Computerspiele als Feindbild
(ein Kommentar von Tobias Wüst)

Deutschland im November 2004: Die Tage werden kürzer, das Wetter fühlbar kälter und die Bevölkerung verbringt ihre gemütlichen Abende wieder vereint vor der geliebten Flimmerkiste. So geschehen auch am vergangenen Dienstag.

Zur gewohnten Stunde wurde im ZDF das beliebte Magazin Frontal21 ausgestrahlt, welches sich selber als kritisch, investigativ und unerschrocken beschreibt. Ein Schwerpunkt der Sendung vom 09.11.2004 lag auf dem Thema Computerspiele und trägt den schonsehr einengenden Titel "Video-Gemetzel im Kinderzimmer".

Eine objektive Herangehensweise an dieses Thema scheint da leider schon von vornherein ausgeschlossen. Im gezeigten Beitrag, sowie im zugehörigen Artikel auf der Homepage des ZDF, werden diese Befürchtungen bestätigt.

Deutsche Jugendliche seien brutale Killer und ihre Kinderzimmer reine Metzelkammern. Um diese These zu bestätigen, werden im Beitrag vier, offenbar zielstrebig ausgesuchte, Jugendliche gezeigt, die schon Schwierigkeiten haben einen vollständigen Satz vor der Kamera herauszubringen. Beim Spielen von Doom 3 geben sie dabei Äußerungen von sich wie "Schieß ihm in die Birne" oder "Das Spiel ist realistischer beim Lebensverlust. Wenn man zum

Beispiel mit einem Schrauben-schlüssel geschlagen wird, sieht man richtig wie das Blut spritzt".

Im selben Atemzug wird dann natürlich auch auf die schlimme Tragödie in Erfurt hingewiesen, wo ein Schüler, der auf seinem PC Counter-Strike und Quake 3 installiert hatte, vor ungefähr zwei Jahren ein Blutbad in seiner alten Schule anrichtete. Das alte Feindbild Computerspiele ist wieder da und es wird dabei schnell vergessen, dass die grausame Tat eher dem maroden Schulsystem Thüringens zu verdanken ist als einem dieser genannten Ego-Shooter. Wer will zudem leugnen, dass man in jedem Schützenverein besser den Umgang mit Waffen lernen kann als mit einer Maus und einer Tastatur am heimischen Computer? Gut, dieses Thema wurde schon damals ausführlich diskutiert und man sollte sich hier nicht länger daran aufhalten. Nun, was hat sich in den letzten zwei Jahren geändert? Die Einführung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) muss hier wohl an erster Stelle genannt

werden. Diese Institution prüft vor der Veröffentlichung jeden Titel und vergibt darauf hin eine Altersfreigabe. Jugendgefährdende Spiele werden hierbei mit einer Freigabe "ab 18" gekennzeichnet und dürfen im Handel nicht an Jugendliche verkauft werden. Bei einigen Onlinehändlern, wie beispielsweise Amazon, werden diese Titel dann erst gar nicht ins Sortiment aufgenommen und können somit nicht käuflich erworben werden. Die Einhaltung dieser Altersfreigabe obliegt dann selbstverständlich dem Handel und genau da scheint das Problem zu liegen. Kassierer / -innen in diversen Kaufhäusern ziehen das jeweilige Spiel einfach über ihren Scanner, ohne sich die Packung, wo der Altershinweise deutlich sichtbar ist, und den Käufer genauer anzusehen. Woran mag das wohl liegen? Am schlecht geschulten Personal oder vielleicht doch an den Anweisungen der Filialleiter, die bei der derzeitigen wirtschaftlichen Situation darum bemüht sind möglichst viel Umsatz zu machen, damit ihr Standort auch ja
nicht auf die Liste der möglichen Schließungskandidaten kommt? Möglich ist vieles, aber Fakt ist, dass es nicht die Aufgabe der Spieleindustrie sein kann die Einhaltung der Altersfreigabe zu kontrollieren, schließlich sind alle Titel entsprechend gekennzeichnet. Vielleicht macht man es sich mit dieser Aussage sehr einfach, aber die unerlaubte Abgabe von Produkten an Minderjährige ist ganz sicher kein reines Problem der Computerspielebranche. Tabak, Alkohol, Videofilme seien hier nur mal als drei weitere Beispiele genannt. Zigaretten kann sogar jeder Sechsjährige am Automaten kaufen, ohne jede Kontrolle.

Im weiteren Verlauf des ZDF Beitrages werden Szenen aus GTA: Vice City gezeigt.

Angebliches Hauptspielziel sei es hierbei wehrlose Passanten und Rentner zu erschlagen. Ist es nicht die Pflicht eines seriösen Nachrichtenmagazins seine Zuschauer mit wahrheitsgemäßen

Informationen zu versorgen und dabei nicht irgendwelche Tatsachen zu verdrehen? Ich möchte an dieser Stelle auf keinen Fall bestreiten, dass diese Handlungen bei GTA möglich sind. Allerdings sind sie definitiv nicht das Hauptziel dieses Spieles.

Gerade solche verfälschten Aussagen ziehen ahnungslose Zuschauer auf die Seite des Frontal21-Redakteurs. Wie soll ein Bürger, der bisher noch nicht mit Computerspielen in Berührung gekommen ist, die Wahrheit dieser Lüge überprüfen? Auch vor zwei Jahren geriet Counter-Strike stark unter Beschuss, weil es angeblich das Spielziel war Mütter mit Kinderwagen abzuknallen. Die Ahnungslosigkeit der Zuschauer wird rücksichtslos ausgenutzt, was in meinen Augen eine absolute Unverschämtheit ist. Wozu die ganze Aufregung, werden jetzt einige Leser bestimmt denken. Der Beitrag ist ja lediglich ein Einzelfall. Mitnichten! Gerade erst vor einigen Wochen wurden ähnliche Artikel bei Spiegel Online und bei der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht,die jeweils durch ihre fehlende Objektivität und ihre schlampige Recherche glänzen konnten.

Die Computerspielebranche steht stark unter Beschuss und erste Reaktionen aus der Politik sind auch schon zu vernehmen. Bayerns Innenminister Günther Beckstein, der allgemein nicht gerade wegen seiner Toleranz bekannt ist, fordert ein allgemeines Herstellungsverbot: "Wir brauchen Herstellungsverbote. Denn die Technik hat sich so entwickelt, dass der einzelne Träger dieser Spiele nicht mehr sehr viel kostet, so dass der Preis für Verleihen und Verkaufen nicht mehr sehr unterschiedlich ist. Wenn etwas auf dem Markt ist, dann wird es immer von Jugendlichen erworben und dann auch schwarz kopiert und weiter vertrieben." Bei solchen Aussagen kommt man sich schon fast als Schwerverbrecher vor, wenn man seinem Hobby nachgeht und einige Stunden in der Woche vorm Computer verbringt. Muss man sich zukünftig auf groß angelegte Razzien bei diversen LAN-Parties vorbereiten?

Hoffen wir es einfach mal nicht, denn die Entwicklung der gesamten Industrie und der zugehörigen "Szene" war in den letzten Monaten durchwegs positiv.

Zum Abschluss noch kurz ein anderes Thema, was aber sicherlich mit der anderen Problematik verwandt ist. Nach einem Antrag des Bundesverbandes für Spieleentwickler (GAME) soll demnächst im Bundestag über eine Sondersteuer auf Computerspiele beraten werden. Die entstehenden Einnahmen sollen dann wiederum den deutschen Spiele-Entwicklern zu gute kommen. Dies ist sicherlich kein schlechter Ansatz, in anderen Ländern funktioniert diese Unterstützung allerdings ohne eine Sondersteuer und dies zeigt sehr deutlich, welches Nischendasein die Spiele-Industrie in Deutschland derzeit noch hat.

Manchmal ändern sich Zeiten ja bekanntlich, hoffentlich bezüglich unseres Hobbys endlich mal zum Positiven.