle, leisten sich die Entwickler dann einen Design-Patzer, der unmotivierender kaum sein könnte: Statt noch einmal die große Spielspaßkeule auszupacken und mit cleveren Rätseln unseren Geist zu fordern, müssen wir uns durch zehn (!!) stumpf aneinander gereihte Arenakämpfe prügeln, für die sich Sonys Göttergemetzel selbst im Bonusmaterial zu schade wäre.

Besonders auf erzählerischer Ebene hat der drei Jahre ältere Vorzeige-Actioner die Nase weit vorn, von der genialen Charakterzeichnung ganz zu schweigen. Ja, Kratos war im Grunde ein ziemlich egozentrischer Dreckskerl – aber er hatte zumindest genügend Profil, um nicht gemocht oder eben verehrt zu werden. Dante hingegen war uns während seines gesamten Abenteuers reichlich egal.

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Im Verlauf des Abenteuers erlernen wir mächtige Zaubersprüche wie dieses Gottesschild.
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Die Ausgangsprämisse (Dantes Liebchen Beatrice wird vom Leibhaftigen in die Hölle entführt) gibt bis zum Schluss den Ton an, in den seltenen Zwischensequenzen sieht man Dante lediglich wie einen wild gewordenen Stier in die Kamera blöken: „Ich will Beatrice!“, „Wo ist meine Beatrice?“ oder auch mal schlicht „Beeattriice!!“. Würde man den Hauptcharakter durch einen Affen und oben beschriebenes Zitat durch „Kong will Bananen!“ ersetzen – glaubt uns, es würde kaum auffallen.

Bestrafe mich!

Und dennoch: Auch wenn man unseren Unmut ob der vielen verpassten Chancen herausliest, ist „Dante’s Inferno“ natürlich kein Totalausfall. Wie auch: Wer sich derart frech beim Genre-Primus bedient, erbt natürlich auch dessen Stärken: Die Action spielt sich entsprechend flott, die Kombos entbrennen ein echtes Optik-Feuerwerk auf dem Bildschirm und ein angenehm harter Schwierigkeitsgrad verzeiht keine Konzentrationslücken.

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Erlösen oder bestrafen? Die Wahl ist im Grunde egal, beide Talentbäume stärken unseren Charakter enorm.
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Dantes persönlicher Kreuzzug wird denn auch niemals langweilig. Unter anderem auch, weil sich letztlich doch ein kleines Feature eingeschlichen hat, das man nicht bereits von der Konkurrenz kennt. Immer wieder darf Dante nämlich in Kämpfen entscheiden, ob er die höllischen Dämonen erlösen oder bestrafen will. So sammeln wir helle/dunkle Seelen, die wir in zwei unterschiedlichen Talentbäumen für neue Skills ausgeben. Nicht spektakulär, aber witzig.

Die Steuerung gibt sich hierbei relativ unkompliziert, vor allem die Kamerapositionen sind erstaunlich gut gewählt. Einzig während mancher Quicktime-Events zickt Dante: Die Sensibilität der Tasten scheint vor allem beim Öffnen von Türen und Seelenschreinen völlig übersteuert, immer wieder bricht die Aktion trotz wildester Knöpfchendrückereien fleißig ab – das nervt.

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Mau: Das grafische Korsett erinnert an "God of War 2" - und das kam für die PS2.
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Richtig enttäuscht hat uns die Optik: Die Texturen sind häufig grobkörnig, nicht selten sogar unscharf, Kantenflimmern gibt es obendrein. Die Gesichtsanimationen sind steif, undynamisch und irgendwie „outdated“. Ja, solche Mimiken, deren Darstellungsspektrum sich schon mit einem beweglichen Unterkiefer erschöpft hat, waren schon 2005 nicht mehr ganz aktuell. Auch hier hat Kratos wieder die Nase vorn – trotz seiner alten Tage.