„Ihr seid die Soldaten der Sowjetunion. Nicht. Einen. Schritt. Zurück.“ Die martialische Kriegsrhethorik, die da auf dem Bildschirm auftaucht, ist Teil eines neuen Strategiepakets, das Relic nach Jahren des Wartens auf die PC-Welt loslässt: Company of Heroes 2. Spannend war vor der Veröffentlichung vor allem, ob das neue CoH sich genauso spielt wie das alte. Heißt: genauso genial ist. Die Antwort ist Ja. Aber.

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Die Spielewelt kämpft in Westeuropa oder im Pazifik, aber Kämpfe in Richtung Asien, durch die Steppen, den eisigen Wind, die Kälte? Scheint für viele Spielehersteller ein rotes Tuch zu sein. So wie allgemein die Haltung zur russischen Armee, ihre anfängliche technische Unterlegenheit mit der Anzahl ihrer Soldaten ausgleichend.

Kein am Zweiten Weltkrieg beteiligtes Land verlor so viele Männer im Kampf wie Russland. Die Kampagne der Roten Armee und damit von Company of Heroes 2 beginnt in Stalingrad – denn dort verlor die Wehrmacht ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit.

Lev Abramovich Isakovich heißt der russische Leutnant, dessen Geschichte das Echtzeitstrategie-Spektakel einrahmt. Dies verlässt sich wie gehabt auf das Stein-Schere-Papier-Prinzip, allerdings gehörig aufgepeppt, was die Partien abwechslungsreich macht und individuelle Routinen begünstigt.

Grundsätzlich gilt: Gegen jede Einheit gibt es ein Gegenmittel, in den meisten Situationen. Ob mit Anti-Panzer-Granaten gegen einer Tiger, Flammenwerfer gegen Infanterie oder Scharfschützen als Aufklärer. Die Möglichkeiten sind vielfältig und zahlreich.

Company of Heroes 2 - Geniale Schlachten - die Ostfront macht süchtig

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Schweres Gerät allein kann nichts ausrichten - es kommt auf die Mischung an.
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Company of Heroes 2 ist ein Arsenal an Erfahrungen: Eine Kampagne, Mehrspielerkarten und der sogenannte „Theatre of War“-Modus, in dem historische Schlachten gegen menschliche oder KI-Gegner geschlagen werden, bilden das Gesamtpaket. Wobei „Schlachten“ in CoH2 eine kleine Übertreibung ist – dafür gibt es wie schon im ersten Teil zu wenig Massenbewegungen, Materialverschleiß oder gar den guten alten Tankrush. Ja, Panzer sind mächtig, aber eine ausgewogene Infanteriemischung macht auch den rollenden Stahlkolossen schnell den Garaus.

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Je nach Aufgabe und gegnerischen Einheiten ist ein anderer Mix gefragt. Dabei lohnen sich Experimente. CoH 2 ist bis zu einem gewissen Grad eine Skirmish-Angelegenheit, die sich aber zu keinem Zeitpunkt in der Schmalspurigkeit eines Dawn of War 2 verliert.

Die Wende der deutschen Operation Barbarossa, bei der 4 Millionen deutsche Soldaten auf breiter Front in Richtung Moskau vorrückten, kam in Stalingrad – und dort setzt das, was das erste CoH zum Suchtspiel machte, sofort wieder ein: der Tunneleffekt. Das Jahr 1942 lässt mich die Zeit vergessen, nach jeder Mission schaue ich auf die Uhr und wundere mich, wie mein Zeitgefühl mich trügt. Dazu tragen sowohl die Aufteilung der Missionen bei, die immer wieder mit neuen Anweisungen und Zielen am gleichen Schauplatz aufwarten, als auch eine latente Überforderung, die mich unter Daueradrenalin setzt.

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Fester Bestandteil: Häuserkampf, hier unter den Augen Lenins.
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Fast immer ist das Gefühl da, es müsse etwas nachgebessert werden. Wenn ich etwa meine MG-, Mörser oder Schock-Trupps mit billigen Rekruten auffülle, heißt es zum Ausgleich für eine bestimmte Zeit: kämpfen oder sterben. Grundlage dafür ist der sogenannte Befehl 227, der Kommissare ermächtigte, jeden zu erschießen, der sich zurückzog. Ich halte meine Truppen also an der Front und bringe Spezialeinheiten wieder auf maximale Mannstärke, versuche, statt taktischen Rückzugs die entsprechende Unterstützung zu gewährleisten.

Soldat, Journalist, Häftling

Vom klassischen Echtzeitstrategie-Basenbau hat sich Relic in der Kampagne fast komplett verabschiedet. Es gibt zwar Hauptlager, aber die müssen eben beschützt, fast nie neu errichtet werden. Das macht die russische Operation in Richtung Berlin leichter zugänglich und schaufelt Zeit frei für die taktische Einheitenpflege. Der Rest ist wie gehabt in Company of Heroes: Die Kombination aus drei Ressourcen muss in Balance gehalten werden, damit der Nachschub funktioniert: Treibstoff, Munition und Mannstärke.

Strategische Finesse unter Daueradrenalin. Erschreckend exzellent.Fazit lesen

Die Karten sind weiterhin in taktische Abschnitte eingeteilt, die nach dem „Erobern und Halten“-Prinzip funktionieren und für den nötigen Nachschub sorgen. Manche Panzermannschaften können nun auch Sektoren erobern – aber währenddessen ihren fahrbaren Untersatz nicht benutzen. Ein risikoreiches Unterfangen. Einmal unter Kontrolle, hat der Spieler die Möglichkeit, Territorien umzuwandeln, damit sie die Ressource liefern, die dringend gebraucht wird. Benzin etwa wird häufig knapp, besonders wenn es darum geht, die Bodentruppen mit gepanzerten Fahrzeugen zu unterstützen.

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Der Winter macht beiden Seiten zu schaffen.
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Zu den Bodentruppen gehört zu Beginn auch Leutnant Isakovich, der aber dann nach Moskau geschickt wird – und die Kampagne der Roten Armee danach als Berichterstatter begleitet. Er verherrlicht die Taten der Russen für die heimische Bevölkerung zwar, stellt sie selbst aber in Frage. Und so sitzt er während des Kalten Krieges in einem Umerziehungslager und bekommt Besuch von seinem früheren Vorgesetzten, Colonel Churkin. Dieser befragt ihn zu seinen Aufzeichnungen, die den Feldzug nach Westen gegen das faschistische Reich Hitlers nachzeichnen.

Darin ist der Feind der Deutschen wie der Russen das Wetter, der Winter. Die Kälte, das Eis und der Schnee. Relic hat hier offenbar viel Zeit investiert. Die Unterschiede sind nicht nur augenfällig, sondern beeinflussen auch die Manöver auf den Karten. Die Infanterie watet durch den Tiefschnee, wird ebenso wie Fahrzeuge wesentlich langsamer und macht die Kontrolle über Straßen zum wichtigen Gut.

Wenn dann der Blizzard kommt, müssen die Trupps entweder an Feuerstellen, in Transportfahrzeugen oder Gebäuden unterkommen, sonst erfrieren sie schlicht. Da helfen auch die Feldlazarette nicht, die auf manchen Karten fest an strategischen Punkten installiert sind und die Fußtruppen wieder zusammenflicken. Ist kein Mechaniker vor Ort, um den Motor des Panzers wieder flott zu bekommen, kann womöglich ein entsprechender Maschinist aushelfen. Der ist allerdings auch dann machtlos, wenn der Mörser des Gegners eine gezielte Granate aufs matt spiegelnde Eis setzt, sodass mein Panzer im Wasser versinkt.

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Routen übers Eis mögen manchmal schneller sein. Sie sind aber auch riskanter.
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In Städten werden schmale Straßen schnell zur Falle, wenn an den umliegenden Fenstern plötzlich die Gegner auftauchen und zugleich ein Sniper die vorrückenden Einheiten unter Feuer nimmt. Zusätzlich ein paar Minen versteckt – fertig ist die Falle. All das ist wie schon im Vorgänger in Company of Heroes 2 auch möglich.

Viel effektiver sind solche Kombination aber, weil das neue Sichtsystem mit einem dynamischen Nebel des Krieges aufwartet: Nur was meine Einheiten sehen, bekomme auch ich zu Gesicht. Besonders in Mehrspielerschlachten lässt mich das bisweilen im Schwarz fischen. Ein geschicktes Ablenkungsmanöver kann da fix zum Durchbruch im umkämpften Stadtzentrum führen.

Spezialfähigkeiten per Kommandeur

Manch einer mag sich noch erinnern, dass es zeitweise auch in Europa ein Company of Heroes Online gab. Dies war offenbar eine Art Experimentierfeld für den zweiten Teil des Hauptspiels. So gibt es nun in jeder Schlacht drei verschiedene Kommandeure, die sich der Spieler vor der Partie aussuchen kann, inklusive der damit einhergehenden Spezialfähigkeiten – etwa Artillerie-Unterstützung von außerhalb der Karte oder spezielle Einheitenverbesserungen, die über Achievements freigeschaltet werden.

Besonders in Mehrspielerpartien kann das richtige Loadout in brenzligen Situationen zum Sieg führen - etwa ein Stuka-Angriff, der Gegner und Territoriumskontrolle in Eis und Schnee bombt.

Jedes Spielerprofil wird neben seinen Erfahrungspunkten und damit verbundenen Leveln mit Orden und anderen Abzeichen versehen. Den deutschen General Heinz Guderian zitiert Relic mit den Worten: „Wir haben die Russen bei weitem unterschätzt, das Ausmaß des Landes, die Hinterhältigkeit des Klimas. Das ist die Rache der Realität.“ Die Wehrmacht verlor in einem tödlichen Fegefeuer aus Eis, Schnee, Kälte, schlechter Versorgung und russischen Soldaten die Initiative, die sie sich zuvor im Blitzkrieg erkämpft hatte. Nun rücken also die Russen in Richtung Westen vor. Leningrad fällt, dann Warschau, am Ende stehen sie in der deutschen Hauptstadt.

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Detailliert: Explosionen und Lichteffekte.
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Es gibt viele Möglichkeiten, sein Ziel zu erreichen – einer der Gründe, warum Company of Heroes 2 nie langweilig wird. Im Gegenteil. Meistens verliert man, weil der richtige Mix, das richtige Timing und der Fokus fehlt. Das lässt sich bei einem weiteren Versuch recht schnell beheben. Wie bereits im ersten Teil sind die Missionen in mehrere Abschnitte unterteilt, die nach und nach das Aktionsterrain aufdecken.

Hier beweisen die Entwickler ebenfalls Fingerspitzengefühl und speichern einfach automatisch zwischen. Hilfreich, denn die Schlachten packen mich am Kragen und ziehen mich in den Kommandostand, immer unter Zeitdruck, aber immer mit der Möglichkeit zur Lösung des akuten Problems. Ans manuelle Speichern ist da meist nicht zu denken.

Auf Brennpunkte weisen neben dem übersichtlichen Interface auch immer wieder Stimmen meiner Soldaten hin – die Trupps informieren mich in einem skurrilen Akzentmix über ihre Situation. Dazu die Explosionen, die Schreie, dezente Untermalung – neben dem exzellenten Soundtrack für den Menübereich hat Relic auch bei der Vertonung der Schlachtfelder fast alles richtig gemacht.

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Lufteinheiten (oben rechts) sind wie gehabt direkt steuerbar.
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Dort sind für die Russen die Katjuschas, die Stalinorgeln ein großes Plus, da sie aus der Entfernung jede noch so gut verteidigte Stellung dem Erdboden gleichmachen können. Wenn es so weit kommt und das Pfeifen der Raketen ertönt, ist die höchste Eskalationsstufe meist erreicht. Ebenso wie überfallartiger Blitzkrieg oder bedächtiges Vorrücken inklusive Rauchgranaten zur kurzfristigen Tarnung kann auch ein überraschender Flankenangriff am neuralgischen Punkt das Blatt kurzerhand wenden. Und je nachdem, wie die Armee ausgestaltet ist, wird das Wetter zu einem entscheidenden Faktor.

Was bei Company of Heroes aber am meisten zur Langzeitmotivation beiträgt, ist das Prinzip, das sämtliche Karten abseits der Kampagne vermitteln: Verlieren heißt siegen lernen. So kann die Bauabfolge der gegnerischen Einheiten zeigen, was beim nächsten Mal vielleicht besser gemacht werden könnte. Lange hat Relic am Balancing gefeilt, immer wieder Feedback von Spielern eingeholt. Es gab eine geschlossene Alpha, eine geschlossene Beta, zuletzt noch eine offene Beta. Das zahlt sich jetzt aus. Company of Heroes 2 ein absoluter Echtzeitstrategie-Kracher geworden, der seinesgleichen sucht. Punkt.