Eltern, Lehrer, Freunde, Kollegen. Sie alle versuchen wir seit Jahren zu überzeugen: Unser Hobby sei harmlos, es gehe um Geschicklichkeit, nicht Gewaltverherrlichung. „Killerspiele“ hätten keine Auswirkungen auf das reale Leben. Selbst als Pazifist könne man nach Feierabend ein paar Terroristen zur Strecke bringen.

Ja, diese Überzeugungsarbeit ist schwer: Jeder Amoklauf, jede Indizierung, jede BILD-Schlagzeile stellt einen Rückschlag dar. Der intellektuelle Diskurs bleibt aber nicht einseitig, längst haben auch die großen Feuilletons angesehener Printmedien entdeckt, dass Videospiele eine Kunstform sind, die auch Grenzen ausloten darf und sogar soll, auch beim Thema Gewalt. Warum sollte Spiele-Entwicklern das verwehrt bleiben, wofür Quentin Tarantino oder John Woo im Kino gefeiert werden?

Bösartigkeit und Kaltblütigkeit

Und dann schießt sich das um Anerkennung kämpfende Medium ein Eigentor. Ganz ohne Bedrängnis, so als ob der Spieler der eigenen Mannschaft plötzlich beschlossen hätte, sich umzudrehen und am eigenen Tormann vorbei einzunetzen. Und wir sprechen hier nicht vom 1. FC Dorfhausen, sondern Real Madrid oder Bayern München, schließlich ist Infinity Ward mitnichten ein kleiner Garagen-Entwickler.

Der umstrittene Flughafen-Abschnitt in „Call of Duty: Modern Warfare 2 wirft die Argumentation von Leuten, die Videospiele in all ihren Facetten als Kunstform sehen, um Jahre zurück. Der Vergleich mit den Größen des Fußballs hinkt übrigens nicht: Spielerisch und technisch ist Modern Warfare 2 über alle Zweifel erhaben und hätte sich auch ohne seinen Ausflug in den Zynismus bestens verkauft.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Bild dir deine Meinung: das umstrittene Flughafen-Level im Video9 weitere Videos

„Im Kontext der Story illustriert diese Szene die Bösartigkeit und Kaltblütigkeit eines russischen Terroristen und seiner Handlanger“, argumentiert man bei Activision-Blizzard offiziell. Der dramaturgische Aspekt kann keine Ausrede sein. Das Problem ist nicht das Was, sondern das Wie. Natürlich kann man die Undercover-Geschichte mit all ihren terroristischen Blutlachen erzählen, eine TV-Serie wie „24“ macht schließlich auch nichts anderes. Das moralische Problem ist es aber, den Spieler in der ersten Person daran teilhaben zu lassen. Hätte man diesen Story-Aspekt in eine Cutscene gepackt, würde es wohl keinerlei Diskussion geben.

Reflexion durch Abstand

Es wäre sogar möglich gewesen, den Spieler aktiv an der Szene (mitsamt ihrem „Realitätsanspruch“) teilhaben zu lassen: Hätte man die Geschehnisse am Flughafen nicht durch die Augen eines vermeintlichen Attentäters, sondern durch jene eines Wachmanns oder Polizisten verfolgt, so könnte der Spieler ganz bequem diesseits der moralischen Grenze zwischen Gut und Böse bleiben.

Vereinfacht gesagt: Es fällt viel leichter, Gewaltinhalte vor uns selbst, aber auch vor anderen zu rechtfertigen, wenn es Schurken an den Kragen geht und wir auf der Seite der Rechtschaffenheit stehen. Nichts anderes war bei den ersten „Call of Duty“-Teilen der Fall: Zweifel darüber, wer im Zweiten Weltkrieg gut und wer böse war, gibt es keine.

Aus der Ich-Perspektive macht man sich am Flughafen aber zum Mittäter, vor allem auch deshalb, weil hier keine Reflexion passiert, sondern nur Projektion. Wenn wir Jack Bauer dabei zusehen, wie er Menschen foltert, dann tun wir dies im Wissen, dass der „24“-Held mit den Konsequenzen seiner Handlungen innerlich ringt. Zum einen gelingt das einem realen Schauspieler naturgemäß besser als einen virtuellen. Zum anderen beobachtet der TV-Zuschauer den Protagonisten aus der Ferne und gewinnt dadurch genug Abstand, um sich mit den moralischen Fragestellungen auseinandersetzen zu können.

Natürlich sind auch Spiele dazu in der Lage, ansonsten gäbe es Titel wie GTA IV nicht. Rockstar verpackt seine zünftige Gangster-Saga in jede Menge Satire und Gesellschaftskritik, Grand Theft Auto nimmt sich ein ganzes Spiel lang Zeit, die Motive des „Helden“ Niko Bellic zu ergründen.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Der Flughafen-Skandal: PR-Geniestreich oder Eigentor? Ein Kommentar

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 59/621/62
GTA 4 nutzt seine Gewaltdarstellung zur Gesellschaftskritik.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bei Modern Warfare 2 ist das aber keineswegs der Fall: „Welchen Sinn ergibt diese Mission dann innerhalb der ohnehin unglaublich wirren Patchwork-Story, bei der man schon bald nicht mehr weiß, auf welcher Seite man in welcher Rolle überhaupt aktiv wird?“, wundert sich auch der gamona.de-Tester. Kollege Ned beantwortet sogleich: „Richtig, gar keinen.“

Packshot zu Call of Duty: Modern Warfare 2Call of Duty: Modern Warfare 2Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Die Tatsache, dass es bei der deutschen Version die Möglichkeit gibt, die Mission zu überspringen bzw. währenddessen nicht auf Zivilisten geschossen werden darf, macht die Causa keinesfalls besser: Zum einen wird sie kaum ein Zocker auslassen, sei es aus Neugier, Unwissen oder weil man es schlichtweg nicht gewohnt ist, freiwillig Löcher ins Spielerlebnis zu reißen. Zum anderen, weil völkerrechtliche Unterscheidungen wie die Genfer Konvention im Falle von Terrorismus an ihre Grenzen stoßen, eine Erfahrung, die die zivilisierte Welt in diesem Jahrzehnt mit der Lex Guantanamo machen musste.

Frage der Verhältnismäßigkeit

Eine besonders merkwürdige Rolle spielt in der Angelegenheit die USK. Denn eigentlich ist der erste Gedanke, der einem beim umstrittenen Level in den Sinn kommt: Wie konnte das bitteschön durchkommen und überhaupt eine Alterseinstufung – die in Folge eine Indizierung durch die Bundesprüfstelle verhindert – erhalten? Mit dem populistischen Ruf nach Verboten hat das nichts zu tun. Nein, es geht vielmehr um die Verhältnismäßigkeit und Nachvollziehbarkeit.

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Der Flughafen-Skandal: PR-Geniestreich oder Eigentor? Ein Kommentar

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 59/621/62
Soldier of Fortune: Effekthascherei statt Kunst.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bei Titeln wie „Soldier of Fortune“ oder „Manhunt“ steht sie außer Frage, da deren Inhalte niemand ernsthaft mit der Freiheit der Kunst verteidigen wird können. Auch das Verbot verfassungswidriger Symbolik ist, insbesondere durch die Geschichte dieses Landes, ein nachvollziehbares Kriterium.

Warum aber darf Geschnetzeltes wie „Dead Space“ ungeschnitten erscheinen, während „Gears of War“ auf dem Index landet? Warum darf man auf Aliens nicht ballern, dafür aber Terroristen beim Töten von (menschlichen) Zivilisten zusehen? Und nochmal: Hier geht es nicht darum, mehr Verbote zu fordern. Mündige Erwachsene haben das Recht, die Gewaltdarstellung und ihren Grad nach eigenem Ermessen zu bewerten und zu verarbeiten. Aber derart unklare Prüfentscheidungen machen es „Killerspiel“-Gegnern nur allzu leicht. Wenn schon offizielle Gremien keine objektiv nachvollziehbare Linie finden, wie kann man das von (populistischen) Politikern erwarten?

Call of Duty: Modern Warfare 2 - Der Flughafen-Skandal: PR-Geniestreich oder Eigentor? Ein Kommentar

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 59/621/62
Der Schuss geht nach hinten los: Die nächste Killerspiel-Debatte kommt bestimmt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist wohl leider nur eine Frage der Zeit, bis es wieder mal einen tragischen Amoklauf mit Todesopfern gibt. Es wird keinen überraschen, wenn die Polizei später im Haus des Täters „einschlägige Software“ findet, schließlich sind Videospiele ein weit verbreitetes Hobby. Politiker werden reflexartig nach weitreichenden Verboten schreien, mit Sicherheit werden dann die paar Minuten am Flughafen als Kronzeuge herhalten müssen.

Und dann müssen sich alle, aber insbesondere Infinity Ward, fragen: War es das wirklich wert?