Seid ihr eigentlich auch so ein bisschen Open-World-müde? Ich hatte Spaß am Hacken und der Action in Watch Dogs, doch fand die minutenlange Kurverei zum nächsten Missionsziel mitunter sehr nervig. Ich mochte die Herausforderung der harten Strike-Missionen und Raids in Destiny, doch vermisste so oft Kontext und Inszenierung. Vielleicht ist es eine gewisse Bequemlichkeit, doch ich suche mir den Spaß, den Nervenkitzel und die Atmosphäre in Spielen ungern selbst. Ich lasse mich gerne mal berieseln, steige aus der realen Welt für ein Stündchen aus und in die virtuelle ein. Und genau hier holt mich Call of Duty: Advanced Warfare voll ab.

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Mr. House of Cards gegen Nobodys

Es reichen einige Minuten mit „House of Cards“-Star Kevin Spacey, um direkt in die Atmosphäre reingezogen zu werden. Als CEO des größten privaten Militärkonzerns der Welt, der Atlas Corporation, sitzt er im Kommandobunker des Pentagons mit deren Fünf-Sterne-General, der ihm gerade versucht zu erklären, dass selbst der Präsident in den USA die Einwilligung des Kongresses braucht, um eine Kriegserklärung auszusprechen. Spacey alias Jonathan Iron lehnt sich nach vorne, schaut seinem Gegenüber tief in die Augen und antwortet lässig: „Atlas ist eine international agierender Konzern. Wir brauchen den Kongress nicht.“

Er steht auf, wirkt einen Blick zurück in die verwirrend schauende Runde und genießt die Überlegenheit seiner Macht. Und Call of Duty spielt seine Überlegenheit gegen Charaktere des Jahres 2014 aus, die bislang nicht viel mehr als Nobodys waren.

Call of Duty: Advanced Warfare - Adrenalin, Kevin Spacey und Koop-Modus gegen die Open-World-Müdigkeit

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Eine echte Bereicherung für die Serie: Kevin Spaces spielt seine Rolle als skrupelloser CEO eines privaten Militärkonzerns so kalt und brillant wie in House of Cards.
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Watch Dogs Aiden Pearce war ein Wischi-Waschi-Charakter, den seine Autoren gerne als Batman des neuen Ubisoft-Franchises aufgebaut hätten, der aber in Wirklichkeit nur Rachegelüsten folgte und für den Anschlag auf seine Nichte Hundertschaften von Afroamerikanern ermordet hat. Klar, geballert werden muss immer und die feindlichen Soldaten in Call of Duty: Advanced Warfare werden auch wieder in Hundertschaften durch den Reißwolf gedreht. Aber Irons hat Profil und verfolgt eine klare Linie: sein Land ist zu schwach sich selbst zu verteidigen, also übernimmt er den Job.

Genau wie in House of Cards genießt es seine Figur, Menschen über die Klinge springen zu lassen – einfach, weil er es kann. Es gibt kaum einen anderen Schauspieler, der diese kühlen Killer Washingtons besser verkörpern könnte als Kevin Spacey und er ist ein riesiger Gewinn für Call of Duty.

Packshot zu Call of Duty: Advanced WarfareCall of Duty: Advanced WarfareErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: ab 19,90€

Nonstop-Action und Adrenalin mit vereinzelten Überraschungen

Ich weiß es klingt absurd und ihr dürft mich gern dafür kritisieren, aber ich hatte mit der geradlinigen Action in den beiden Call-of-Duty-Missionen in Lagos und Strandja mitunter mehr Spaß als in offenen Welten. Warum? Weil Open World aktuell zumindest zu sehr repetitiven Spielmechaniken führt. Sich an einen Uruk-hai in Mittelerde: Mordor’s Schatten anzuschleichen und ihm heimtückisch die Kehle durchzuschneiden, fühlt sich in den ersten Stunden sehr befriedigend an. Doch bei Grünhäuter 1.264 nimmt das ziemlich ab. Dieses Wiederholen von Aktionen habe ich so weder in der Rettungsmission des nigerianischen Premierministers in Lagos erlebt, noch bei einer Infiltrations-Schleichmission in Bulgarien.

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Achtet mal auf die Saugstutzen, Digitalanzeigen und Knitterfalten in den Anzügen. Die Detailtiefe überzeugt, Partikeleffekte und Umgebung dürften aber gerne schärfer sein.
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Die Lagos-Operation ist klassisches Call-of-Duty-Handwerk, sprich perfekt inszeniert, mit krachendem Sound, spektakulären Unfällen und wummernden Explosionen. Doch auch mit ein paar Überraschungen. Wer möchte, ballert einfach nur mit futuristischen Versionen aktueller Sturmgewehre wie dem fiktiven BAL-27 oder bombt die Soldaten der KVA - die ebenfalls als Söldnerarmee fungiert, nur eben für den Feind - mit Granaten aus der Deckung.

Doch die Smart Grenades lassen sich jetzt per Druck aufs D-Pad auch auf vier verschiedene Arten spezialisieren. Es gibt einen Explosionsmodus, bei dem sie direkt bei Aufprall in die Luft gehen. Einen, bei dem ich ein Wurfgeschoss in die Nähe einer Gegnergruppe werfe, auf den richtigen Moment warte und möglichst viele per Timer ausschalte. Und eine, bei der ich die Granate in die Luft werfe und sie sich dann in eine Drohne verwandelt. Über Hitzesignaturen erfahre ich beispielsweise in einer Szene, dass sich ein Scharfschütze hinter einer Brüstung befindet. Ergo markiere ich ihn, lasse die Drohnen-Granate losflattern und die schaltet ihn für mich aus. Oder ich lasse sie im Korridor des nigerianischen Präsidentensitzes losfliegen, an einer Tür abbiegen und so eine MG-Stellung ausradieren.

Das Exo-Skelett: Gefühl der Macht und Ohnmacht

Richtig gut gelungen ist auch, wie herrlich Sledgehammer Games mit der Abhängigkeit von Technik spielt. In Lagos bin ich ein Hightech-Soldat, der dank Magnethandschuhen schnell wie ein Affe Hauswände erklimmt. Bei der Infiltration einer geheimen Biowaffen-Anlage, in der genetische Experimente laufen, zerstört jedoch ein EMP-Angriff die Ausrüstung und ich kann auf Grund des Gewichts der Ausrüstung kaum einen kleinen Hang hochklettern.

Das gute alte „Call of Duty“-Gefühl, angereichert mit multi-funktionalen Gerätschaften, Schleich-Missionen und einem sehr smart gemachten Koop-Modus. Ich habe richtig Lust drauf.Ausblick lesen

Mal bin ich mächtig wie Hulk, etwa als ich vom Dach eines LKWs auf die Motorhaube eines futuristischen Humvee springe und mit Leichtigkeit erst die Panzerglasscheibe, dann den Fahrer rausschleudere. Mal muss ich vor den Scheinwerfern von Helikoptern fliehen und mich sehr ähnlich wie in jener legendären Prypjat-Mission aus Call of Duty 4: Modern Warfare auf den Boden legen und keinen Laut von mir geben, als Soldaten in mit Raketenwerfern aufgerüsteten Mech-Exoskeletten an mir vorbei marschieren.

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Hurra für Splitscreen-Fans: Bei den Vierer-Matches im Koop können zwei auf einer Konsole spielen. Exo Survival erinnert dabei an den Horde-Modus aus Gears of War.
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Generell fühlt sich Advanced Warfare weniger wie Ghost und mehr wie das erste Modern Warfare an. Es gibt den Michael Bay-esken Zerstörungsporno auf der einen Seite und ruhige, mitunter sogar mulmige Passagen auf der anderen. Activisions CEO Eric Hirshberg hat sich vor einigen Monaten in einem Interview als großer Dead-Space-Fan bekannt und das Team laut eigenen Aussagen ermuntert, dieses Handwerk auch in Activisions Eine-Milliarde-Dollar-Shooter einfließen zu lassen. Natürlich wird dadurch aus dem Hollywood-Feuerwerk Call of Duty kein klaustrophobischer Horror-Shooter, doch die DNA des Studios Sledgehammer Games, die vorher vor allem Dead Space gemacht haben, zeigt sich gerade in der Schleich-orientierten Operation in Bulgarien und einer Szene mit Leichensäcken, die wir hier nicht weiter spoilern wollen.

Der Koop-Modus: Exo-Survival gegen die nächste Welle

Aliens und Zombies machen vorerst Urlaub, in Advanced Warfare kämpft ihr mit bis zu drei Freunden gegen immer stärker werdende Wellen von KVA-Truppen. Zu Beginn sind das normale Soldaten, später Spezialeinheiten, die genau wie ihr selbst über eingebaute Mini-Raketenwerfer, Jetpack-Düsen und Hightech-Schutzschilde verfügen. Das klingt zunächst bekannt, fühlt sich aber richtig neu und frisch an, weil ihr ähnlich agil wie in Titanfall durch die Gegend springt und weil es kein Ende gibt.

Es gibt also nicht die klassischen 50 Runden wie bei der Konkurrenz, sondern das Spiel wirft euch prozedural generiert immer härtere Gegner entgegen im Wettkampf um die weltweiten Highscores. Die Gefechte haben diese Iron-Man-Dynamik, bei der ihr dem Feind hinterher auf Dächer springt oder sich von allen Seiten Spezialeinheiten um euch herum katapultieren. Dann feuern zehn Exo-Tangos mit ihren Mini-Raketen auf euch, die sich wie ein Schwarm Wespen auf eure Truppe stürzt und ihr weicht mit einem schnellen Manöver nach links aus oder katapultiert euch per Jetpack in Deckung.

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Allerdings spielt euer Exo-Suit die erste Geige. Überstandene Wellen schalten Punkte frei, mit denen ihr das Titan stärkt oder Laser-Bewaffnung freischaltet.
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Sledgehammer hat durch das Zukunftsszenario um 2550 herum sehr viele statische Elemente durch dynamische ersetzt. Das große, wuchtige Riot-Shield, das ihr mit der einen Hand tragen und dann mit der anderen nur noch eine Maschinenpistole abfeuern konntet, wird durch eine Hightech-Version ersetzt. Ihr könnt auf einen Gegner zuspringen, per Knopfdruck eine Art Star-Trek-Schutzschild im Miniformat in die Hand nehmen, so ein paar Treffer abwehren und wenn die Schergen nachladen müssen, schnellt ihr aus der Deckung. So müsst ihr euch nicht zwingend in die Defensive drängen lassen, sondern könnt sehr offensiv operieren.

Jede Welle bringt dabei Exo-Punkte, die ihr taktisch überlegt investieren müsst. Greifen beispielsweise Soldaten in Stealth-Suits an, macht es Sinn in eine Fähigkeit zu investieren, die sie kurzzeitig enttarnt. Müsst ihr gegen ATST-Panzer bestehen, bietet es sich an, sich an einer der Exo-Stationen eine bessere Rüstung zu organisieren. Noch mehr Pepp in die Action bringen „Objective based Rounds“. So müsst ihr beispielsweise zehn Drohnen aus den Wolken pusten. Wer das mit seinem Team nicht schafft, wird bestraft. So wie ihr Exo-Points erhaltet, bekommt die K.I. Boni freigeschaltet, wenn ihr versagt. Das resultiert in durchaus fiesen Attacken wie einer EMP-Bombe, die in einem gewissen Areal eure gesamten Exo-Fähigkeiten, also auch die Sprünge, Mini-Raketen sowie das Schutzschild deaktiviert.