Falls Klimakatastrophologen recht behalten, wird Spielen wie Cryostasis schon in einigen Jahrzehnten die inhaltliche Grundlage entzogen. Sollte das Eis am Nordpol weiterhin dahin schmelzen, wird man keine Abenteuer mehr im ewigen Eis erleben können, wo Eisbrecher aus unbekannten Gründen verloren gehen und merkwürdige Vorkommnisse für das Verschwinden der Mannschaft verantwortlich gemacht werden können.

Vermutlich werden wir dann im Deich-Simulator 4.0 versuchen, die bereits untergegangenen Niederlande zu retten oder erkunden in Bioshock 17 die Überreste von Bangladesh. Bis dahin aber können uns Ego-Thriller wie Cryostasis den unerbittlichen Horror eines Eis-Dramas näher bringen...

Cryostasis: Sleep of Reason - Trailer: GC 2008

Ich möchte ein Eisbär sein...

Damit sind wir jedoch nicht beim Eistanz angelangt, wo sich Konkurrentinnen bisweilen Eisenstangen an die Beine kloppen. Handgreiflich und sehr rustikal geht es allerdings auch in diesem Titel des ukrainischen Entwicklers Action Forms zu. Doch wer jetzt ein rasantes Action-Feuerwerk erwartet, hat entweder die ersten Zeilen nicht gelesen (Eis! Eis! Baby!) oder stellt sich unter einer Eishölle etwas anderes vor als ich.

Cryostasis: Sleep of Reason - Schockgefroren: eiskalter Horrorthriller mit Gänsehaut-Garantie

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Im ewigen Eis erwartet den Spieler Schauriges.
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Aber im Ernst: Cryostasis geht die Sache wirklich sehr betulich an und kommt im gesamten Spielverlauf nur sehr schwer in die Gänge. Alles wirkt sehr schwerfällig: von den lahmarschigen Bewegungen des Hauptakteurs Alexander Nesterov über die einfältig dahinschlurfenden Kreaturen bis hin zur wirren und kaum in die Gänge kommende Story.

Gegen eine gemächliche Erzählweise ist an sich nichts einzuwenden, doch wenn diesem Prinzip alle Mechanismen des Spiels untergeordnet werden, geht einfach der Pepp verloren, das Überraschungsmoment gefriert genauso wie der Protagonist, wenn dieser sich nicht regelmäßig wärmt.

...im kalten Polar

Um den mysteriösen Vorfällen an Bord der "Nordwind" auf die Spur zu kommen, die bereits seit Jahren im Eis begraben liegt, setzt sich unser Held den widrigen Naturgewalten aus. Kälte dominiert daher als bedrohendes Element, nur über Wärmequellen wie Lampen, glühende Holzscheite oder laufende Maschinen stellt ihr eure Lebenskraft wieder her. Doch nicht nur die frostigen Temperaturen setzen euch zu, immer wieder werdet ihr bei eurem Irrlauf durch den Schiffsleib von mehr oder weniger humanoiden Kreaturen angegriffen.

Cryostasis: Sleep of Reason - Schockgefroren: eiskalter Horrorthriller mit Gänsehaut-Garantie

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Ihr könnt die Seele dieses Seemanns retten...
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Die Entwickler setzen hier stark auf Schock- und Überraschungsmomente, oft läuft man durch ein Halbdunkel und kann nur die Konturen seiner Umgebung wahrnehmen. Der schwache Schein einer alten Taschenlampe spendet dabei eher Trost, als Licht ins ungewisse Dunkle zu bringen. Das bizarre Umfeld muss sich eigentlich gar nicht vor dem Tageslicht verstecken. Zwar haben die Macher keine Top-Grafik abgeliefert, überzeugen können jedoch immer wieder sehr gute Partikel- und Wassereffekte, und auch einige hübsche Texturen lassen sich bisweilen erspähen.

Damit übertünchen die Entwickler bisweilen das triste Umfeld, wo sich viele Gänge und Räume einander stark ähneln. Wäre der Spielablauf nicht so linear, würde man sehr schnell die Orientierung im klaustrophobischen Inneren des Eisbrechers verlieren.

Cryostasis: Sleep of Reason - Schockgefroren: eiskalter Horrorthriller mit Gänsehaut-Garantie

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...wenn ihr eine kleine "Zeitreise" unternehmt und dabei Fehler korrigiert.
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Cryostasis steht sich dabei häufig selbst im Wege. Gelingt es auf der einen Seite mit einfachen Mitteln eine vortreffliche Atmosphäre der Einsamkeit, der Bedrohung, der Kälte aufzubauen, wird man auf der anderen Seite immer wieder aus der Bahn geworfen. Die Geschichte soll mehrgleisig fortgeführt werden, und so werdet ihr ständig mit Flashbacks konfrontiert, die euch das Mysterium näher bringen sollen.

Cryostasis ist ein eiskalter Ego-Thriller, der sich bisweilen selbst ausbremst.Fazit lesen

Ihr werdet dabei Zeuge von Ereignissen, die bereits Jahre zurückliegen. Ihr schlüpft sogar mithilfe einer „Mental-Echo-Fertigkeit“ in die Perspektive der handelnden Personen und könnt ihre Fehler korrigieren. Sofern man die gestellten Aufgaben erfolgreich löst, rettet man die Seelen der Verstorbenen und ermöglicht gleichzeitig das Vorankommen im Spiel.

Als Bonus erhält man zusätzliche Verbesserungen und kann beispielsweise besser sprinten. Insgesamt wirkt der Spielablauf aufgrund des zerrissenen Erzählstils sehr unruhig und zusammenhangslos. Möglich, dass auch die Buchvorlage (Maxim Gorky) ähnlich verworren ist. Cryostasis tut dieser Aufbau jedenfalls nicht gut.

Zurück in die Vergangenheit

Im Vergleich zur fahrigen Story wirkt der behäbige Rest sehr monoton. Das beginnt beim stringenten Leveldesign und reicht bis hin zu kaum spannenden Kämpfen gegen die langweiligen Widersacher. Munition und Waffen sind hier zunächst seltener als in Resident Evil, daher müsst ihr euch gezwungener Maßen meist in Nahkämpfen gegen ein bis zwei daherschlurfende Kontrahenten zur Wehr setzen. Dabei kommt man sich jedoch eher wie ein Preisboxer vor, der kräftige Hiebe verteilt, selber jedoch nur wenig einstecken kann.

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Ein Yeti ist das wohl kaum.
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Dummerweise kann man erstens aufgrund der geringen Beweglichkeit der Spielfigur Attacken schlecht ausweichen und zweitens wegen der engen Räume kaum weglaufen. Im Gegenzug erweisen sich die KI-Recken als ziemlich dumm, sie folgen stets festen Schemata und sind dadurch einfach auszurechnen. Erst später darf man häufiger zur Wumme greifen, doch viele könnten bis dahin bereits dem Gefrierschrank entflohen sein.

Wenn man nämlich nicht gerade mit diesen zähen Auseinandersetzungen beschäftigt ist oder eine "Zeitreise" unternimmt, bahnt man sich einen Weg durch das überwiegend vereiste Wrack, legt hier einen Schalter um, setzt dort eine Maschine in Betrieb. So richtig inspiriert wirkt das letztendlich nicht und auch der Sinn der eigenen Tätigkeiten erschließt sich nicht immer. Häufig gelangt man an Trial & Error-Passagen, bei denen man eine Tür entweder beim ersten Mal öffnet oder eben erst nach dem fünften Mal rafft, was eigentlich verlangt wird.

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Die eisige Kälte ist euer ärgster Feind.
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So orientierungslos wie wir in vielen Momenten, waren scheinbar auch die Spielarchitekten, die uns mit so wenigen Infos wie möglich versorgen und dafür sorgen, dass wir so hilflos umhertapsen wie ein blinder Bär. Spannung kommt trotz der meist stimmigen Atmosphäre nur selten auf und auch das Ende entschädigt nur bedingt für die eiskalten Strapazen.