Eines vorweg geschickt: Treyarch schuldet mir einen neuen Xbox 360-Controller! Der Entwickler hat nämlich mit Call of Duty: World at War das erste Spiel erschaffen, bei dem ich das Gamepad aus Verärgerung nicht nur in ein seichtes Kissen geworfen habe, erstmals landete es tatsächlich an der Wand.

Das Erstaunliche: Abgesehen von einer zerdellten Wand und einem abgebrochenen Batteriefach macht es sogar jetzt noch einen guten Eindruck und funktioniert. Grats Microsoft! Bei den alten PS2-Pads ist bei solchen Eskapaden eigentlich immer etwas abgebrochen. Doch das ist nicht das eigentliche Thema dieses Geschreibsels. Im Mittelpunkt steht das, was mich zu dieser Zerstörungsorgie getrieben hat: Call of Duty 5, oder besser gesagt dessen Veteranen-Modus.

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Wer tut sich das freiwillig an?

In der Tat, es gibt tatsächlich Leute, die sich so etwas antun: Games freiwillig auf dem härtesten Schwierigkeitsgrad zu zocken. Aber warum eigentlich? Hat man wirklich Spaß an dieser Qual (und das ist es über weite Strecken), will man sich lediglich Achievementpunkte sichern oder vor den Freunden / Kollegen prahlen?

In meinem Fall beziehe ich die Motivation ganz simpel aus der Herausforderung und aus dem Wissen, dass eben nicht jeder soviel Geduld (und Geschick) hat, sich dieses Gemetzel anzutun. Ja, genau Geduld ist das Zauberwort, aber auch eine gehörige Portion Glück. Denn Treyarch hat aus der Geschicklichkeitsherausforderung einen Spießroutenlauf ohne Gleichen gemacht, bei dem man oft nicht viel mehr ausrichten kann, als auf die Explosion einer der gefühlt 72 Millionen Granaten zu warten, die gerade von der deutschen Wehrmacht oder den Japanern vor unsere Füße geworfen werden.

Call of Duty: World at War - Durch die Hölle und zurück: Erfahrungsbericht eines Veteranen

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Der Veteranen-Modus von CoD5: Man muss es sehen, um es zu glauben.
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Man muss eigentlich gesehen oder erlebt haben, was da abläuft, um es zu glauben. In vielen der engen Leveln spielt sich das Geschehen ohnehin in einem chaotischen Szenario ab. Die Sinne sind bis zum Bersten angespannt, man hat ein und dieselbe Stelle nun schon zum 138. Mal begonnen und lauert darauf, die Nase hinter dem Fass nach vorne zu schieben. Nix ist mit "nach vorne" stürmen. Wer das tut, ist ohnehin sofort tot, mehr als zwei Streifschüsse überlebt man selten.

Nein, man liegt flach auf dem Bauch, schiebt sich millimeterweise nach vorne, hört das Prasseln der Maschinengewehre, das Schreien der Kameraden. Immer und immer wieder wiederholen sich die Anweisungen der Offiziere. Und man kann es nicht mehr hören. Man schreit den Bildschirm an: "Halt doch endlich die Klappe du !" oder hält sich die Ohren zu, weil man die Sprüche aller KI-Soldaten schon seit Stunden auswendig aufsagen kann. Es ist der reinste Nerventerror an so einer Stelle zu respawnen und zum drölften Mal "Für das Vaterlaaaaaaaand" aus den Boxen scheppern zu hören. Diesmal geht alles glatt, man robbt sich bis zur nächsten Deckung und da passiert es - eine Granate landet neben uns!

Packshot zu Call of Duty: World at WarCall of Duty: World at WarErschienen für DS, PC, PS2, PS3, Wii und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Bumm, Bumm, Bumm!

Kein Problem, man wirft sie zurück. Doch dann setzt der Hagel ein: Zwei weitere landen direkt vor unseren Füßen, fluchend rennen wir zur alten Deckung, aber auch dort liegt bereits eine Explosivladung. Schnell wegrennen oder zurück werfen? Klimp, Klimp, Klimp - noch drei Granaten schlagen auf.

Bevor man sich entscheiden kann, wohin man rennt oder welches Geschoss man zuerst wirft - auf der Flucht erwischt uns mit Sicherheit eine der Granaten. Zum Kotzen! Dabei macht das gerade den Reiz des Veteranen-Modus aus: dass man das Spiel viel, viel intensiver wahrnimmt. Oft ertappt man sich dabei, an Örtlichkeiten zu gelangen, die man gar nicht wiedererkennt.

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Als Veteran nimmt das Spiel völlig neu wahr.
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Man ist beim ersten Durchspielen einfach durchgerannt. "Wie? Dieses Haus kommt mir total unbekannt vor", denkt man oder "Häh, hier soll ich schon mal gewesen sein?" Dabei wäre man nach Stunden intensiven Zockens bei vielen Levels geradezu locker dazu in der Lage, blind die Positionen von Gegnern und Freunden und alles anderen aufzuzeichnen. Mr. Nazi1 kommt nach 3,7 Sekunden rechts um die Ecke, ein Offizier schreit nach 5 Sekunden "Kommunisten!" und Mr. Nazi2 folgt seinem Vordermann nach 6,1 Sekunden. Es ist erstaunlich, wie viele Details einem beim Durchspielen auf Schwierigkeit "normal" entgehen - das gilt aber auch für viele Programmierfehler.

Die eigene Sprache mutiert!

So beispielsweise das völlig absurde Verhalten der computergesteuerten Kameraden und Gegner. Nehmen wir als Beispiel eines der schwersten und zugleich nervigsten Kapitel: den Sturm auf den Reichstag in "Das Herz der Deutschen". Man muss vier Geschütze ausschalten, bei den ersten beiden Stellungen fällt das noch vergleichsweise einfach und der "richtige" Weg ist schnell gefunden.

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"Neeeeeiiin!" Ein Wort bekommt völlig neue Bedeutungen.
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Danach jedoch beginnt das wahre Martyrium von CoD: WaW. Man wird so häufig zerschnetzelt, dass es einfach keinen Spaß mehr macht. Wenn man nicht das nötige Quäntchen Glück hat, verzweifelt man am Granatenbeschuss und der Unfähigkeit der KI-Soldaten. Wenn man allerdings so naiv ist anzunehmen, dass sich in einem gesäuberten Gebiet keine Nazis mehr aufhalten, irrt man. Und zwar gewaltig.

Die Bedeutung des Wortes "Nein" bekommt dann mit der Zeit völlig neue Züge. Die eigene Sprache verwandelt sich schleichend. Ich habe durch World at War gelernt, das Wort "Nein" in mindestens 20 verschiedenen Versionen auszusprechen, zischen, gurgeln, krakeln, jammern, kreischen, summen oder auszuhauchen. Gollums "Mein Schatz" klingt wie eine Opernarie dagegen!

Selbst Beziehungen können dadurch grobe Risse bekommen: "Schatzi, willst du etwas trinken?" kommt in einem Moment, in dem man soooo kurz davor war, diese verxxxxxxx Stelle endlich zu überwinden nicht gut. Gar. Nicht. Gut. Und die Antwort kann nur in einem fassungslos rausgekotzten "Neeeeeeeeeeeeeeeeein!" enden. Von der Beziehung mit den Nachbarn, die uns ohnehin bereits für einen armen, vor sich hinzeternden Irren halten müssen, ganz zu schweigen.

Trügerische Sicherheit

Wie soll man auch ahnen, dass der komisch aussehende Typ links hinter dem Fass am Ende der Gefechtszone doch kein russischer Kamerad ist. Um ihn herum stehen doch nur Rotarmisten, aber keiner feuert auf ihn! "Sind die alle blind oder blöd?", fragt man sich des Öfteren. Es gibt immer wieder unglaubliche Momente der Stille, wenn man extreme Passagen überwunden hat. Man kann kurz aufatmen, sich entspannen, wenn man sich einen Kontrollpunkt erarbeitet hat.

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Als Veteran versteht man die KI nicht mehr.
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Dann kann man sich die Zeit nehmen, gewisse Dinge zu beobachten - man studiert quasi das Verhalten der KI-Soldaten in der freien Wildbahn. Etwa beim Sturm auf den Reichstag: Die Soldaten stehen sich teilweise direkt gegenüber, geben aber nicht einen Schuss ab. Sie stehen einfach nur dumm herum! Dann laufen sie wie aufgeschreckte Hühner herum, verharren plötzlich und glotzen sich dann wieder an wie verständnislose Einfallsbolzen.

Ich gehe fast jede Wette ein, dass diese Situationen von keinem der Entwickler getestet worden sind. Solch abstruses Fehl-Verhalten muss doch sonst jemandem auffallen, oder? Die Kameraden behindern sogar das eigene Überleben! Sie stehen uns ständig im Weg. Es gibt Orte, da stehen sie immer an derselben Stelle. Wenn man es wagt, sich vor ihnen dort zu positionieren, ist ein Entkommen unmöglich. Diese Typen sind unsterblich, fällt uns aber eine Granate vor die Füße, kommt man nicht mehr weg! Oder sie stellen sich plötzlich neben uns und drücken uns unversehens in die Schussbahn. Zack, zack - tot. Arghh!!!!

Hart aber fair!

Einige Missionen sind unglaublich hart und frustrierend (man denke nur an "Durch Gräben und Bunker" oder "In der Hitze des Gefechts") andere völlig überzogen (Snipermission: Duell mit anderem Scharfschützen, der aus jeder Position innerhalb einer Sekunde unseren Kopf wegbläst), dann wieder wundert man sich wiederum über Missionen wie "Black Cats", die kaum schwerer sind als auf "normal", oder ganze Levelabschnitte, die automatisch von den KI-Kameraden gesäubert werden - wenn man nur weit genug vorrückt. Natürlich ist es auch von Vorteil, einige Levels bereits mehrfach gespielt zu haben - man weiß bereits, worum es geht. Ich werde mit Sicherheit auch bei Call of Duty 6 wieder den Veteranen-Modus zocken, hoffentlich ist der wieder schön schwer. Aber bitte immer fair bleiben!