Zurück auf Anfang. Muss doch nicht immer alles größer, pompöser, lauter sein. Weniger ist mehr. Und überhaupt: Ist nur für den 3DS, für unterwegs. Schnell rein, schnell raus – der ganze Schnickschnack lenkt nur ab. Im Grunde muss nicht mehr als ein geschichtliches Bindeglied her, am besten möglichst günstig und ohne großen Aufwand zu produzieren.

Und „Castlevania: Lords of Shadow – Mirror of Fate“ war geboren.

So male ich es mir zumindest in besonders zynischen Momenten aus, das erste Meeting der Verantwortlichen. Zwischen lebensgroßen Gabriel-Belmont-Pappaufstellern sitzen sie in einem abgedunkelten Raum, der Blick starr nach vorn gerichtet. Die Folie der Power-Point-Präsentation zeigt ein fettes Fragezeichen, ein Mahnmal des Erfolgs, wenn man so will. Es soll eine schlüssige Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft schaffen. Konkret heißt das: Gesucht wird ein Lückenfüller zwischen „Castlevania: Lords of Shadow“ und dessen Nachfolger.

Wie das gesamte daraus resultierende Spiel wäre das aus einem rein geschichtlichen Ansporn heraus nicht unbedingt nötig gewesen – allerdings tut es auch niemandem weh. Ganz im Gegenteil: Wenn einem Element des ersten mobilen Castlevania seit 2008 so etwas wie erinnerungswürdige Momente attestiert werden müssten, fiele die Wahl zweifellos auf tragische Handlung. An den Rest kann ich mich allerdings auch kaum noch erinnern...

Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of Fate - Warum Dracula Haftcreme für seine Dritten braucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Nur durch die schützende Geisteraura gewinnt Simon ausreichend Zeit, um das Tor zu öffnen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Triumvirat des Scheiterns

Simon Belmont teilt dieses Schicksal des Vergessens. Wie einst sein Vater Trevor tritt auch er nun, mehr als 25 Jahre nach Gabriels tragischem Schicksal (thematisiert in „Lords of Shadow“), einen aussichtslosen Rachefeldzug an. Dracula gilt sein unverhohlener Hass, unwissend, dass er dasselbe Blut wie der Vampirfürst in sich trägt.

Es ist eine nicht enden wollende Familiengeschichte, geprägt von Verlust, Trauer und dem unausweichlichen Scheitern, das den Belmonts in die Wiege gelegt zu sein scheint. Die stille Melancholie, der grüblerische Gram Gabriels zeichnet nun auch seinen Sohn Trevor sowie dessen Nachkommen Simon aus. „Zweifel“ ist ein Wort, das in ihrem Wortschatz nicht existiert; jeder von ihnen weiß, dass er den Verlauf der Geschichte nicht wird ändern können – versucht hat es dennoch jeder.

Packshot zu Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of FateCastlevania: Lords of Shadow - Mirror of FateErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

„Schockschwerenot!“, mag es einigen Beteiligten des Meetings beim Gedanken an eine Geschichte mit bekanntem Ausgang durch den Kopf geschossen sein, während sie die Hände über selbigen zusammenschlugen. Und tatsächlich ist es ein Wagnis, das Mercury Steam Entertainment bereitwillig einging: Videospieler sind darauf konditioniert, einem vorgeschriebenen Pfad stur bis zu einem konkreten Ziel zu folgen. Am Ende von „Castlevania“ wartet jedoch keine Prinzessin (nicht mal in einem anderen Schloss), kein Happy End und schon gar keine Überraschung.

Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of Fate - Warum Dracula Haftcreme für seine Dritten braucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Auf dem Friedhof ist es ungewöhnlich lebhaft.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Was ohne Fingerspitzengefühl leicht mit einem müden Blubbern im Morast der Motivationslosigkeit hätte untergehen und der Sargnagel jeglicher immersiver Spielerfahrung sein können, wächst in den Händen der spanischen Entwickler zu einem morbiden Erlebnis in einer hoffnungslosen, kalten Welt heran. Die Zeichen des bevorstehenden Endes sind allgegenwärtig, liegen wie dicke Nebelschwaden in der Luft und nehmen fast die Luft zum Atmen.

Überall finden sich die sterblichen Überreste gefallener Soldaten, anbei stets ihre letzten Gedanken. Die einen sehen ihrem unausweichlichen Ende mit apathischer Gleichgültigkeit entgegen, andere kann man beinahe noch jetzt schluchzen hören. Sie weinen um ihre Familie, Freunde und darüber, nie wieder das warme Kribbeln von Sonnenstrahlen auf der Haut spüren zu können.

Peitsch mir das Lied vom Tod

Es könnten die Skelette dieser armen Seelen sein, die nun von Simons und Trevors Peitsche zerrissen werden. In kleineren Gruppen entsteigen sie der Erde; die weißen Knochen schimmern im Mondschein. Es ist nicht mehr als rudimentärer Instinkt, der sie antreibt – und schrecklich berechenbar macht.

Ein Fall für den Zahnarzt: Dieser Vampir hat seinen Biss verloren.Fazit lesen

Mit diesem vorhersehbaren Verhalten sind sie in guter Gesellschaft. Ob feuerspeiende Höllenvögel, manische Gnome, sensenschwingende Kapuzenträger oder turmhohe Ritterrüstungen: So imposant diese todbringenden Gestalt auch erscheinen mögen, so problemlos lassen sich ihre simplen Angriffsmuster durchschauen, die zumeist nur aus zwei verschiedenen Attacken bestehen.

Auch die tragischen Galionsfiguren der Bruderschaft des Lichts selbst scheinen während der ersten Stunden eher wie stumpfsinnige Emo-Hünen denn smarte Helden zu agieren. Erst zu spät trägt das oberflächliche Levelsystem Früchte und erweitert das Angriffsrepertoire um einige nützliche Fähigkeiten, ohne aber auch nur ansatzweise an der anspruchsvollen Komplexität des großen HD-Bruders zu kratzen.

Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of Fate - Warum Dracula Haftcreme für seine Dritten braucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Die Bosskämpfe zählen zu den wenigen spielerischen Höhepunkten des Spiels.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Gefühl des „Runtergedampftseins“ durch die acht bis zehn Stunden, die das Modul im 3DS verweilt. Alles ist am richtigen Platz, verrichtet seinen Zweck, fühlt sich griffig an – aber stets auch etwas altbacken und eine ganze Ecke kleiner, als es Lords of Shadow war. Aufwändige Videosequenzen sind stilisierten Puppenspielen gewichen, die ihre Akteure zu beinahe regungslosen Marionetten degradieren, denen es nicht einmal gestattet ist, ihre Lippen zum gesprochenen Wort zu bewegen.

Funktioniert, hakt nicht, transportiert den vorgesehenen Inhalt. Und trotzdem kreist der Finger permanent gefährlich nah über der „Überspringen“-Taste.

Immer der Nase nach

So kämpft man sich voran, vorbei an untoten Kreaturen, durch dunkle Höhlen, von links nach rechts. Allenfalls ein paar Schatztruhen finden sich abseits des tunnelartigen Pfades; der Forscherdrang wird mit Scheuklappen an der kurzen Leine gehalten und leckt sich vergeblich die Finger nach einem komplexen Schloss, das über viele Stunden hinweg wie ein verzweigtes Labyrinth erschlossen werden will und nur widerwillig seine Geheimnisse preisgibt.

Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of Fate - Warum Dracula Haftcreme für seine Dritten braucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Mit maximalen 3-D-Effekt vermittelt Castlevania eine tolle plastische Räumlichkeit.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf dem Altar der Massentauglichkeit hat Mercury Steam Entertainment die Verworrenheit früherer „Metroidvanias“ für vergleichsweise geradlinige Stringenz, die zwar wenig Raum zum Erkunden, dafür aber keinen für Leerlauf lässt, geopfert. Wie „fair“ dieses Tauschgeschäft ist, muss letztlich jeder mit sich selbst ausmachen.

Allerdings weiß „Castlevania: Lords of Shadow – Mirror of Fate“ auch aus dieser Geradlinigkeit Kapital zu schlagen. Mit leeren Händen steht jeder der drei Protagonisten zu Beginn seines Aktes da, nur das Nötigste hat er im Gepäck. Die ersten Skelettkrieger sinken klappernd zu Boden, auch zwei Truhen sind schnell gefunden. Levelaufstieg – die Angriffsliste füllt sich. Wenig später ist die erste Spezialwaffe entdeckt, der folgende Bossgegner beißt sich die Zähne daran aus. Es folgt eine neue charakterspezifische Fähigkeit, mit der der bislang unüberwindbarer Abgrund nicht länger ein Hindernis darstellt.

„Mirror of Fate“ legt eine Spur wie aus Brotkrumen; regelmäßige kleine Teilerfolge motivieren weit über die Länge einer Bahnfahrt hinaus. Doch fehlt es lange Zeit an echten Höhepunkten, an Momenten, die für ungläubiges Augenreiben sorgen und im Gedächtnis bleiben. Erst im dritten Akt zieht das Tempo merklich an. Plötzlich geht es Schlag auf Schlag, ein Knall folgt dem nächsten und gipfelt in einem bemerkenswerten Finale.

Castlevania: Lords of Shadow - Mirror of Fate - Warum Dracula Haftcreme für seine Dritten braucht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Schwing-schwing-Schwingeskhan.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und trotzdem: Erinnert ihr euch noch an den Sumpftroll in „Lords of Shadow“, der mit euch bereits nach wenigen Minuten den Boden aufgewischt hat, an die ergreifende Geschichte der Krähenhexe oder den ersten Anblick des Schlosses am nebelverhangenen Horizont?

Selbst nach über zwei Jahren kann ich Dutzende denkwürdige Kämpfe, Augenblicke und Gespräche rezitieren – bei „Mirror of Fate“ kratze ich mir bereits nach zwei Tagen mit Hängen und Würgen nur noch eine Handvoll aus dem Gedächtnis. Fragt mich besser nicht in einer Woche noch mal.