Es ist ein altbekanntes Phänomen: Die Produzenten einer beliebten Reihe versuchen, diese durch Innovation zu retten, und stürzen sie genau durch diese Versuche ins Verderben. Doch es ist fraglich, ob es das neue Szenario war, das Call of Juarez: The Cartel seinerzeit das Genick brach.

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Viel kritischer war doch wohl, dass das Spiel insgesamt einfach totaler Mist war. Hier stimmte so ziemlich gar nichts und unzählige Spieleredakteure saßen verzweifelt vor ihren Tests und zermarterten sich das Hirn, was sie denn nun in die kleine Box eintragen sollten, über der das Wort „Pro“ oder „Pluspunkte“ prangt. Das Spiel war, in Ermangelung eines besseren Wortes, eine Beleidigung. Für alle Beteiligten. Und die Menschheit als Ganzes.

Für viele war diese nie fehlerfreie, doch bis dato charmante Spielereihe damit quasi gestorben, das Ergebnis der Autopsie lautete: „Das Studio Techland gibt sich einfach keine Mühe mehr“. Mit der Ankündigung eines neuen Call of Juarez, das zudem ein Download-Titel sein würde, riss man wenige Leute vom Hocker.

Ich gebe zu, dass auch ich mit nicht sehr viel Euphorie zur Präsentation nach Hamburg fuhr. Wenigstens würde man mir nicht noch mal eine Story mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom im Drogenmilieu vorsetzen, erlebt durch die Augen der drei unsympathischst stereotypen Saftsäcke, die sich je ein Charakterdesigner ausgedacht hat.

Ich war nicht schlecht überrascht, als ich endlich Gelegenheit hatte, einen Blick auf Call of Juarez: Gunslinger zu werfen, und ich war nicht allein. Um mich herum standen Kollegen, Gamer, und wir alle sahen dem Spektakel auf dem Bildschirm zu, drehten uns zueinander und staunten. Auf unser aller Stirn stand derselbe Satz: „Hey, das sieht ja richtiggehend lustig aus!“

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Die sehr kurze Version des Download-Titels zeigte wirklich noch nicht viel, was vielleicht kein gutes Zeichen ist, doch was sie zeigte, war sehr satte Western-Action mit einer zwar nicht sonderlich innovativen, aber dafür nach ordentlich Gaudi aussehenden Spielmechanik.

Call of Juarez: Gunslinger - Die Wiedergutmachung für das vermurkste The Cartel?

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Sieht doch schon mal ganz ordentlich aus für ein Download-Spiel.
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Mit Revolvern, Winchester-Gewehren und Schrotflinten kämpfte sich unser grimmer Protagonist durch ein Meer von Widersachern, die mal aggressiv und nahezu suizidal mit Nahkampfwaffen und Schrotflinten auf Tuchfühlung gingen, mal scheu aus weit entfernter Deckung vereinzelte Schüsse in Richtung Kamera jagten.

Vielleicht am auffälligsten war die Örtlichkeit bzw. das, was Filmemacher ein „Set Piece“ nennen würden, die spektakuläre Kulisse der wüsten Ballerei, denn nach ein wenig Geplänkel in bewaldetem Gebirge verlagerte sich die Action auf einen entgleisten Zug, der schräg und nur an einigen Klippen und Bäumen hängend über einem tödlichen Abgrund baumelte - und auf ihm böse Buben, unser Held und jede Menge Blei, das durch die Gegend rauschte.

Packshot zu Call of Juarez: GunslingerCall of Juarez: GunslingerErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Unser Protagonist raunte und schnarrte die ganze Zeit vor sich hin, denn offenbar sind die Ereignisse des Spiels eine Nacherzählung, die er jemand anderem präsentiert. Die Idee ist nicht vollkommen neu, doch selten gesehen und zumindest im actionlastigen Western-Genre eine frische Note.

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Da kommt Stimmung auf.
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Zwar gab es im Falle des frühzeitigen Ablebens keine altklugen Sprüche in die Richtung „Moment, so kann es ja nicht gewesen sein!“, aber was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden. Darüber hinaus konnte man bereits aufschnappen, dass der Held ein Bekannter der Hole-in-the-Wall-Gang um Butch Cassidy ist.

Die Action zeigte sich mehr als solide. Ordentlich laute Ballermänner mit wuchtigem Treffer-Feedback brachten haufenweise Banditen zum Fallen und Straucheln. Ebenfalls auffällig: Beim Abservieren der Schurken blinkten immer wieder Boni und Punktzahlen auf, zum Beispiel bei Headshots oder Entwaffnungen.

Für ein paar Zloty mehr

Was manch einen vielleicht als zu arcadig abschrecken wird (möglicherweise wird man es ja abstellen können), gibt mir zumindest Hoffnung. Hoffnung, dass das Zahlengewitter auf dem Bildschirm vielleicht nicht bloßes Punktegesammle bleibt, sondern unter Umständen spielerisch eingesetzt wird. Die erste Assoziation zu People Can Flys Bulletstorm, die so mancher bei der Präsentation gehabt haben muss, ist jedenfalls nichts Schlechtes, und wenn ein explodierendes Fass zu einer Belohnung führt, macht doch alles noch mal doppelt so viel Spaß.

Es ist vielleicht zu viel verlangt von einem Download-Spiel, mag ja sein. Immerhin soll Gunslinger als neuer, kleiner Titel nicht alles runderneuern, sondern viel eher eine Adrenalinspritze ins Herz der Reihe sein. Tolle Action kann dabei natürlich helfen, aber das ist nicht allein, wofür Call of Juarez und sein Nachfolger Bound in Blood bekannt waren.

Diese Spiele waren vielmehr die Geschichten wüster Anti-Helden, brummiger Egoisten und brutaler, kompromissloser Konfliktlösungen. Jemand tut dir Unrecht und du zahlst es ihm zurück – so hielt es seinerzeit Reverend Ray mit Billy Candle, der ihn aus dem Ruhestand beförderte. So war es zuvor bei den McCall-Brüdern, als sie sich entzweiten.

Ich will damit sagen: Call of Juarez war noch nie ein perfektes oder auch nur großartiges Spiel, sondern vielmehr eine Kuriosität, die durch Charakter punktete, durch Persönlichkeit. Selbst der namensgebende Schatz rückte in den Hintergrund, uns interessierten vielmehr die Menschen und ihre brutale Welt. Wie viele Spielereihen können das schon von sich behaupten, mit Western-Action und Anti-Helden Spielerherzen richtig berührt zu haben?

Jedenfalls gibt es hier die Gefahr, dass Techland unter Umständen auf das falsche Pferd bzw. die falsche Pferdeoper setzen. Sie sind zum Beispiel nach wie vor super-verknallt in ihre Zeitlupen-Mechanik, die es natürlich auch in Gunslinger wieder geben wird. Diese Art von Mechanik ist allerdings mittlerweile so etabliert, dass ihr jetzt alle mitsingen könnt, wenn ich erkläre, wie sie funktioniert.

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Shoot-outs in Zeitlupe: Spielerisch erfüllt Call of Juarez: Gunslinger die Erwartungen.
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Und alle: Durchs Kämpfen lädt sich eine Leiste auf, ist sie voll, kann man sie aktivieren, um die Zeit zu verlangsamen. Auch, wenn man durch Türen bricht oder ähnliches, kann man erstmal den ganzen Raum säubern und so zusätzliche Punkte abstauben. Das machen Techland seit dem ersten Teil der Reihe, und auch wenn es nicht wirklich stört, ist die Gefahr größer denn je, dass Techland wirklich glauben, dieser Mumpitz sei die Stärke und das Alleinstellungsmerkmal der Reihe.

Ist es nicht. Es ist, wenn es gut umgesetzt ist, cool, sicherlich hilfreich, aber nichts Besonderes, nicht die Essenz der Reihe. Lasst es mich an einem anderen Beispiel verdeutlichen: Die Vorschauversion endet – womit auch sonst? – mit einem Duell. Dessen Mechaniken hätten mich sicherlich vom Hocker gehauen, allerdings nur, wenn die Präsentation im Jahre 2004 stattgefunden hätte, vor Red Dead Revolver. So ist es das normale Zeugs: Der Gegner zieht, wir hinterher, wir schießen zuerst und er purzelt. Je nachdem, wo wir ihn erwischt haben, fällt er etwas anders, nicht immer astrein, aber immer stilecht.

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Ob Gunslinger den schwachen Neo-Western The Cartel wieder gutmachen kann?
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Das polnische Studio macht hier bislang alles richtig, aber hoffentlich nicht aus den falschen Gründen. Denn eine gute Duellmechanik zum Beispiel ist mittlerweile Usus und längst nicht mehr so wichtig wie die Fragen, die hinter ihr stehen: Wer duelliert? Warum? Fragen der Kohärenz und des Stils müssen richtig beantwortet sein, nur dann können Spieler eintauchen, genießen, Lieblinge finden.

Wie gesagt: Wir haben ja einen brummigen Helden, der uns etwas erzählen will. Wir haben außerdem brachiale Wummen, mit denen wir seine Geschichte nach vorne treiben können. Es bleibt ein wenig Angst, dass Gunslinger mehr auf Action als auf Persönlichkeit setzt. Oder dass es, weil es ein Downloadtitel ist, nicht genug Umfang liefern wird, um überhaupt seine Geschichte zu erzählen. Doch es ist eine Menge Mühe und gute Absicht zu erkennen, und das ist doch schonmal die halbe Miete.