Conker Live & Reloaded (Xbox)
von Jörg Pitschmann

Es ist Knuddelzeit, denn knuffige Stofftierchen bevölkern die Xbox. Dass die Viecher allerdings weder lieb noch zuckersüß sind, dafür haben die Entwickler der Rare-Studios nachhaltig gesorgt. Die Jungs haben nämlich einen alten

Bekannten wieder belebt, der einst auf der N64 sein Unwesen trieb: das Eichhörnchen Conker ist zurück - bunter, frecher und brutaler als je zuvor treibt er in »Conker: Live and Reloaded« sein witziges Unwesen. Grund genug für gamona, sich näher mit dem Remake zu befassen. Wer den Vorgänger gespielt hat, weiss allerdings, was im Singleplayer-

Conker: Live and Reloaded - Mockumentary MovieEin weiteres Video

Modus auf ihn zukommt. Denn der wurde, abgesehen von einem technischen Face-Lifting, unverändert übernommen. Ob sich die Anschaffung des Titels dennoch auch für Besitzer der N64-Version lohnt, zeigt unser ausführlicher Test.

Es ist von übel

Alle, die Conker noch nicht kennen und aufgrund der niedlichen Knuddelgrafik eher ein Streichelspiel für Kiddies erwarten, seien an dieser Stelle beruhigt: »Conker Live and Reloaded« ist definitiv nichts für kleine Kinder. Der Titel hat von der USK eine Freigabe ab 16 Jahren bekommen, was durchaus gerechtfertigt erscheint.

Denn einiges von dem, was im Laufe des Spiels passiert, könnte bei Kindern zu heftigem Wehklagen und traumatischen Reaktionen führen. Also, liebe Eltern, schenkt dieses Spiel nicht Euren hüfthohen Rotzlöffeln, sondern achtet beim Kauf schön auf das USK-Symbol. Das erspart traumatisierte Frühpubertierer und eine zerfetzte Stofftier-Kollektion im heimischen Kinderzimmer.

Soviel zur pädagogischen Aufklärungspflicht des verantwortungsbewußten Spieletesters. Kommen wir nunmehr zum Spielgeschehen. Wie bereits erwähnt, richtet sich das Spiel mit seinem grimmigen Humor und den heftigen Fäkal- und Gewaltszenen eher an ein erwachsenes Publikum, was sich im Intro bereits dezent andeutet.

Der gute Conker schwankt gleich zu Beginn rotzbesoffen aus einer Kneipe, wo er auf eine melancholische Schildkröte trifft, vor deren Füße er sich heftig und sehr detailliert übergibt.

Zartbesaitete Naturen sollten an dieser Stelle das Spiel abbrechen und vielleicht lieber ein gutes Mickey-Maus-Heft lesen, denn im Laufe der Handlung wird recht schnell klar, dass die Kotzerei nur ein kleines Vorspiel im Vergleich zu dem ist, was den Spieler noch erwartet. Wer allerdings schon immer mal ein Spiel suchte, mit dem er seine schlimmsten Fäkalphantasien ausleben kann, liegt hier goldrichtig.

Conker: Live and Reloaded - Derber Fäkalhumor mit dem Eichhörnchen

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Aber zurück zur Handlung, die natürlich nicht mit der Präsentation von Conkers Mageninhalt ihren Höhepunkt findet. Das versoffene Eichhörnchen bekommt nämlich nach dem Saufgelage mit seinen Kumpels ein Problem: es verläuft sich und findet den Weg zurück zu Heim und Weib nicht mehr. Stattdessen trifft er auf eine obskure Vogelscheuche, die dem armen, geplagten Conker einige Tipps zur Spielsteuerung gibt. Dabei schwingt sich der nicht minder versoffene Birdy - so heißt der Vogelerschrecker - schnell zum König der Spielerherzen auf. Die lakonischen Erklärungen, mit denen er Conker klar macht, was unter »kontextsensitiv« zu verstehen ist, sind ein paar heftige Brüller wert.Um den Spaß zu genießen, sollte man allerdings der englischen Zunge mächtig sein, denn die Sprachausgabe wurde nicht lokalisiert. Als Trostpflaster gibt es aber wenigstens deutsche Untertitel.

Packshot zu Conker: Live and ReloadedConker: Live and ReloadedErschienen für XBox kaufen: Jetzt kaufen:

Rätselhafte Sprungeinlagen
Nachdem der Spieler also in die Geheimnisse der Steuerung eingeweiht wurde und Conker von Birdy ein Alka Seltzer mit auf den Weg bekommen hat, damit er im weiteren Spielverlauf nicht mehr schwankend wie ein Fähnlein im Winde durch die Gegend torkelt, macht sich das freche Eichhörnchen auf den Heimweg. Und der hat es in sich und ist mit Aufgaben und Hindernissen gespickt. Das macht auch Sinn, denn sonst wäre das Spiel sehr schnell vorbei. Und das möchte schließlich niemand.

Die erste Aufgabe lauert einige Meter weiter und ist - noch - nicht wirklich schwer zu lösen: ein frustrierter Gargoyle bewacht eine Brücke, die Conker überqueren muß. Da sich der schlecht gelaunte Wächter auf keine Diskussion einläßt, gilt es, ihn

nachhaltig daran zu hindern, seiner Tätigkeit weiter nachzugehen. Glücklicherweise befindet sich rein zufällig hinter unserem pelzigen Helden ein Hebel. Nach einem energischen Hüpfer gelingt es Conker, selbigen zu betätigen, was eine bislang verschlossene Tür zu einem Raum öffnet, aus dem er sich einen Schlüssel holt. Ganz nebenbei stößt er dabei auch auf ein nettes Waffenarsenal mit Keulen und Schlagwerkzeugen, aus dem er sich eine Bratpfanne auswählt, mit der er auf den Gargoyle einprügeln will. Der ist denn auch angesichts der mächtigen Waffe derart beeindruckt, dass er vor Lachen von der Brücke stürzt. Bingo, versenkt! Dafür löst der Aufschlag einen Steinschlag aus, der wiederum Conkers Fortkommen behindert. Zeit also für einen Moment weiteres Grübeln und ein bißchen Dynamit…

Leider bleiben im weiteren Spielverlauf die Rätsel nicht so »logisch«. Vielfach muß eine abgedrehte Lösung gefunden werden, um weiterzukommen. Das ist mal mehr, mal weniger witzig, denn jenachdem, wie kreativ man sich anstellt, kann es ziemlich frustrierend sein, immer und immer wieder die gleichen Stellen abzusuchen.

Da überdies viele Orte nur über teilweise derb schwierige Sprungeinlagen zu erreichen sind, kann das beim Spieler zu heftigem Hyperventilieren führen. So gilt es an anderer Stelle, einen riesigen Heuballen, der in Wahrheit ein Terminator ist, lahmzulegen. Zwar hat er deutlich sichtbar auf seinem Rücken einen riesigen Button, doch muß dieser mehrfach getroffen werden, bis der Heuunhold von seinem Tun lässt. Dass Conker zu diesem Zweck auf einer Heugabel durch die Gegend hüpfen muß, ist zwar hilfreich, die Aufgabe bleibt trotzdem sauschwer. Immerhin ist die Steuerung nahezu untadelig.

Der linke Analogstick treibt das quirlige Squirrel in die gewünschte Richtung, der rechte lässt die Kamera um ihn herum kreisen. Mit dem X-Button läßt man den kleinen Hüpfer fliegen. Richtig gehört: Conker kann

fliegen. Zwar nicht sehr lange und auch nicht gut, aber es reicht, um dem nötigen Anlauf längere Abgründe elegant zu überschweben. Dazu läßt er seinen buschigen Schwanz propellerartig kreisen. Lediglich der Moment des Absprungs muss dabei richtig getimed sein, damit er den nötigen Schwung entwickelt.

Ansonsten landet er mit rotierendem Schwanz auf dem Boden. Die rechte Schultertaste löst Aktionen aus oder feuert die aktuell ausgewählte Waffe ab, der linke Trigger dient zum Moduswechsel der gerade angesagten Kanone. Mit der Y-Taste kann man aus dem Waffenkatalog die passende Gerätschaft auswählen, der A-Knopf dient zum Nachladen. Abgesehen von leichten Übersichtsproblemen, die besonders bei kniffligen Sprungeinlagen nicht selten sind, geht die Steuerung intuitiv in Fleisch und Blut über. Das kann man von den zum Teil extrem merkwürdigen Leveln allerdings nicht gerade sagen.

Verdauungsprobleme
Die Gegenden, in denen sich Conker

Conker: Live and Reloaded - Derber Fäkalhumor mit dem Eichhörnchen

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im Laufe des Spiels nämlich herumtreibt, sind von erlesener Scheußlichkeit. Einer der Höhepunkte ist dabei das Scheiße-Silo, durch das sich Freund Wuschelschwanz kämpfen muß. Dabei wabert und brodelt und fließt die Kacke wie nix gutes quer über den Bildschirm. Während Conker sich mit fiesen Wachen herumärgern muß, erklingen im Hintergrund aufmunternde Furzgeräusche.

Die wirken besonders sympathisch, weil sie unter die aparte Swingmusik gelegt wurden, die das Szenario akustisch begleitet. Besonders lecker: kleine Kotbällchen, die in unregelmäßigen Abständen einen engen Weg herunterrollen und Conker in die Tiefe reißen, sobald sie ihn treffen. Da kommt Freude auf. Sehr apart ist auch des pelzigen Helden Kampf gegen den legendären »Great Might Poo«, einen Endgegner der echt ekligen Sorte. Pietät und Anstand verbieten es, an dieser Stelle Details zu schildern.

Wer aber immer schon mal wissen wollte, wozu ein gigantischer Haufen Scheiße fähig ist, wird in diesem Bosskampf Momente unendlicher Glückseligkeit empfinden. Erfreulicherweise gibt es bei Computerspielen - noch - keine Geruchswahrnehmung. Spätestens, wenn findige Entwickler dieses Feature implementieren können, wird »Conker Live and Reloaded« ein ernstes Problem bekommen. Es sei denn, Rare liefert das Spiel in einer handlichen Geschenkbox mit einer Gasmaske. Conker jedenfalls hat ein solches Teil spendiert bekommen und läuft deshalb einigermaßen geschützt durch diesen Level. Und wem die Sache buchstäblich zu sehr zum Himmel stinkt, der spielt einfach weiter, bis er wieder in freundlichere Gegenden kommt, wie zum Beispiel ein merkwürdiges Dinosaurier-Areal. Oder er kämpft im Laufe einer Strandinvasion gegen superböse Tediz. Aber dazu an späterer Stelle mehr.

Pausenclown
Wie schon eingangs erwähnt, strotzt das Spiel vor schrägen Einfällen und rabenschwarzem Humor.

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So jongliert das versoffene Eichhörnchen zum Beispiel, wenn es über eine gewisse Zeit nicht bewegt wird. Das sorgt für manchen Kicherer und hebt die Stimmung. Und da Geld bekanntlich diese verdorbene Welt regiert, ist das in Conkers Universum auch nicht anders.

Durch diverse Jobs kann er sich ein goldenes Stubsnäschen verdienen, das ihm den langen und schwierigen Rückweg nach hause versüßt. Einige der Scheinchen liegen auch einfach nur an zunächst unzugänglichen Stellen herum, die das Eichhörnchen erst erreichen kann, wenn es bestimmte Aufgaben gelöst hat. Von Zeit zu Zeit taucht übrigens Birdy wieder auf und gibt spielrelevante Tips. Oder so ähnlich, denn das, was die betrunkene Vogelscheuche so von sich gibt, ist im weiteren Verlauf nicht immer wirklich hilfreich, witzig aber allemal. Außerdem: solange sich der Spieler merken kann, dass er immer dann die B-Taste drücken muß, wenn irgendwo im Level ein großes B in der Landschaft auftaucht, ist alles im grünen Bereich. Und das gelingt vermutlich sogar mit einem Alkoholpegel, der dem von Birdy in nichts nachsteht.

A propos witzig: wenn man nicht gerade damit beschäftigt ist, schwer einsehbare Ecken der Levels zu erreichen oder einen Punkt zum x-ten Mal zu wiederholen, lohnt sich in jedem Falle ein genauerer Blick auf

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alles, was gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist. Überall lauern kleine, aber feine Details und Parodien auf Hollywood-Streifen. So trifft Conker auf einen sprechenden Malerpinsel und einen ebensolchen Farbtopf, die in ihrer lästerlichen Art an Waldorf und Statler aus der Muppet-Show erinnern, oder man entdeckt Schilder mit merkwürdigen Beschriftungen. Über Art und Menge der Drogen, die die Entwickler in der Entstehungsphase von »Conker Live and Reloaded« zu sich genommen haben, liegen keine genaueren Informationen vor. Es müssen aber viele gewesen sein. Das zeigt sich besonders im neuen Multiplayer-Modus, der im N64-Vorgänger nicht zu finden war.Böhse Tediz
Genaugenommen hat Rare sein Hauptaugenmerk bei »Conker Live and Reloaded« nämlich auf den umfassenden Multiplayerpart über Xbox-Live gelegt.

Das zeigt sich nicht nur in der Präsentation des Spiels auf dem Markt, sondern auch in der Spielanleitung, der sich dem gemeinschaftlichen Gemetzel deutlich stärker widmet als dem Solomodus - eine Gewichtung, die angesichts der nach wie vor bescheidenen Verbreitung von Xbox Live zumindest in Deutschland nicht gerechtfertigt erscheint. Nicht zuletzt deshalb lohnt sich auch der eingehende Blick auf das Remake

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der Singleplayer-Story. Die Onlinemetzeleien konzentrieren sich inhaltlich aber nur auf jenen Teil der Geschichte, der die Auseinandersetzung mit den Tediz beinhaltet. Wer noch immer nicht genug von WW-II-Spielen und zerfetzten Körpern hat, der sollte deshalb diese Squirrel-Spezialausführung probieren. Darin darf sich der geneigte Zocker nämlich entweder als aufrechtes demokratisches Eichhörnchen in den historischen Kampf gegen die bitterbösen und dumpfbackigen Onkelz… ähem… Tediz stürzen. Oder aber er dient der dunklen Seite und unterstützt die Teddybären bei ihrem Bemühen, die drohende Invasion abzuwehren. Wie nicht anders zuerwarten, beginnt der Kampf am Strand der Normandie, bei dem die Squirrels feindliche Bunkerstellungen außer Gefecht setzen müssen. Wie einst Tom Hanks in »Der Soldat James Ryan« hetzt unser flauschiger Held mit Stahlhelm durch feindliches Sperrfeuer und explodierende Granaten. Digitales Blut fließt dabei in Strömen, und es hagelt abgerissene Gliedmaßen in putzigem Stofftierdesign, nur eben mit viel rotem Lebenssaft.

Die Gegner darf man übrigens mit diversen Waffen zur Strecke bringen, die allerdings von der zuvor ausgewählten Klasse abhängen. So gehen Sturmsoldaten mit Schnellfeuergewehren und Granaten zur Sache, Aufklärer haben Scharfschützengewehre und die Pioniereinheiten arbeiten gerne mit schwerem Gerät. Leider lassen sich die Kanonen nicht so exakt bedienen, wie es angesichts des hektischen Getümmels auf dem Bildschirm von Nöten wäre. Das gibt Punktabzug, denn oftmals haucht man sein virtuelles Leben nur deshalb aus, weildie eigene Knarre ungenau schießt oder man im Snipermodus sein Fernrohr nicht vernünftig ausrichten kann und verreisst. Da man sein Figürchen von schräg hinten steuert, mangelt es manchmal auch an der rechten Übersicht.

Das schmerzt besonders im Splitscreen-Modus, den die Entwickler netterweise ebenfalls spendiert haben. Abgesehen davon sind die Mehrspielerschlachten überaus witzig in Szene gesetzt, und die makabere Handlung trägt ihr Scherflein dazu bei. Schließlich hat niemand behauptet, dass Conker ein liebenswertes Geschöpf sei, das man gegen das Böse der Welt behüten müsse.

Und wer die Story von »Bad Fur Day« genießen kann und angesichts zerbombter, geplatzter oder sonstwie zerstörter Tierleiber im edlen Comicdesign erst richtig aufblüht, der wird sich im Multiplayermodus sicherlich wahrhaft zu Tode amüsieren. Kurzum: ein Spiel so richtig zum Verlieben.Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Knudellige Grafik + Sound und Vertonung + Schräge Einfälle + Genial-brutaler Multiplayer-Online-Modus

Contra:
- Nix neues in der Singleplayer-Story gegenüber dem N64-Vorgänger - Mangelnde Übersicht beim Multiplayer-Offline-Modus - Zum Teil hammerschwerPro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Knudellige Grafik + Sound und Vertonung + Schräge Einfälle + Genial-brutaler Multiplayer-Online-Modus

Contra:
- Nix neues in der Singleplayer-Story gegenüber dem N64-Vorgänger - Mangelnde Übersicht beim Multiplayer-Offline-Modus - Zum Teil hammerschwer