Wenn unser Adventure-Spezialist Matthias ein Daedalic-Spiel an mich abtritt, hat er immer so einen schmerzhaften bis ungewissen Gesichtsausdruck. Der Grund ist, dass ich vor Äonen mal gewagt habe, in meiner insgesamt sehr positiven Vorschau zu „Harveys neue Augen“ die morbiden Aspekte des Spiels zu kritisieren, und seitdem irgendwie den Ruf weghabe, Daedalic nicht zu mögen.

Nichts könnte von der Wahrheit entfernter sein, aber der Ruf festigte sich, als Daedalic Deponia veröffentlichte, eine Science-Fiction-Klamotte auf einem Planeten aus Schrott. Die war mir nun wieder nicht kantig genug, zu seicht, charakterlich zu tief gestapelt. Ich gebe zu, man hat es nicht leicht mit mir.

Doch nun ist der zweite Teil der als Trilogie angelegten Reihe erschienen und... und ich habe nichts zu meckern. Das ist für einen Redakteur quasi ein Todesurteil, Meckern ist unser raison d'être, der Grund, warum wir morgens aufstehen oder betrunken aus dem Bett fallen. Es muss was Schlechtes da sein, muss, muss, muss! Begleitet mich also hier und heute auf der Suche nach einem Makel in einem anscheinend makellosen Adventure, verratet mir aber nicht, wen ihr heimlich bei diesem Wettstreit anfeuert – das verkrafte ich nicht.

Chaos auf Deponia - Bestes deutsches Adventure?

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Es geht zurück nach Deponia.
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Die Handlung setzt an, wo der Vorgänger aufhörte. Der sympathische Hobbybastler und Vollzeitversager Rufus hat die Elysiumselfe Goal mit der Information zur Rettung des Planeten Deponia auf den Heimweg geschickt. Sie soll verhindern, dass Deponia in die Luft gesprengt wird, indem sie bezeugt, dass es dort Leben gibt, doch der militärische Geheimdienst Organon will die Sprengung um jeden Preis durchsetzen. Rufus hingegen bleibt bei seinen Leisten: Er versucht weiterhin mit verrückten Erfindungen, das paradiesische Elysium zu erreichen.

Prompt zerstört er mit seinem ersten neueren Versuch die Fluchtkapsel von Goal und holt die Dame wortwörtlich auf den Boden zurück. Abermals ist ihr Implantat beschädigt und Rufus muss sich um die Reparatur bemühen, was aber ungleich komplizierter ist als beim letzen Mal. Als er es dann endlich doch schafft, reagiert Goal ganz und gar nicht so dankbar, wie er gehofft hatte. Doch ohne sie und die Informationen in ihrem Kopf ist Deponia verloren.

Packshot zu Chaos auf DeponiaChaos auf DeponiaErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Fans merken schnell, dass das praktisch dieselbe Handlung wie beim ersten Teil ist, und warum auch nicht? Wenn der Plot von Deponia eine Schwäche hatte, dann jedenfalls nicht, dass er uninteressant oder langweilig gewesen wäre. Vielmehr ärgerte man sich darüber, dass zahllose Fragen aufgeworfen und aber kaum Antworten gegeben wurden. Erste Entwarnung: Die Geschichte entfaltet sich nicht nur ganz anders als beim Vorgänger, vor allem viel zügiger, sondern erzählt uns auch mehr über die Welt, lässt uns weiter reisen und besser verstehen, worum es überhaupt geht.

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Die Hintergründe sind wie immer detailverliebt gestaltet.
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Die wahre und größte Freude an „Chaos auf Deponia“ ist, dass Daedalic uns zugehört hat. Wir, sowohl die Spieler als auch die Tester, hatten ja eigentlich wenig auszusetzen, aber selbst das wollten die Hamburger nicht auf sich sitzen lassen. Also schraubten und tüftelten sie, um jede kleine Schwachstelle nicht nur auszubügeln, sondern, so irre das klingen mag, in eine Stärke zu verwandeln. Feststellung die Erste: Es gibt Antworten auf die Kernfragen des ersten Teils, allerdings nicht so viele, dass die Spannung auf den obligatorischen dritten Teil verloren ginge. Eine perfekte Balance.

Länger, besser, größer, schöner – wie soll der dritte Teil das nur steigern?Fazit lesen

Mir persönlich ein Dorn im Auge waren die Figuren des ersten Teils, von denen ich die meisten bereits wieder vergessen habe. Abgesehen von den Hauptdarstellern, von denen eine bestimmte Dame auch noch größtenteils bewusstlos war, gab es kaum mal jemanden, der so richtig an den spleenigen, wenn auch urgermanischen Piefcharme der Edna- und Harvey-Ära heranreichte. Aber Deponia war nun auch ästhetisch ein völlig anderes Werk und musste vielleicht erst zu sich finden.

Gefunden! Chaos auf Deponia ist, das fällt schnell auf, bereits wesentlich bevölkerter und lebendiger als noch sein Vorgänger, was nichts wert wäre, wenn die Figuren nicht vor Persönlichkeit und Humor strotzen würden. Doch zu den alten Bekannten gesellen sich so viele Freaks, Loser und torpedobewehrte Delfine, dass es eine wahre Freude ist. Ich könnte jetzt anfangen aufzuzählen, aber dann wären wir alle morgen noch hier.

So einiges auf Halde

So beeindruckt ich davon bin, dass Chaos auf Deponia erzählerisch mehr Fleisch auf den Rippen hat, die Qualität der Rätsel find ich noch eine ganze Spur eindrucksvoller. Sie gehen um immer noch eine Ecke im Schädel, wollen nicht immer ganz verstanden sein, aber doch immer ein plötzliches Erkennen, ein Funkeln in den Augen hervorlocken. Gut, hin und wieder gibt es dann mal so ein Ding aus der Kategorie „Verdammt, Protagonist, streck dich einfach 10 cm!“ oder eine nicht lupenrein logische Folge.

Doch dann wieder passiert mal ein Rätsel, bei dem man nicht nur anerkennend mit der Zunge schnalzt, sondern unter Umständen glatt vergisst, dass man eine Zunge hat. Weil plötzlich etwas auf dem Bildschirm passiert, das so simpel und doch so einfallsreich ist, dass man sich vor die Birne schlagen möchte, warum das bislang niemand gemacht hat. Oder habt ihr schon mal ein Rätsel gelöst, bei dem ihr die Maus eine Minute lang nicht mal berührt habt?

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Zu lachen gibt es wie immer reichlich.
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Es ist daher ein bisschen schade, dass sich Daedalic diese Marotte mit den ewigen Minispielen nicht endlich mal abgewöhnt. Es ist wie mit Fahrpassagen in einem Shooter – was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wer glaubt, dass die Fans der einen Mechanik nach einer anderen verlangen? Gut, ein Shooter wird vielleicht mal stumpf, will auflockern. Aber ein Adventure? Das nicht nur von Hause aus darauf getrimmt ist, den Kopf des Spielers zu bemühen, sondern im Fall von Chaos auf Deponia auch noch mit frischen und knackengeilen Denkaufgaben gefüllt ist?

Absolut unnötig und... Moment, ist das ein Makel? Vielleicht nur ein ganz kleiner? Tun wir mir den Gefallen und lassen es gelten, denn ansonsten kann ich mich nur darauf stürzen, dass ich Monty Arnold als Rufus nach wie vor unpassend, bemüht und nervtötend finde. Jedes Mal, wenn er lossülzt, sehe ich vor meinem inneren Auge Windsurfer, die es mit Vollkaracho in die Bucht jagt, und fette Frauen, die sich in ihrem Heimgarten mit Anlauf aufs Maul packen.

Was hab ich schon noch? Ästhetisch war bereits Deponia verdammt gut, und Chaos schippt noch eine Ladung Zauber drauf, mit lebendigen und zahlreichen Schauplätzen, großen Kulissen und einem Finn-Seliger-Soundtrack, der sich sowohl bei seinen blechernen Schrottpercussions als auch zarter Stimmungsmusik und orchestralem Pomp nicht verstecken braucht. Die Sprecher sind gut und routiniert, die Dialogregie auf hohem Niveau.

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Es läuft alles darauf hinaus, dass ich mit Deponia nie richtig warm wurde und Chaos mich aber nach fünf Minuten im Sack hatte. Allein der Eröffnungsgag, die obligatorische Reihe von Einführungsrätseln, ist aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt und mit einer Slapstick-Barrage unterlegt, die der alte Clouseau auch nicht besser hinbekommen hätte. Es ist alles oft so clever, dass man schon fast ein bisschen beleidigt ist. „Dieses Spiel hält sich wohl für was Besseres!“, hört man sich sagen, und öfter als einmal schleicht sich die Vermutung ein, dass es damit sogar Recht haben könnte.

Doch man hat viel zu viel Spaß, um einzuschnappen wie eine rostige Schnabeltierfalle. Chaos auf Deponia beweist vieles. Dass man mit Konventionen spielen kann, ohne sie zu missachten. Dass Ego und der Wille zur Selbstverbesserung in der Spieleindustrie einen Platz haben und Erstaunliches hervorbingen können. Dass deutsche Spiele nicht nach Sauerkraut schmecken müssen. Deshalb bin ich über dieses, sagen wir es ruhig, Meisterwerk nicht nur erfreut, sondern regelrecht dankbar. Ich bange ein bisschen um den dritten Teil, denn der hat jetzt gewaltige Erwartungen zu erfüllen.