Der Übergang von der zweiten in die dritte Dimension fällt Spielen unterschiedlich leicht: Manch eine Reihe muss auf Gedeih und Verderb umgemodelt werden, anderen gelingt es auf Anhieb, wieder andere schaffen es nie.

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In letztere Gruppe gehörte bislang auch Castlevania, die erfreulich düstere Anime-Vampirschlachterei mit Peitsche und Wurfaxt. So beharrlich scheiterte Konamis Erfolgsreihe am Prinzip der Räumlichkeit, dass wir sie nach einigen Fehlversuchen dann wieder im 2-D-Gewand auf dem DS von Nintendo erleben durften – was dank toller Titel wie „Dawn of Sorrow“ und „Portrait of Ruin“ ein Glücksfall war.

Castlevania: Lords of Shadow - Pflock of War

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Dunkel und ungemütlich: das ist "Lords of Shadow".
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Jetzt haben sich der spanische Entwickler MercurySteam (Clive Barker's Jericho) und die Schultergucker von Kojima Productions zusammengeschlossen, um der Reihe zu Glanz und Glorie zu verhelfen, die ihr auf den großen Heimkonsolen bislang verwehrt blieb. „Lords of Shadow“ heißt der radikale Reboot, der alles ändern will – nicht nur die Verkaufszahlen, sondern gleich das ganze Spiel dazu. Wir haben uns schon mal Weihwasser und Pflock geschnappt – nur für den Fall, dass eine unheilige Monstrosität dabei herauskommt.

The World is a Vampire

Als wäre das 11. Jahrhundert in Europa nicht schon schlimm genug für die Bevölkerung gewesen, ist in der alternativen Realität von „Lords of Shadow“ nun wirklich alles zu spät: Werwölfe, Dämonen und Vampire streifen durch die Welt, ganze Dorfpopulationen werden dahingemetzelt und selbst das Wetter ist schlechter geworden. Ein Orden christlicher Kriegermönche, die Bruderschaft des Lichts, will wissen, was genau die Ursache dieser Vorkommnisse ist.

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Alles für die Liebe: Gabriel will seine verstorbene Frau wieder zurück ins Leben holen.
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Hat Gott sich von den Menschen abgewandt? Oder will er sie einfach testen bzw. ganz furchtbar ärgern? Ordensbruder Gabriel Belmont wird ausgesandt, mit der einzig verlässlichen Quelle zu reden: den Toten, insbesondere seiner kürzlich getöteten Frau Marie. Schnell stellt sich heraus, dass nur die Macht der Herren der Schatten die Welt wieder ins Lot rücken kann – und die verstecken sich natürlich hinter massiven unheiligen Armeen...

Veteranen werden sogleich bemerken, dass hier was nicht stimmt: kein Dracula, keine zu erforschende Riesenvilla, keine weißhaarigen Protagonisten mit Amnesie. Tatsächlich könnte die Handlung als Voraussetzung für jeden beliebigen Actionkracher dienen, sie liest sich ohnehin schon wie eine Mischung aus „Dante's Inferno“ und „Dragon Age: Origins“. Wo also ist Castlevania versteckt? Die traurige Antwort lautet: nirgends.

Hat mehr mit God of War als mit Castlevania zu tun, ist aber wahnsinnig unterhaltsam, actionreich und wundervoll anzusehen.Fazit lesen

Abgesehen vom Nachnamen des Protagonisten, etwas religiöser Symbolik und dem einen oder anderen Nosferatu oder Lykanthropen hat „Lords of Shadow“ wirklich fast nichts mit seinen Namensvettern gemein. Wenn man jetzt noch weiß, dass es ursprünglich nicht mal den Namen „Castlevania“ im Titel trug, ist eigentlich alles klar – es riecht nach Lizenzausschlachtung. Das soll uns bei der Bewertung des Titels nicht weiter stören, möge aber schon jetzt als Warnung für alle Fans der ersten Stunde dienen, die sich hier eine waschechte Fortsetzung erhoffen.

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Gleich bricht der Sturm los.
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Davon abgesehen ist die Geschichte zwar in Ordnung, jedoch auch nicht unbedingt der Höhepunkt des Spiels. Neben dem üblichen „Mir wurde Unrecht getan und jetzt müssen alle dafür büßen!“ gewisser Kollegen desselben Genres kann man sich hier über eine schöne Geschichte freuen, sogar mit ein, zwei Twists gewürzt. Vor allem die professionellen Synchronsprecher (Patrick Stewart, Robert Carlyle) halten das Interesse an den Charakteren aufrecht, die insgesamt nicht so ausgebaut sind, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte. Aber wenn Gabriel schon einen so guten Sprecher hat, warum macht er dann nie das Maul auf?

Pflock of War

Lords of Shadow ist prinzipiell ein Spiel, in dem drei Mechaniken zusammenlaufen. Der deutliche Fokus liegt auf dem Action- und Kampfteil: Wo sich dermaleinst der gute Kratos durch Horden von Zyklopen und Zentauren schlachtete, müssen jetzt Werwölfe und Konsorten ihre hässlichen Rüben hinhalten. Die reine Qualität der Kämpfe steht der rachsüchtigen Blassbirne Kratos in nichts nach: Wunderbar flüssige Angriffe mit Gabriels Kette, die in einem Kreuz versteckt ist, treffen spektakulär einen oder mehrere Gegner und lassen sich so präzise umsetzen, dass es eine wahre Freude ist.

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Schnuffi-Wuffi will nur spielen. Vielleicht auch ein wenig mehr.
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Die Anleihen an God of War sind zwar teils arg auffällig (selbst die Finisher mit Quick-Time-Events und Buttonmashing haben exakt dieselbe Kamerafahrt mit Zoom), aber die „Hommage“ ist gelungen und die Kämpfe machen richtig Laune. In regelmäßigen Abständen findet Gabriel Upgrades, neue Parts für sein Kreuz oder magische Relikte, die mit neuen Manövern locken – vorausgesetzt, er hat die nötigen Erfahrungspunkte, um sie freizuschalten. Das hält die Motivation für den allergrößten Teil des Spiels schön weit oben. „Nur noch einen Move freischalten...“, hörte ich mich oft brabbeln.

Besagte Erfahrungspunkte gibt es nicht nur fürs Besiegen der Gegner, sondern auch das Lösen von Rätseln. Eine solche Mischung ist im Genre durchaus üblich und kann, wie wir wissen, gut funktionieren - in Lords of Shadow hingegen sind die Rätsel nicht besonders geschickt eingesetzt. Nicht nur, weil die angeblichen Kopfnüsse viel zu leicht und nicht wirklich originell, sondern auch zu sporadisch verstreut sind, als dass man sie je richtig als Element wahrnimmt. Insofern tragen sie nicht zum Spielfluss bei, sondern wirken ihm eher entgegen. Wie eine lästige Ablenkung, bevor es zum nächsten Raum voller dämonischer Opfer für Gabriels Kettenangriffe geht. Hier wurde deutlich Potenzial vergeudet, allerdings nerven die Rätsel nicht wirklich, sondern gehen neben dem Rest des Spiels einfach unter.

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Kein Castlevania ohne zu überwindende Abgründe.
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Der dritte große Punkt ist das Klettern und Hangeln. Obwohl man natürlich Ruhephasen zwischen der ganzen Schnetzelei braucht, muss man sagen, dass völlig belangloses Hüpfen von Kante zu Kante und Springen über Abgründe nicht wirklich reizvoll ist. Die wahre Herausforderung ist hier eher, immer zu wissen, wo man weitergehen und -klettern soll. Manchmal ist die Anleitung des Spielers innerhalb der Levels nicht völlig gelungen und es gibt wenig Frustrierenderes, als eine halbe Stunde durch die Gegend zu irren, weil man am Bildschirmrand einen Haken zum Abseilen übersehen hat. Was die Kletterei rettet, ist das durchdachte Design der Levels mit alternativen Wegen, versteckten Power-ups und wundervoller Präsentation.

„Lords of Shadow“ ist prinzipiell in Kapitel und Missionen eingeteilt, die nicht nur schön handlich sind, sondern auch beliebig oft neu gespielt werden können, um mehr Erfahrungspunkte zu sammeln oder verpasste Upgrades zu finden. Das könnte auch nötig sein, denn zumindest für Anfänger des Genres ist der Schwierigkeitsgrad ganz schön knackig; das Spiel bleibt für seine gesamte Länge schön anspruchsvoll, wird aber nicht unfair. Erfreulich ist der Spielumfang, der je nach Fähigkeit des Spielers die Zehn-Stunden-Marke sprengen oder noch weiter springen kann. Mit unseren mangelnden Skills hatten wir zum Beispiel lange Spaß!

Wunderschönes Déjà-vu

Neben dem ultrawitzigen Kampfsystem und der grandiosen Motivationskurve ist es vor allem die Präsentation, die „Lords of Shadow“ zu einem wirklich eigenen und lohnenden Erlebnis macht. Die technische Umsetzung kann sich durchweg mehr als sehen lassen, eine erstaunliche Vielfalt von gar nicht mal so düsteren Tempeln, Dschungeln, Sümpfen, Mausoleen und Schlössern wird auf den heimischen Fernseher gezaubert. Die Vegetation wiegt leicht im Wind, je nach Örtlichkeit springen Frösche oder flattern Fledermäuse durch die Gegend und ein Werwolf wirkt so lebendig, dass man quasi sein nasses Fell riechen kann. Allein die Mimik der Charaktere ist etwas steif geraten und fällt als einziges optisches Manko ärgerlicherweise umso mehr auf.

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Lords of Shadow? Shadow of the Colossus? Shadow of Lords? Was auch immer - es sieht klasse aus!
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Diese Grafik wäre nicht viel wert ohne ein eigenes und kreatives Art-Design, den wahren Star der Optik. Von der detaillierten Rüstung-Kutten-Kombo Gabriels bis zur Architektur der zahlreichen in den Himmel ragenden Gebäude ist fast alles durchdacht und brillant konzipiert. Der Soundtrack trägt seinen Teil zur Stimmung bei: Zwar kann der übliche Orchesterpomp lange nicht den Kompositionen von Michiru Yamane in den älteren Castlevanias standhalten. Aber egal, ob ein Streicherteppich im Hintergrund schwebt oder ein Paukensturm die Kämpfe untermalt, alles sitzt sattelfest und gut. Die bereits erwähnten Sprecher sind ohnehin so toll, dass man sich mehr Dialoge gewünscht hätte.

Wir haben schon erwähnt, dass Lords of Shadow nicht viel mit der Castlevania-Reihe gemein hat, dafür aber mit anderen Schnetzlern wie God of War oder Heavenly Sword. Die Kletterpassagen erinnern stark an die Abenteuer eines gewissen persischen Prinzen, mehr als eine heilige Lichtattacke mit Gabriels Kreuz sähe wahrscheinlich anders aus, wenn es Dante's Inferno nicht gegeben hätte... aber solche Anleihen sind innerhalb des Genres noch verhältnismäßig normal. Teilweise jedoch überschreitet „Lords of Shadow“ diese übliche Grenze und hinterlässt einen fahlen Beigeschmack.

Als Beispiel seien an dieser Stelle die ersten beiden Bosse genannt; wer nichts davon wissen will, sollte also weg-, nein, weiterlesen: Am Ende des ersten und zweiten Kapitels trifft Gabriel auf die Wächter heiliger Orte. Es handelt sich um riesige Steinkolosse mit leuchtenden Siegeln an ihren massigen Körpern. Nach einer Klettertour auf den Wesen selbst (wobei sie natürlich versuchen, Gabriel abzuschütteln, er muss sich festhalten) muss man sie nacheinander zerstören, dann geht es zur nächsten leuchtenden Rune. Die beiden gleichen ihren Gegenparts aus „Shadow of the Colossus“ sogar optisch weitestgehend.

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Fiese Fallen gehören auch zum Monsterjägeralltag.
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Spoilerende. Plagiate wie diese schmälern zwar nicht wirklich die Qualität des Spiels, man kann aber nicht anders, als verlegen zu lächeln, wenn man einen solchen Punkten erreicht – tatsächlich ist „Lords of Shadow“ eine Tour de Force, fast schon ein Best-of vieler anderer Spiele aus demselben oder ähnlichen Genres. Zu den Castlevania-Fans gesellt sich jetzt also eine Gruppe von Spielern, die vielleicht zweimal überlegen sollten, ob „Lords of Shadow“ etwas für sie ist: Wer Anleihen und spielerische Diebstähle partout nicht haben kann, sollte von dem Spiel vielleicht die Finger lassen.

Es sprengt nicht nur keine Grenzen, es macht de facto nichts wirklich neu. Alles, was man hier sieht, hat man woanders schon mal gespielt. Es sei noch einmal betont, wie gut „Lords of Shadow“ umgesetzt ist und dass es wirklich Spaß macht. Doch wer einen weiteren God-of-War-Klon nicht aushält, muss woanders zugreifen. Alle anderen werden hier bestens unterhalten.