„Sexualkrankheiten sind behandelbar, also steck' einen weg, wo immer du kannst“. Kurze Pause, dann schallendes Gelächter. Das kam doch nicht wirklich eben aus dem Lautsprecher eines Werbehologramms? Doch, und noch vieles mehr, was man sonst nur Duke Nukem zusprechen würde. Selbst in der gekürzten deutschen Fassung von Bulletstorm traut man Augen und Ohren nicht, dafür aber dem abzugfreudigen Zeigefinger.

Man muss sich dennoch bewusst werden, dass ein spritzig schneller und völlig überdrehter First-Person-Shooter wie dieser mit jeder Beschneidung an Witz verliert. Wo das sowieso schon ausgrenzende Ab-18-Logo den Nix-für-Kinder-Zeigefinger erhebt, sollte vielleicht zukünftig noch ein weiterer Warnaufkleber schimpfen: „Sollten Sie Spaß am überzeichneten, realitätsfernen Massakrieren von Pixelmenschen haben oder über brachialen Humor lachen, dann suchen Sie bitte augenblicklich einen Arzt auf, Sie verkommenes Subjekt.“

Bulletstorm - Gears of Urlaub: Mit Arschtritt und Peitsche zur Palmen-Schlachtbank

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Gestatten: Grayson Hunt, Chefalkoholiker und Pechvogel vom Dienst (rechts) und sein Cyborg-Kumpel.
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Wir kennen die Bigotterie der deutschen Jugendschutzbestimmungen zu Genüge, doch selten war sie so offensichtlich wie bei diesem Actionfest. Man schneide dem Duke ein dickes Kotelett aus den Rippen, tunke es kräftig in den Unreal-Tournament-Eimer und garniere es mit farbenfroher, fast schon Unreal-Engine-untypischer Farbpracht - heraus kommt Bulletstorm.

Ein Spiel, bei dem jeder Blutspritzer, jede einzelne der gefühlten Zilliarden Tötungsmethoden und beinahe alle bekloppten Sprüche der handlungsbezogenen Testosteronbrocken so überzeichnet wirken, dass Stirb Langsam daneben wie eine staatsfinanzierte Doku rüberkommt. Jedes einzelne Detail, das man hier herauskürzt, lässt das Geschehen sogar realistischer und humorloser erscheinen.

Die Geschichte des Weltraumpiraten Grayson Hunt und seiner Crew beginnt bereits so absurd, dass keine typische Held-Spieler-Beziehung entsteht, sondern blanker Spott aufkommt. Gray steuert sein Raumschiff volltrunken mit vollem Karacho in die fliegende Mühle seines ärgsten Feindes. Ein rachedurstiges, völlig sinnloses Kamikaze-Manöver im Comic-Weltall des 26. Jahrhunderts. Dass er und seine Freunde dabei draufgehen könnten? Egal! Dass dabei Unschuldige sterben? Auch! Gray ist ein echter Assi, ein stumpfer Fleischklops, dem sein Fehler erst bewusst wird, als sein Cyborg-Kumpel Ishi Sato beinahe über die Klippe springt.

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Eine Augenweide. Erstaunlich, was Epics Grau-in-Grau-Engine leisten kann.
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Nach dem ungeschickten Rammmanöver landen die Überreste beider Schiffe auf dem Planeten Stygia, auf dem es trotz Postkartenidylle mächtig rabiat zugeht. Mission: von diesem Felsbrocken entkommen, die überlebende Kampfbraut aus dem anderen Raumschiff davon überzeugen, dass man nicht zu den Bösen gehört, und am besten noch Erzfeind General Sarrano umlegen. Wobei Ishis Computerhirn Greys Egotrip nicht sonderlich erfolgreich verarbeitet, und so kommt es auf der Flucht noch zu Komplikationen.

Ein herrlich überdrehter Ballerspaß, bei dem selbst Pazifisten ins Schmunzeln geraten.Fazit lesen

Von der ersten Minute an, in der man den Spielablauf selbst in die Hand nimmt, lässt Entwickler People can Fly keine Zweifel am aberwitzigen Hintergrund dieses Ballerfestes. Die erste Amtshandlung besteht darin, sich das Blickfeld unkenntlich zu saufen und die den verhängnisvollen Kamikaze-Befehl zu geben. Keine fünf Minuten später rammt man schon dem ersten echsenähnlichen Fiesling auf der Planetenoberfläche den Stiefel in den Allerwertesten. Kein Witz: Ein gut gezielter Arschtritt gehört zu den effektivsten Verteidigungsmethoden, wenn einem Gegnerhorden zu nah auf den Leib rücken.

Unverfroren witzig

Vor allem, sobald man die Peitsche gefunden hat, mit deren Energiestrahl man herumliegende Gegenstände oder auch Gegner heranholt, um sie in einer Bullet-Time-Einlage in die Todesfallen der Umwelt zu kicken. Sei es in die Fakirmatratze riesiger Kakteen, Wily-Coyote-Stil in den nächsten Abgrund, gegen blankliegende Stromkabel, in die Glut eines Heizkessels oder was eben sonst so herumsteht. Anderweitig hilft schlagkräftige Bewaffnung, die nicht selten an das Repertoire aus Unreal Tournament erinnert.

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Erwartet keine Blutspritzer in der deutschen Version. Weder beim Ballern noch beim Kicken.
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Allerdings hinterlässt die hiesige Zensur herbe Schnitte. Kein Blut, keine herumliegenden Leichen, keine Totenköpfe, keine kokelnden Bösewichte, die zu einem Häuflein Staub zerbröseln. Sterilität macht sich breit. Aber die heftigsten Methoden der brutalen Exekution bleiben präsent. Mal ehrlich, was für eine Zensur war das denn? Eine Humorzensur?

Es ist nicht die Brachialität der Darstellung, die den humorvollen Stil ausmacht, sondern ihre absolute Unglaubwürdigkeit. Je mehr davon fehlt, desto glaubwürdiger wird das Szenario, nicht auszudenken vom fehlenden Witz, der in der deutschen Fassung gerade noch so durch die bekloppten Sprüche der Helden vernommen wird.

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Solche Effekte gibt's nur in der ungeschnittenen Version.
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„Dir scheint nicht nur die Sonne, sondern ein ganzer Regenbogen mit Glücksklee aus dem Arsch“. Solche Bemerkungen sind nicht nur bescheuert, sondern dank perfekten Timings auch noch so trocken, dass man sich das Lachen nicht verkneifen kann. Und wenn das nicht reicht, dann helfen noch grandiose Kapitelüberschriften wie etwa „Kapitel 5: Was für'ne Scheiße“. Klänge die deutsche Synchronisation mit ihrer schlechten Betonung und der aufgesetzten Abgebrühtheit nicht wie eine He-Man-Hörspielkassette aus den Achtzigern, könnte man Bulletstorm alleine schon der Zwischensequenzen wegen empfehlen.

Allerdings verhindert der heftige Schnitt des Öfteren das Verständnis für den Spielablauf. Spätestens wenn Grey und sein Begleiter innehalten und sich in einer Cutscene lauthals über irgendetwas Grausames wundern, das man in der hiesigen Fassung nicht zu sehen bekommt, hört der Spaß auf. Selbst aufgetürmte Totenschädel sehen in der USK-Fassung aus wie ein Haufen kleiner Müllbeutel. Ist das zu fassen?

Darum raten wir euch ausdrücklich zu einem Import der PEGI-Fassung, die ebenfalls mit deutscher Synchro läuft, wenn es denn unbedingt sein muss. Mit ihr umgeht ihr alle unfreiwilligen Handlungslücken und genießt auch noch das volle Potenzial dieses Metzelspektakels. Der Clou von Bulletstorm liegt nämlich in den unzähligen Möglichkeiten der Gegnervernichtung, die von Grays Peitsche katalogisiert werden.

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Kakteen zum Hineintreten der Gegner gibt's weiterhin, aber keine Splatter-Effekte.
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Angefangen beim einfachen Kopfschuss über das Aufspießen oder Sprengen mehrerer Gegner mit einer Munitionsladung oder angewandte Amputation, von der in der deutschen Fassung nichts zu sehen ist. Alles dokumentiert mit eindeutigen Kill-Bezeichungen (etwa „Gang-Bang“ für Massensprengungen oder „Hot Dog“ für das Zerquetschen eines Gegners mit einem Hot-Dog-Karren) und belohnt durch Erfahrungspunkte für abwechslungsreiches Vorgehen

Dieses keinesfalls sadistische, sondern vielmehr kindisch witzige kleine Spielspaßsegment nach dem Motto „Was haben sich die Programmierer wohl als Nächstes ausgedacht“ sorgt sogar für mehr strategischen Ansatz, als man in der ersten Spielstunde meinen könnte. Ein Teil der möglichen Exekutionstechniken wird zwar aufgelistet, aber nicht genau beschrieben, und so lässt man auf Dauer nichts unversucht.

Gears of Urlaub

Entdeckt man plötzlich unverhofft eine neues abgedrehtes Mach's-gut-Manöver, freut man sich wie ein Schneekönig und reibt sich prustend die Hände. Man staunt über sich, über das Spiel. Poltert nicht verbissen durch zwickende Schützengräben, sondern lacht. Über die Gegner, die Manöver, die Kreativität, über das Spiel und die Welt, in die es entführt. Wann gab es so was zuletzt in einem Shooter? Die unterschiedlichen Wirkungsmethoden der aufrüstbaren Waffen lassen obendrein Spielraum für Experimente. Kaum liegt eine neue Wumme im Inventar, wird sie im Tausch für Erfahrungspunkte aufgemöbelt und auf Herz und Nieren geprüft.

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Wickelgranaten... Herrlich, so was. Ein Riesenspaß.
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Mit der einen bringt man sprintende Widersacher prima zu Fall, Kettengranaten wickelt man hingegen wie einen Schal um den Hals eines Bösewichts und lässt sie hochgehen. Bumm! Genau wie herumliegende Treibstofftanks und andere Gegenstände, die man in Kombination mit der Peitsche als Todeswerkzeug missbraucht. Herrlich abgefahren, kreativ destruktiv, kindisch und bis zur Lächerlichkeit überzogen. Kurz gesagt: affengeil!

In Bulletstorm keinen Stein auf dem anderen zu lassen, hat was von pyromanischer Manie. Das Spiel ist schnell, unkompliziert und doch in Sachen Abwechslungsreichtum und Zerstörungswut so erfrischend wie schon lange kein Ballerspiel mehr. Klar, wirklich neue und wegweisende Elemente für das Shooter-Genre sucht man vergebens. Aber Bulletstorm nimmt sich mit vollem Recht die Freiheit der Unverfrorenheit. Nicht nur durch an den Haaren herbeigezogenen Hintergrundinfos, mit denen die Storyschreiber Beispielsweise den Sinn der Skillshot-Liste erklären, sondern auch mit herrlichen gestalterischen Kontrasten.

Je weiter man in die Handlung von Bulletstorm vordringt, desto mehr scheint die Umwelt in Schutt und Asche zu liegen. Links reißt es riesige Spalten in den Asphalt, stürzen Häuser ein oder stehen in Flammen, von hinten rollt ein malmendes Fünfzig-Meter-Zahnrad heran, rechts türmt sich ein riesiges Godzilla-Monster auf, das ganze Häuserblocks pulverisiert.

Und doch scheint im Hintergrund die Sonne wie auf dem kitschigsten denkbaren Postkartenmotiv, laden Palmen und Sonnenuntergänge vor türkisfarbenem Gewässer zum Planschen ein. Sämtliche Texturen leuchten quietschig bunt, als käme Super Mario gleich um die Ecke gehüpft. Von Düsternis und bedrückender Stimmung in kaltem Kriegsambiente also keine Spur. Die vorauseilende Promo-Demo „Duty Calls“ lässt grüßen.

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Die Kulisse ist wunderschön. Auch wenn es kracht und Häuser zusammenfallen.
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Ungläubig reibt man sich die Augen; man staunt, wie brillant und lebhaft ein Actionspiel auf Grundlage der Unreal-Engine sein kann, wenn die Grafiker mal nicht auf das Grau-in-Grau realistischer, von Schlachten zerfressener Umgebungen setzen. Im Vergleich mit Call of Duty gleicht Bulletstorm einem optischen Zuckerschock, auch wenn hier überhaupt nichts niedlich ist. Es geht um einen sehr lebhaften Arcade-Stil, bei dem auch viele Grafikeffekte ermogelt werden.

Das ist keinesfalls eine negative Kritik. Wenn es funktioniert, ist alles recht, gerade auf den alternden Konsolen, und Bulletstorm sieht einfach zum Anbeißen aus. Nun gut, die Protagonisten gleichen leider grob denen jedes anderen Actionspiels aus dem Hause Epic: breitschultrig, grob, rotznäsig. Die nette Gesichtsanimation wurde trotzdem nicht lippensynchron gedubbt. Mensch, so was muss doch nicht sein.

Kleine Schattenseiten

Leider scheinen auch die üblichen Schwächen der Grafik-Engine durch. So lebhaft alles farblich auch erscheint, so variabel die Methoden zur Gegnerbeseitigung auch sein mögen, abseits dessen, was die Jungs von People Can Fly als Handlung vorgesehen haben, bleibt kein Spielraum. Dank der optisch weit angelegten Areale wirken die Umgebungen zwar nicht schlauchig, im tatsächlichen Spielablauf sind sie es aber. Große Erkundungstouren fallen aus, und die Umwelt bleibt über große Strecken starr wie die bereits erwähnte Urlaubspostkarte. Kleine Schwächen, die am Wiederspielwert nagen.

Keine Frage, der übliche Standard wird eingehalten. Versteckte Insektenschwärme und Schnapsflaschen wecken die Komplettierungswut bei Achievement-Jägern, und die Fadenkreuzrundfahrt bietet allein schon wegen der umfangreichen Skillshot-Liste ausreichend Anreize für wiederholte Anläufe. Der Kern der Handlung in der Kampagne hingegen gar nicht. Er ist schon beim ersten Durchlauf ziemlich vorhersehbar, macht aber auch keinen großen Hehl darum. Bulletstorm ist einfach ein Spiel, bei dem man nicht viel denken, sondern sich ins Getümmel stürzen soll.

Bulletstorm - Kick it like Grayson Hunt!

Sozusagen das Gegenteil von Dead Space 2. Nicht einmal werdet ihr mit Bremsspuren in der Hose in der Ecke kauern, weil ihr keine Munition mehr habt. Selbst wenn euch das Pulver zu Neige geht, nehmt ihr Gegner noch in Empfang wie die unbeugsamen Gallier aus Goscinni und Uderzos Comics. Wenn es sein muss, kickt man den Fieslingen einfach eine Riesenfrucht auf den Schädel, dann sehen sie nichts und lassen sich wunderbar mit der Peitsche aufs Korn nehmen.

Nicht einmal die verstreuten Mittelbosse entlocken mehr als ein „Oho, na das ist aber ein riesiger Klotz – los, druff da“. Und keinesfalls zum Nachteil der guten Laune. Das eine oder andere Ableben in höheren Schwierigkeitsgraden mit eingerechnet. Dennoch bleibt nicht genug Substanz für anhaltende Langzeitmotivation.

Mitunter, weil auch der Mehrspielermodus eher bescheiden ausfällt. Gegnerhorden in Schüben abzufangen und dabei eine vorgegebene Anzahl von Skillshot-Punkten einzusacken, macht kreativ und schärft den Blick für nützliche Massakrierungshelferlein. Im Team mit drei weiteren Kill-Künstlern kracht es natürlich noch heftiger, aber man braucht auch mitdenkende Gefährten. Spielt nur einer den Egomanen, erreicht das Team die vorgegebene Punktzahl nicht und muss den aktuellen Abschnitt wiederholen. Nicht übel, aber leider die einzige echte Mehrspieleroption abseits des Abklapperns einzelner Kampagnen-Kapitel. Das ist schon etwas dürftig.