Neue Helden braucht die Welt – und Nintendos Portfolio erst recht. Darum rekrutieren Intelligent Systems und Abraham Lincoln in Code Name: STEAM zwölf tapfere Soldaten, die Amerika vor einer neuen Bedrohung schützen sollen. Nicht etwa vor den Russen oder Terroristen, sondern vor … Aliens. Ohne Zweifel ist es ein makaberes Szenario, das da für den 3DS inszeniert wird, doch sollte man Intelligent Systems nicht unterschätzen: Diese Damen und Herren machen auch Fire Emblem.

Hat die bizarre Geschichte um die Alien-Invasion noch nicht euer Interesse geweckt, solltet ihr also spätestens jetzt neugierig aufhorchen, schließlich ist Fire Emblem eine der außergewöhnlichsten Taktik-Strategiespielserien – und den jüngsten Ableger Awakening hat Gregor seinerzeit sogar mit einer 9/10 bewertet und obendrein mit dem Prädikat „fast perfekt“ gekürt. 25 Jahre nach dem ersten Fire Emblem und sieben Jahre nach dem letzten Advance Wars (auch das stammt aus von Intelligent Systems!) wagt sich das Studio aus Japan nun an sein drittes großes strategisches Abenteuer, das zwar viel anders macht als die entfernten Verwandten, aber trotzdem einiges mit ihnen gemein hat.

Das kommt angesichts des dreidimensionalen Gameplays und des sehr extravaganten Grafikstiles zunächst unerwartet. Vorbei sind die Zeiten von pixeligen Sprites und kantigen Figuren ohne Füße: STEAM wirft all das über Bord und ersetzt es durch einen kräftigen, stechenden, goldgetunkten Comic-Stil – ein richtig schicker Anblick, wenn ihr mich fragt, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so wirken mag. Wie so oft sieht auch STEAM auf dem Bildschirm des 3DS um Welten lebendiger und besser aus als auf Bildern – Geschmackssache bleibt das Ganze dennoch, hier mehr denn je.

Code Name S.T.E.A.M. - Abraham Lincoln: Alien Hunter

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Sieht auf Bildern eher so meh aus, kann sich in Bewegung aber wirklich sehen lassen.
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Intelligent Systems bleibt sich einem allerdings treu und dankbarerweise dem Wichtigsten von allem. Wenn ihr Fire Emblem mochtet, könnt ihr euch auf ein komplexes, tiefgründiges, sehr durchdachtes Kampfsystem freuen, das sich zwar komplett anders anfühlt, aber ebenso konsequent belohnt und bestraft. Wer blind drauflosrennt, findet sich schnell in einem aussichtslosen Hinterhalt wieder, wer hingegen klug und vorausschauend taktiert, schaltet die Organisation der Alien-Truppen systematisch aus. Auch wenn alles nun in 3D stattfindet, scheint die Erfahrung der Entwickler jederzeit durch.

Gespielt wird abwechselnd in Runden, und jede eigene Runde beginnt mit einer Situationsanalyse. Wo steht mein Team? Gibt es eine sichere Deckung? Habe ich genug Dampf für einen Angriff übrig? Ist da irgendwo ein Gegner, der mich aus dem Hinterhalt überraschen könnte? In STEAM ist dieses vorausschauende Denken und Handeln noch eine ganze Ecke wichtiger als in anderen Spielen dieser Art, denn solchen Luxus wie eine Minikarte gibt es hier nicht – und das ist durchaus so gewollt. Die Gefechte werden nämlich gerade dadurch so spannend, dass man eben nicht weiß, was einen hinter der nächsten Deckung erwartet. Dadurch wird man zum Nachdenken, zur Vorsicht, zur Planung angeregt, was der Spannung des Spiels absolut zugutekommt und ein ziemlich cleverer Kniff ist.

Packshot zu Code Name S.T.E.A.M.Code Name S.T.E.A.M.Release: 3DS: 2015 kaufen: Jetzt kaufen:

Außerdem gibt es ja noch ganz andere Faktoren zu beachten: die richtige Positionierung der pro Level je vier Squad-Mitglieder, die Wahl der richtigen Primär- oder Sekundärwaffe, eine sichere Deckung finden, Gegner möglichst an ihren Schwachstellen treffen, sich beim Umherbewegen nicht entdecken lassen – all das kann je nach Situation über Sieg oder Niederlage entscheiden. Und dann ist da ja noch der allerwichtigste Faktor von allen: der Umgang mit dem Dampf im Rückentank.

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In der Steampunk-Welt von Code Name: STEAM ist dieser titelgebende Dampf nämlich die elementare Ressource für sämtliche Aktionen, für das Laufen, das Schießen, das Heilen – eigentlich für alles. Zu Beginn einer jeden neuen Runde wird der Boiler wieder aufgefüllt und dann kann man den Dampf in die Bewegung oder einen Angriff investieren. Oft steht man dabei vor schwierigen Entscheidungen: Feuere ich mein Gewehr mit den letzten drei Dampfsymbolen ab in der Hoffnung, den Alien auf Anhieb zu erledigen, aber mit dem Risiko, ihn zu verfehlen und schutzlos auf offenem Felde zu stehen? Oder bleibe ich lieber in der Deckung und hebe mir die Symbole für einen möglichen Überraschungsangriff in der gegnerischen Runde auf und gehe dabei das Risiko ein, dass er mich flankiert und von der anderen Seite aus angreift, die ich gerade nicht verteidigen kann?

Diese Momente sind es, die Code Name: STEAM auszeichnen und zu einem wirklich gelungenen, sehr spannenden Taktik-Strategiespiel machen. Intelligent Systems versteht es einfach, intelligente Spielsysteme zu kreieren – pun intended. Am Prinzip des Kampfsystems gibt es nichts zu meckern, und gerade durch die Vielfalt im Missionsdesign ist man stets motiviert, das nächste Level zu spielen.

Anspruchsvolles Taktieren, spannende Kämpfe, schickes Artwork – aber das Drumherum schwächelt. Ein gutes Spiel, aber nicht das beste von Intelligent Systems.Fazit lesen

Und dennoch reicht es am Ende nicht für den ganz großen Wurf, dennoch bleiben am Ende viele Wünsche offen und es kristallisieren sich mit zunehmender Spielzeit Probleme heraus, die einfach nicht hätten sein müssen. Die überlangen und nicht überspringbaren gegnerischen Runden sind eines davon – teilweise dauert es bis zu einer Minute, bis die Aliens mit ihren Aktionen fertig sind. Das ist viel zu lange, zumal man vom Großteil dieser Aktionen dank der Schulterperspektive und Sichtsperre sowieso nichts mitbekommt. Zumindest dieses Manko will Nintendo zwar mit einem Patch beheben; in Amerika ist das bereits geschehen, bei meiner europäischen Testversion hingegen leider nicht.

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Auf ins Gefecht!
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Schwieriger dürfte das Beseitigen der Balancing-Probleme im späteren Spielverlauf werden. Speziell gegen Ende der etwa 15-stündigen Kampagne wurde ich von feindlicher Verstärkung geradezu überrannt – das sorgt für Frust und lässt die Gefechte regelrecht zum Glücksspiel verkommen. Zwar habe ich es irgendwann durch diese Passagen geschafft, aber von Spaß war da nicht mehr die Rede.

Das sind selbstverständlich noch lange keine Dealbreaker, ganz und gar nicht, aber diese Probleme in Verbindung mit der belanglosen Story und dem uninspirierten Alien-Design ziehen das Spiel unnötig herunter. Wahnsinnig schade angesichts des tollen Kampfsystems und des ansonsten sehr charmanten Artworks. Code Name: STEAM ist damit zwar ohne Frage ein gutes, stellenweise erstklassiges Spiel – aber es ist eines, das unter seinen Möglichkeiten bleibt, und das ist sehr schade.