Wir spielen in spannenden Zeiten. Während Blizzard-Fans noch von Warcraft 4 träumen, machen die Kalifornier mit ihrer ersten Version von Starcraft 2: Legacy of the Void klar, dass sie hier eigentlich nur eine Serie mit einem guten Spiel zu Ende bringen wollen, aber niemand die ganz großen Innovationen erwarten sollte. Die einstigen Strategie-Päpste schielen mit Overwatch und Hearthstone derzeit lieber auf den Massenmarkt, da müssen es dann kleinere Firmen aus Kanada richten – so wie Relic Entertainment.

Company of Heroes 2: Ardennes Assault - Launch Trailer

Bis heute haben Relic zwar immer wieder mit Bug-verseuchten Veröffentlichungen zu kämpfen, aber vom glorreichen Company of Heroes (1) über Dawn of War bis zu Company of Heroes 2 auch stets sehr solide bis fantastische Spiele abgeliefert. Nach all den Shooter-Sausen und Assassinen-Meuchlern erwartete ich mit Ardennes Assault eine ordentliche Erweiterung des Hauptspiels, nicht viel mehr. Nun wurde ich jedoch positiv überrascht, denn das neue Sega-Studio Relic Entertainment hat sich viele gute Ideen von der wichtigsten Serie des japanischen Publishers abgeschaut: Total War.

Mehr Makro-Strategie, mehr Total War-Feeling

Rundenstrategie und Kampagnenkarten sind ein beliebtes Mittel, um Strategiespielen mehr Tiefe zu verleihen. Doch sie dürfen nicht einfach vorsintflutlich sein – unsere Entscheidungen müssen Gewicht haben. Und ja, das haben sie und wie. Es gilt in diesem Ableger als Amerikaner sehr viel mehr das große Ganze im Auge zu haben als noch im Hauptspiel. Relativ zu Beginn sollen wir einen Außenposten der Deutschen angreifen und ihre Nachschublager zerstören. Yes Sir, in 20 Minuten sollte die Geschichte erledigt sein. Und das ist sie auch.

Company of Heroes 2: Ardennes Assault - Wer hat denn Total War in mein Company of Heroes getröpfelt? Gut gemacht!

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Drei Kompanien, gute Balance. Die Baker-Tanks sind nicht so stark gepanzert, dafür schnell und gut für Überraschungsangriffe geeignet.
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Wir erreichen das Missionsziel, zerstören die Tanklager und überrennen den Außenposten. Allerdings machen wir den Fehler, der fliehenden Wehrmacht nicht nachzusetzen. Wir wollen unsere Truppen schonen und den Sieg auskosten, doch bereuen diesen Zug schnell bei einem Blick auf die neue Rundenstrategie-Karte. Denn das Dorf grenzt an eine kleine Stadt, die wiederum auf direktem Weg nach St. Vith. führt. Das ist eine der Hauptbastionen der deutschen Wehrmacht und die fliehenden Truppen rücken hier als Verstärkung ein.

Als wir nun unsere Großoffensive auf St. Vith einläuten, informiert uns die Aufklärung, dass vereinzelte Streitkräfte des Feindes die Großstadt erreicht haben. Das Oberkommando der Wehrmacht habe daraufhin die meisten Kompanien aus Dörfern abgezogen und bereite sich mit einem massiven Aufgebot auf die Verteidigung vor. Oha, hätten wir also vorher die Gegend zwischen St. Vith und dem Dörfchen kontrolliert, hätten die feindlichen Einheiten dort keine Rückzugsmöglichkeit gehabt. Wir haben also einen Sieg errungen, uns aber gleichzeitig den Kriegsverlauf erheblich erschwert. Das fühlt sich nach Total War an, nur mit guter bis sehr guter Kampagnen-Karten-K.I.

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Die Taktikkarte: Das neue Herzstück der Reihe dürfte gerne etwas schicker sein, sorgt aber für Glanzstücke strategischer K.I.-Manöver.
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Drei Squads: Fallschirmspringer, schwere Infanterie und Panzer-Einheit

Die ohne Hauptspiel lauffähige Erweiterung liefert zwar keine neuen Mehrspieler-Karten, dafür fühlt sich die 18 Operationen umfassende Ardennenoffensive aber sehr nach einem kompetitiven Erlebnis an, weil die Karten äußerst groß sind und ihr auf den Schlachtfeldern völlig frei agieren könnt. Euch stehen dafür drei autark voneinander agierende Kompanien zur Verfügung: Able, Baker und Dog.

Able sind Fallschirmspringer, die sich allerdings noch mal in vier Spezialeinheiten wie die Pathfinder unterteilen, die Landungszonen sichern und den Absprung der Haupt-Kompanie sichern. Mit ihnen könnt ihr leichte Jagdbomber wie die P47 einsetzen und entweder auf gezieltes MG-Feuer setzen oder eine Bombe abwerfen. Ersteres hat sich im Test häufig als wirkungsvoller erwiesen, da die Kompanien jeweils recht schwach mit Ausrüstung ausgestattet sind und ihr so ein schönes 57 Millimeter Anti-Panzergeschütz immer gut gebrauchen könnt. Alternativ rücken die Jungs der Dog-Company mit schweren Maschinengewehren und Raketenwerfern aus, die sich später zu deutschen Panzerschrecks verbessern lassen.

Die Baker-Einheit rückt mit mittelschweren Panzern wie dem M4A3 Sherman und M5A1 Stuart für Feuerkraft und dem M8A1 Howitzer Bulldozer an, der als offener Truppentransporter dient und mit seiner Schaufel Sandsäcke und andere Barrikaden aus dem Weg räumt. Die Balance funktioniert gut, weil beispielsweise der Howitzer zwar auf der einen Seite Deckung vor Infanterie auf der Straße und Schrapnell bietet. Auf der anderen verlieren wir aber ruckzuck fünf Mann, wenn das Vehikel von einem deutschen Tiger oder einer Anti-Panzerwaffe getroffen wird.

Eine starke Erweiterung, die sich dank intelligent gemachter Rundentaktik wie ein komplett neues Company of Heroes anfühlt.Fazit lesen

Schön auch: Die Wehrmacht-K.I. arbeitet nicht nur mit Masse, sondern sehr häufig mit Klasse. Sie entsenden Elite-Jägereinheiten, Scharfschützen und generell viele erfahrene Soldaten, die es euch nicht einfach machen. Sie täuschen Angriffe an der Flanke vor, um letztlich frontal mit Tigerpanzern durchzubrechen. Und sie sind verdammt gut darin herauszufinden, wo denn unsere Fallschirmspringer gleich runterkommen werden.

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Nachdenken, dann bomben. Es ist strategisch klüger, Geschützmannschaften der Wehrmacht mit MG-Überflügen auszuschalten und das Gerät zu übernehmen.
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Taktisch spannende, fordernde und kreative Schlachten

Ardennes Assault spielt sich makrostrategisch, weil ihr wirklich immer das große Ganze im Blick haben müsst. Ihr entscheidet, wann ihr wo welche Einheit einsetzt und müsst dabei bedenken, dass es keinen Sinn macht, nur eine Veteranen-Truppe zu haben und die anderen als blutjunge Rekruten in die Schlacht zu schicken. Denn es gibt leichte und schwere Auftragsziele: unerfahrene Einheiten sollten erst mal kleinere Außenposten knacken, um Kampferfahrung zu sammeln. Direkt einen Sektor daneben solltet ihr bessere Truppen operieren lassen, denn die K.I. wird immer versuchen mit ihrer Übermacht gerade in der Anfangsphase einen Keil zwischen eure Einheiten zu schneiden.

Später wendet sich das Blatt zur massiven Offensive, in den ersten fünf Stunden solltet ihr blutige Anfänger aber definitiv nicht alleine lassen, sonst werden sie im nächsten Zug sehr ähnlich Rome 2: Total War überrannt und dezimiert. Auch die Balance funktioniert erstaunlich gut, weil ihr häufig in Waldgebieten und verschachtelten Straßen kämpft. Die Panzer-Einheit ist ergo nicht so stark wie vermutet, weil die US-Stahlwannen nur leicht gepanzert sind. Viele Treffer der starken deutschen Panzerschrecks halten sie nicht aus.

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Verpasste Chance: Die Ardennenoffensive war eine Verzweiflungstat der Wehrmacht, eine Kampagne hätte sich fast schon aufgezwungen.
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Ihr müsst sie also ständig in Bewegung halten, immer wieder zurückrollen lassen und mit Infanterie gut beschützen. Uns gefällt besonders gut, dass uns das Spiel mit Zeitdruck letztlich immer wieder in die Offensive zwingt und damit permanent fordert. Auch hier greift wieder dieses global-strategische Paket, was sich so faszinierend spielt: führen wir einen starken Schlag gegen eine der Hauptstädte wie Bastogne, hat es die nachrückende Einheit deutlich leichter. Und das Timing muss natürlich stimmen.

Wie zuvor angedeutet, passiert es nicht selten, dass ihr ein schwach verteidigtes Territorium angreift, um eine starke Armee einzukesseln. Aber die K.I. merkt das recht schnell und verstärkt daraufhin diesen Bereich, wodurch die Truppenteile dort länger gebunden werden als ursprünglich mal geplant. Das ist insofern entscheidend, weil auch die Wehrmachts-Soldaten an Erfahrung gewinnen. Je länger wir warten müssen, desto stärker werden die Jungs.

Schwächere Charaktere, dafür mehr Spieltiefe

Die Ardennenoffensive war die verlustreichste Schlacht des Zweiten Weltkriegs für die US-Army auf europäischem Boden. 20.000 amerikanische Soldaten verloren dort in nur vier Wochen ihr Leben. Dennoch ist die Kampagne sehr viel weniger auf die Tragödien und das Leid des Krieges gemünzt als die von Lev Abramovich Isakovich aus der Hauptkampagne.

Es ist schade, dass sich Relic Entertainment nicht getraut hat, eine Geschichte aus Perspektive deutscher Truppen zu erzählen. Von Benzin-Knappheit, horrenden Verlusten und brechender Moral. Die Kampagne von Ardennes Assault wird vor allem durch Kommandos der Offiziere Johnny Vastano (Able Company), Kurt Derby (Dog Company) und Bill Edwards (Baker Company) atmosphärisch aufgewertet.

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Wer das Spiel vorbestellt hat, bekommt die exzellenten Rangers der Fox Company dazu. Für 40 Euro hätte man die aber auch ins normale Paket stecken können.
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In der Story-Abteilung hätte Relic mehr bieten können und sollen. Dafür erlebt ihr aber viele sehr eigene, sehr individuelle Geschichten. Die Operationen sind gespickt mit verlockenden Nebenmissionen, wie der Inhaftierung eines ranghohen deutschen Generals. Satte 15 Prozent Veteranen-Bonus sollen wir dafür kriegen, Deal.

Allerdings treiben euch die Spezialeinsätze auch gerne mal an den Rand des menschlich Machbaren. Wer zu aggressiv vorgeht und seine Truppen unentwegt gegen den Feind rennen lässt, der riskiert eine komplette Kompanie für die gesamte Dauer der Kampagne zu verlieren. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil die Soldaten persistent bleiben, im Rang aufsteigen und insgesamt 72 Boni freischalten.

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Lieber auf Masse oder Klasse gehen? Ihr entscheidet, ob ihr viele Einheiten einsetzen oder lieber wenige mit Spezialwaffen wie deutsche Panzerschrecks.
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Die Skilltrees: Masse oder Klasse für Bastogne?

Jede Kompanie verfügt über vier Spezialfähigkeiten, die sich in jeweils in den drei Unterkategorien „erhöhter Schaden“, „erhöhter Skill-Radius“ und „reduzierte Kosten“ hochstufen lässt. Zum Test stand nur die englische Version zur Verfügung, mögliche Abweichungen in der deutschen Fassung bitten wir zu entschuldigen. Diese Unterkategorien verfügen über jeweils zwei Tiers. Zudem habt ihr nur ein Punktekonto, von dem ihr alle Squads bedienen könnt und müsst. Ihr werdet also sanft gezwungen, euch eure Lieblinge rauszupicken und Elite-Squads aufzubauen, die die härtesten Einsätze übernehmen und direkt gegen eine stark befestigste Front anrennen müssen.

Besonders Veteranenstufe-3-Fallschirmjäger können mit der richtigen Ausrüstung eine ganze Schlacht drehen, die dürfen nämlich auch über den neuen Anforderungspunkte schwere MGs abwerfen. Aber auch die anderen Einheiten haben interessante Upgrades wie Mörserbeschuss, höhere Zielsicherheit während des Rennens oder die Fertigkeit, sich mit Tarnung an ihre Umgebung anzupassen. Generell ist der Kampf am Boden kriegsentscheidend. Artillerie kann punktuell Nadelstiche setzen, aber die Infanterie ist der Hammer für den virtuellen Sargnagel des Feindes.