Mit Counter-Strike (CS) bringen verschiedene Gruppen und Generationen unterschiedliche Dinge in Verbindung: E-Sportler denken an Taktik und Teamgeist, deren Eltern vielleicht an abnehmende Schulleistungen ihres Nachwuchses und Politiker, die denken wohl häufig an „Killerspiel“. Heuer wird das Kultspiel zehn Jahre alt: ein Rückblick.

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Minh Le und Jess Cliffe heißen die Schlüsselfiguren des Spiels, das bis heute Gamer auf der ganzen Welt begeistert. Als die beiden am 19. Juni 1999 die erste Beta-Version von Counter-Strike ins Netz stellen, haben sie bereits eine Menge Arbeit und Le zudem viele Stunden seines Studiums in die Half-Life-Mod gesteckt. Bis zu 20 Stunden pro Woche verwendet Minh „Gooseman“ Le, ein Kanadier mit vietnamesischen Wurzeln mit der Programmierung von CS. Sein Partner Jess Cliffe heuert Helfer an und kümmert sich um die Webseite.

Counter-Strike - Happy Birthday! 10 Jahre Counter-Strike

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CS begann als Mod und wurde später Half-Life 2 beigelegt.
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Minh Le ist in der Szene kein Unbekannter. Er hat mit „Navy SEALs“ schon eine Einzelspieler-Mod für Quake auf seiner Vita und arbeitet an „Action Quake 2“. Doch Le will etwas Neues, er entwickelt Ideen für Counter-Strike. Für welches Spiel er es programmieren wird, ist zunächst nicht klar. Aber es gibt kaum Alternativen: Neben Quake 2 kommen nur Sin und Half-Life infrage. Da der Valve-Shooter eine leicht veränderte Version der Quake-Engine verwendet, liegt die Entscheidung für Le auf der Hand.

Als Half-Life im November 1998 auf den Markt kommt, wird es in der Fachpresse vor allem wegen seiner Einzelspieler-Kampagne gepriesen. Doch Les Leidenschaft ist der Mehrspieler-Modus. Er fängt an, Models zu erstellen. Im April 1999 stellt Valve sein Software Development Kit online, der Student programmiert über knapp zwei Monate die erste Betaversion. Sie ist etwa zehn Megabyte groß, enthält vier Karten und neun verschiedene Waffen.

Zwei Monate Programmierzeit

Inoffizieller Vorgänger von Counter-Strike ist der Teamplay-Modus des „Action Quake 2“-Mods – sagte Le in Interviews. In der Tat ähneln sich die Spielprinzipien: zwei Teams, mehrere Runden und realistische Schauplätze. Der Schauplatz bleibt auch bei CS relativ einfach – Gut gegen Böse, Terroristen gegen Counter-Terroristen, mit neutralen Geiseln dazwischen. Auch beim Game Design drehen Minh Le und Jesse Cliffe an den Stellschrauben. Sie entscheiden sich gegen das gängige Prinzip des Waffenaufsammelns. Bei CS wird die Kampfausrüstung zu Beginn jeder Runde gekauft – außer, der Spieler hat die vorangegangene überlebt. Eine Kombination, die süchtig macht.

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Counter-Strike brachte Takik und Teamplay ins MP-Genre.
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Süchtig ist wohl auch eine kleine Community, die nach Veröffentlichung der Beta 1 permanent Rückmeldung an das CS-Team gibt. Es gilt viele Bugs auszumerzen, die häufig das Spiel komplett zum Absturz bringen. Es ist eine harte Probe für Le und Cliffe, doch sie beißen sich durch und legen ein schier unglaubliches Release-Tempo vor. Innerhalb eines halben Jahres erreicht der Mod die Version 5.0, nur drei Monate später 6.0. Zu diesem Zeitpunkt entwickelt sich CS vom Geheimtipp zum Phänomen.

Valve engagiert die CS-Macher

Valve entgeht die Popularität des Mods nicht und einigt sich im April 2000 mit den beiden Köpfen hinter Counter-Strike über eine Zusammenarbeit, im November 2000 beenden Le und Cliffe die Betaphase und stellen Version 1.0 bereit. Der Team-Shooter hat derweil die Konkurrenz längst hinter sich gelassen und ist das meistgespielte Multiplayer-Game im Internet – bis heute. Während dieser Artikel geschrieben wird, reicht ein Blick auf die Gamespy-Statistik, dass CS inklusive seiner Ableger (Condition Zero, Source) momentan mit fast 80.000 Spielern auf über 9000 Servern klar an Nummer eins der Multiplayer-Titel liegt – viermal so viel wie beim dahinter liegenden Call of Duty 4 mit knapp 20.000.

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Erst Fans, dann Profis: Valve engagierte die CS-Macher.
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Auch die Zahlen machen die noch immer vorherrschende Dominanz von Counter-Strike deutlich: Fast zehn Millionen Mal gingen die drei Verkaufsversionen bis Ende 2008 über die Ladentheke – Käufe über Steam nicht mitgerechnet. Zudem war der Mod lange Zeit als Gratis-Download verfügbar. Inzwischen hat die originale Counter-Strike-Version zehn Jahre auf dem Buckel. Als letzte Version des ersten CS wurde 2003 Nummer 1.6 veröffentlicht. Seitdem läuft CS nur noch über Steam-Authentifizierung, Fixes werden ohne neue Versionsnummer installiert.

Doch nicht nur Spieler- und Verkaufszahlen betreffend ist Counter-Strike das populärste Multiplayer-Spiel überhaupt. Als im September 2001 die beiden Flugzeuge ins World Trade Center fliegen, schaut die ganze Welt auf New York – und „Terrorist(en)“ wird zum vielleicht meistgenutzten Wort der folgenden Jahre. Das zwei Jahre alte Counter-Strike ist zu diesem Zeitpunkt bereits der bekannteste Online-Shooter, bekommt aber durch 9/11 und die folgenden Ereignisse eine erschreckende Aktualität.

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Nach 9/11 bekam der Kampf gegen den Terrorismus eine neue Bedeutung.
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Spätestens als der 19-jährige CS-Fan Robert Steinhäuser im April 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium erst 16 Personen und dann sich selbst tötet, wird das Spiel in der gesamten Öffentlichkeit wahrgenommen. „Es gibt keine negative Presse“, lautet ein Merksatz aus der Werbung. Das gilt auch für Counter-Strike, dessen Spielerzahlen weiter ansteigen.

Breitensport der Videospiele

Wer verstehen will, warum Counter-Strike so populär ist, der muss sich mit zwei Begriffen beschäftigen. Zunächst mit E-Sport, an dessen positiver Entwicklung das Teamspiel maßgeblich beteiligt war und weiterhin ist. Seit Jahren gibt es bei CS-Turnieren mit Abstand die höchsten Preisgelder der gesamten Szene zu holen, im vergangenen Jahr insgesamt etwa eine Million Euro.

Counter-Strike hat wettbewerbsorientiertes Zocken die Anerkennung der jüngeren Generationen eingebracht. Fast jeder versteht inzwischen auf dem Schulhof oder in der Universität, was es heißt, ein „Clanmatch“ oder einen „Clanwar“ zu bestreiten. Es ist eine neue Art der Freizeitbeschäftigung, der Breitensport der Videospiele.

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Feindbild CS: Nach den Amokläufen von Emsdetten und Winnenden geriet der Shooter in die Kritik.
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Der zweite Schlüssel liegt in der Debatte um so genannte Killerspiele. Noch immer erregt kein Titel in der Öffentlichkeit mehr Emotionen als Counter-Strike. Wer selbst regelmäßig die Maus in die Hand nimmt und mit Messer und Sturmgewehr Terroristen jagt, ist in den meisten Fällen weniger kritisch eingestellt als Vertreter der älteren Generationen; Eltern, Lehrer und Politiker. Die stehen dem virtuellen Treiben ihres Nachwuchses oftmals skeptisch gegenüber.

Neuen Brennstoff hat die Diskussion um Counter-Strike nach dem Amoklauf von Winnenden erhalten. „Durch Killerspiele sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt“, sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kürzlich gegenüber Welt Online, denn Amokläufer hätten sich vor ihrer Tat immer wieder mit solchen Spielen beschäftigt. Beweise für einen direkten Zusammenhang? Die gibt es nicht.

Counter-Strike im Zentrum der Kritik

Dass Counter-Strike im Zentrum der Kritik steht, ist wegen seiner flächendeckenden Verbreitung unter Jugendlichen und Heranwachsenden auf der einen Seite nachvollziehbar. Damit einher geht auf der anderen jedoch eine exemplarische Funktion des Shooters für eine gesamte Generation Computerspieler. So sprachen sich die Junge Union, Talentstall der konservativen CDU, sowie der Bund der katholischen Jugend kürzlich gegen ein Verbot von CS aus. Der Konflikt zwischen Jung und Alt kommt damit eindeutig zutage.

Killerspiele - Was sind Killerspiele eigentlich?

Das Gepolter von Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) nach dem Amoklauf von Winnenden, „Tötungstrainingssoftware“ wie Counter-Strike müsse verboten werden, konnte zunächst als Äußerung im Affekt eingeordnet werden. Doch nun haben sich auch auf einer Konferenz die Innenminister die anderen Bundesländer ebenfalls dafür ausgesprochen, „ein ausdrückliches Herstellungs- und Verbreitungsverbot so schnell wie möglich umzusetzen“.

Ingo Wolf (FDP), sein Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, ist jedoch skeptisch: „Keiner weiß, wie es nachher durchgesetzt werden kann.“ Wolf hat Recht, denn faktisch fehlt der Konferenz die Kompetenz, Verbote auszusprechen. Der Journalist Kai Biermann höhnt auf Zeit Online: „Das Gehampel der Karlsruher CDU-Fraktion und die IMK-Forderung zeigen, wie hilflos der Umgang der Politik mit der Jugend ist.“

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Paradigmenwechsel: Die USK gab CS ab 16 Jahren frei.
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Vor solch einem Umgang ist auch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) nicht gefeit: Die Organisation vergab 2002 für die deutsche Counter-Strike-Version erst eine Altersfreigabe ab 16, nachdem die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) eine Indizierung abgelehnt hatte. Nach stundenlangen Beratungen war das zwölfköpfige Gremium zu dem Ergebnis gekommen, dass CS zwar „blutig, aber nicht so blutig wie indizierte Spiele“ sei. Ein Verbot war damit vom Tisch.

Teamarbeit statt Ego-Trip

Counter-Strike ist eine „killer application“, eine bahnbrechende Anwendung im doppelten Sinne - für Kritiker im negativen, für Szenekenner im positiven. Wer kann sich heute noch vorstellen, seinem Kumpel erklären zu müssen, was ein Clan ist? Teamarbeit, taktisches Verständnis, Kommunikationsfähigkeit, Organisationstalent, Zuverlässigkeit – Werte, die die Gesellschaft hoch anrechnet und in Team-Shootern täglich (und nächtlich) gefördert und praktiziert werden.

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Happy Birthday! Auf die nächsten zehn Jahre!
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Trotz oder vielleicht auch wegen der öffentlichen Diskussionen hat der Shooter viele erst zu Spielefans gemacht. Erst gab es dumpfes Deathmatch und Team Fortress für Quake, dann zwei Jahre fast nichts – und dann Counter-Strike. Der Shooter hat mit seiner Popularität den Weg für weitere Entwicklungen im Spielebereich geebnet. Die realistischen Schauplätze, die leichte Zugänglich- und Verständlichkeit haben dafür gesorgt, dass Ego-Trips in Online-Shootern immer mehr in den Hintergrund getreten sind, bei Game Designern und Spielern gleichermaßen.

Am 19. Juni sind zehn Jahre seit der Veröffentlichung der ersten Betaversion vergangen. Eine lange Zeit für ein Computerspiel, und für Counter-Strike zudem eine bewegte. Wie wird bei Jubiläen oft so passend gesagt: Auf dass er, sie oder in diesem Fall es noch einmal so alt werden möge. Minh Le, Jesse Cliffe und Valve Software werden nichts dagegen haben.

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