Autor: Jörg Pitschmann

Neulich im wilden Westen: ein durchgeknallter Reverend zitiert wild um sich schießend Verse aus der Heiligen Schrift und verbreitet so Furcht, Schrecken und das Wort des Herrn unter verirrten Seelen. Die sind hinterher zwar meistens tot, dafür aber geläutert.

Klingt albern, bereitet aber ziemlich viel Vergnügen. Call of Juarez heißt der Spaß der polnischen Entwickler von Techland, in dem man unter anderem in die virtuelle Haut des schießwütigen Reverends schlüpft. Wir haben unsere Bibel entstaubt, die Kanonen geölt und den Gottesmann mit missionarischem Eifer bei der Verbreitung der Worte des Herrn unterstützt.

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Mit Bibel und Ballermann
Der gewaltbereite Reverend ist eigentlich eher in eigener Sache als im Namen des Herrn unterwegs. Denn er befindet sich nach der Ermordung seines Bruders auf einem Rachefeldzug. Getreu dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bringt er dabei die Schuldigen nach und nach zur Strecke.

Das klingt nach klassischem Spaghettiwestern, und das ist es auch. Denn hier werden so ziemlich alle Klischees bemüht, die seit den Sergio-Leone-Filmen der Sechziger Jahre und ihren mehr oder weniger guten Nachahmern immer wieder zum Einsatz kommen. Das reicht bis hin zur musikalischen Untermalung, die zwar mit den Meisterwerken eines Ennio Morricone nicht mithalten kann, aber mit Bedacht gewählt zum Einsatz kommt.

Call of Juarez - Sprecht Eure Gebete, ihr Hundesöhne: Ballernder Priester sorgt für Trouble im Westen.

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Natürlich dürfen auch Tumble Weeds nicht fehlen, die vom Wind über verlassene Straßen geweht werden. Und wie es sich für eine typische Westernstadt gehört, gibt es einen großen Saloon, aus dem stets ein paar schräge Melodiefetzen zu hören sind, die einem schlecht gestimmten Piano entlockt werden.

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Alle Bösewichte reden mit heiseren Stimmen, tragen lange, braune Staubmäntel und dunkle Hüte und gucken finster aus der unsauberen Wäsche. Und natürlich würden die Burschen für ein kleines Taschengeld selbst ihre eigenen Großmütter verraten, wenn sie die nicht schon längst an die Indianer verschachert hätten. Vor diesem Hintergrund also spielt Call of Juarez und zeigt eines ganz klar: der Spaghettiwestern lebt - zumindest im Computerspiel.

Missionarsstellung
Auch die Hintergrundgeschichte will da nicht abseits stehen und bietet Spaghettiunterhaltung in Reinform. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwei Männer: Billy die Kerze und der Missionar Reverend Ray. Billy ist ein junger Outlaw, der sein Elternhaus in der kleinen Stadt Hope vor Jahren wegen seines gewalttätigen Stiefvaters und dessen Bruder, dem Reverend, verlassen hat.

Jetzt kehrt er mittellos zurück in seine Heimatstadt und stellt fest, dass sich eine Menge verändert hat und zwischenzeitlich jede Menge sinistre Typen das Ruder übernommen haben.

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Nebenbei interessiert er sich auch für den namensgebenden Schatz des Juarez, der hier vergraben sein soll. Zu allem Unglück findet Billy seine Mutter und den Stiefvater ermordet auf deren Farm. Und da es bekanntermaßen immer noch schlimmer kommen kann, als man denkt, trifft zum selben Zeitpunkt Reverend Ray ein, der den fliehenden Billy fälschlicherweise für den Mörder hält.

Der Prediger, ein ehemaliger Revolverheld, der schon viele Jahre zuvor seine Pistolen gegen die Bibel eingetauscht hat, beschließt daraufhin, beides miteinander zu kombinieren und macht sich auf die Jagd nach seinem scheinbar gänzlich missratenen Stiefneffen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: die Handlung ist zwar nicht gerade oscarverdächtig, bietet aber einen erfreulichen Erzählfluss. Und das ist für einen Shooter schließlich nicht selbstverständlich.

Das eigentlich Besondere an Call of Juarez ist, dass man beide Charaktere wechselseitig spielt, wobei die Figuren über sehr unterschiedliche Eigenschaften verfügen. So ist der schmächtige Billy alles andere als kräftig und im Umgang mit Feuerwaffen eher überfordert, dafür aber schnell und ein wahrer Schleich- und Kletterkünstler. In bester Indy-Manier nutzt Billy Boy eine Peitsche, um sich über Abgründe zu schwingen oder Gegner zu entwaffnen. Auch im Umgang mit Pfeil und Bogen ist Halbblut Billy recht geübt.

Reverend Ray dagegen bevorzugt die Sprache der rohen Gewalt. Er ballert, was das Zeug hält, tritt Türen ein und räumt auch größere Hindernisse dank seiner großen Kraft mühelos aus dem Weg. Im Kampf bevorzugt er die klassische Pankration oder den Einsatz von Schießeisen.

Im Spiel beginnt man als Heimkehrer Billy. Bei dem Versuch, sich eine Waffe zu organisieren, gibt es jede Menge Schwierigkeiten und massig Ärger mit dem Saloonbesitzer und dessen Schergen. Hat man es geschafft, sich die Knarre - einen fitzeligen Derringer - zu besorgen, besteht der schwierigere Teil der Mission darin, möglichst leise und verstohlen aus der Stadt abzuhauen. Dazu schleicht Billy geräuschlos von Deckung zu Deckung, klettert und springt über Dächer und hangelt sich über gefährliche Abgründe. Die gesamte Mission fungiert als Tutorial, die den Spieler ausgiebig mit Billys Schleichtechnik sowie dem richtigen Umgang mit der Peitsche vertraut macht. Das Kapitel endet mit Billys Eintreffen auf der elterlichen Farm.

In der zweiten Episode übernimmt man das Amt des Reverends. Der wird während eines Gottesdienstes zur Farm seines Bruders gerufen und findet die Bewohner ermordet vor. Von Rache getrieben, besinnt er sich auf seine ballerischen Qualitäten und macht sich auf die Suche nach dem vermeintlichen Mörder Billy. Nebenbei muss er sich mit aufgewiegelten Stadtbewohnern und allerlei schrägem Gesocks herumschlagen.

Am Ende steht ein Duell mit dem Saloonbesitzer auf dem Programm. Im Laufe der Mission wird man nach und nach in die Hau-Drauf-Technik des wüsten Gottesmannes eingeführt, der weniger den Worten der heiligen Schrift, sondern mehr dem bleiernen Klang seiner Knarren vertraut.Spiel mir das Lied vom Kot
Call of Juarez zelebriert eine verlotterte Westernatmosphäre, die ihresgleichen sucht. Überall in Hope findet man beispielsweise jede Menge Dreck und Pferdekot, und die zahlreichen Plumpsklos mitsamt fliegenumschwirrtem Inhalt wecken auch nicht gerade Assoziationen mit der letzten Redaktionspizza - obwohl...

Was die Entwickler bewogen haben mag, sich derart in Fäkalien zu ergehen, wissen wir nicht. Und im Grunde genommen wollen wir es auch gar nicht wissen. Schreiben wir es einfach dem Wunsch der Programmierer zu, eine möglichst realistische Atmosphäre zu schaffen. Zum Glück liegt die Stärke des Titels in anderen Bereichen.

Die insgesamt 15 Missionen spielen sich sehr abwechslungsreich, was zu einem gerüttelt Maß an den beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten liegt. Während man als Ray buchstäblich mit der Tür ins Haus fällt, sollte man sich als Billy am besten gar nicht erwischen lassen.

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Kommt es zum Kampf, hat man dann nämlich meist das Nachsehen, und einige Missionen gelten sofort als verloren, sobald man entdeckt wurde. Besonders reizvoll ist der spielerische Wechsel, wenn man mit beiden Charakteren ein Hindernis auf unterschiedliche Weise überwinden muss. So kann es sein, dass man als Billy einen komplett anderen Weg suchen muss, weil man beispielsweise Kisten oder Steine nicht bewegen kann, während man sie als Ray schlicht kurz und klein tritt oder beiseite schleppt.

Leider ist es nicht immer so leicht. Besonders als schmächtiges Halbblut beißt man ein ums andere Mal ins Gras oder lädt eine Mission von neuem, weil man durch eine kleine Unachtsamkeit die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich gezogen hat. Insbesondere im späteren Spielverlauf steigt der Schwierigkeitsgrad immens.

So muss man Billy zum Teil millimetergenau an Abgründen positionieren, damit er nicht immer und immer wieder ins Leere hüpft. Das ist ärgerlich und wirkt sich negativ auf den Spielfluss aus, der mehrfach ins Stocken gerät. Insgesamt spielt sich der Prediger einfacher als das Halbblut. Da ihm Schleichen und Taktieren fremd sind, stürzt man sich mit ihm einfach immer mitten ins Getümmel. Und damit man angesichts von wild um sich schießenden Gegnerhorden nicht gleich ins Gras beißt, haben die Entwickler dem guten Ray eine Zeitlupenfunktion spendiert. Die ermöglicht es dann für einige Sekunden, reihum viel virtuelles Blei zu verteilen.

Das macht genauso viel Spaß wie seinerzeit beim seligen Max Schmärz, hat aber einen großen Haken. Denn um die Bullet-Time zu aktivieren, muss man zunächst seine Waffen wieder holstern. Erst das Ziehen einer Kanone startet die Zeitlupenfunktion.

Das mag noch funktionieren, wenn man vor einer Schießerei in Tarzanlaune zwischen eine Schar überraschter Gegner prescht, mitten im Gefecht aber ist es sinnlos. Warum man die Zeitverlangsamung nicht auf Knopfdruck aktivieren kann, wird wohl ewig ein Geheimnis der Programmierer bleiben.Hast Du mal Feuer?
Wie es sich für einen Shooter gehört, greift man natürlich auch auf ein umfassendes Waffenarsenal zurück, um die Welt von seiner Mission zu überzeugen - zumindest, wenn man als Reverend unterwegs ist. Denn der gute Billy brilliert eher durch Unauffälligkeit, als durch den Einsatz origineller Feuerwaffen. Neben der schon vorgestellten Peitsche stehen dem Klettermaxe im Laufe der Handlung bevorzugt Pfeil und Bogen und andere lautlose Instrumente zur Verfügung. Das ist nicht wirklich viel, macht aber angesichts der zu lösenden Aufgaben Sinn.

Wer eher auf sinnlose Gewaltanwendung und Lärm steht, wird mit dem Mann Gottes weitaus glücklicher. Der hat neben seinen beiden Colts im Laufe der Zeit wahlweise ein Gewehr oder eine Schrotflinte zur Verfügung oder greift gleich zu Dynamit. Gerne werden auch schwere Gegenstände als Wurfgeschosse benutzt, oder man traktiert Gegner mit den eigenen Fäusten.

Und wenn alle Stricke reißen, liegt garantiert irgendwo eine Petroleumlampe herum, die man einfach gegen Holz schleudert und die entstandene Öllache in Brand schießt.

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Das macht besonders dann Sinn, wenn sich Übelwichte in Häusern verschanzt haben. In einem solchen Fall erwartet man die Burschen einfach vor der brennenden Hütte, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Hat man nicht soviel Zeit, kann man natürlich auch die Tür verbarrikadieren und sich anderen Aufgaben zuwenden, bis sich die Angelegenheit von alleine erledigt hat.

Es folgt eine kurze Anmerkung für besorgte Eltern und Pädagogen: Call of Juarez ist ein Spiel für Erwachsene. Es gehört auf keinen Fall in Kinderhände, denn die zur Schau gestellte Brutalität könnte labile Naturen zutiefst verunsichern und bleibende Schäden zur Folge haben. Anmerkung Ende.

Kultverdächtig ist die Möglichkeit, mit der Bibel in der einen und einer Knarre in der anderen Hand den Schurken das virtuelle Lebenslicht auszublasen. Auf Knopfdruck zitiert der religiöse Revolverheld nämlich Passagen aus der Heiligen Schrift, während er arme Sünder ausknipst. Das ist nicht nur cool, sondern hat auch spielerisch einen Sinn. Die Gegner reagieren irritiert auf seine Worte, werden unkonzentriert und somit von reißenden Wölfen schnell zu Opferlämmern. Obwohl die Schießereien und Duelle jede Menge Spaß bringen und für Kurzweil sorgen, hat das Spiel auch ein paar Längen. Denn oftmals wird einem der Weg zum nächsten Missionsziel durch übermäßig viele Hindernisse unnötig erschwert. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Bild und Ton gehen in Ordnung, bei höchster Auflösung und vollen Details sollte das Spiel auch auf durchschnittlichen Zockermaschinchen gut spielbar sein. Wer mag, stellt optional auf die englische Tonausgabe um, was der Atmosphäre durchaus zuträglich ist. Für die deutsche Sprachausgabe wurden offenbar professionelle Sprecher für Billy und Ray engagiert, die anderen Stimmen fallen allerdings demgegenüber deutlich ab, und auch die Kommentare der Schurken wiederholen sich gar zu schnell. Obwohl die Schießereien und Duelle jede Menge Spaß bringen und für Kurzweil sorgen, hat das Spiel auch ein paar Längen. Denn oftmals wird einem der Weg zum nächsten Missionsziel durch übermäßig viele Hindernisse unnötig erschwert. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Bild und Ton gehen in Ordnung, bei höchster Auflösung und vollen Details sollte das Spiel auch auf durchschnittlichen Zockermaschinchen gut spielbar sein. Wer mag, stellt optional auf die englische Tonausgabe um, was der Atmosphäre durchaus zuträglich ist. Für die deutsche Sprachausgabe wurden offenbar professionelle Sprecher für Billy und Ray engagiert, die anderen Stimmen fallen allerdings demgegenüber deutlich ab, und auch die Kommentare der Schurken wiederholen sich gar zu schnell.