3,26 Millionen Dislikes hat der Reveal-Trailer von Call of Duty Infinite Warfare bis heute auf Youtube verpasst bekommen. Es ist an Nummer zwei der unbeliebtesten Videos - nur Justin Bieber bekommt noch mehr Hass. Stehen die Sterne ausgerechnet beim 13. Auftritt des Blockbuster-Shooters schlecht für Activisions bestes Pferd im Stall, das den Aufbruch in den Weltraum wagt? Während Battlefield 1 für seine Verwurstung des Ersten Weltkriegs von Hardcore-Fans in den Himmel gelobt wurde, stößt mancherorts vor allem das Science-Fiction-Setting von Infinite Warfare bitter auf.

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Als Science-Fiction-Fan kann ich das kaum nachvollziehen. Was in vorherigen Call-of-Dutys in Mini-Abschnitten nur angedeutet wurde, wird erstmals als konsequentes Spielprinzip durchgezogen: Kämpfe im All. Als weiteren Trumpf im Ärmel hat Entwickler Infinity Ward einen prominenten Schauspieler verpflichtet: Kit Harington - besser bekannt als Jon Snow aus Game of Thrones - spielt den megalomanischen Bösewicht Admiral Kotch. Der bedroht mit seiner Settlement Defense Front den Wohlstand der Erde, denn die ist auf Rohstoff-Lieferungen aus dem All angewiesen: Die Kolonisten haben sich von ihrem Heimatplaneten losgesagt, eine Art Nazidiktatur im Weltraum errichtet, eine schlagkräftige Truppe inklusive mächtiger Armada aufgebaut und wollen sich die Ressourcen lieber selbst unter den Nagel reißen. Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Commander Nick Reyes, der nach wenigen Minuten der etwa achtstündigen Kampagne befehlshabender Offizier eines der letzten Schlachtschiffe der Erde wird. Die „Retribution“ entkommt einem hinterhältigen Angriff der SDF und dient dem neuen Kapitän fortan als Basis. Hier plant man seine Einsätze und rüstet sich mit passenden Waffen aus.

Call of Duty: Infinite Warfare - Ab ins All

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Kit Harington aka Jon Snow: Seine Auftritte sind leider nicht sehr denkwürdig und er wirkt in der Rolle als Admiral Kotch verschenkt.
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Filmreife Action

Das Geschehen ist wieder gewohnt bombastisch inszeniert - gefühlt explodiert im Minutentakt irgendetwas auf dem Bildschirm. Vom typischen CoD-Pathos ist diesmal zum Glück nicht so viel zu spüren. Klar werden ein paar martialische Reden geschwungen, aber man hat das Gefühl, den Charakteren deutlich näher zu sein als irgendwelchen plakativen Abziehsoldaten vergangener Call-of-Duty-Episoden. Die Figuren treffen zwar bisweilen auch unlogische Entscheidungen und die Motivation des Bösewichts für seinen brutalen Kriegspfad wird selten vermittelt. Aber die Macher haben keine Angst, Heldenfiguren über die Klinge springen zu lassen. Krieg kennt eben doch keine Helden und ich mag und begrüße ausdrücklich den Weg, den Call of Duty hier einschlägt.

Packshot zu Call of Duty: Infinite WarfareCall of Duty: Infinite WarfareRelease: PC, PS4, Xbox One: 4.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Interessanterweise ist Admiral Kotch die schwächste der Figuren - von der Integration Kit Haringtons hätte ich mir deutlich mehr erhofft. Meist bestehen seine Szenen nur aus Video-Einspielern, die Auftritte sind dementsprechend wenig denkwürdig und Persönliches bleibt da kaum haften. Da hat Infinity Ward viel Potenzial verschenkt. Ein ganz anderes Bild zeigt sich da bei den übrigen Schlüsselpersonen von Infinite Warfare: Reyes und die Charaktere an seiner Seite machen eine nachvollziehbare Entwicklung durch. Die Crew wächst einem so richtig ans Herz: Sie hat richtig Seele, zeigt ihre menschliche Seite, lässt zwischen all dem Geballer auch mal privates Durchschimmern und sind damit spannender als die meisten schon längst vergessenen Figuren der letzten CoD-Auflagen. Insbesondere kommt das natürlich in den sehenswerten (gerenderten) Video-Sequenzen zum Tragen, man fiebert richtiggehend mit den handelnden Personen mit. Man nimmt sich Zeit, auch mal ruhigere Momente und Zwischenmenschliches zu zeigen. Unterm Strich gehört die Kampagne mit Sicherheit zu den besten, die es je in der CoD-Geschichte gegeben hat.

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Nick Reyes ist der Held des Spiels - er (und seine Crew) hebt sich aber wohltuend von den martialischen Sprücheklopfern der CoD-Vergangenheit ab.
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Spielerisch gesehen gibt es nur wenig Änderungen und Serien-Veteranen werden sich sofort heimisch fühlen: Auch wenn Infinite Warfare in der Zukunft spielt, zockt sich CoD so wie in den vergangenen Jahren: Das Aufschalten der Feinde klappt problemlos, die Wummen zeigen exzellente Präzision und der Sound klingt hervorragend, ist stellenweise fast schon ohrenbetäubend. Allerdings muss man diesmal länger draufhalten, weil viele Gegner spürbar mehr einstecken können als früher. Die Kampagne ist jetzt außerdem nach dem Koop-Abenteuer Black Ops 3 wieder auf Solo-Spieler ausgelegt - die Level sind enger und schlauchig angelegt und bieten selten alternative Wege zum Ziel. Mich persönlich stört das bei einem CoD aber überhaupt nicht.

Trotzdem macht Infinity Ward natürlich in Sachen Gameplay Gebrauch von dem für CoD außergewöhnlichen Szenario. Neben einigen futuristischen Strahlenwaffen sind beispielsweise spaßige Gefechte im All bei Schwerelosigkeit neu im Sortiment der Game-Designer, die sich gut spielen und dem gewohnten Spielablauf einen interessanten Spin geben. Da kann man nicht nur wild drauflosschießen, sondern auch direkt in den Nahkampf gehen und den Feinden die Helme vom Kopf reißen und sie so dem Vakuum des Alls ausliefern.

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Solch interaktive Elemente gibt es leider zu selten: Wegen der geplatzten Scheibe werden die Soldaten ins All gesogen, danach verschließt eine Notfallvorrichtung das Loch.
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Ähnliches gilt für ein paar Schleichmissionen und andere fakultative Nebenaufgaben, die Abwechslung ins Spiel bringen. Das Geballer im All funktioniert ganz gut, teils fehlt aber auch ein bisschen die Orientierung, woher denn der Beschuss gerade kommt. Mit den optionalen Side-Missions (11 von 31) schaltet man übrigens Perks für den Kampfanzug frei, die Reyes zusätzliche passive Fertigkeiten verschaffen. Man benötigt das weder unbedingt, um voranzukommen, noch um mehr über den Hintergrund der Handlung zu erfahren. Spaß macht’s trotzdem. Wenn man die Kampagne ein zweites Mal durchzockt, bleiben die Zusatz-Talente freigeschaltet.

Neu sind zudem die Gefechte mit dem Jackal-Raumjäger, viele davon finden in den erwähnten Nebenmissionen statt. Spielerisch sind sie ziemlich simpel gestrickt und erfordern kein großartiges fliegerisches Geschick, dafür kracht es in CoD-Manier gewohnt übertrieben und es ist auch kein Problem, eine feindliche Übermacht von Jägern und Schlachtschiffen mit nur einem Jackal aus dem All zu fegen. Der Flieger ist mit zwei Waffensystemen bestückt sowie einer Abwehrmaßnahme und kann ebenfalls in geringem Umfang mit neuen Funktionen upgegradet werden, wenn man Nebenaufträge annimmt. Insgesamt sind die meisten Aufträge zwar keine Horte kreativen Missionsdesigns, und manchmal greifen die Story-Schreiber eben doch wieder auf arg konstruierte Klischees zurück. Dennoch gibt es durchaus denkwürdige Einsätze - etwa, wenn man auf einem Asteroiden in der Nähe der Sonne agiert, was spieltechnisch zu interessanten Ideen führt. Zu viel möchte ich an dieser Stelle aber nicht preisgeben.

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Die Gefechte im Jackal sind häufig extrem explosiv inszeniert, spielerisch bieten sie aber keine Herausforderung.
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Übrigens führt Infinity Ward einen neuen Modus namens YOLO ein - der bringt den Permadeath zu Call of Duty. Im Schwierigkeitsgrad „Hardened“ genügt ein Tod und schon muss man das ganze Spiel von vorne beginnen. Wer Yolo zocken will, wird Infinite Warfare aber zuvor zwei Mal durchzocken müssen: zunächst einmal in einer der vier herkömmlichen Stufen. Dadurch wird „Spezialist“ freigeschaltet (ebenfalls auf „Hardened“). Dort heilt die Figur nicht mehr selbstständig, sondern muss mit Nano Shots wieder aufgepäppelt werden. Die rüstet man vor jeder Mission in seinem Inventar aus und packt dort auch einen Helm rein, denn nur dieser schützt einen vor Headshots. Dabei nehmen sie jedoch Schaden und müssen stetig ersetzt werden. Doch das ist noch nicht alles: Wer sich Kugeln in den Beinen fängt, wird mit Bewegungseinschränkungen bestraft. Treffen die Gegner die Arme, fliegt entweder die Waffe aus den Händen (!) oder man kann das Visier nicht mehr nutzen.

Starke Kampagne und solider Multiplayer: Infinite Warfare ist ein gutes Call of Duty, das jedoch eine Spur zu konservativ bleibt.Fazit lesen

Der grafische Eindruck ist indes im Vergleich zu den Vorjahren praktisch unverändert: Es kracht praktisch im Sekundentakt, aber die Engine hat einfach ein paar Jahre zu viel auf dem Buckel und könnte endlich ein richtiges Upgrade vertragen. Im Kontrast zu Battlefield 1 fällt Infinite Warfare deutlich ab und dabei kann auch das Streben nach 60 FPS nicht mehr mildernde Umstände herbeiführen, denn ab und zu ruckelt das Game gut durchs All. Infinity Ward holt sicher das Beste aus der alten CoD-Engine raus und einige Set-Pieces sind wirklich sehenswert. Gerade in ruhigeren Passagen, wenn der ganze Bombast nicht so stark von der Umgebung ablenkt, sind die altbackenen Versatzstücke überdeutlich sichtbar.

Multiplayer: Cool, aber nicht mehr als ein Update

Das futuristische Setting schlägt sich selbstverständlich auch auf den Mehrspielermodus nieder. Wie schon bei Black Ops 3 geht es extrem flott zur Sache. Angetrieben von einer Art Exoskelett gelingen wieder Doppelsprünge und Wallruns und die Figuren sprinten, ohne müde zu werden, was die Bewegung über die Maps bestimmt. Wie krass das mittlerweile ist, wird einem bewusst, wenn man zum Vergleich ein paar Partien Modern Warfare (Remastered) zockt. Das spielt sich so verdammt direkt, aber ständig versucht man um Ecken zu rutschen, Wallruns hinzulegen oder per Doppelsprung irgendwohin zu kommen - schon lustig.

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So sehen wir Mr. Harington die meiste Zeit: auf Video-Bildschirmen, ins Spiel selbst greift er nur sehr selten ein.
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Doch zurück zu Infinite Warfare: Die Specialist von Black Ops 3 wurden durch Combat Rigs ersetzt. Das sind insgesamt sechs Spezialisierungen, die jeweils zwei von mehreren Waffen- und Gadgets zur Auswahl stellen. Payload und Trait können also zum Beispiel eine für wenige Sekunden besonders durchschlagkräftige Waffe sein und zusätzlich ein Gadget, das passive Unterstützung gewährt. Das funktioniert alles gut und erscheint wohl austariert zu sein. Grundsätzlich hat sich meiner Meinung nach aber im Vergleich zum Vorjahr nicht viel geändert: Spielerisch ist Infinite Warfare sehr nah dran an Black Ops 3, das gesamte Loadout unterliegt selbstverständlich weiterhin dem Pick-10-System. Abgesehen von der neuen Benennung der „Spezialisten“ sind die Unterschiede höchstens im Detail zu suchen. Vermutlich hat man auch den E-Sport im Hinterkopf gehabt - ein zu stark verändertes Gameplay würde wohl die Call of Duty Liga durcheinanderwirbeln.

Auch bei den Spielmodi hat Infinity Ward wenig Neues gewagt: Defender und Frontline sind zwar theoretisch neu, aber eigentlich handelt es sich dabei um nur leicht angepasste Fassungen von Uplink respektive Team-Deathmatch. Bei Defender muss man die Satelliten-Drohne zum Punkten jetzt nicht mehr wie beim Basketball in den Korb werfen, sondern einfach lange genug verteidigen, um zu punkten. In Frontline erhalten Spieler in ihrer Basis eine verstärkte Rüstung spendiert mit doppelt so vielen Lebenspunkten, kassieren aber dort andererseits weniger Punkte für einen Abschuss als außerhalb des Spawnpunkts. So richtig kreativ ausgetobt hat man sich diesmal also nicht. Ich empfinde den Mehrspieler-Modus daher eher als Update denn vollkommene Neuentwicklung - dennoch ist er weiterhin sehr unterhaltsam.

Die Maps gefallen mir überwiegend sehr gut - sie sind wie gewohnt eng und verwinkelt und man ist nach einem Respawn sehr schnell zurück in der Action. Meine Favoriten sind „Frontline“ (eine Forschungsstation, in der abgeschossene Spieler herumschweben), „Retaliation“ (eine relativ offene Hauskampf-Map), und „Precinct“ (das mit futuristischem Stadtsetting daherkommt und ein gutes Layout für flotte Domination-Partien ohne lange Laufwege bietet). Spieler können natürlich erneut extrem viel an ihren Loadouts individualisieren, Waffen-Upgrades finden oder mit Schrottteilen Prototypen zusammenbauen und sich so mit den Gun-Perks noch weiter spezialisieren. Waffen lassen sich außerdem zusammenbauen bis hin zum Epic-Status, dieser verleiht den Wummen zwei spezielle Zusatz-Features.

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Reyes und seine Mannschaft sind ein verschworene Haufen, der einem richtig ans Herz wächst.
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Und last but not least gibts natürlich einen Zombie-Modus. Nachdem das Pendant in Black Ops 3 ziemlich anspruchsvoll und komplex war, ist die neue Ausgabe deutlich zugänglicher und auch für Gelegenheitsspieler besser spielbar. Die Entwickler haben sich für Zombies in Spaceland einige sehr spaßige Ideen für den zombiefizierten Vergnügungspark einfallen lassen - untermalt vom coolen Soundtrack des DJs David Hasselhoff, der am Turntable stehend keine Angst vor den Untoten zu haben scheint. Das Design des Parks ist im 80er-Look-&-Feel gehalten, was vor allem den älteren Semestern unter uns (Hust) melancholische Momente bescheren dürfte. Natürlich geht es weiterhin darum, im Team oder allein stärker werdende Wellen von Zombies zu erledigen.

Dafür stehen einem neben diversen Wummen auch Kartensets zur Verfügung, mit denen man Spezialfertigkeiten wie schnelleres Granaten-Nachladen aktiviert. Im Park muss man versuchen, den Strom in den verschiedenen Bereichen wieder einzuschalten, damit sich diverse Fallen aktivieren lassen, mit denen die Hirnfresser zumindest für kurze Zeit leichter abgeschlachtet werden können. Nebenbei sammelt man Tickets und Münzen, mit denen sich weitere Gimmicks freischalten lassen: etwa stationäre Geschütze oder Flächenbombardements. Cool ist: Wer abkratzt, ist nicht unbedingt verloren: Spieler haben die Möglichkeit, über Mini-Arcade-Games Seelenenergie zu sammeln und damit ins Spiel zurückzukehren, sofern es noch einen Überlebenden gibt. Mit der richtigen Gruppe von Mitspielern macht das tierisch Spaß, allein ist das Vergnügen aber von eher kurzer Dauer.