Ein gutes Jahr ist es her, dass Funcom mit Conan Exiles einen Vorstoß ins Survival-Genre wagte. Spiele dieser Art waren damals gerade angesagt und zur Literaturvorlage passte das ohnehin. Und dann war Funcom der Community ja noch schuldig, was man seinerzeit für Age of Conan versprochen, aber nie hinbekommen hatte: Städtebau und Belagerungskriege.

Es stand damals tatsächlich auf der Packung von Age of Conan: “Baue alles, von tödlichen Waffen bis hin zu weitreichenden Städten. Stürme in die Schlacht auf Pferden und Mammuts und belagere feindliche Burgen in epischen Schlachten.” Ein toller Text, mit dem Funcom unzählige Spieler angelockt hatte, die dann verwundert und verärgert feststellen mussten, dass die Werbetexter entweder das Spiel nie zu Gesicht bekommen hatten oder man die Community bewusst hinters Licht führen wollte.

Eine alte Rechnung

Tatsächlich nehme ich den Entwicklern des MMORPG ab, dass sie damals von richtigem Städtebau und Belagerungskriegen träumten, jedoch scheiterten sie kläglich bei der Umsetzung, weil die Engine derlei Spielereien einfach nicht hergab. Und so blieben die vollmundigen Versprechen von damals unerfüllt und die Rechnung, die der Publisher mit seiner Community da aufgemacht hatte, über zehn Jahre hinweg offen.

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Schaut man nun auf die Liste der Möglichkeiten und Mechaniken, mit denen Conan Exiles aufwartet, so scheint es tatsächlich, als hätten die Norweger die alte Rechnung und ihren unerfüllten Traum nicht vergessen. Denn Conan Exiles greift die damals gescheiterten Ideen noch einmal auf, streift den ganzen MMO-Ballast und das dröge Gameplay ab und bedient sich dafür beim Survival-Genre.

Ein ARK ohne Dinos?

Kein Wunder also, dass Conan Exiles auf den ersten Blick an Rust oder ARK: Survival Evolved erinnert. Insbesondere letzteres hat die Norweger spürbar inspiriert. Ist Conan Exiles also doch nur ein ARK, nur ohne Dinos, dafür mit ein paar gigantischen Götzen? Sicher nicht, denn im Gegensatz zu den Machern von ARK besitzt Funcom eine starke Lizenz. Eine, die hervorragend zu einem Spiel dieser Gattung passt. Robert E. Howard wäre sicherlich entzückt von Funcoms Interpretation seiner prähistorischen Welt.

Kleine Scharmützel statt epischer Kriege. Doch trotz einiger Kompromisse gehört Conan Exiles zu den besten Vertretern des Genres.Fazit lesen

Und wenngleich Conan Exiles alles andere als ein MMO ist, so ist es doch Multiplayer-Rollenspiel genug, um zumindest eine rudimentäre Charaktererstellung zu bieten mit ein paar Schiebereglern fürs Optische, weitgehend unerheblich, bis auf die Größe des Gemächts natürlich. Die Attribute, durch die man seinen Barbaren noch in eine bestimmte Richtung ausbauen kann, kann man dann im Laufe des Spiels ausbauen.

Hyboria Online

Ebenso ausgebaut werden die Crafting-Möglichkeiten. Ähnlich wie bei ARK beginnt man mit primitiven Steinwerkzeugen und einer Kluft aus Pflanzenfasern. Mit der Zeit und steigendem Level kommen neue Rezepte hinzu, neue Crafting-Stationen, neue Materialien. Conan Exiles bekommt es vortrefflich, dass es seiner Romanvorlage treu bleibt und das militärische Wettrüsten nach oben hin technologische Grenzen hat. Umso liebevoller und detailreicher konnte Funcom hier entwickeln und die unterschiedlichen Stilrichtungen der einzelnen Völker von Conans Hyboria ins Spiel einfließen lassen.

So geschehen auch bei der Architektur. Das Bausystem von Conan Exiles hält jedem Vergleich sicher stand. Funcom liefert üppige Gestaltungsmöglichkeiten, komplett im Rahmen der Conan-Vorlage. Besser als bei den meisten anderen Spielen dieser Art ist auf jeden Fall die Einbindung der Bauwerke in die höchst unterschiedlichen Landschaftstypen gelöst. Ob es eine in den Hang eingelassene Pueblo-Siedlung werden soll, eine Wasserburg im Sumpf oder eine Bergfeste ganz oben auf dem höchsten Gipfel - am Architektursystem von Conan Exiles sollte es nicht scheitern.

Unsere Bergstation ist fertig. Gott sei Dank gibt es Aufzüge.

Suche Federn, biete Chitin

Scheitern wird Conan Exiles auch sicher nicht, nur weil man authentischerweise die Dinosaurier weggelassen hat. Je nach Biom, in dem man sich bewegt, begegnet man einer ganz unterschiedlichen Flora und Fauna, wobei manch begehrter Rohstoff nur aus ganz bestimmten Tieren oder Monstern zu gewinnen ist, die auch gerne mal in einem der durchaus interessant gestalteten Dungeons hausen. Das motiviert zu regelmäßigen Jagdausflügen auch in Gefilde fernab der eigenen Festung und zur Errichtung von Außenposten.

Packshot zu Conan ExilesConan ExilesRelease: PC: 31.1.2017
PS4, Xbox One: 8.5.2018
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Zähmen lassen sich die Tiere im virtuellen Hyboria allerdings nicht. Zumindest noch nicht, denn eigentlich hatte Funcom diese Möglichkeit mal in Aussicht gestellt, sie dann jedoch vor Release wieder auf Eis gelegt, da eine Horde gezähmter Tiere den ohnehin spürbar beanspruchten Server zusätzlich belasten würde.

Im Rad der Schmerzen

Diese Belastung geht schon von den Sklaven aus, von Funcom etwas dezenter als Thrall bezeichnet, also als Leibeigener. Diese leben normalerweise in relativer Freiheit in einem von unzähligen Dörfern, bis sie von einem Spieler mit stumpfer Waffe betäubt, mit einem Seil in dessen Festung geschleift und dort ins Rad der Schmerzen eingespannt werden, bis sie gebrochen sind und fortan treue Vasallen ihres Herrn und Meisters.

Besonders interessant: Diese Vasallen haben nicht nur unterschiedliche Stufen, sondern auch Berufe und Klassen. Man kann sie mit Waffen und Rüstung bestücken, damit sie bei der Verteidigung der Basis helfen. Manche geben auch Buffs oder helfen beim Crafting. Später soll man sie auch in die Welt entsenden dürfen, damit sie eigenständig Rohstoffe heranschaffen. Doch auch hier muss Funcom noch nacharbeiten.

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Mehr Raum für Bugs

Wobei sich in Sachen künstlicher Intelligenz im Laufe des letzten Jahres schon viel getan hat. Mittlerweile zeigen computergesteuerten Wesen auch ein gewisses Maß an Eigeninitiative, wandern durch die Gegend und greifen hin und wieder an, was der Spieler mühevoll errichtet hat. Wer glaubt, ein Mob abgehängt zu haben, wird nicht selten von selbigem noch einmal überrascht. Natürlich gibt es angesichts all der KI-Freiheiten auch noch jede Menge Bugs im virtuellen Gewimmel, die meisten davon aber sicherlich recht einfach zu bereinigen.

Kurz vor Release bereinigt wurde derweil schon das dröge Kampfsystem, das nun auf jeden Fall einen klitzekleinen Schritt in Richtung Dark Souls gemacht hat, dabei etwas realistischer und spaßiger geworden ist. Vor allem aber ist es recht intuitiv und je nach Waffe erfreut man sich schon nach wenigen Scharmützeln an den ersten Combos und trennt, wie sollte es bei einer Conan-Inkarnation anders sein, begeistert Gliedmaßen ab.

Schade nur, dass es die Zauberei zum Release noch nicht ins Spiel geschafft hat. Angesichts der Tatsache, dass gerade der Fernkampf noch einiger Überarbeitung und vor allem Feintunings bedarf, ist das vielleicht eine gute Entscheidung gewesen. An übereilt ins Spiel gebrachten Feuerbällen hätte sich das Funcom-Team möglicherweise verbrannt.

Das Bevölkerungsproblem

Die Finger verbrannt haben sich die Entwickler allerdings an anderer Stelle: So wurde die maximale Spielerzahl auf den offiziellen Servern auf 40 heruntergeschraubt. Gerade auf PvP-Servern bedeutet das vor allem eines: Alpha-Clans loggen ihre Leute kurz nach dem Neustart der Server um sechs Uhr morgens ein, lassen die Charaktere, die auch bei Inaktivität und Tod aktuell nicht zwangsgetrennt werden, in der Welt herumliegen und überfahren dann in den Stunden, in denen feindliche Festungen belagert werden dürfen, ihre Gegner, die verzweifelt versuchen, auf den Server zu kommen.

Da hilft es auch wenig, dass Funcom die Zahl der Clanmitglieder auf zehn limitiert, denn im Zweifelsfall wird eben ein zweiter und dritter Clan gegründet, bis der Server vollends unter Kontrolle gebracht wurde. Schade, denn gerade die Möglichkeit, gigantische Götter zu beschwören, Belagerungswaffen einzusetzen oder eine entsprechende Verteidigung gegen beides zu errichten, macht Conan Exiles in der Theorie zum größten PvP-Knaller überhaupt.

Der große Augenblick ist gekommen: Set, die alte Schlange der Stygier, zerlegt die feindliche Festung.

In der Praxis funktioniert das eben nicht, zumindest nicht auf den offiziellen Servern. Von den privaten hingegen bieten einige erstaunlicherweise eine bessere Performance, mehr Spieler gleichzeitig sowie interessante Ansätze für Freunde des gepflegten Rollenspiels samt aktivem Support. Langfristig werden es wohl diese Privatserver sein, die sich durchsetzen - von Funcom sicherlich nicht ganz unbeabsichtigt.