Auch wenn Activision in den letzten Jahren mit der Benennung seines wichtigsten Spiele-Franchises unstet war und das "Call of Duty" der Modern-Warfare-Ableger mal eliminieren wollte, dann doch prominenter platzierte wie jetzt bei der dritten Episode: Es gibt wohl kein Zweifel daran, dass es sich bei der Shooter-Serie nicht nur um eine der erfolgreichsten Marken unserer Zeit handelt. Der Aufstieg vom Weltkriegsballerspiel (2003) zum Milliarden-Dollar-Franchise, ja zum Kulturphänomen, das kam so plötzlich wie unerwartet.

Und doch traf man mit der Vision moderner Kriegs-Shooter genau den Geschmack von Millionen von Spielern, die Abverkäufe von Black Ops (2010) übertrafen mit insgesamt 25 Millionen Einheiten und 360 Millionen Dollar allein am Release-Tag sogar die Umsätze von Kinoblockbustern wie Avatar am prestigeträchtigen Startwochenende. Kann Entwickler Infinity Ward in Zusammenarbeit mit Sledgehammer Games diesen Erfolg mit Call of Duty: Modern Warfare 3 (MW3) noch toppen?

Eines vorweg: Um euch einen kompletten Test bereits am Tag der Veröffentlichung anbieten zu können, reisten wir vor einigen Tagen nach London, wo uns Publisher Activision die Möglichkeit gab, alle Modi des Spiels ausführlich (zweieinhalb Tage und wenige schlaflose Nächte) auszuprobieren. Unsere Eindrücke des Multiplayer-Modus spiegeln deshalb nur die Spielsessions in einem geschlossenen Netzwerk wider. Wie sich MW3 im Live-Betrieb schlägt, werden erst die kommenden Tage zeigen.

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Jeder Krieg, was er verdient

alle Bilderstrecken
Wie immer das Herzstück: der Mehrspielermodus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 101/1051/105

Mehrspielermodus aufgebohrt

Im Rahmen der Veranstaltung zeigte sich der achte CoD-Teil homogen, Störungen in den Mehrspielerpartien gab es praktisch keine, Lags oder anderweitige Probleme traten nicht auf. Wer die Reihe seit Jahren verfolgt, dürfte sich die berechtigte Frage stellen, ob sich im Vergleich zu früheren Ausgaben überhaupt etwas geändert hat. In der Tat hat das Entwicklerteam am grundlegenden Spielablauf im Multiplayer-Modus auf den ersten Blick nur subtile Neuerungen eingeführt. Je länger man sich jedoch in die Schlachten stürzt, desto auffälliger fallen diese ins Gewicht.

Viele Neuheiten sind nicht sofort ersichtlich, weil sich an der Optik nur wenig geändert hat. Man bleibt dem Stil der Serie treu, die auf 60 FPS getrimmte Engine steht aber in Sachen grafischer Opulenz doch hinter dem Konkurrenten Battlefield 3 zurück, der in diesem Bereich Maßstäbe setzt. Als Vergleichsgrundlage dienen die Xbox-360-Versionen, auf dieser Plattform spielten wir in London. Zwar scheint die Technik hinsichtlich dynamischer Beleuchtungen noch ein etwas aufgepeppt worden zu sein, Texturdetails lassen aber zu wünschen übrig und die in die Jahre gekommene Engine zeigt eindeutig ihre Schwächen. Etwa bei Explosionen, die teils sogar ein wenig pixelig erscheinen.

Doch die auf Tempo, auf Run and Gun ausgelegte Mehrspielermechanik von MW3 und all seinen Vorläufern lässt mir ohnehin kaum Zeit, um die Umgebung zu beäugen. Wer sich zu lange auf das oberflächliche Design der 16 neuen Maps konzentriert, ist häufiger mit dem Drücken der blauen Respawn-Taste beschäftigt, als das bereits der Fall ist. Serien-Fans werden alle ihre liebgewonnenen Modi wie Deathmath, Free-for-All oder Domination wiederfinden. Inklusive des hektischen Geballers, das viele CoD-Matches traditionell prägt. Doch nach kurzer Zeit bestätigt sich, dass mit den zwei neuen Modi "Team Defender" und "Kill Confirmed" nicht nur zwei sehr spaßige Wettbewerbe Einzug halten. Es sind auch Modi, die den gewohnten Egomanen-Punktesammlern mit taktischen, teamorientierten Abläufen völlig neue Herausforderungen vor die Nase setzen.

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Jeder Krieg, was er verdient

alle Bilderstrecken
Immer schön die Übersicht behalten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder

In Team Defender prügeln sich beide Teams um eine tragbare Flagge. Die in Flaggenbesitz befindliche Mannschaft muss den Träger vor den Geschossen des Gegners beschützen - je länger das gelingt, desto höher die Punkteausbeute. Selbstverständlich wechselt der Besitz mehrmals pro Runde - das Halten einer sicheren Stellung, das Zusammenwirken als Team, ist daher von großer strategischer Bedeutung. Ähnliches gilt für "Kill Confirmed", wo Abschüsse nur dann in das Endresultat eingehen, wenn sie durch das Einsammeln der eingefärbten Dogtags verifiziert werden.

Weiterführende Links

Holt sich das Team des gefallenen Soldaten die "Hundemarke" zurück, wird der Kill verwehrt (persönliche Erfahrungspunkte sind davon übrigens unberührt). Rennt man blind auf die goldenen oder roten Dogtags zu, um sich die Punkte zu sichern oder dem Widersacher Zähler zu verweigern, huscht man oft in den Feuerhagel der geduldig wartenden Kontrahenten. In diesen zwei Modi zeigt MW3, dass man auch anders kann, als "nur" hervorragend funktionierende, furiose "Mitten-in-die-Fresse"-Gefechte zu bieten.

Taktische Ansätze sichtbar

Doch auch abseits dieser offensichtlichen Neuerungen will man im Hause Infinity Ward von Stillstand nichts wissen. Um den Spielablauf variabler zu gestalten und den Spielern mehr Freiheiten zu gewähren, konstruierte man Teile der zentralen Spielmechaniken um. Statt mit reinen Killstreaks belohnt euch MW3 nun mit Pointstreaks für erfolgreiche Aktionen. Erstmals fließen aber nicht nur Abschüsse in diese Wertung ein, auch die Erfüllung von spielimmanenten Zielen stockt das Konto auf und schaltet die beliebten und mächtigen Zusatzfunktionen frei.

Kriegs-Shooter-Fans bekommen ein hervorragendes Gesamtpaket, auch wenn das furiose Run-&-Gun nicht jedermanns Sache ist und die Optik stellenweise ein wenig angestaubt wirkt.Fazit lesen

Außerdem gibt es jetzt nicht nur einen Fertigkeitenpfad, sondern derer gleich drei. Die Entwickler nennen sie "Strike Packages", damit sollen unterschiedliche Spielstile unterstützt werden. Für mich funktioniert das durchaus ziemlich gut, da ich eher eine zurückhaltende, teamorientierte Spielweise bevorzuge und recht oft abkratze. Also greife ich konsequent zum Template "Support Strike Package", weil hier beim virtuellen Ableben die Punkteserie nicht unterbrochen wird und ich die Chance habe, mächtigere Unterstützungswerkzeuge einzusetzen.

Wer aggressiver zu Werke geht, entscheidet sich entweder für das "Assault Strike Package", wo zwar der Tod die Punkteserien zurückgesetzt, die Belohnungen aber auch viel mehr offensives Zerstörungspotenzial besitzen. Sie ähneln stark den Streaks aus MW2. Wer flexibler in die Schlacht ziehen möchte, greift allerdings zu "Specialist", denn hier erhaltet ihr neben den drei Standard-Perks nach jedem zweiten Kill bis zu drei zusätzliche Spezialfähigkeiten. Bis zum nächsten Bildschirmtod kämpft ihr also mit einer größeren Auswahl effektiver Perks - die wohl größten Individualisierungsoptionen, die für Einzelgänger der Marke Rambo gedacht sind.

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Jeder Krieg, was er verdient

alle Bilderstrecken
Berlin war auch schon mal schöner. Wobei die gamona-Büros immer so aussahen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 101/1051/105

Um Auswirkungen auf den individuellen Spielstil geht es auch bei den neuen Waffenspezialisierungen. Musste man früher neue Aufsätze und andere Goodies in mühsamen Herausforderungen freischalten, ballert ihr jetzt einfach mit euren Lieblingsschießeisen vor euch hin und schaltet Stück für Stück effizientere Teile und Skills frei, die sich bei den verschiedenen Modellen durchaus auch voneinander unterscheiden können.

Spec-Ops für Koop-Liebhaber

Aufgebohrt haben die zwei Entwickler auch den Special-Ops-Modus, der in Black Ops (leider) eine Pause einlegte. Neben dem Mission-Mode sorgt ein spannender Survival-Modus à la "Horde" für viel Kurzweil. Die Ausgangslage ist simpel: Ihr müsst Welle für Welle von immer stärker werdenden Widersachern abwehren und spielt dazu am besten mit einem Kumpel an der Seite, denn beide Modi sind kooperativ spielbar.

Je weiter ihr im Rang aufsteigt, desto mächtiger sind die Kriegswerkzeuge, die ihr zum Überleben einsetzen dürft. Habt ihr in der ersten Runde nur eine normale Pistole in der Hand, setzt ihr später entweder die von Feinden fallen gelassenen Schießeisen ein oder ihr kauft euch bereits freigeschaltete Waffen und Gadgets für virtuelle Dollar, die man durch erfolgreiche Aktionen verdient.

Wer das Waffenarsenal zum Start der Survival-Runden vergrößern will, stürzt sich vorher in den Missionsmodus, wo 16 höchst abwechslungsreiche und teils sehr fordernde Aufträge auf ihre Erfüllung warten. Da der hier erworbene Rang auch in den Survival-Modus mitgenommen wird (und umgekehrt), lohnt es sich allein schon deshalb, die Missionen komplett abzuschließen. Im Vergleich zum BF3-Koop-Modus steckt hier viel mehr Spieltiefe drin.

Nur für die Elite

Man kann es wahrhaben oder nicht, aber das unterm Strich imposante Mehrspielerpaket wird vom Online-Dienst "Call of Duty: Elite" perfekt abgerundet. Selbst wer das Tool kostenlos nutzt, hat unzählige Optionen, sein eigenes Spiel oder das seiner Feinde zu analysieren, sich durch Myriaden an Statistiken zu blättern und noch so vieles mehr. Wer zu denjenigen Shooter-Fans zählt, die sich ohnehin alle DLCs kaufen, sollte aber über ein Elite-Abo nachdenken - und erhält dann nicht nur innerhalb eines Zeitraums von neun Monaten alle Zusatzinhalte günstiger, er bekommt sie auch früher.

Interessant ist zudem die Möglichkeit, mithilfe einer Smartphone-App beispielsweise das Load-out seiner Spielfigur anzupassen, selbst wenn man sich nicht zuhause befindet. Einziger Wermutstropfen: PC-Spieler werden das für Konsolen optimierte System nur in einer abgespeckten Version ohne Premiumdienste nutzen können und greifen aufgrund von Sicherheitsbedenken des Entwicklers Beachhead Studio erst später darauf zu.

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Jeder Krieg, was er verdient

alle Bilderstrecken
Das Messer immer in der Hinterhand. Man weiß ja nie.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder

Die Hauptfunktion von Modern Warfare 3 ist zwar der Mehrspielermodus mit all seinen Facetten, doch ganz ohne Einzelspielerkampagne geht es dann doch nicht. Falls ihr geglaubt habt, man könne die Blockbuster-Inszenierung der zweiten Episode nicht mehr übertreffen, irrt ihr euch. Und zwar gewaltig. Die Amis hangeln sich in einer schier nicht enden wollenden Aneinanderreihung von großen Knallpeng-Momenten durch insgesamt 17 Missionen.

Das Tempo ist so hoch, dass einem beim Wechsel der Charaktere und Schauplätze fast schwindelig wird. Makarov hier, Soap und Price dort, dann sind wir in New York, Paris, London, Sierra Leone oder Berlin - wer dem Ganzen am Ende noch folgen kann, sei beglückwünscht. Ja, man knüpft inhaltlich direkt an MW2 an, kämpft gegen Russen und Terroristen und erlebt nach nicht einmal fünf Stunden Spielzeit tatsächlich den Abschluss der Geschichte mit - doch das ist am Ende wohl kaum relevant.

Furiose Singleplayer-Kampagne

Nachdem ich mich durch die drei Akte geballert und gebombt habe, gibt es so viele denkwürdige Szenen, dass ich die Hälfte beinahe schon wieder vergessen habe: Es geht durch ein U-Boot, ein Flugzeug, ich rattere mit einem Panzer durch ein Parkhaus, unterstütze Navy Seals, überlebe einen furiosen Rückzug im Sandsturm, erlebe mehrere Ansätze von Schleichmissionen, rase durch einen U-Bahn-Tunnel, steuere die Geschütze einer AC 130 oder sitze an der Mini-Gun eines Helis. Wir haben weder Zeit zum Atmen noch Gelegenheit, den ganzen Kram auch vernünftig zu reflektieren. Wie in einem Michael-Bay-Film auf Speed - Modern Warfare lebt von diesem atemlosen Arrangement, den schnell geschnittenen Action-Momenten. Den frenetischen Schusswechseln, unzähligen Explosionen, den linearen Schlauchlevels.

Handwerklich ist das alles überwiegend astrein umgesetzt, am hervorragenden Waffengefühl lässt sich ohnehin nichts kritisieren. Im Gegenteil, das Waffenarsenal ist über jeden Zweifel erhaben, die Schießprügel überzeugen mit hoher Präzision und verfügen jetzt sogar teilweise über einen alternativen Zielaufsatz, der sie im Gefecht noch vielseitiger macht. Wo Battlefield auf audiovisuelle Brillanz setzt, baut MW3 auf druckvolle Intensität, der man in kaum einer Sekunde entrinnen kann. Die Grafik bleibt auch im Einzelspielermodus klar hinter der Konkurrenz zurück, aber gerade Details wie die Klamotten, die Ausrüstung der Soldaten, das alles hinterlässt einen verflixt imposanten Eindruck.

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Launch Trailer10 weitere Videos

Spielerisch ist das Ganze nach wie vor nicht allzu anspruchsvoll, die KI-Feinde und Kameraden übersehen sich immer noch regelmäßig und sind kaum mehr als ballernde Staffage auf dem Weg zum nächsten Checkpoint. Doch die Einsätze sind zumindest sehr abwechslungsreich arrangiert und die Übergänge zwischen verschiedenen Aufträgen oft toll gestaltet. Denkwürdig etwa eine Situation, in der man eine Rakete aus sicherer Höhe abfeuert und sich plötzlich mit ihr auf die Reise auf das Schlachtfeld begibt, wo man sich im Körper eines Infanteristen wiederfindet.

Ach ja, und dann gibt es noch die eine oder andere Szene, in denen MW3 offensichtlich provozieren will (oder muss?), in denen die Grenzen des Geschmacks angetastet oder überschritten werden. Muss man zeigen, wie eine Familie mit Kind durch Giftgas dahingerafft wird? Muss man den Einsatz einer AC 130 so gestalten, dass man unweigerlich an die Wikileaks-Videos erinnert wird? Zu Beginn des Spiels hat man zwar die Möglichkeit "verstörende Inhalte" ausblenden zu lassen. Aber wer bestätigt diese Abfrage schon mit "Ja"?