Es wäre klüger, die folgenden Zeilen nicht zu schreiben.Wurde doch ohnehin bereits fast alles gesagt, wozu weiter Öl ins Feuer gießen und sich dabei nur selbst in Brand stecken? Das wird jetzt also nicht ganz einfach, weder für euch noch für mich, doch es gibt Dinge, die gesagt werden müssen – und sei es nur, um dem eigenen Ärger Luft zu machen.

D4: Dark Dreams Don't Die - Launch Trailer

Streicht das, zumindest den letzten Teil. Ärger ist bereits eine Spur zu viel, mindestens zwei, drei Emotionslevel zu hoch gegriffen für D4: Dark Dreams Don't Die, ein Spiel, das bei mir allenfalls Verwirrung und schamhaftes Lachen hervorgerufen hat. Das Problem: Bei vielen anderen Kollegen sieht es völlig anders aus.

Nun ist es nicht so, als wären Meinungsverschiedenheiten zwischen Redakteuren eine außergewöhnliche oder gar schlechte Sache, ganz im Gegenteil – ihr als Leser solltet das am besten wissen. Wer einmal damit anfängt, seine Einstellung von der anderer abhängig zu machen, hat ohnehin ein ernstes Problem, doch wenn ich in Artikeln Aussagen wie „A hallmark of excellence“ lese, bin ich mir nicht sicher, ob wir noch vom selben Spiel reden.

D4: Dark Dreams Don't Die - Developers, don't do drugs

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Volle Zustimmung.
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Bereits mit Deadly Premonition zog der japanische Entwickler Swery den tiefstmöglichen Graben zwischen Testern auf aller Welt, wandelte mit seiner unzureichend umgesetzten Vision zwischen „Das beste Spiel aller Zeiten“ und „Was soll der Bullshit!?“. D4 lotete die Wertungsregionen diesmal nicht ganz so ausschweifend aus, erntet bisweilen mehr Lob als verständnisloses Kopfschütteln. Vielleicht, weil wir durch den geistigen Vorgänger ein Stück weit hierfür sensibilisiert wurden. Genauso wahrscheinlich ist jedoch, dass wir hinter diesem schrecklich antiquierten Vorhang schlichtweg mehr sehen wollen, als dort tatsächlich ist.

Dralle Damen drücken Daumen

Im Fall von Dark Dreams Don't Die verstecken sich dahinter eine Handvoll überzeichneter Videospielklischees, von denen ich gern behaupten würde, sie wären augenzwinkernd gemeint. Stattdessen scheint D4 auf mindestens einem Auge blind zu sein oder zumindest spastisch damit zu zucken, so genau lässt sich das nicht sagen.

Packshot zu D4: Dark Dreams Don't DieD4: Dark Dreams Don't DieErschienen für Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Es wirft euch in die Rolle eines unter Amnesie leidenden (Klischee #1) Privatdetektivs (Klischee #2), der nach der Ermordung seiner Frau (Klischee #3) in Selbstmitleid (Klischee #4) und Alkohol (Klischee #5) zerfließt, nachdem sie in seinen Armen gestorben ist (Klischee #6). Gemeinsam mit seinem leicht zwielichtigen Partner (Klischee #7) arbeitet er an der Aufklärung des nach wie vor ungelösten Falls (Klischee #8). „A hallmark of excellence“, richtig?

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Warum schleppt dieser Kerl eine Puppe mit sich herum? Warum kann der Hauptcharakter durch die Zeit reisen? Warum hat seine Katze die Gestalt einer jungen Frau? Warum spiele ich das überhaupt? WARUM!?
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Danach geht es um Zeitreisen, den Buchstaben D (zufällig beginnen fast alle Namen der Charaktere mit einem D – sehr tiefsinnig) und ab und zu sieht man auch mal eine schneeweiße Eule, die das erste einer nicht enden wollenden „Warum?“-Kette hervorruft. Kaugummis spielen ebenfalls eine große Rolle, zumindest kaut Detektiv David permanent auf einem herum, nur um in den unpassendsten Momenten Blase platzen zu lassen. Später wehrt er damit sogar anfliegende Messer ab und verklebt geplatzte Gasleitungen. Er ist so eine Art MacGyver des Kaugummikauens mit einem ernsten Stoffwechselproblem.

Klaubt er während seiner, nun ja, „Ermittlungen“ nämlich nicht gerade Erdnüsse zwischen alten Flugzeugsitzpolstern hervor oder kauft von einer Katze, die in seiner Wohnung als erwachsene Frau in einem Bikini dargestellt wird, keine leckeren Baked Beans, erleidet er binnen weniger Minuten einen Schwächeanfall. Dann zahlt ihr entweder 1.000 Credits oder habt Glück und das Spiel ist vorbei.

Dumme Downloads dürfen darben

Wer gelegentlich auf gamona vorbeischaut und bereits ein paar meiner Texte überflogen hat, dürfte ganz gut einzuschätzen wissen, wie ich zu analytischen Funktionsbeschreibungen stehe. Die folgenden Absätze sind deshalb die berüchtigte Ausnahme von der Regel und das auch nur aus dem pragmatischen Grund, weil D4 sich selbst besser demontiert, als ich es je könnte.

Absurdität allein macht noch kein spielenswertes Spiel. Dumm für D4, dass es abseits davon nicht viel zu bieten hat.Fazit lesen

Wie der Spielablauf konkret aussieht, wollt ihr wissen? Gut, dass ihr fragt.

Im chronisch unterzuckerten Körper David Youngs bewegt ihr euch auf Schienen durch sehr überschaubare Areale, wobei ihr euch jeweils im 90-Grad-Winkel dreht und anschließend den Bildschirm absucht abklickt. Das fühlt sich ein bisschen an wie bei Telltales The Walking Dead, nur beengter und um alle guten Eigenschaften berinigt. Viel zu finden gibt’s dabei zudem nicht; die meiste Zeit sammelt ihr lediglich Credits und Essbares ein, um eure Ausdauer zu regenerieren, die sich mit jeder, also wirklich jeder Aktion verringert. Lauft ein paar Schritte – die Ausdauer verringert sich. Sprecht mit jemandem – die Ausdauer verringert sich. Kratzt euch im Schritt – ihr wisst schon.

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Ein anständiger Klischee-Detektiv geht nicht ohne seine Klischee-Hosenträger aus dem Haus.
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Das ist nicht nur ein absolut nerviges Spielelement, sondern führt das Prinzip des Erkundens völlig ad absurdum, das eigentlich jedem Adventure innewohnt. Wozu sollt ihr jeden Winkel der tristen Umgebung auskundschaften, wenn ihr

a) jederzeit einen Fokus zuschalten könnt, der wichtige Ziele automatisch markiert
b) ihr abseits der für den Spielfortschritt relevanten Objekte nur Mist findet und
c) durch permanenten Ausdauerverlust bestraft werdet?

D4 streckt seine für ein Episodentitel üppige Spielzeit von vier bis fünf Stunden völlig ohne Not um das Doppelte, wenn ihr wirklich alles mitnehmen wollt. Es hetzt euch etwa eine vollbusige, paranoide Hypochonderin auf den Hals (die, und das meine ich ohne jede Übertreibung, noch zu einer der normalsten Personen gehört) und lässt euch in deren Auftrag erst alle klappernden Fenster, dann ein knappes Dutzend potenzieller Roststellen eines Flugzeugs untersuchen.

In der Theorie.

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Wollen wir wetten, dass David am Ende selbst der Mörder war?
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In der Praxis hetzt ihr mit dem Controller in der Hand oder Kinect vor der Nase stocksteif durch das Flugzeug, lauft ein Stück, dreht euch umständlich in eine der vier Richtungen, sucht den Bildschirm nach kleinen Symbolen ab und fahrt mit dem Cursor über eben jene. Gelingt euch das innerhalb des Zeitlimits mit jedem einzelnen, habt ihr die Nebenmission überstanden. Als Belohnung winkt kaum mehr Geld, als ihr nach der Rennerei für das Auffüllen eurer Ausdauerleiste ohnehin benötigt. Kurz darauf reist ihr (warum auch immer) durch die Zeit und trefft die geistig Umnachtete erneut. Der „Clou“: In dieser Zeitepoche kennt sie euch nicht, was für D4 Argument genug ist, euch dieselben Missionen noch einmal vorzusetzen. „A hallmark of excellence“, was?

Tun wir uns allen einen Gefallen und beenden das hier – viel mehr hat Dark Dreams Don't Die ohnehin nicht zu bieten. Nur weitere krude Minispiele, überdrehte Charaktere (und zwar nicht im guten Sinn, wie etwa bei der Phoenix-Wright-Reihe), eine pseudo-mysteriöse Handlung und die Erkenntnis, dass Swery selbst nach Deadly Premonition noch immer keinen Schimmer davon hat, wie ein modernes Spiel auszusehen hat.