Schön war's. Schön knackig, schön ehrlich, schön schön. Ein bissiger Westernsnack mit harten Kerlen und noch mehr Blei eben. Nichts Weltbewegendes und schon gar nichts, was nach dem Löschen von der Festplatte noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Trotzdem ist das bedeutend mehr, als man der Serie nach ihrer Nahtoderfahrung mit „The Cartel“ noch zugetraut hätte.

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An sich keine große Leistung, hatte doch ohnehin kein Mensch mehr mit einer weiteren Iteration der Reihe gerechnet. Am wenigstens wohl Techland selbst, die seit „Dead Island“ eifrig damit beschäftigt sind, diese ungleich ertragreichere Cashcow so lange zu melken, bis sie weniger Fleisch auf den Rippen hat als die Inselzombies selbst. Da bleibt nur noch wenig Platz für idealistischen Esprit oder diese eine Geschichte, die man unbedingt erzählen möchte.

Nicht unbedingt ein Problem der Polen, deren Stellenausschreibungen bislang nur ein ausgegrautes Feld an der Stelle zeigten, wo eigentlich der Posten eines Storywriters aufgelistet sein sollte. Folglich dominieren auch keine Vokabeln wie „story-driven“ die Berichte ihrer Spiele, stattdessen schnappt man Adjektive wie „straightforward“, „schnörkellos“ und vor allem „ehrlich“ auf.

Call of Juarez: Gunslinger - Hurra! Resteverwertung erfolgreich abgeschlossen!

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Back to the roots: Nach dem verkorksten Ausflug in die Gegenwart kehrt Gunslinger zu den Wurzeln der Serie zurück.
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In der Kreisstadt Ostrowo weiß man nicht nur um die eigenen Stärken und Schwächen, sondern lässt diese, zumindest in den meisten Fällen, für sich arbeiten. Eine Tugend, die auch „Gunslinger“ verdammt sympathisch macht.

„Das war so! Oder so ähnlich...

Zugegeben: Allzu groß wird die Versuchung nach dem pseudo-coolen „The Cartel“ nicht mehr gewesen sein, noch einmal auf dicke Hose zu machen. Protagonist und Kopfgeldjäger Silas Greaves ist deshalb auch kein Duke mit Cowboyhut und Westernboots, was nicht heißen soll, dass der gealterte Revolverheld nicht auch mal einen zynischen Spruch auf den Lippen hat.

Die meiste Zeit ist er allerdings damit beschäftigt, sich vor Besuchern einer versifften Bar im Glanz alter Tage zu sonnen. Von der vollbusigen Bardame bis zum bewunderten Jungspund müssen alle ziemlich die Augen zusammenkneifen, nimmt es Greaves mit der Wahrheit schließlich nicht so genau. Ob aus Demenz oder verklärten Heldentum: Immer wieder ändert er kleinere und größere Details, macht aus Indianern mit einem eingeschobenen Nebensatz plötzlich fluchende Banditen oder lässt ganze Landschaftszüge andere Formen annehmen.

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Beinahe jeder Abschnitt endet mit einem nervenzerreißenden Duell. Spannend, gut gemacht und knackeschwer.
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Keine ganz taufrische Idee, aber eine, die „Gunslinger“ immer wieder gewitzt einsetzt. Ihr könnt euch nie sicher sein, ob das prognostizierte Banditenlager auch wirklich hinter dem nächsten Hügel liegt, während der gealterte Kopfgeldjäger im Buch der Erinnerungen blättert. Ganze Abschnitte werden neu erzählt und ihr werdet zum Spielball der Vergangenheit.

„Aber hast du nicht gesagt, dass...“, hallt es gerade noch in euren Ohren nach. Dann räuspert sich Greaves, bevor seine sonore Stimme den Verlauf der Zeit erneut in eine andere Form presst. Immer wieder zwar, aber nur selten auf dieselbe Art. Etwa fünf Stunden lang geht das so, dann ist's vorbei. Genau im richtigen Moment macht Techland den Deckel auf etwas, das ihr nicht wegen der Geschichte selbst, sondern dessen Verlauf spielt. Der Weg ist das Ziel, sozusagen. Zwei Stunden länger und es hätte sich gezogen. Eine weniger und ihr hättet noch Appetit.

So ganz gestillt ist der Hunger aber ohnehin nie. Im Zweifel könnte man immer noch eine kleine Runde dranhängen, noch einmal den verzierten Colt aus dem abgewetzten Holster ziehen. Wenn man das überhaupt so sagen kann: Es fühlt sich „richtig“ und griffig an, einen Cowboy nach dem anderen mit Blei vollzupumpen.

Weniger ist mehr: Gunslinger wurde aufs Wesentliche zusammengedampft, beherrscht sein Kernhandwerk dafür umso besser. Ein kurzweiliger Actionsnack.Fazit lesen

Sollte es allerdings auch, denn im Wesentlich ist es das Einzige, was ihr mal unter der gleißenden Sonne des Wilden Westens, mal im schimmernden Mondschein tut. Mit „Call of Juarez: Gunslinger“ wollte man kleinere Brötchen backen und hat konsequent alles weggestrichen, was die Produktionskosten nach oben getrieben hätte. Nebenmissionen? Waffenvielfalt? Eine offene Welt? Nix da, gibt’s nicht.

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Für ein Downloadspiel macht Gunslinger vor allem optisch ordentlich was her. Gerade die Lichteffekte spielen in der oberen Liga mit.
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Hätte auch nach hinten losgehen können und manchmal, ganz selten, hält man einen Moment inne und fragt sich: „Wie, kommt jetzt noch was? Das kann doch nicht immer so weitergehen.“ Tut es aber. Und wenn die Kacke wenige Augenblicke später schon wieder am Dampfen ist, ihr in Zeitlupe Löcher in die ausgeblichenen Hüte eurer Feinde ballert und durch ein buntes Schießbudenkabinett gescheucht werdet, das gerade breit genug ist, um sich einmal im Kreis zu drehen, ist das auch wieder völlig okay.

„Gunslinger“ wirft keinen langen Schatten und macht sich nicht größer, als es ist. „Hier wird geschossen, die ganze Zeit. Nicht lang, nicht aufwendig, aber verdammt geil!“, könnte auf der Packung stehen, wenn es der vierte Serienteil denn als Retail-Version in den Laden geschafft hätte. Wo es dann gegen „Call of Duty“, „Battlefield“ und andere AAA-Blockbuster kläglich abgesoffen wäre. Aus dem virtuellen Regal kann man's aber mal mitnehmen für faire 15 Euro, wenn einem der Sinn nach kurzweiliger, kompetent gemachter Action steht. Und nach Western.

Ein bisschen Spaß muss sein

Ein bisschen was drauf gibt es sowieso. Den Arcade-Modus etwa, der perfekt den Geist des Spiels einfängt und eure benötigte Zeit und Treffsicherheit in den 14 Abschnitten auf den Prüfstand stellt, oder nach erstmaligem Durchspielen auch New Game +. Nur gesellig wird’s nicht; die Gaudi könnt ihr nur allein und nicht gemeinsam mit einem guten Kumpel und ein paar Flaschen Bier erleben. Wäre auch zu schön gewesen. Ihr könnt natürlich trotzdem Bier trinken und einen Freund einladen, aber einer muss immer zusehen. Damit ist nicht das Bier gemeint.

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Auch eine dicke Gatling-Gun dürft ihr hier und da bedienen. Heißa!
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Trommelt also trotzdem ein paar Freunde zusammen. Sie werden schon mitfiebern, wenn ihr mit einer Gatling-Gun Dutzende Feinde aus den Latschen pustet, euch spannende (und verdammt knifflige) Duelle mit berühmten Pistoleros liefert oder einer brennenden Dynamitlunte hinterherrennt, die, wenn ihr nicht schnell genug seid, eine riesige Holzbrücke unter lautem Getose weitflächig über die Steppe verteilt – und euch gleich dazu.

All das ist nichts, was man unbedingt erlebt haben muss. Hat man alles schon mal besser gesehen, ausgereifter und hübscher, ganz bestimmt. Trotzdem macht „Gunslinger“ viel richtig, kaum etwas wirklich schlecht und vor allem eins: Spaß. Kurzweiligen, ehrlichen Spaß. Und wie oft gibt es den noch?