Ungewöhnlich, farbintensiv und kunstvoll inszeniert – was wie ein Film von Matthew Barney klingt, soll ein spielbares Erlebnis der bunten Art für die Konsolen werden. Darf man wirklich den lang ersehnten Farbtupfer im Gaming-Allerlei erwarten?

Ja, wir kennen die alte Leier: Kinect ist was für Partys. Eine Konsolen-Hardware, bei der sich jeder freiwillig zum Horst macht und im Vollsuff vor dem Bildschirm herumhopst – nur damit man irgendwelche niedlichen kleinen Knuffelfigürchen reißende Sturzbäche hinunterjagt, Hindernisparcours meistert oder vielleicht höchstens ein virtuelles Shoot-out für sich entscheidet. Es ist nun mal nichts für die Elite unter den Computerspielern: die richtigen, echten Spieler da draußen. Das erlauchte Volk, das bereits vor der Konsole hockte, bevor Pong überhaupt erfunden wurde.

Child of Eden - Kinect ist unsere Droge

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Ein kunterbunter Farbrausch erwartet euch.
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Kinect ist so casual wie Lara Croft eine Sexbombe – eine ewige Konstante im Gaming-Universum? Nicht ganz. Tetsua Mizuguchi schickt sich an, die Zappelkontrolle in einen echten Shooter einzubinden. Wer seine Spiele REZ oder Lumines kennt, ahnt vielleicht, dass dem Spieler damit ein Erlebnis ins Haus steht, das mehr als nur den Spielsinn ansprechen wird. Deshalb spricht er selbst auch von einem Synästhesie-Shooter.

In der Tat werden sich gedächtnisstarke Gamer schnell an den Dreamcast-Klassiker REZ erinnert fühlen. Schon fast so sehr, dass man Child of Eden als logische Konsequenz der technischen Weiterentwicklung ansehen könnte. Dennoch bietet der Titel einen eigenen künstlerischen Anspruch.

Transzendentales Geschichtenerzählen

Bei Eden handelt es sich um das kollektive Gedächtnis der gesamten Menschheit. Es ist hübsch dargestellt als eine Art Garten, in der sich allerhand Objekte in leuchtenden Farben und markanten Formen tummeln. Als Gärtnerin wird versucht, Lumi zu visualisieren, die in menschlicher Form ein Auge auf dem Garten haben soll. Doof nur, dass es auch Viren auf die gesamten Erinnerungen der Spezies Mensch abgesehen haben. Sollten sie die Oberhand gewinnen, wäre es um alle Errungenschaften geschehen und kein Stein bliebe mehr auf dem anderen. Der Spieler schickt sich deshalb an, sowohl Lumi zur menschlichen Gestalt zu verhelfen, als auch den Schädlingen in Eden Einhalt zu gebieten. Natürlich ballernd, was das Zeug hält.

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Bunt, bunt, bunt.
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Was wie ein durchschnittlicher Shooter klingt, entpuppt sich schon durch die Kinect-Steuerung als eigenwilliges Spielerlebnis. Den weiteren Pfad abseits der plattgetrampelten Spielewege beschreitet das Werk durch die Präsentation, die sich weitab vom durchgekauten Einerlei irgendwelcher Genres bewegt. Das wird schon im Einschaltbild unmissverständlich klar:

Kunstspiel? Spielekunst? Eigentlich auch egal, solange man sich in dem Reigen aus Licht, Farbe und Sound im Kinect-Takt bewegt.Ausblick lesen

Während die Kalibrierung läuft, kann man den Garten Eden in seiner vollen Pracht überblicken – ein gewaltiger Farbreigen, in dem sich verschiedenste lebendige Formen befinden, um Lumi scharen oder sie umrunden. Das Mädchen in dem fließenden weißen Gewand schaut traurig auf den Boden, als würde sie, einer neuen Mona Lisa gleich, den Preis für den geheimnisvollsten Gesichtsausdruck gewinnen wollen.

Die Mischung macht den digitalen Drogencocktail

Das Konzept hinter Child of Eden ist dagegen eine Mischung aus herkömmlichem Shooter, psychedelischer Mittendrin-Erfahrung und musikalischem Rhythmusgefühl. Um Eden von den verschiedenen Viren zu reinigen, muss man mit den Händen durch die Areale steuern. Die Bereiche alleine gaukeln das Gefühl vor, im freien Raum zu schweben, vielleicht auch herrenlos im All herumzutreiben. Insgesamt gibt es fünf Level, die Archive genannt werden. Es handelt sich ja nun mal um das Kollektivgedächtnis unserer Spezies, weswegen alle Erinnerungen in Archiven gesammelt und gespeichert werden.

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Alles ist bunt. Wie auf den anderen Bildern.
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Je weiter man sich durch die Level bewegt, desto glücklicher sieht Lumi aus. Zum Finale hin huscht sogar ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. Da wissen die Kinect-Kämpfer doch gleich, warum sie die Verteidigungsmissionen auf sich nehmen. Zwischen Kinect und den Standard-Controllern kann übrigens nahtlos umgeschaltet werden. Wer sich dennoch für die Steuerung per Sensor entscheidet, braucht trotzdem nicht auf den Vibrationseffekt seiner Joypads zu verzichten. Lustig kann das werden, wenn vier Pads angeschlossen sind, die sich am Körper des Spielers befinden. Selten zuvor wurde man auf solch spielerische Art und Weise wachgerüttelt.

Der Rhythmus, mit dem der Zocker mit muss

Kurze, knappe Handbewegungen reichen aus, um eine Salve auf die Viren zu ballern. Das Zielen erledigt dann schon eine Automatik. Wichtig ist es, auf die Musik zu achten, denn jeder Schuss wird mit einem eigenen Sound-Effekt unterlegt. Wenn die Verteidiger dabei im Rhythmus bleiben, können sie neue Kombos erspielen und mit Extrawaffen den Übeltätern zu Leibe rücken.

Dabei gibt es Tracers, die das feindliche Objekt so lange verfolgen, bis es zerkrümelt ist, oder Dauerfeuer, womit ganze Gegnerwellen erledigt, bunte Blitzkaskaden erzeugt und nebenbei interessante neue Elemente in den Soundtrack eingefügt werden. Eigentlich mischen die Zocker die technoide Hintergrundbeschallung selbst, indem sie einfach weiterspielen.

Child of Eden - Wie ein LSD-Trip3 weitere Videos

Hört sich an wie die Vision eines bedrogten Spieldesigners? Dann sollte man weiterspielen, bis ein Bossgegner erscheint. Das könnte ein riesiger Wal sein, der aus sphärischem Licht besteht und dessen Schwachpunkte so lange beharkt werden müssen, bis er sich abwendet und in einen Feuervogel verwandelt. Dieses Federvieh besteht natürlich ebenfalls aus gleißendem Licht und hat weitere Punkte zum Drauflosballern.

Erst wenn man diese Metamorphose ebenfalls erledigt hat, kann das nächste Archiv aufgesucht werden. Vorher sollte man aber noch Lumis Belohnung annehmen, mit denen Eden in seiner friedlichen Fassung bereichert wird. Schnell wabern kleine Quallen, heroische Mantarochen oder anderes Meeresgetier aus purem Licht durch den kollektiven Gedächtnisgarten.