Chaos um HDTV - Ernüchterung pur
von Thomas Bayer

Es hätte so schön werden können. 2006 kaufen wir alle eine neue Konsole aus dem Hause Microsoft oder Sony, zocken tolle Spiele in nie gekannter grafischer Qualität und freuen uns schon mal darauf, mit unseren neuen Wunderkisten auch Filme in HD-Qualität zu genießen.

Microsoft hat es zwar pünktlich geschafft, die Xbox360 auf den Markt zu bringen. Nicht aber Sony. Die Japaner mussten heute nach einer langen Zeit der Dementis zugeben, dass die neue PlayStation 3 nicht vor November 2006 in den Läden stehen wird. Natürlich versucht man, dies dem Kunden schmackhaft zu machen.

"Wir sind hoch erfreut, dass wir in der Lage sein werden, die PS3 noch vor Weihnachten den Spielern in Europa und Australien anbieten zu können." Mann könnte auch sagen "Wir sind stinksauer, dass wir es nicht wie geplant im Frühjahr schaffen. Aber das können wir natürlich unmöglich zugeben."Zocker können aber zumindest ins Microsoft-Lager wechseln und dort in den Genuss des Next-Gen-Konsolengamings kommen. Die als Multimedia-Zentrale gepriesenen Geräte sollen aber viel mehr sein als "nur" Spielkonsolen. Viele Käufer schätzen an PS2 und XBox die Funktion als DVD-Player. Das spart nicht nur Platz, sondern auch bares Geld.

Chaos um HDTV - Warum HDTV und Next-Gen-Konsolen nicht zusammenpassen und die PS3 verschoben wurde!

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Kein Standard in Sicht
Und genau da liegt bei den Neuen der Hase im Pfeffer. Freilich spielen auch die neuen Wundergeräte DVD's ab. Neuerdings ist jedoch HDTV (High Definition TV) in aller Munde. Das "Fernsehen der Zukunft" soll Auflösungen von bis zu 1920 mal 1080 Pixel bieten - das sind fünfmal mehr Bildpunkte als bei einer DVD. Bei so viel Bildinformation reicht selbst die Kapazität der altgedienten DVD's nicht mehr aus. Ein neues Speichermedium muss also her. Wie vor einigen Jahrzehnten VHS, Betamax und Video2000 streiten auch heute wieder verschiedene Standards um den Platz an der Sonne.
Blu-ray-Disc und HD-DVD ("High Density" oder "High Definition"-DVD) bieten beide ausreichend Platz für einen Kinofilm in HD-Qualität. Einen einheitlichen Standard gibt es aber noch nicht - und an eine andauernde friedliche Koexistenz der beiden Formate zu glauben, fällt wohl nicht nur denen schwer, die sich noch an den Kampf der Heimvideoformate erinnern können. Unnötig zu erwähnen, dass die neuen "Standards" selbstverständlich neue Abspielgeräte benötigen.

HD-DVD vs. Blu-ray-Disc
Wer nun also darauf spekuliert, mit dem Kauf seines neuen Schmuckstücks die zusätzlichen Kosten für einen HD-fähigen Player zu sparen, sollte gewarnt sein. Denn - wie könnte es anders sein - haben Microsoft und Sony jeweils einem anderen Standard den Vorzug gegeben. Die Redmonders setzen auf die HD-DVD, Sony dagegen auf die Blu-ray-Disc. Microsoft hat - wahrscheinlich nicht nur aus Kostengründen - zum Verkaufsstart der XBox360 auf die Integration eines HD-DVD-Laufwerkes verzichtet und bietet es bald als Zubehör an.

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Billig wird der Spaß aber nicht: Es kursieren Preise von ca. 500$ für das externe Laufwerk.

Noch härter trifft der Streit der Standards allerdings Sony. Die PS3 wird - als einzige Option- ein Blu-ray-Laufwerk in ihrem Bauch tragen. Kaum auszumalen was passiert, sollte sich im Heimkino-Bereich die HD-DVD durchsetzen. Dann muss Sony seine Kunden davon überzeugen, dass zusätzlich die Anschaffung eines externes Laufwerks nötig wird - und das zu einem durchaus happigen Preis. Berücksichtigt man, dass Microsoft-Kunden ähnliche Ausgaben haben werden um auf den HD-DVD-Zug aufzuspringen, scheint das zunächst nicht weiter problematisch zu sein.

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Jedoch darf eines nicht vergessen werden: Das Blu-ray-Laufwerk kostet in der Herstellung deutlich mehr als das DVD-Pendant, welches Microsoft in seiner Konsole verbaut. Sony hat also zwei Möglichkeiten: Entweder man subventioniert das Laufwerk und fährt noch herbere Verluste beim Konsolenverkauf ein, oder der Mehrpreis wird an die Käufer weitergegeben. Bleibt nur die Frage, wer dann noch hunderte von Euros in ein zusätzliches Laufwerk zu investieren bereit ist.

Ärger um Kopierschutz
Eine Gefahr droht beiden Unternehmen gleichermaßen. Und anders als sonst häufig der Fall, werden davon nicht am Ende die Kunden profitieren.

Denn HDTV wartet noch mit weitaus mehr Hürden auf, die vor dem ungetrübten Genuss eines Hollywood-Films überwunden werden müssen. Wie gewohnt rufen neue Standards und Formate schnell die auf den Plan, die an den Datenträgern beziehungsweise deren Inhalte verdienen möchten. So fürchtet die Filmindustrie einmal mehr die bösen Nutzer, die allesamt nicht besseres zu tun haben, als die wertvolle Ware ratz-fatz illegal zu kopieren. Schnell wurden gleich zwei Kopierschutz-Mechanismen entwickelt, die den Klau des hochaufgelösten Filmmaterials verhindern sollen.

Kein HDCP - kein Bild
Das HDCP getaufte System soll verhindern, dass die Daten auf ihrem Weg zum Ausgabegerät (Fernseher, Monitor, Beamer) abgegriffen und mitgeschnitten werden. Der Haken an der Sache: Alle beteiligten Geräte müssen HDCP unterstützen.

Dazu zählen neben Laufwerk, Grafikkarte (sofern ein PC zum Einsatz kommt, wozu die neuen Media-Center zählen) auch Fernseher oder Monitor.Sobald auch nur eines dieser Geräte HDCP nicht unterstützt, gibt's bestenfalls kein Bild in HD-Qualität. Im schlimmsten Fall bleiben Fernseher und Monitor sogar vollständig schwarz. Wer im Wohnzimmer keinen PC stehen hat und seine Filme am Fernseher schauen will, muss nur auf das "HD Ready"-Logo achten. Alle Geräte die dieses Logo tragen, unterstützen HDCP.

Wer jedoch einen PC als Abspielgerät nutzt, hat schlechte Karten. Denn zur Zeit ist kein Monitor am Markt, der HDCP unterstützt - egal wie teuer er auch ist. Selbst wenn man sein Media-Center (diese Geräte arbeiten allesamt auf PC-Basis) an einen "HD Ready"-Fernseher anschließt, bleibt ein erhebliches Risiko.

Denn obwohl die Grafikchips von ATI und nVidia prinzipiell in der Lage wären, ein HD-Signal auszugeben, verbaut fast kein Grafikkarten-Hersteller die notwendige Hardware auf seinen Karten. Grund: Für die auf der Karte gespeicherten HDCP-Schlüssel werden Lizenzgebühren fällig.

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Angesichts des Preiskampfes in diesem Segment - in dem momentan kaum einer auf "HD Ready" achten dürfte - ein Preis- und damit Wettbewerbsnachteil. Um die Verhältnisses zu illustrieren: Es gibt Hunderte von Karten mit ATI-Grafikchips. Eine einzige unterstützt HDCP.

Verwirrung um AACS - und der Kompromiss
Um auch direkten Kopien der Datenträger einen Riegel vorzuschieben, wird HDCP durch ein zweites System ergänzt: AACS. Dieser Kopierschutz wirkt ähnlich wie die bereits am Markt befindlichen Mechanismen (StarForce, SafeDisc, SecuRom, etc.), "kann" aber noch mehr.

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Zunächst lässt sich das System für eine bestimmte Anzahl Kopien außer Kraft setzen, sofern der Rechteinhaber dies per Internet erlaubt - vermutlich gegen Gebühr. Zudem kann der Kopierschutz bei Missbrauch (Kopierversuch) das Abspielgerät unbrauchbar machen, indem der Geräteschlüssel geändert wird.

Da HDCP nur bei der Bildausgabe über ein HD-Signal wirkt, blockiert AACS das Bildsignal zudem vollständig, sobald ein analoges Endgerät angeschlossen wird. Kurz: Analoges Fernsehgerät, kein Bild! Verständlicherweise sorgte dieser restriktive Schutzversuch der Unterhaltungsindustrie für mächtig Wirbel.Letztendlich einigte man sich auf eine Übergangslösung - AACS 0.91 genannt- , die bis mindestens 2010 dafür sorgt, dass auch analoge Endgeräte ein Signal bekommen. Um HDCP nicht vollkommen sinnlos werden zu lassen, wird jedoch die Ausgabequalität beschränkt. Wie stark, kann jeweils der Rechteinhaber bestimmen. Wer also privates Filmmaterial in voller HDTV-Auflösung besitzt, kann veranlassen, dass auch Besitzer analoger Fernseher in den Genuss voller HD-Auflösung kommen. Bei gekauften Filmen ist davon auszugehen, dass die Bildqualität an analogen Geräten massiv leiden wird. Denn sonst könnte man sich HDCP gleich komplett sparen. Freilich dürfte auch dieser Kompromiss nur wenige Besitzer eines analogen Fernsehers dazu motivieren, ein neues HD-DVD- oder Blu-ray-Laufwerk anzuschaffen.

Kein HDTV an Next-Gen-Konsolen?
Da zum Verkaufsstart der XBox360 in Sachen Kopierschutzverfahren bei HDTV noch keine Einigung abzusehen war, blieb Microsoft nur eines übrig.Man konnte schlicht keine entsprechende Schnittstelle integrieren. Das bedeutet, dass die neue XBox keine Filme in HD-Qualität wird ausgeben können. Zumindest nicht in der aktuellen Version. Da ein Software-Update keine Besserung verspricht, darf man gespannt sein, wie Microsoft mit diesem Problem umgeht.

Die Anschaffung eines HD-DVD-Laufwerkes ist für XBox360-Besitzer jedenfalls im Moment so sinnvoll wie die Investition in einen HD-Player für all jene, die noch einen "alten" PAL-Fernseher besitzen. Sony hat die PS3 nun - das ist offiziell - wegen Problemen mit dem Kopierschutz der Blu-ray-Discs verschoben. Im Hinblick auf die genannten Probleme sicherlich keine schlechte Entscheidung.

Wie schwer es der Konsolen-Platzhirsch (über 200 Millionen verkaufte Exemplare) jedoch einen Jahr nach dem Verkaufsstart der XBox360 mit der PS3 haben wird, steht noch in den Sternen.

Was tun?
All das dürfte nicht nur Konsolenbesitzern, sondern auch allen anderen Fans von HDTV die Lust an der hohen Auflösung gründlich vermiesen. Verständlich, hat doch kaum jemand Lust zu den "Early Adopters" zu gehören und am Ende genauso alt auszusehen wie seinerzeit die Besitzer von Betamax-Geräten.

Wer schon eine XBox360 besitzt, hat ohnehin keine Wahl mehr, sollte vor dem Kauf eines teuren HD-DVD-Laufwerks jedoch genau prüfen, wie es um die Integration des Kopierschutzes bei Microsoft steht.Technikverliebte, die mit der Anschaffung eines Media Centers liebäugeln, sollten ebenfalls Vorsicht walten lassen: Soll das Gerät später Filme in HD-Qualität ausgeben, muss die Grafikkarte und das Laufwerk HDCP unterstützen.

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Für PC-Besitzer gilt vor der Anschaffung eines neuen Laufwerks das gleiche: Wenn Grafikkarte und Monitor kein HDCP können, lohnt sich der Kauf nicht. In Sachen PS3 müssen interessierte Käufer noch abwarten, bis Sony - möglicherweise auf der E3 in Los Angeles - nähere Angaben zu den HDTV-Fähigkeiten macht. Zumindest hat man bei Sony jetzt genug Zeit, über alle Möglichkeiten nachzudenken.