Wie wir bereits zuvor festgestellt haben, gibt es eine recht klare Verbindung zwischen Cyberpunk 2077 und The Witcher 3: Wild Hunt – Ciri. Und das ist es. Mehr als einen Cameo werden wir höchstwahrscheinlich nicht bekommen; Cyberpunk 2077 wird kein The Witcher-Spiel werden, es wird nicht im Entferntesten daran erinnern, nicht in der Story, im Gameplay oder im Charakterdesign.

Ciri erzählt euch eine Geschichte über Metallköpfe und fliegende Schiffe – in Cyberpunk 2077:

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Es gibt ein Youtube-Video mit dem Namen “The Witcher 3 ist Cyberpunk 2077’s Problem” von Cleanprincegaming, das ihr hier sehen könnt. Nicht, dass ich es euch empfehle; es ist ein durchchoreographiertes, mit Phrasen und bekannten Informationen geflutetes Schnittwerk, das The Witcher 3 analysiert (oder versucht, zu analysieren) und mit diesen Informationen auf Cyberpunk 2077 schließt.

Ciri wird sehr wahrscheinlich einen Cameo-Auftritt in Cyberpunk 2077 haben.

Warum ich euch das erzähle? Weil das Video vor einigen Tage auf Reddit diskutiert wurde und mir, während ich durch die weiten Kommentar-Sümpfe stolperte, eines klar wurde: Jede Menge CD Projekt RED-Fans sehen in Cyberpunk 2077 ein neues The Witcher, und ärgern sich demnach auch über jeden Unterschied, den Cyberpunk 2077 zu The Witcher 3 aufweist.

Die Sache ist nur: Cyberpunk 2077 wird kein The Witcher-Klon werden. Und das ist sogar gut, in meinen Augen.

Erstens: Weil es nicht auf einem Buch, sondern auf einem Rollenspiel basiert

Auf dem Rollenspiel, und ja, ich weiß, ihr wisst, wovon ich spreche – Cyberpunk 2020 – aber wisst ihr das wirklich? Was das Genre Rollenspiel definiert, ganz besonders in der Videospielbranche, sind die Regeln von Pen & Paper-Spielen: Diese seltsam anmutenden Papierbögen mit lauter Zahlen und einem mit Bleistift skizzierten Männlein oder Weiblein in der Ecke, das sind die Mütter und Väter von den ersten Rollenspielen. Genauso wie von den großen Triple-A-RPGs, welche die letzten Monate über in unsere PCs und Konsolen gestolpert sind.

Jede aus Trailer und Gameplay herausgefilterte Information über die Story in Cyberpunk 2077 könnt ihr auch auf der alten P&P-Cyberpunk-Wiki nachlesen. So nahe und detailliert basiert das Spiel auf dem Pen & Paper-Werk. Schaut selbst, hier, hier oder hier.

Eine wichtige Regel dieser Urgestein-RPGs ist die Charakterkreierung: Ihr seid die Person oder das Wesen, das ihr immer sein wolltet, ihr bestimmt seinen Charakter, sein Aussehen, seine Hintergrundgeschichte, seine Stärken und Schwächen; die Zahlen kommen nur ins Spiel, damit ihr mit diesen Figuren tatsächlich spielen könnt, damit Regeln möglich werden. Wusstet ihr, dass in The Elder Scrolls 3: Morrowind auch noch gewürfelt wird? Oder überhaupt in jedem Spiel, das Zufallsmechaniken in sein System implementiert, was, wenn ich mich nicht irre, so gut wie jeder Titel muss. Zufallsmechaniken gelenkt durch die Stärken und Schwächen eures Charakters.

Ich will keinen Vortrag darüber halten, wie wichtig Pen & Paper-Spiele für unsere heutige Spielkultur sind (obwohl sie das sind), aber ich möchte euch zeigen, dass CD Projekt RED keineswegs [/i]zufällig[/i] bei ein paar Bier am Abend darauf gekommen ist, euch Charaktere erstellen zu lassen oder in die First-Person-Perspektive zu wechseln. Nein.

Artwork zu Cyberpunk 2020

Es geht höchstwahrscheinlich nicht einmal darum, “mal etwas Neues” auszuprobieren, sondern einfach nur um die Liebe und Hingabe zum Ursprung, zum Thema, das sich die Entwickler für ihr nächstes Spiel ausgesucht haben. Deswegen wird es eine komplexe Charaktererstellung geben und deswegen wird CD Projekt RED euch im Spiel, so gut es ihnen möglich ist, alle Optionen zur Individualisierung offenlassen. Wie hätte das bei einem The Witcher funktioniert? Bei einem Spiel, ja, auch einem Rollenspiel, das aber auf einer bereits niedergeschriebenen Geschichte basiert? Gar nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie dem Thema treu bleiben wollten, und das wollten sie.

Zweitens: Weil der Schauplatz in der Zukunft existiert

Wie wir alle wissen, spielt Cyberpunk 2077 (sowie alle anderen Cyberpunk-Geschichten) in einer dystopischen Zukunft; einer Zukunft, die übertechnologisiert und gefährlich ist. In einer Stadt, Night City, welche die Kontrolle verloren hat, beherrscht von monopolartigen Konzernen, Gangs und anderen zwielichtigen Wesen. Was glaubt ihr, welche Art von Waffen an diesem Ort vornehmlich benutzt werden?

Mit den Klingen werdet ihr euch klettern können.

Knarren natürlich. Und ja, es gibt auch Schwerter – ein Katana, wie CD Projekt RED bestätigt hat – sowie implantierte Klingen, die ihr aus den Armen fahren könnt (Wolverine-like), aber Schusswaffen sind hier ein großes Thema. Ihr wollt nicht wirklich einen Shooter in der Third-Person-Perspektive? Das ist schon möglich, aber ist das schön?

Der Wechsel in die First-Person-Perspektive wird noch andere Gründe haben. Und auch die hängen mit der Erstellung eines individuellen Charakters zusammen: First-Person oder Third-Person ist nicht nur eine Sache des Geschmack (auch, aber nicht nur); die Sicht auf den Charakter macht genau das – es lässt euch den Charakter sehen. Es zeigt euch eine Figur, die ihr zwar steuert, aber die ihr nicht wirklich seid. Nein, ihr folgt ihr nur und seht ihre Geschichte, wie ein Zuschauer, der zwar lenkt, aber nicht ist. Cyberpunk 2077 erzählt nicht die Geschichte einer Figur, sondern schreibt eure Geschichte.

Wie in der The Elder Scrolls-Reihe (nicht online) spielt ihr euch selbst oder auch einen Charakter, der ihr sein wollt, was womöglich nicht einmal ein Unterschied ist. Deswegen werdet ihr Night City aus den Augen dieses Körpers sehen, denn es ist euer Körper, eure Figur.

Cyberpunk 2077: Es gibt gute Gründe, warum die First-Person-Perspektive und eine individuelle Charaktererstellung implementiert wurden.

Drittens: Weil auch das Gameplay eine Geschichte eine erzählt

So einfach ist es gar nicht, eine gute Geschichte zu erzählen – egal in welchem Medium, ob nun im Buch, im Film, in der Musik oder im Spiel. Wichtig dabei ist oft, vielleicht auch immer, das Medium selbst mit einzubeziehen. Würdet ihr dieselbe Geschichte im Buch genauso erzählen wie im Film? Nein, denn das geht zunächst einmal nicht, und es ist auch nicht weise.

Die Form ist eine wichtige Konstante. Schreibt ihr also eine Horrorgeschichte, müsst ihr euch generell fragen, welche Art von Schnitten (Film), welche Art von Absätzen (Buch), welche Perspektive (Spiel) werdet ihr benutzen. Passt sie zur Geschichte? Erzählt sie das, was ihr im Kopf seht, mit?

Das sind die Dinge, die wir als Konsumenten zumeist gar nicht bemerken. Wir sehen und spüren, dass es Spaß macht, dass ein Spiel sich ‘rund’ anfühlt und es schafft, uns in seine Welt zu schleifen. CD Projekt RED sind Meister in diese Disziplin und das, schließlich, ist der Grund, warum sie Cyberpunk 2077 niemals mit denselben Mitteln wie The Witcher 3: Wild Hunt erzählen können, ohne dem Spiel seine Identität, seine Stärke zu nehmen. Während wir kein Cyberwitcher erhalten werden, sollten wir also vor allen Dingen froh darüber sein: Denn es wäre ein schlechtes Spiel gewesen.

Nicht den Kopf hängen lassen, Punks

Um das Ganze ein wenig zu relativieren: Nicht alles wird anders. Es steckt sehr wahrscheinlich ein Großteil derselben Autoren hinter den Geschichten; sie werden gut geschrieben, menschlich und dramatisch sein, ebenso wie die Welt wohl auch von derselben Armee an Designern entworfen wird (in derselben aufgepimpten Engine) und – nun, das habe ich schon halb erwähnt, aber um es auf den Punkt zu bringen: Wenn sich CD Projekt RED ebenso leidenschaftlich in die Lore des Themas begeben, mit einer ebenso fantastischen Liebe zum Detail, dann dürfen wir uns auch hier auf ein beinahe perfektes Spiel – wie der YouTube-Junge es im Video oben formuliert – freuen, das sicher nicht nur ‘beinahe’ perfekt auf das unterliegende Thema zugeschnitten sein wird.

Wisst ihr mehr über Cyberpunk in anderen Medien, kennt ihr auch die Welt von Cyberpunk 2077 besser. Also, darf ich vorstellen: Philip. K. Dick, Ghost in the Shell und mehr:

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Ich fühle mich wie ein dickköpfiges, beleidigtes Kind, wenn ich den neuen Cyberpunk-Trailer sehe und denke, “Nein, ich will keinen Shooter!” Neinneinnein! Umso schöner der Moment, als mir klar wurde, dass es wohl seine Gründe hat – die ganze Sache mit den Waffen und der Perspektive. Gründe, die über meine eigenen Vorlieben hinausgehen und mich womöglich dazu bringen werden, eine Ausnahme für Cyberpunk 2077 zu machen. Deswegen wollte ich diese Gedanken mit euch teilen. Nur für den Fall, dass es euch ähnlich geht.