Ich muss gestehen, ich war skeptisch. Company of Heroes 2, jetzt an der Westfront? Och nö, echt? Gähn. Hatten wir das nicht im ersten Teil schon? Naja, aber trotzdem, geben wir dem ganzen eine Chance. Aus zwei Gründen: Der erste Teil war grandios und ist bis heute Referenz in Sachen Echtzeitstrategie. Und außerdem (be)steht daneben eigentlich nur der Nachfolger. Dazu gehört dessen Kampfverlagerung in die tödliche Kälte der Ostfront und damit das Wettersystem.

Company of Heroes 2: The Western Front Armies - Teaser Trailer - US ForcesEin weiteres Video

Ab an die Westfront

Beim Großen Vaterländischen Krieg schieden sich jedoch am Balancing der Mehrspielerpartien die Geister. Die einen – ich eingeschlossen – waren nach ein paar Tagen Online-Gefechte begeistert, die anderen entdeckten zum Teil erhebliche Unausgewogenheiten zwischen Roter Armee und der Wehrmacht des Ostfeldzuges. Relic patchte und patchte, bis es besser wurde; inzwischen über 20 Mal. Nun schicken die Kanadier zwei neue Fraktionen ins Feld: die US Army und mit dem Oberkommando West eine weitere Version deutscher Streitkräfte.

Weiterführende Links
  • Company of Heroes 2: Test

Die Erweiterung „The Western Front Armies“ hält für Echtzeitstrategie-Fans direkt eine Enttäuschung bereit: Es gibt keine neue Einzelspielerkampagne. Zugegeben, das hätte etwas schwierig werden können, denn die deutschen Rückzugskämpfe an der Westfront hatte es bereits im ersten Teil in ausgiebiger Länge gegeben. Das Risiko, Anhänger der Serie zu langweilen, wäre groß gewesen. Also hat Relic auf eine Geschichte verzichtet und konzentriert die Erweiterung auf den Mehrspielerteil.

Company of Heroes 2: The Western Front Armies - Achtung, tödlicher Tiger gesichtet!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Schon wieder Westfront? Jau, unbedingt!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die beiden neuen Fraktionen sind unabhängig voneinander erhältlich oder im Paket. Schon traditionell im Hause Relic und seit Dawn of War üblich: Addons sind auch ohne den Haupttitel spielbar. So auch bei The Western Front Armies. Für derzeit 12 Euro je Fraktion gibt es via Steam das Rüstzeug für Online-Schlachten gegen menschliche Widersacher. 20 Euro kostet das Paket.

Ich bestreite meine ersten Partien und groove mich wieder ein in den Schauplatz Zweiter Weltkrieg – und bemerke, wie sehr mir der CoH-Fix gefehlt hat. Angenehmer Dauerstress, permanente Herausforderung und eine originäre Maussteuerung, keine halbgare „wir wollen auch Konsolenkids begeistern“-Version. Dazu kracht es auf den Schlachtfeldern ordentlich, visuell wie hörbar. Ja, das ist Echtzeitstrategie, das ist PC-Gaming!

Und ebenfalls Ja, die beiden neuen Fraktionen haben großen Anteil an meiner wiederentdeckten Begeisterung. Beispiel US Army: Der Basenbau ist hier de facto abgeschafft. Versteht mich nicht falsch, ich war nie ein Gegner von Baumaßnahmen unter Ressourcen- und Zeitdruck. Im Gegenteil, ich empfinde dieses Elemente als fundamentale Komponente des Genres. Dawn of War II etwa spielte sich für mich deshalb wie ein Kindergartenschlachtfeld im Vergleich zum ersten Teil. Aber für die US Army hier macht es schlicht Sinn, nachvollziehbar umgesetzt und eigener Dynamik einer einzelnen Fraktion.

Company of Heroes 2: The Western Front Armies - Achtung, tödlicher Tiger gesichtet!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Die neuen Fraktionen bereichern den Spielablauf ungemein.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie das gallische Dorf aus Asterix & Obelix befinden sich alle einzelnen Gebäude innerhalb einer kreisförmigen Verteidigungslinie. Keines davon muss ich selbst erstellen. Vielmehr schalte ich Truppentypen über die Mobilmachung der zugehörigen Kommandoeinheit frei. Dass dies immer Infanterie ist, kommt nicht von ungefähr. Durch die aufs Wesentliche reduzierte Zeit am Basislager liegt der Schwerpunkt eben umso mehr auf den taktischen Manövern meiner Truppen.

Die Grundeinheiten der Amis sind versatile Fußsoldaten, die nach ihrer Aushebung mit verschiedenen Spezialwaffen ausgestattet werden können: BARs gegen feindliche Infanterie in der Nähe, leichte Maschinengewehre oder Panzerfäuste. Die weitere Spezialisierung meiner Streitkräfte nehme ich über die Kommandeure vor, die vor allem in Sachen Einheiten jeder Partie eine entscheidende Wendung geben können. Zum Guten oder zum Schlechten. So kann ich mich zu Beginn auf Fuß-, Panzer- oder Luftstreitkräfte spezialisieren und erhalte dann entsprechende Optionen für zusätzliche Einheiten. Eine falsche Wahl kann hier spielentscheidend sein.

Multiplayer-Brett

So sind etwa über die Infanteriedoktrin Mörser auf Halbkettenfahrzeugen verfügbar. Die werden in Kombination mit der richtigen Einheit, etwa einer schweren MG, oder, bei genügend Ressourcen, einem Sherman-Panzer, zum tödlichen Verteidigungwerkzeug werden können. Besonders gut klappt das im Victory Point Modus, bei dem wie gehabt bestimmte Areale unter Kontrolle gehalten werden müssen, damit der Feind immer weiter Punkte seines Anfangskontingents verliert – und bei 0 die gesamte Schlacht. Hier stellen sich schnelle Erfolgserlebnisse ein, über die ich mich in Nullkommanichts in die Schlachten von bis zu vier gegen vier Spieler hineinbeiße.

The Western Front Armies steht dem großartigen Hauptspiel in nichts nach, konzentriert sich aber ausschließlich auf den Mehrspielermodus.Fazit lesen

Dabei funktionieren die The Western Front Armies angenehm ausgeglichen. So rissen ich und zwei Wehrmacht-Spieler etwa einer gegnerischen Allianz aus Russen und Oberkommando West (zugegeben, historisch unlogisch; aber Relic lässt die Fraktionen in jeglicher Konstellation mit- und gegeneinander antreten) in höchster Not noch den Sieg aus dem Schlachtenbuch.

Unser Punktekonto auf der Karte „La Gleize“ war von anfänglichen 500 längst auf weniger als ein Fünftel geschrumpft, als wir eine konzertierte Gegenoffensive starteten und in allen drei Schlüsselterritorien zugleich die Kontrolle übernahmen. Unser Punktestand fror bei 16 (!) ein – bis zum Ende. Unsere Widersacher bissen sich an unserer Kombination aus Panzern, Artillerie und leichten MGs die Zähne aus und verloren im belgischen Winter trotz einer zwischenzeitlichen Führung von mehr als 400 Zählern die Partie.

Company of Heroes 2: The Western Front Armies - Achtung, tödlicher Tiger gesichtet!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 2/61/6
Für Solisten ist die auch allein lauffähige Erweiterung keine Alternative: The Western Front Armies bietet lediglich Mehrspielermöglichkeiten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ein Vorteil des Oberkommando West ist seine Organisation. Die für die Einheitenproduktion nötige Infrastruktur besteht aus mobilen Lkw, die sich auch an unterschiedliche Stellen der Karte in Produktionsstatus versetzen lassen. Einzelne Territorien sind für den Gegner damit wesentlich schwieriger zu übernehmen. Insgesamt liegt der Fokus der Deutschen eher auf Fahrzeugen. Praktisch am Ende der Produktionsmöglichkeiten liegt der legendäre Tiger-Panzer. Spezialfähigkeiten von Einheitentypen werden mit Erfahrung in mehreren Stufen freigeschaltet – beim Tiger etwa größere Feuerkraft, aber zu Lasten der Beweglichkeit des Geschützturms. Trotzdem schießt das gefürchtete Gefährt fast alles zu Klump, was sich ihm in den Weg stellt.

Die Kampfdoktrinen der Deutschen sind auf bestimmte Ziele ausgelegt: So gibt es etwa die „Breakthrough“-Spezialisierung, in deren Rahmen die Neutralisierung gegnerischer Territorien eine Frage von Sekunden wird. Unabhängig davon müssen die Deutschen nicht Munitions- oder Ölressourcenpunkte je nach Bedarf sammeln, sondern können die eine jeweils graduell in die andere umwandeln.

Company of Heroes 2: The Western Front Armies - Achtung, tödlicher Tiger gesichtet!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Auch nach einem Jahr ist Company of Heroes alleiniger Platzhirsch des Echtzeitstrategiegenres.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

All der Spielspaß würde allerdings nicht entstehen, wenn die Macher von Relic bei den Karten gepatzt hätten. Auch hier gibt es keine offensichtlichen Mängel – außer vielleicht die Anzahl neuer Schauplätze. MOBA-Spieler sehen das womöglich genau umgekehrt. Alles Geschmackssache. Unberührt davon ist: Vom Duell bis zum furiosen vier gegen vier ist alles möglich. Dabei verkamen die großen Partien bei mir nie zur Materialschlacht. Im Gegenteil: Je mehr Spieler beteiligt waren, desto dezidierter musste jeder einzelne vorgehen, um die anderen gemeinsam in die Knie zu zwingen.

Neben den neuen Fraktionen führt Relic mit The Western Front Armies auch War Spoils ein, die das bisherige Ranking-System ablösen. Als Belohnung abseits der Einzelspielermissionen gibt es für Spieler kosmetische Items wie Skins, aber auch neue Buffs wie höhere Treffsicherheit aller Infanteristen oder beschleunigtes Wenden der Panzer in Form der altbekannten Intel Bulletins. Auch neue Kommandeure kommen über die War Spoils ins Spiel. Dabei ist nicht entscheidend, wie erfolgreich jemand auf den Schlachtfeldern ist – sondern nur, wie lange er sich dort aufhält. Eine Neuerung, die absolut Sinn macht: So werden nicht mehr gute Spieler für ihre Dominanz mit besseren Einheiteneigenschaften belohnt, sondern auch schwächere unterstützt.