Rückblende ins Jahr 1995: Der Autor dieser Zeilen saß damals wie ein Kleinkind im Spielwarenladen mit weit aufgerissenen Augen vor seinem topaktuellen Pentium 90 und bestaunte das frisch erworbene Command & Conquer. Im Speziellen die - für damalige Verhältnisse - revolutionären Zwischensequenzen. Damals orakelte er noch ehrfürchtig: „In zehn Jahren wird so etwas auch in Echtzeit möglich sein.“

Nun ja, nicht ganz. Heute, mehrere Grafikgenerationen und Prozessorkerne später, wissen wir, dass die Qualität der filmischen Intros von früher heute niemanden mehr vom Hocker hauen würde. Stattdessen ist die Zeit des Fotorealismus endgültig angebrochen. Ihr Vorreiter heißt Crysis und präsentiert ein Abenteuer auf dem PC, das die Welt in dieser Form noch nicht gesehen hat.

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Wo bitte geht’s zum Strand?

Wow! Selbst als vermeintlich abgebrühter Spieleredakteur mit überdurchschnittlichem Redefluss verschlägt es einem nach dem Crysis-Start für mehrere Minuten die Sprache. Sicher, über die grafische Finesse des neuesten Crytek-Meisterwerks wurde im Vorfeld schon hinreichend berichtet, dennoch muss man erstmal verarbeiten, was sich da auf dem Bildschirm tut. Denn Crysis ist nichts weniger als eine Grafik-Revolution.

Crysis - Zucker für die Augen, Pfeffer für die Hardware: Crysis setzt neue Shooter-Standards.

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Unfassbar: Diese Screenshots lassen sich kaum noch von echten Fotos unterscheiden.
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Euer Abenteuer beginnt auf einer malerischen Insel im südchinesischen Meer - nicht irgendeiner Insel, sondern auf dem wohl lebendigsten Eiland der Spielegeschichte. Jedes einzelne Blatt an den Bäumen und Sträuchern wurde aufwändig per Hand modelliert, die Steinformationen am Strand sind von ihren realen Pendants kaum noch zu unterscheiden, über Allem liegt ein mild-goldener Schleier aus realistisch berechneten Sonnenstrahlen.

Wirklich förderlich für den Spielfortschritt ist das jedoch nicht: Oft genug blieben wir einfach stehen und ergötzten uns an der wunderschönen Postkarten-Idylle, blickten auf schier endlose Panoramen oder drehten uns wild im Kreis, um die Reaktion des virtuellen Mondlichtes auf unseren Waffen zu beobachten – und wurden dann hinterrücks von Koreanern überwältigt, die unsere Unaufmerksamkeit ausnutzen.

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Apfel-Popos und Fußball-Rowdys

Moment mal. Koreaner? Insel? Worum geht’s hier eigentlich? Gute Frage, denn viel mehr als ein paar Eckdaten verrät euch Crysis zunächst nicht. Was klar ist: Die Koreaner haben eine amerikanische Forschungsbasis auf einer entlegenen Insel infiltriert, die Wissenschaftler gekidnappt und beanspruchen deren Fund nun für sich. Den Rest müsst ihr allein herausfinden. Dieser „ihr“ ist in diesem Fall ein Mitglied der Special Tactic Forces und hört auf den Codenamen „Nomad“.

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Ganz toll: Die Charaktere wirken in Gestik und Mimik beinahe menschlich.
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Entgegen seiner Namensgebung ist Nomad aber kein Einzelgänger, sondern trifft am Ort des Geschehens mit vier Kollegen ein: Da wäre z.B. Prophet, der Anführer eurer Einheit, oder der stoische Psycho, der eher an einen englischen Fußball-Raufbold erinnert. Wie im Genreprimus Half Life 2 haben alle Nicht-Spieler-Charaktere eine eigene Persönlichkeit, die durch eine extrem glaubwürdige Mimik unterstützt wird.

Crysis kann man nicht beschreiben, man muss es selbst erleben: Doch trotz konkurrenzloser Präsentation fehlt der Aha-Effekt.Fazit lesen

Helena Rosenthal, die Tochter des Forschungsleiters, hat sogar einen wesentlich süßeren Apfel-Popo als Gordon Freemans bessere Hälfte Alyx, ist dabei aber mindestens so wortgewandt. Schön auch, dass die deutsche Synchronisation stets treffend ist und mit gut gewählten Sprechern punktet. Auch Nomad selbst ist ziemlich gesprächig. Er verzettelt sich in Gespräche mit seinen Kameraden, kommentiert bissig manche Kampfhandlungen oder stößt in gruseligen Momenten ein erschrockenes „Whoa, was war das?!“ aus. Klasse, so funktioniert Charakterbindung.

Gefahr im Anzug

Doch zurück zu unserer Mission. Schnell wird nämlich klar, was das „spezielle“ an der kleinen Special-Forces-Einheit ist: Im Jahr 2020 werden Soldaten mit so genannten Nanosuits ausgerüstet. Dieser Superanzug wärmt nicht nur bei extremer Kälte oder versorgt euch unter Wasser mit Sauerstoff, sondern verleiht auch eine ganze Palette cooler Fähigkeiten, die das Überleben leichter machen und spielerisch neue Akzente setzen sollen.

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Über dieses genial-einfache Menü wählt ihr eure Nano-Fähigkeiten.
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Klingt toll – in der Theorie. In der Praxis nutzt ihr diese Fähigkeiten aber viel zu selten. Am Nützlichsten ist da noch das Panzerungs-Upgrade. Ist dieses aktiviert, werden sämtliche Treffer zunächst von eurer Anzug-Energie abgezogen – unverzichtbar wenn ihr das Spielende noch vor Weihnachten sehen wollt. Die zweite wichtige Fähigkeit ist der Tarnmodus. So versteckt räumt Nomad die Gegner beinahe unbemerkt aus dem Weg. Leider verbraucht sich die Energie viel zu schnell, als dass man die Tarnung optimal ausnutzen könnte.

Die anderen Fähigkeiten gehen hingegen völlig unter. Der Stärke-Modus bringt spielerisch kaum Vorteile und kommt nur an bestimmten von den Entwicklern vorgesehenen Stellen zum Einsatz. Die Schnelligkeitsfähigkeit nutzt man meist nur, um größere Laufwege abzukürzen. In der Hitze des Gefechts ist die Panzerung sowieso die bessere Wahl. Gelungen ist hingegen, dass man sämtliche Fähigkeiten mit einem einzigen Klick ganz leicht aktivieren kann.

Ungleichgewicht der Kräfte

„So ein Anzug ist schon was Feines, kann ja nix passieren“, denken wir uns noch und stürzen uns mit Nomad und Anzug völlig sorglos in die Schlacht. Keine zehn Sekunden später liegen wir im virtuellen Staub. Der Grund ist in den meisten Fällen einer der schlauen KI-Gegner. Die koreanischen Truppen umzingeln uns, suchen selber Deckung oder rufen nach Verstärkung. Allerdings hat die KI immer wieder kleine Aussetzer: Ab und an stellt euer Gegenüber den Betrieb einfach ein und steht regungslos herum. Peinlich.

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Verschwimmt der Bildschirm, ist es meist selbst für einen Rückzug zu spät.
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Da die Aggressoren jedoch nie allein auf den Plan treten, kommt man ziemlich oft ins Schwitzen. Viel schlimmer ist jedoch die unausgewogene Balance: Die Gegner halten unglaublich viel aus, Nomad hingegen steckt viel zu wenig ein. Trotz Nanosuit hat man so nie das Gefühl der Überlegenheit, sondern rennt oft einfach davon.

Ein Ungleichgewicht, das gerade in späteren Levels erheblich nervt: Spätestens wenn die Aliens sich in die Gefechte einmischen, werden die Missionen nämlich richtig haarig. Die fliegenden Dinger sind selbst mit den stärksten Waffen kaum klein zu kriegen und erscheinen meist in mehreren Wellen. Einige Passagen arten so in ödes Dauergeballer aus: Drei Gegner ausschalten, durchatmen, die nächsten Gegner aufs Korn nehmen.

Eis und Glibber

Moment! Aliens? Wie denn jetzt? Ganz einfach: Die Entdeckung der Wissenschaftler entpuppt sich schnell als außerirdisches Raumschiff, welches über Jahrhunderte tief unter der Insel verborgen lag. Besonders gelungen ist dabei die geniale Einführung der glibberigen Jungs. Ohne zuviel verraten zu wollen: Nomads Ausflug in das fremdartige Mutterschiff erinnert in Punkto Spannung und Inszenierung an die frühen Alien-Filme.

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Ultra-atmosphärisch und spannend zugleich: Der Ausflug ins Alienmutterschiff.
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Kurz darauf bricht auf der einst saftig begrünten Tropeninsel die Hölle los – bzw. das Eis. Mehr spoilern wollen wir an dieser Stelle nicht, die folgenden Kapitel sollte man unbedingt selbst erleben. Nur soviel: Ab der Hälfte des Spiels gewinnt Crysis noch einmal deutlich an Atmosphäre und Tempo, auch die Missionen werden merklich spannender – Adrenalin-Kino vom Feinsten.

Apropos: Was die Crytek-Mannen in ihrem zweiten Projekt abbrennen, würde sich auch bestens für die große Kinoleinwand eignen. Immer wieder vertiefen filmreife Skript-Sequenzen die hübsch Klischee triefende Story, die man so selbst in Hollywood-Blockbustern noch nicht gesehen hat. Die Szene, in der scheinbar in Kilometer weiter Ferne am Horizont ein Berg in Stücke bricht und Teile des Alienartefaktes zum Vorschein kommen, rechtfertigt allein den Crysis-Kauf.

Es lebt!

Hinzu kommen geniale Effekte, die oft sogar erst auf den zweiten Blick auffallen: Dreht ihr die Sicht ruckartig zur Seite, verzerrt ein Bewegungsunschärfe-Filter das Bild. Steht ihr in extrem kalten Regionen zu lange regungslos herum, bilden sich Eiskristalle auf dem Schirm eures Helms, Raureif überzieht die Waffe. Bei Regen perlen die Tropfen von eurem Visor, in Gefechten spritzt ab und an etwas Blut dagegen.

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Selbst in Fahrzeugen nehmt ihr hin und wieder Platz.
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Zusammen mit der dichten Vegetation und extremen Weitläufigkeit ergibt sich so das wohl lebendigste und realistischste Spielgefühl, das wir je in einem Shooter hatten. Großen Anteil daran hat auch das einzigartige Körpergefühl: Klettert Nomad eine Treppe hinauf, stützt er sich kurz ab, um wieder auf die Beine zu gelangen. Waffen hebt er stets per Hand auf. Einfach drüber laufen und Munition einsacken gibt es hier nicht.

Und dann diese Physik: Nomad liefert sich ein Feuergefecht im dichten Dschungel. Um ihn herum stürzen Bäume und Sträucher bei Beschuss um. Wir ziehen uns in eine Blechhütte der Koreaner zurück. Doch eine Granate zerstört den Traum vom Eigenheim: Physikalisch korrekt bricht das Haus spektakulär in sich zusammen – wir stehen wieder in freier Wildbahn. Auch hier beschwört Crysis den Pfad der Unaufdringlichkeit: Ohne groß mit dem Finger darauf zu zeigen, ist die Physik einfach Teil der Welt.

Technisches Foul

Während unseres Tests hatten wir übrigens mit äußerst widrigen Umständen zu kämpfen. Auf einem Testsystem produzierte Crysis (trotz modernster Hardware und neuester Grafikkartentreiber) immense Texturfehler, die das Spielen stark erschwerten. Ein zweites System blieb davon jedoch verschont. Scheinbar ist die Kaufversion noch nicht hundertprozentig leistungsoptimiert. Außerdem kam es wiederholt zu Abstürzen.

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Solche Texturfehler kamen uns des Öfteren unter - allerdings nicht auf jedem Testrechner.
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Ein Beispiel für den extremen Hardwarehunger: Trotz durchweg guter Performance brachen die Frameraten auf unserem Testrechner (Quad Core Extreme 6800, Geforce 8800 GTS, DX9) in manchen Levels gelegentlich völlig zusammen. Das Resultat: Standbild. Rechner Nummer zwei (Dual Core, 7900 GS) stieß hingegen schon bei mittleren Grafikdetails an seine Grenzen. Wer Crysis also halbwegs genießen möchte, sollte schon eine echte Höllenmaschine von PC sein Eigen nennen.

Der Multiplayer-Modus ließ sich zum Zeitpunkt dieses Review übrigens nicht testen und fließt daher auch nicht in die Wertung mit ein. Mit dem Powerstruggle-Modus, einer Mischung aus Battlefield- und Counterstrike-Elementen, scheint dieser aber ebenso qualitativ hochwertig zu sein wie die Einzelspieler-Kampagne.