Chrome: Specforce
von Patrick Streppel

Der polnische Entwickler Techland - bekannt durch das spaßige Xpand Rally und das eher miese Crime Cities - hatte sich für den Ego-Shooter Chrome einiges vorgenommen. Weiträumige Außenareale, Taktik-Elemente,

Fahrzeuge und eine spannende Geschichte hoben den Titel im Winter 2003 von der Konkurrenz ab. Mit Specforce erscheint nun ein Mittelding aus Fortsetzung und aufgebohrtem Add-On - doch das Genre ist mit Far Cry längst einen Schritt weiter.

Ego-Shooter gab es schon vor 18 Monaten wie Sand am Meer - vor allem solche, die in der Zukunft spielten. Tron 2.0, Jedi Academy und Halo lagen damals in den Läden, doch die potentiellen Blockbuster Half-Life 2, Doom 3 und Far Cry standen vergeblich auf dem Weihnachts-Wunschzettel. Gut für Chrome, denn damit stand der polnische Shooter ohne große Konkurrenz da. Anstatt auf die damals modische Unreal-Technologie zu setzen, entwickelte Techland für Chrome zudem eine eigene Engine, deren Besonderheiten eine enorme Weitsicht sowie eine dichte Vegetation waren, die in der Ära vor Far Cry ihres Gleichen suchte. Die meiste Zeit war der Spieler in realistischen Wäldern und anderen Außenarealen unterwegs. Das machte sich auch beim Gameplay bemerkbar: Anstatt sich wie in Unreal 2 linear durch die Level zu ballern, erlaubt Chrome eine gewisse taktische Freiheit.

Nachfolger oder Mission-Disk?
Kurzum, Chrome fand aufgrund dieser Besonderheiten schnell seine

Fans. So mancher, der bereits zwei Jahre auf Far Cry wartete, konnte sich mit dem polnischen Konkurrenten anfreunden und dabei auch über verschiedene Macken wie die hakelige Fahrzeugsteuerung und vergleichsweise hässliche Innenräume hinwegsehen. Rund 18 Monate später sieht das freilich etwas anders aus, denn Far Cry hat die Messlatte für Shooter dieser Art ein ganzes Stück höher gehängt: Mit spaßigen Fahrzeugen, dichten, wunderschönen Dschungellandschaften und zugleich detaillierten Innenräumen, einer intelligenten KI und spannenden Geschichte. Chrome und Chrome Specforce sehen dagegen wie graue Mäuse aus.

Denn so richtig viel hat sich bei Techlands neuem Shooter nicht verändert: Die Grafik ist weitestgehend gleich geblieben - schöneren, da dichter bepflanzten Dschungel-Leveln stehen mangelnde Abwechselung und gleich bleibend öde Innenräume gegenüber. Gameplay-Elemente wie KI, Waffen oder Gegnertypen sind auf den ersten

Chrome SpecForce - Mit dem Chrome-Ableger zurück in den Dschungel

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Blick kaum zu unterscheiden. Für den Add-On-Charakter sprechen nicht nur die relativ kurze Spielzeit und die Tatsache, dass Specforce in nur einer Umgebung spielt, vor allem fehlt es dem Ableger an einer richtigen Story.

Söldner aus dem Vorgänger
Der Spieler schlüpft in die Haut von Logan, dem Held des ersten Spiels. In Chrome wurde der Ex-Soldat und Söldner von seinem besten Kumpel hereingelegt. Während Logan brav Wache schob, krallte sich sein Partner kurzerhand selbst die wichtigen Informationen und verschwand ohne eine Spur zu hinterlassen mit dem gemeinsamen Shuttle. Von der Übermacht gestellt, war die hübsche Carrie die letzte

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Rettung. Als Söldnerpaar durchstreiften die Beiden fortan die Galaxie nach lukrativen Aufträgen und kamen so einer großen Verschwörung auf die Spur.

Specforce fungiert als Prequel: Anstatt die Geschichte fortzusetzen, ist Logan wieder Soldat der militärischen Spezialeinheit Specforce, die auf dem Planeten Estrella die Machenschaften eines Konzerns untersuchen soll. Wieder gelangt unser Held in eine Falle: Die geheime Mission wird verraten und das Mutterschiff im Orbit zerstört, Logan und sein Begleiter Pointer sind auf sich allein gestellt. Von Carrie ist diesmal keine Spur, doch treffen die gestrandeten Soldaten im Dschungel Estrellas aufeine Rebellenbewegung, die den Konzern zu vertreiben versucht. Denn unter dem wahnsinnigen Anführer arbeitet die örtliche Niederlassung nämlich nicht nur an einer Wunderdroge, sondern auch an genetisch verbesserten Elite-Kämpfern…

Wie ein gutes Buch?
Wer die ausgiebigen Zwischensequenzen aus Chrome in Erinnerung hat, der wird unweigerlich enttäuscht. Die Story in Specforce wird hauptsächlich in Texten erzählt, die den Ladebildschirm zieren. Kurze Dialoge in den Missionen geben zwar zusätzliche Infos, werden aber dilettantisch inszeniert: Lippenbewegungen oder gar aussagestarke Mimik wie in Half-Life 2 sind hier Utopie.

Doch selbst wenn man der Geschichte folgen möchte, so ist die abgelutschte Handlung um einen mächtigen Konzern weder komplex noch sonderlich spannend. Nachdem wir die Rebellen gefunden haben, geht es relativ zielstrebig in Richtung Ziel: Wir befreien noch ein paar

Mitstreiter, finden einen Kameraden im Dschungel und greifen dann die Basis an. Die letzten vier Missionen wirken zwar wie aus einem Guss, lassen aber jede Storyentwicklung oder Überraschung vermissen. Unsere Mitstreiter sind ohne Profil, die Identifikation mit dem eigentlich markanten Logan hält sich in Grenzen.

Die optische Abwechselung bei den 11 Missionen lässt ebenfalls zu wünschen übrig: Waren wir im Vorgänger auf verschiedenen Planeten unterwegs, sind es hier nur die dichten Wälder Estrellas. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (das Tutorial ist beispielsweise in einer braunen Umgebung angesiedelt) dominiert die Farbe grün.

Das eigentliche Missionsdesign ist dagegen stimmig: Wir schleichen uns in eine Basis, liefern uns spannende Duelle mit Elite-Wachen, laden einen Virus hoch und flüchten schließlich mit einem Kampfroboter in die Wälder. Dort nutzen wir Bäume als Deckung oder die hohe Sichtweite

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zum effektiven Snipern. Die KI der Gegner ist anspruchsvoll, die Jungs treffen auch auf große Entfernung und gehen stets in Deckung - das macht das Spiel packend und anspruchsvoll.

Ein Hauch von Taktik
Specforce ist wie schon Chrome ein Action-Titel mit einem Hauch von

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Taktik - trotz der Ähnlichkeiten mit Far Cry am besten vergleichbar mit Codename Outbreak. Wie schon in GSC Gameworlds Shooter (der mit Stalker nächstes Jahr einen inoffiziellen Nachfolger erhält), verfügt der Spieler über ein genau bemessenes Inventar. Somit dürfen nicht Dutzende Waffen, Medipacks und Technik-Gimmicks herumgeschleppt werden, sondern lediglich einige ausgewählte Exemplare. Das zwingt zum nachdenken: Möchte ich das Umfeld eines Gebäudes von Gegner säubern, so schalte ich den Sniper auf einem Nahen Wachturm aus, schnappe mir sein Gewehr und werde von dieser überlegenen Position aus selbst zum Todesengel.

Auch zwei günstig gelegene Hügel suche ich auf, bevor ich zurückgehe und das Scharfschützengewehr für den Sturm des Gebäudes gegen ein Maschinengewehr tausche. Wenn das kleine Radar zahlreiche Feinde hinter den Wänden andeutet, werfe ich alles bis auch reichlich Munition und Verbandskästen aus dem Rucksack - auch wenn von Munitionsknappheit diesmal keine Spur ist. Beim Durchsuchen der getöteten Feinde werden wir regelmäßig fündig.

Dabei gibt es ohnehin noch eine ganze Reihe an Tools, auf die man als Hi-Tech-Söldner bauen kann. Vier Cyber-Implantate helfen Logans Kampfkraft mit schnelleren Bewegungen, Unsichtbarkeit, Schutzschild oder erhöhter Zielgenauigkeit zu verbessern, saugen jedoch an seiner mentalen Energie. Ebenfalls praktisch sind Fernglas, Granaten oder der durchschlagende Raketenwerfer, denn neben reichlich Fußsoldaten trifft man in Specforce auch auf zahlreiche, schwer bewaffnete Fahrzeuge wie Panzer, Mechs oder Angriffsgleiter. Auch Logan macht davon regen gebrauch: Ein Speeder bringt uns zum Rebellenstützpunkt, stationäre Geschütze bescheren unerwartete Feuerkraft oder Mechs zerlegen ganze Gegnerarmeen - obwohl sie selbst nicht viel einstecken können.

Schade nur, dass die merkwürdige Physik nicht so richtig die Freude am Fahren aufkommen lässt.

Draußen hui, Innen pfui
Die Außenabschnitte sind definitiv die Stärke von Specforce: Sich durchs Gebüsch an Gegner anzuschleichen, Hügel und Felsen taktisch zu nutzen und mit dem Fernglas die Gegend

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auszuspähen, das fesselt an den Bildschirm. Betritt man jedoch erst einmal eines der Gebäude, geht der Charme schnell verloren: Die braunen Korridore und Räume sind schlicht gestaltet, wiederholen sich oft und halten trotz Kisten und Regalen nur wenige Herausforderungen parat. Die Basen des Konzerns sind durchweg gleich aufgebaut und wir glauben sogar, Level-Elemente aus Chrome entdeckt zu haben. Kleine Schalter-Puzzles (finde die Keycard) oder das Memory-artige Hacken von Computern (gleiche Symbole finden) sind nett, aber seit Chrome eben nichts besonderes mehr. Zudem kommen hier auch die Schwächen der Engine zum Tragen, die einfach nicht für Innenräume gemacht ist. Schicke Waffen- oder Licht-Effekte, detaillierte Texturen oder aufwändige Geometrien sucht man jedenfalls vergebens.

Der Sound kann sich in allen Belangen hören lassen: Der Orchester-Soundtrack passt sich dynamisch dem Geschehen an und ist klasse komponiert. Die Soundeffekte sind zwar eher durchschnittlicher Natur, aber dafür ist die deutsche Sprachausgabe ordentlich. Wie schon beim Vorgänger legt Techland Wert auf einen umfangreichen Mehrspielermodus, bei dem die großen Areale so richtig zur Geltung kommen - dank ChromeED sind auch zahlreiche Fan-Karten im Internet verfügbar.

Chrome SpecForce - Mit dem Chrome-Ableger zurück in den Dschungel

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Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ große, dicht bewachsene Außenareale + taktisch angehauchte Action + abwechselungsreiche Einsätze

Contra:
- triste Innenabschnitte - lange Ladezeiten - Fahrzeugphysik fehlerhaft - keinerlei Zwischensequenzen

Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ große, dicht bewachsene Außenareale + taktisch angehauchte Action + abwechselungsreiche Einsätze

Contra:
- triste Innenabschnitte - lange Ladezeiten - Fahrzeugphysik fehlerhaft - keinerlei Zwischensequenzen