Wer etwas von Schrott versteht, weiß natürlich auch so einiges über Rost. Kein Wunder also, dass die Adventure-Spezis aus dem Hause Daedalic ihre Deponia-Reihe erst gar nicht lange auf der Halde liegen lassen wollen und bald schon die Fortsetzung des ersten Teils nachschieben. Ein rollender Stein setzt kein Moos an, ein sich drehender Schrottplanet keinen Rost.

Denn Deponia dreht sich. Am Ende des ersten Teils waren längst nicht alle Fragen beantwortet, alle Geschichten erzählt, im Gegenteil: Viele der Mysterien kamen gerade erst in Fahrt. Würde Rufus weiterhin und jetzt erst recht versuchen, nach Elysium zu gelangen? Würde die schöne Goal es schaffen, die Sprengung Deponias aufzuhalten? Und kennen wir eigentlich wirklich die wahren Motive der Organon-Soldatenmacht?

Fragen über Fragen und mehr als genug Material für zwei weitere Ableger. Denn dass nach „Chaos auf Deponia“ noch mindestens ein Schrottadventure in unsere Richtung segelt, davon können wir mal getrost ausgehen.

Doch zunächst hatte ich die Freude, in die ersten paar Stunden der saftigen Rätselei einen neugierigen Blick zu werfen. Sofort übermannte mich ein höchst angenehmes Déjà-vu, denn Chaos auf Deponia ist wieder einmal wunderschön geraten. Zu Beginn findet sich Rufus mit seinen alten Freunden Doc und Kapitän Bozo auf dem schwimmenden Schwarzmarkt wieder, wo er sich sogleich daran macht, die nächste Reise nach Elysium anzutreten.

Chaos auf Deponia

- Besser, besser, besser!
alle Bilderstrecken
Die Grafik ist wieder mal einfach nur schön.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12

Der Schwarzmarkt allein ist nicht nur eine handgemalte Augenweide voller kleiner Wunder, er ist auch für das Startgebiet eines Adventures verdammt groß geraten. Hier verbringt man eine ganze Weile, und es spricht für die gute Gestaltung, dass man sich auch nach mehreren Stunden nicht sattgesehen hat.

Packshot zu Chaos auf DeponiaChaos auf DeponiaErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Bei Rufus' neuestem Reiseversuch geht natürlich mal wieder so einiges schief und das Experiment endet damit, dass er einer bestimmten jungen Dame abermals einen deftigen Hirnschaden verpasst. Was zunächst nach Wiederverwertung des alten Plots klingt, ist in Wirklichkeit ein erzählerisch ziemlich rasanter Wirbel aus Mafiosi, Revoluzzer-Bewegungen und Schnabeltierzucht, der deutlich schneller in die Gänge kommt als noch die Handlung des eher gemütlichen Vorgängers.

Daedalics Rache

Denn nach diesem war ich, ich muss es zugeben, skeptisch. Deponia, schrieb ich damals, ist Daedalics professionellstes Spiel, aber trotz aller Liebenswürdigkeit nicht ihr charmantestes. Edna und Lilli hatten mir einfach mehr gegeben, mehr Spleen, mehr Lacher. Trotz allem Produktionsaufwand Deponias fand ich die Charaktere blass, die Witze bemüht.

Keine leichte Aufgabe, doch diese Rätselreise auf dem Schrottplaneten wird noch cleverer, schöner und ulkiger als der erste Teil.Ausblick lesen

Daher freue ich mich sehr darüber, dass man den Nachfolger ganz offensichtlich gezielt und ausschließlich für mich entwickelt, denn innerhalb der ersten fünf Minuten ließ mich „Chaos auf Deponia“ bereits mehrmals laut lachen und danach voller Glanz und Glitzern in den Augen die schrullige Story erforschen.

Sowohl bei der Charakterisierung der Figuren als auch bei der Qualität der Dialoge und Gags hat sich enorm viel getan. Klar, man trifft alte Bekannte und vertraute Pointen, aber die neuen Charaktere sind bislang durchweg gelungen, und selbst jene Witze, die man kommen sieht, sitzen. Äußerst lieb von Daedalic, das Spiel exakt auf meinen Geschmack zu schneidern. Jetzt müssen sie nur noch einen Ersatz für Monty Arnold finden, der einmal mehr den Rufus gibt und dessen Stimme mir nach wie vor etwas in den Ohren klingelt.

Insgesamt aber wirken die Sprecher eine Spur souveräner als im ersten Teil, und bis auf einen einzelnen Patzer (der ärgerlicherweise gleich im Tutorial passiert) gibt es an der Dialogregie und Intonation nicht das Geringste auszusetzen. Jeder der cartoonigen Freaks wächst einem sowohl optisch und akustisch gleich ans Herz, die neuen empfängt man mit offenen Armen und die Veteranen sieht man teils in ganz neuem Licht.

Chaos auf Deponia

- Besser, besser, besser!
alle Bilderstrecken
Wie geht die Geschichte um Rufus und Goal weiter? Die Antwort erfahren wir vermutlich erst in Teil 3.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder

Aller Charme nützt natürlich nichts, wenn die Rätsel nicht stimmen, aber da machte ich mir bereits im Vorfeld keine Sorgen und wurde auch nicht enttäuscht. Innerhalb der ersten beiden Kapitel unterläuft Daedalic nicht ein einziger Lapsus, und anders kennt man es von den Profis aus Hamburg ja auch nicht.

Im Gegenteil hat man sich offenbar vorgenommen, in jedem neu erscheinenden Adventure mindestens ein Rätsel zu haben, das frech mit den Konventionen und Erwartungen des Spielers Schabernack treibt. „Harveys neue Augen“ hatte den Ballon-Schraubenschlüssel, Deponia ein Rätsel, das mit der Perspektive des Spielers Schindluder trieb. Diesmal gibt es... nein, ihr müsst es schon selbst sehen. Lasst euch überraschen.

In diesem Zusammenhang wirkt die Fülle an Minispielen, durch die der Spieler gejagt wird, schon fast eher lästig als auflockernd. Ich verstehe ohnehin nicht, warum Daedalic so sklavisch an der Vorstellung kleben, die hauptsächliche Spielmechanik müsste dauernd durch Logikaufgaben unterbrochen werden.

Auch diesmal gibt es Mathematikrätsel, Rösselsprünge... den Tiefpunkt der ganzen Nummer bildet eine gepflegte Runde „Simon Says“ mit anschließendem Reaktions-Klickspiel. Die anderen Games sind ja immerhin Denkaufgaben, keine doofe Runde „monkey see, monkey do“. Sowas ist schlichtweg dröge und unnötig, egal, wie laut jemand in einer Konferenz behauptet, man bräuchte ja sooo dringend Abwechslung. Braucht und will man nicht, erst recht nicht, wenn die eigentlichen Rätsel so gut sind wie die in „Chaos auf Deponia“.

Kaum etwas auszusetzen

Da wir gerade bei den wenigen Sachen sind, die an dem Spiel momentan noch unbeholfen wirken: Gegen Ende des zweiten Kapitels gibt es eine Wendung, die zunächst ohne weitere Erklärung bleibt und da die Vorschau kurz danach endet, sitze ich nun verwirrt vor dem Rechner und weine bitterlich.

Ich will aus Spoilergründen nicht erzählen, was es ist, aber ich will es auch nicht unkommentiert lassen, daher muss ich mal andeuten: Ohne Vorwarnung trifft Rufus plötzlich... auf sich selbst. Wer schon mehr als ein heiteres Adventure gespielt hat, ahnt, was nun folgt, zum Beispiel aus Sam & Max oder aus „Escape from Monkey Island“.

Der normale Fortgang der Geschichte ist das eine, damit kann ich umgehen, auch, wenn viele Dinge zunächst mysteriös sind. Aber wenn jemand einfach einen Bruch à la „Das Ende von Monkey Island 2“ mitten in seinem Abenteuer hat, dann verstört mich das ein bisschen. Wie der fette singende Alligator in „Charlie - Alle Hunde kommen in den Himmel“: kommt aus dem nichts, verschwindet wieder, alle tun so, als wäre nichts passiert. Können wir hier Aufklärung erwarten? Oder hat Daedalic einfach zugunsten eines Rätsels und Gags die ansonsten so vorbildliche Logik ausgeschaltet?

Chaos auf Deponia

- Besser, besser, besser!
alle Bilderstrecken
Neben alten Bekannten treffen wir auch auf viele neue Charaktere.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12

Es sind kleine Ärgernisse, auf denen ich natürlich nur deshalb so herumreite, weil ich ansonsten absolut gar nichts zu beanstanden habe und aber irgendwie mehrere Seiten Vorschau schreiben muss. „Chaos auf Deponia“ ist schön, schöner, am schönsten. Vielleicht am besten ist jedoch, dass sich jetzt schon abzeichnet, dass es deutlich länger als Deponia sein wird. Schon an der Vorschauversion saß ich ein sehr unterhaltsames Wochenende lang und das Gefühl, gerade erst an der Oberfläche gekratzt zu haben, baut enorm befriedigende Spannung auf.

Kurzum: Ich ahne jetzt schon, dass ich am 14. September, wenn „Chaos auf Deponia“ erscheint, einen Kniefall hinlegen muss. Aus reiner Rache, nur, weil ich es GEWAGT habe, Kritik am Vorgänger zu äußern, werde ich jetzt von Daedalic in die Pfanne gehauen, indem sie ein Spiel entwickeln, das das Zeug zum besten deutschen Adventure überhaupt hat. Wenn der Rest des Abenteuers so gut wird wie der erste Eindruck, werde ich Jan Müller-Michaelis wahrscheinlich noch den rostigen Ring küssen müssen. Weh mir.