Ist das nur ein anderes Verständnis von Spielspaß oder schon kognitive Dissonanz? Nicht selten stehen sich Pressestimmen und Meinung der Spieler schier unvereinbar gegenüber, doch kaum ein Spiel der letzten Monate polarisierte derart wie Castlevania: Lords of Shadow 2. Verrisse von Kritikern, möglicher Ärger in den eigenen Reihen und von allen Seiten die Feststellung. Der erste Teil war geiler. Was ist da schiefgelaufen?

Vier Gründe...

„Jemand muss blind oder dumm sein, einem Spiel in dieser Qualität eine 4/10 zu geben“, ist keine Aussage, die mal nebenbei von einem Studio Director fallengelassen wird. Als MercurySteam-Mitgründer Enric Álvarez diesen Satz kürzlich in einem Interview von sich gab, mag er ihn noch im selben Moment bereut haben oder nicht – in jedem Fall ließ er damit tiefer als gewollt blicken.

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„Ja, wir sind alle unheimlich von den niedrigen Wertungen enttäuscht!“, ist noch eine der offensichtlichsten Interpretationsmöglichkeiten, „Während der Entwicklung ist in der Tat viel schiefgelaufen“ eine weniger naheliegende – plausibel sind beide.

Fakt ist: Lords of Shadow 2 kam im internationalen Wertungsschnitt deutlich schlechter weg als sein überraschend guter Vorgänger, wurde von namhaften internationalen Magazinen mit vier von zehn Punkten gar regelrecht in der Luft zerrissen. Ob und inwieweit solche Beurteilungen berechtigt sein können oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. Zwei Dinge fallen jedoch auf:

1. Unerheblich, wie hoch oder niedrig Castlevania: LoS 2 benotet wurde – es Schnitt immer schlechter ab als sein Vorgänger (Ausnahmen bestätigen die Regel).

2. Die Wahrnehmung vieler Käufer ist eine deutlich positivere, wie etwa die Reaktionen auf unseren Test zeigen. Dennoch herrscht auch hier weitestgehend Einigkeit über die höhere Qualität des 2010 erschienenen Vorgängers.

Wie kann es zu solch einem verzerrten Bild zwischen Presse und Konsument kommen? Was veranlasst einen Mann in hoher Position, der stellvertretend für ein ganzes Studio steht, zu solch einem (zugegebenermaßen menschlichen) Fehltritt? Wäre das Spiel anders bewertet worden, wenn es den Vorgänger nie gegeben hätte? Und weshalb kam am Ende trotz aller Kritikpunkte ein durchaus spielbarer Nachfolger dabei heraus?

Ein subjektiver Erklärungsversuch.

Castlevania: LoS 2 - Sechs Dinge, die bei der Entwicklung schiefgelaufen sind (und warum es trotzdem ein brauchbares Spiel ist)

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Egal, wie gut die Leute LoS 2 finden: Der Vorgänger gilt stets als das bessere Spiel.
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1. Mit Open World hat das nichts zu tun!

Was mich stört: Weder die Stadt noch das Schloss Castlevania verfügen in ihrer kreisartigen Struktur auch nur über irgendein Element, das die Bezeichnung „Open World“ rechtfertigen würde. Im Zentrum der Kritik steht hier nicht die geringe Größe der Regionen, sondern vielmehr deren Aufbau und Vernetzung: Statt einer zusammenhängenden Welt präsentiert LoS 2 ein an sich lineares, geschlossenes Umgebungskorsett, das nur an wenigen vorgegebenen Stellen gestattet, noch einmal ein wenig weiter vorn oder hinten neu einzusteigen. Damit vereint Gabriels Rückkehr das Schlechteste beider Welten; opfert die angenehm direkte Stringenz seines Vorgängers und stiftet mit halbgaren Abzweigungen nur unnötig Verwirrung, ohne das Open-World-Konzept dabei selbst zu verstehen.

Warum ich darüber hinwegsehen kann: Wer Castlevania 2 wie seinen Vorgänger spielt und sich an der Schnur gezogen durch die Handlung meuchelt, kann viele Open-World-Aspekte weitestgehend ignorieren und entfernt am Horizont schimmern sehen, wie vorteilhaft eine geradlinigere Spielwelt gewesen wäre. Ein Luxus, den sich Sammler und Perfektionisten nicht leisten können: Für einen perfekten Spielstand muss die Umgebung mehrere Male komplett auf den Kopf gestellt werden.

Castlevania: LoS 2 - Screenshots aus der Moderne

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2. Und es tröpfelt so dahin

Was mich stört: Eine indirekte Konsequenz der verwässerten Open World ist das Fehlen echter optischer wie spielerischer Highlights. Lords of Shadow 2 hat ohnehin nicht viele Pfeile im Köcher und verschießt die wenigen ohne jedwedes Gefühl für Dramaturgie. Viele der eindrucksvollsten (und deutlich zu zahlreichen) Bosse rotzt man euch innerhalb der ersten Stunden vor die Füße und weiß danach auch inszenatorisch nicht mehr viel mit sich anzufangen. Wo der Vorgänger ein beachtliches Gefühl für Größe allein durch seine Bossgegner und mittelalterliche Kulisse schaffte, dümpelt sein Anhang ein wenig trostlos dahin.

Packshot zu Castlevania: Lords of Shadow 2Castlevania: Lords of Shadow 2Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Warum ich darüber hinwegsehen kann: MercurySteam schafft zwar nicht viele Highlights, denen der Sprung vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis gelingt, leistet sich dafür allerdings auch kaum nennenswerte Durchhänger. Das konstant hohe Tempo wird nur selten von langweiligen Abschnitten beeinträchtigt, wie es …

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So enthusiastisch scheinen mittlerweile nicht mehr viele zu sein.
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3. Dracula, die Pussy

Was mich stört: … etwa bei den Stealth-Passagen der Fall ist. Mehr noch als deren spielerische Anspruchs- und Bedeutungslosigkeit fällt deren inhaltliche Begründung unpassend aus dem übergeordneten Rahmen wie ein fauler Zahn in Draculas perlweißem Gebiss. Dracula kann Satan, den verdammten Höllenfürst persönlich, aus den Latschen pusten, scheitert aber an alltäglichen Wachen mit dicken Wummen? Danke für nichts.

Fast nie schafft es LoS 2, dem Spieler das unverzichtbare Gefühl zu geben, den Badass-Vampir überhaupt zu spielen. Gabriel mag ein cooler Hund sein, wird aber immer wieder zu einem besseren Laufburschen degradiert und scheitert schon an den kleinsten Herausforderungen. Klar hat das etwas mit Balancing zu tun, aber ganz ehrlich: Das ist nicht mein Problem. Wenn die Entwickler sich schon für Dracula höchstselbst als spielbaren Protagonist entscheiden, sollten sich auch dafür Sorge tragen, ihn entsprechend zu inszenieren. Hat bei Kratos doch auch geklappt.

Warum ich darüber hinwegsehen kann:
Während die Schleichabschnitte nur kurze Ärgernisse und schnell wieder vorüber sind, wurde ich Gedanken wie „Ich bin ****ing Dracula! Warum zur Hölle muss ich mich vor jedem dritten Gegner verstecken!?“ nie wirklich los. Es ist das ins Gegenteil verkehrte Problem, das mir auch Lara Crofts Reboot madig machte: Sie wird als schwächliche Überlebende inszeniert, ist in Wirklichkeit aber ein Chuck Norris mit Pferdeschwanz und Brüsten. Nichts, worüber ich hinwegsehen könnte.

... und noch mal drei

4. Willkommen in der Zukunft: hier ist's stinklangweilig

Was mich stört: Lebendige Straßen, Bauwerke epischen Ausmaßes, interessante Ideen – all das findet in den Gegenwartsabschnitten nicht statt. Castlevania weiß absolut nichts mit der Prämisse der Moderne anzufangen, die sich im Wesentlichen in menschenleeren Straßen, tristen Laboren und kargen unterirdischen Gängen ergeht. Dracula wirkt im Kampf gegen Mech-Soldaten deplatzierter als Ninja Ryu Hayabusa in Ninja Gaiden 3, scheint selbst überfordert mit der Situation zu sein. Im Wechselspiel mit der merkwürdig halboffenen Struktur der Spielwelt nimmt LoS 2 damit die Stärke des Vorgängers (Gefühl für Größe und „Epicness“) und zeigt ihr den Mittelfinger.

Warum ich darüber hinwegsehen kann: Gelegentlich kribbelt es noch wie damals, wenn Gabriel vor mittelalterlicher Kulisse eine Brücke entlangläuft, das morsche Holz unter seinen Schritten schwächlich knarzt, die Kamera langsam herausfährt und einen Blick auf das große Ganze gewährt. Zwar erreichen auch die Schlossabschnitte nur selten die Qualität des Erstlings, doch zumindest schrammen sie gelegentlich nah daran entlang. Dann wünscht man sich, diese Momente mögen ewig währen und kann sogar die moderne Setting einen Augenblick lang vergessen.

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Schöne neue Welt: So hat sich Gabriel die Zukunft sicher nicht vorgestellt...
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5. Gut gegen Böse – und jede Menge dazwischen

Was mich stört: Die Zusammenführung von Lords of Shadow und Mirror of Fate sollte es werden. Eine epische Geschichte über einen gefallenen Helden, der selbst zu dem wurde, das er am meisten verabscheute. Haben die beiden erwähnten Titel eine reduzierte, auf das Wesentliche konzentrierte Geschichte erzählt, verläuft sich das hier in etlichen Charakteren, Logiklöchern und überladenen Erzählsträngen.

Warum ich darüber hinwegsehen kann: Castlevania war noch nie für seine tiefschürfende Geschichte bekannt – zumindest in dieser Hinsicht ändert sich also wenig. Wo bisherige Teile vielleicht eine Spur zu konservativ waren, zeigt sich MercurySteam diesmal hoffnungslos übermotiviert. Nach wie vor wird die Vampir-Saga jedoch von ihren spielerischen Facetten und Eigenheiten gestützt, die stets das Zentrum der Reihe bildete. Deshalb ist auch diese konfuse Ansammlung verschiedener Klischees verschmerzbar.

6. Terz in den eigenen Reihen

Was mich stört: Zugegeben, an dieser Stelle wird es ein wenig spekulativ, doch bereits die eingangs erwähnte Äußerung Álvarez' zeigt, dass während der Entwicklung von Castlevania nicht alles wie geplant gelaufen ist. Dazu passt die Meldung eines anonymen Entwicklers, der harsche Kritik an der Studioführung und speziell Álvarez äußerte. Hat dieser Ärger in den eigenen Reihen aus einem sehr guten letztlich „nur“ ein gutes Spiel gemacht?

Warum ich darüber hinwegsehen kann: Selbst wenn es sich bei dem anonymen Mitarbeiter um einen verlässlichen Insider handelt und die Entwicklung tatsächlich derart aus dem Ruder gelaufen ist, haben die Jungs und Mädels des spanischen Studios das Beste aus der Situation gemacht und einen soliden Nachfolger zum „God of War“-Klon des Jahres 2010 gezimmert. Hut ab.

Welche Schulnote würdet ihr LoS 2 geben?

  • 35%3
  • 31%2
  • 14%4
  • 12%5
  • 6%1
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