Krieg ist zutiefst unmenschlich. Es bedarf eigentlich keiner Videospiele, um diesen Fakt herauszustellen. Spiele wie Call of Duty: Modern Warfare 2 versuchen dennoch, das Chaos und die Wirren der realen Gefechte abzubilden. Und überschreiten dabei auch Grenzen, die besser unangetastet geblieben wären.

In einer Zeit, in der gerade in Deutschland die Empfindlichkeiten hoch sind und Shooter im Fadenkreuz der Öffentlichkeit stehen, schaltet Entwickler Infinity Ward in Sachen pathetischer Präsentation und Provokation nochmals einen Gang hoch, anstatt zurück. Dabei hätten es die Amis angesichts des überaus erfolgreichen Vorgängers eigentlich gar nicht nötig, so sehr auf die Pauke zu hauen.

Was soll das?

Das vor exakt zwei Jahren erschienene Call of Duty: Modern Warfare gilt bis heute in vielerlei Hinsicht als die Shooter-Referenz für Konsoleros - überragend vor allem der Mehrspielermodus und die intensive Darstellung der Gefechte. Bei Modern Warfare 2 verfolgt mich von Beginn an nur eine Szene, die bereits im Vorfeld für viel Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt hat: die Flughafen-Mission.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Bild dir deine Meinung: das umstrittene Flughafen-Level im Video9 weitere Videos

Das ist auch deshalb so, weil der Einstieg ungewohnt sperrig ausfällt. Nach einer kurzen Schießstand-Einführung (bei dem der Schwierigkeitslevel anhand der Leistung vorgeschlagen wird) verschlägt es uns in den Nahen Osten, wo wir die Errichtung eines Brückenkopfes verteidigen. Im Gegensatz zur packenden Erstürmung eines Schiffs beim Vorgänger wirkt dieser Einstieg zäh und sogar ein wenig langweilig.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Bombastisch, brachial, umstritten, zu kurz

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Spektakulär wie eh und je: das neue Call of Duty.
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Was dann ein wenig später folgt, ist die bereits viel diskutierte Szene am Moskauer Flughafen (Anmerkung: zu Beginn des Spiels ist es möglich, diese Mission "abzuwählen"). Als Teil einer Terrorzelle stürmen wir die Flughafenanlagen und ermorden wahllos alle auffindbaren Ziele - vor allem Zivilisten. In der deutschen Version gibt es entgegen der Ankündigung von Publisher Activision nun doch eine Beschneidung des Gameplays - das Erschießen von Zivilisten wird mit dem Abbruch der Mission bestraft.

Wir ballern also nur auf das Wachpersonal, dann auf Polizisten und schließlich Soldaten. Doch welchen Sinn ergibt diese Mission dann innerhalb der ohnehin unglaublich wirren Patchwork-Story, bei der man schon bald nicht mehr weiß, auf welcher Seite man in welcher Rolle überhaupt aktiv wird? Richtig, gar keinen.

Üppiges Action-Menü

Das zynische Ermorden unschuldiger Flugreisender ist nicht nur aus Gameplay-Sicht völlig unnötig. Es ist im Gesamtzusammenhang des Spiels sehr feige, weil der amerikanische Entwickler Infinity Ward sich zwar in anderen Ländern austobt, wie man es gerade möchte. Sobald wir als Spieler allerdings die USA betreten, tauchen Zivilisten plötzlich gar nicht mehr auf. Gibt es da etwa Empfindlichkeiten im eigenen Hause?

Das Erschießungskommando erinnert in seiner Vorgehensweise und Kaltblütigkeit an den Anschlag am 26. November 2008 in Mumbai, bei dem 174 Menschen starben. Ich möchte nicht wissen, was für einen Aufschrei es geben würde, wenn irgendjemand auf die Idee käme, auch nur ansatzweise 9/11 in einem Videospiel nachspielen zu lassen. Grenzüberschreitung, Provokation oder Naivität? Für mich geht man hier eindeutig einen Schritt zu weit.

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Action vom Feinsten - aber mit leichten Ermüdungserscheinungen.
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Wer über diesen designerischen Fehlgriff hinwegsehen kann, bekommt jedoch das gewohnt üppige Actionmenü aufgetischt und wird sicher nicht enttäuscht. Wobei - eine Einschränkung gibt es noch: die verdammt kurze Spielzeit. Nach 6:23 Stunden ratterten die Credits auf meinem Screen herab und dabei habe ich mir sogar noch Zeit gelassen. Der Singleplayer-Modus allein kann den Kauf von Modern Warfare 2 demnach nicht wirklich rechtfertigen, obwohl er erneut von herausragender Qualität ist.

Grandiose Baller-Action, die nicht ganz das Meisterwerk-Niveau des Vorgängers erreicht.Fazit lesen

Fans erhalten wieder ein unglaublich dichtes Szenario geboten, in dem die bewährten Spielmechaniken für Dauerfeuer-Action par excellence sorgen und der famose Vorgänger immer wieder zitiert wird. Unterstützt durch cleveres Auto-Aiming (deaktivierbar) ballert ihr euch mit einer nahezu perfekten Pad-Steuerung durch Massen von eher tumben Gegnern. Geskriptete Abläufe machen den Ablauf zwar zu einem gewissen Grad vorhersehbar, aber nicht minder spannend und mitreißend. Das Leveldesign ist gewohnt schlauchartig ausgefallen, erst zum Ende hin eröffnen sich einige größere Schlachtfelder.

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Szenenwechsel: Abwechslung wird bei MW2 groß geschrieben.
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Besonders beeindruckend bleibt das Gefecht um das Weiße Haus mit seiner Endzeitstimmung in Erinnerung. Trotz einiger Möglichkeiten zum Flankieren gegnerischer Stellungen bleibt es jedoch bei sehr eingeschränkten taktischen Möglichkeiten. Sobald wir einen bestimmten Checkpoint erreichen, versiegt der Nachschub an feindlichen Truppen und wir ballern uns bis zum nächsten Speicherpunkt durch.

Meister brachialer Inszenierung

Infinity Ward sind bekanntlich Meister der brachialen und abwechslungsreichen Inszenierung und so stört das gelegentlich an Tontaubenschießen erinnernde Ambiente kaum. Die Kugeln pfeifen euch um die Ohren, es kracht überall, Granaten fliegen durch die Luft (glücklicherweise nicht mehr in solchen Massen wie zuletzt), Mörserfeuer belegt die eigene Position, Kampfhubschrauber beharken euch aus der Luft - der spielerische Kriegswahnsinn könnte packender nicht in Videospielform gepresst werden.

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Fett: Bei der Inszenierung bemühen sich Infinity Ward noch eins drauf zu setzen.
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Die Entwickler nehmen dabei keine Rücksicht auf vermeintliche Helden, ihr Überleben ist zu keiner Zeit gesichert, die Fronten jederzeit unsicher. "Vertraue keinem", heißt es denn auch folgerichtig zu Beginn einer der 18 Missionen, die in drei Kapiteln dargeboten werden. Die Schauplätze und Protagonisten wechseln bisweilen schneller als man realisieren kann, für wenn man gerade im Einsatz ist. Naher Osten, Washington, Moskau, vereiste Schneemassen, einsame Hütte, Öl-Plattform - über mangelnde Abwechslung kann sich keiner Beschweren.

Das betrifft auch eure Aufgaben: Ihr ballert nicht nur auf herkömmlichen Schlachtfeldern, sondern auch über Flugzeugfriedhöfe, jagt einem Bösewicht per Schnellboot hinterher, flüchtet auf einem Schneemobil, steuert tödliche Predator-Drohnen (erinnert an AC-130-Einsatz des Vorgängers), setzt einen Schild gegen feindlichen Beschuss ein, findet euch plötzlich im All wieder, nur um im nächsten Moment wieder auf eine Sniper-Tour geschickt zu werden.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Komplettes Intro in HD9 weitere Videos

Die kann es allerdings leider nicht mit der Klasse des Vorgängers aufnehmen. Neu ist neben der Möglichkeit, kleinere Wummen auch zweihändig zu verwenden, auch das Zeitlupen-Erstürmen von verschlossenen Räumen. Nettes Feature.

Tolle Soundkulisse

Die Intensität der Gefechte wird durch eine sehr gute Optik und atmosphärische Sounduntermalung zudem bestens ergänzt. Auf akustischem Gebiet bietet Modern Warfare 2 sicherlich Spitzenklasse. Allein der Soundtrack von Golden-Globe- und Grammy-Gewinner Hans Zimmer (Gladiator, Der König der Löwen), der erstmals die Musik für ein Videospiel beigesteuert hat, ist von herausragender Qualität. Dazu kommt eine Bombast-Soundkulisse, (meist) brachiale Waffensysteme, eine solide bis sehr gute Vertonung, heftige Explosionen oder auch markerschütternde Schreie sterbender Soldaten, die das akustische Inferno komplettieren.

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Hier nicht im Bild: Für den Sound bekommt MW2 den gamona Sound-Award.
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Optisch wird zwar trotz leichter Verbesserungen nicht das totale Brett geliefert (dafür aber in meist stabilen 60 FPS). Doch Hingucker werden in Form von gleißendem Funkenflug, Partikel- und Raucheffekten, Licht/Schatten-Spielereien, herumfliegenden Papierfetzen sowie Staub, Dreck und Schnee, massiven Detonationen und absolut flüssigen Animationen mehr als genug geboten.

Während Modern Warfare 2 im Singleplayer-Modus sehr gute, aber einen Tick zu routiniert wirkende Action abliefert, bekommt ihr im Mehrspielermodus für maximal 18 Spieler erneut das volle Programm aufgetischt. Die Personalisierungsoptionen sind noch vielfältiger als zuvor, ihr stellt für eure virtuellen Krieger bis zu zehn Waffenattachements zusammen, kombiniert sie nach Gutdünken, individualisiert Zweitwaffen, wählt freischaltbare Perks und Killstreak-Talente, freut euch über Callsigns und Embleme ohne Ende.

Die Frustgrenze im Mehrspielermodus ist sogar noch geringer als zuvor. Selbst der untalentierteste Online-Gamer wird mit Erfahrungspunkten und damit verbundenen Upgrademöglichkeiten übersät, es hagelt freischaltbaren Content, sogar fürs Sterben gibt es "Belohnungen".

Mehrspieler-Modus mit Referenzklasse

Die Motivation weiterzuspielen ist ungemein hoch, täuscht aber auch ein wenig darüber hinweg, dass sich spielerisch nicht viel getan hat. Vielmehr handelt es sich um Detailverbesserungen und Anpassungen, wie z.B. den Einsatz der Schilde und Predator-Drohnen oder die Möglichkeit, gar per AC-130-Gunship Tod und Zerstörung über eure Kontrahenten zu bringen.

Neben den Killstreaks gibt es nun auch Deathstreaks, Wurfmesser oder ein auf dem Schlachtfeld abwerfbares Überraschungspaket und einige andere nette Goodies. Das Matchmaking wird hingegen immer noch größtenteils automatisch vorgenommen. Unterm Strich gibt es für Konsoleros derzeit wohl nichts Besseres im Onlinebereich.

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Was der Einzelspieler-Modus nicht ganz packt, reißt der Multiplayer wieder raus.
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Eine weitere Ergänzung stellt der Modus "Spezialeinheit" dar. Bis zu zwei Spieler (online oder offline per Splitscreen) beweisen ihre Fähigkeiten in kurzen Missionen, die in drei Schwierigkeitsstufen ausgewählt werden. Die insgesamt 20 abwechslungsreichen Einsätze stellen euch vor jeweils unterschiedliche Aufgabenstellungen, die beiden Hauptspielen entlehnt sind. So erledigt ihr Sniperaufträge, ballert eine bestimmte Anzahl Angreifer ab, entschärft Bomben, setzt euch noch mal ins Schneemobil oder bemannt das Geschütz eines AC-130-Gunships.

Leider wurde hier auf eine Matchmaking-Funktion verzichtet, Mitspieler müssen umständlich manuell rekrutiert werden. PC-Spieler müssen diesmal übrigens zwingend den Steam-Dienst verwenden und sowohl auf Dedicated Server als auch einen LAN-Modus verzichten, womit das Erstellen der beliebten Mods praktisch ausgeschlossen sein dürfte.