Mit viel Vorfreude und Hoffnung tauchte ich vor einem Jahr in das klassische Abenteuer von Tim Schafer ein – und war durchaus gerührt. Herrlich poetisch, naiv und melancholisch kam die erste Hälfte des Coming-of-Age-Dramas mit seinen zwei so verschiedenen Protagonisten daher. Nun ist der zweite Akt erschienen und soll der Geschichte nach dem überraschenden Cliffhanger einen gebührenden Abschluss verpassen. Doch leider mag das nur zum Teil gelingen.

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Ein Jahr ist eine lange Zeit. Viel habe ich seitdem wieder von Broken Age vergessen. Daher lohnt alleine schon, um die Grundstimmung zu reanimieren, eine kurze Rückschau auf den ersten Akt. Denn Broken Age selbst unterschlägt diesen einfach frech. Anders als eigentlich von Tim Schafer und seinen Spielen gewohnt, ist Broken Age nur vordergründig ein humoriges Abenteuer. Vielmehr dreht sich alles um Jugend, Schicksal, Einsamkeit und dem Ausbruch aus dem Alltag. Und natürlich um zwei Teenager, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnte.

Obligatorischer Hinweis: Ab hier folgen Spoiler des ersten Teils von Broken Age.

Anfänglich scheinbar durch Raum und Zeit getrennt, lebt die rebellische Vella Tartine in einer von Aberglauben und Naivität geprägten Märchenwelt. Als sie (so will es das Ritual) dem Meeresmonster Mog Chothra geopfert werden soll, gelingt ihr die Flucht, bis sie sich letztlich dem Ungeheuer entgegenstellt und kämpft. Währenddessen residiert der Teenager-Knabe Shay Volta seit Jahren auf dem Giganto-Raumschiff Bassinostra, wo er vom Schiffscomputer wie ein Kleinkind bemuttert wird. Dabei will er doch eigentlich Abenteuer erleben. Seine Chance bekommt er, als er den mysteriösen Wolf Marek kennenlernt, der in den Wartungsräumen haust. Doch plötzlich wird die Bassinostra angegriffen.

Broken Age, Akt 2 - Ein anrührendes, kein perfektes Ende

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Die Kulissen in Broken Age Akt 2 sind weitestgehend bekannt, doch hat sich einiges getan. So ist das Interieur der Bassinostra nach dem Absturz durchaus lädiert und an vielen Orten finden sich nun andere oder neue Charaktere.
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Und hier, während des Endes von Akt 1, überschneiden sich beide Geschichten abrupt. Mog Chothra ist in Wahrheit der Raumer Bassinostra, der von Vella gestürzt wird. Als der Koloss darnieder liegt, öffnet sich eine Luke und der verwirrte Shay stolpert heraus. Erbost will Vella ihm eine verpassen und fällt ins Schiff, das sich hinter ihr verschließt. Er will wieder hinein, sie wieder heraus. Vergebens. Ein witziger Seitenwechsel, der, wie schon beim Start der Geschichte, mit der Wahl eines der Protagonisten den zweiten Akt einläutet – und damit nahtlos an das Ende anschließt.

Aber egal ob Shay oder Vella: recht schnell ist dann erneut die Liebe zur so bizarr-heimeligen Welt geweckt, die, mit ihren in herrlichen Pastellfarben getauchten Kulissen, einem Märchenbuch entsprungen sein könnte. Und selbst wenn die beiden Tennie-Helden auch diesmal etwas an Tiefe vermissen lassen, sind sie doch erneut unglaublich charmant porträtiert und erzeugen in den ihnen fremden Umgebungen durchaus Spannung.

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Ganz offen!

Es ist einfach zum Schmunzeln, wenn Vella im Bauch des verrotteten Schiffs als erstes ausgerechnet auf das sprechende Buttermesser Dutch trifft, mit dem der Weltraumjunge die Greifarmsteuerung manipulierte. „Ich muss aufhören, mit dir zu reden“, sagt die etwas irritierte Vella. „Du bist ein Messer.“ Woraufhin das Küchenutensil „Deine Mutter hat dich sicher vor Kerlen wir mir gewarnt, nicht?“ entgegnet. Oder wenn Shay auf den sprechenden Baum trifft oder, dank jahrelanger Dauerumarmungen, die Würgeschlange Mr. Knuddel zur Erschöpfung bringt.

Das Erstaunen über die schräg-plüschige Science-Fiction-Kulisse oder eben die zuckersüße bis surreale Märchenwelt ist fast schon greifbar. Insgesamt kommt der neue Akt mit seinen sieben bis acht Stunden Spielzeit dabei trotzdem deutlich schneller in Fahrt als der erste. Wo die beiden Teens nämlich einst zu Beginn zäh von Szene zu Szene geschleift wurden, darf nun recht zackig zwischen den Kulissen gewechselt werden. Sowieso scheint sich Double Fine die Kritik der Fans durchaus zu Herzen genommen zu haben.

Broken Age, Akt 2 - Ein anrührendes, kein perfektes Ende

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Die Kulissen und Figuren sind schlichtweg zauberhaft gestaltet und erinnern mit ihrem Pastell- und Aquarellook an Kinder- und Märchenbücher wie Der Kleine Prinz.
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Oberflächlich ist allerdings zunächst kein Unterschied zu Akt 1 festzustellen. Wie von Tim Schafer versprochen, wird nun gleich den 90er-Jahre-Adventures von einer Kulisse zur nächsten gewandert, Gegenstände aufgeklaubt und Rätsel gelöst. Jedoch sind letztere nun wirklich ähnlich knackig wie vor 20 Jahren – wie's eben auch viele Adventure-Veteranen gefordert haben. So muss Shay im sphärischen Himmelsdorf Wolkenheim einen Knoten lösen, in dem er dem sensiblen Himmelsheini Fath'r Anweisung auf Basis einer Zeichnung gibt. An anderer Stelle müssen Elektroniken neu verkabelt oder der pH-Wert einer Dichtungsmasse für Shays Papa via in korrekter Reihenfolge hinzugefügten Ingredienzen angepasst werden.

Broken Age ist auch nach Akt 2 sicherlich nicht das erhoffte Meisterwerk, aber trotz aller Unzulänglichkeiten jedem Point-and-Click-Fan ans Herz zu legen.Fazit lesen

Witzig, clever und etwas verschroben. Da ist nun gerne mal Köpfchen oder sogar ein Zettel samt Stift gefragt. Und tatsächlich macht das Herumgrübeln und Lösen der meisten Probleme im zweiten Teil mehr Freude. Zwei, drei andere Puzzle sind hingegen schlicht und ergreifend unfair; setzen etwa bei einer von Vellas Aufgaben Wissen voraus, das nur Shay haben kann. Und welch Irrsinn Double Fine ritt, die herrlich lässige Nimm-dir-so-viel-Zeit-wie-du-willst-Philosophie des ersten Parts mit Timingaufgaben zu versauen, das verstehe wer will.

Mehr Geschichte wäre schön

Abseits der Rätsel wird aber auch wieder das Herumstreunen, Erforschen und Schauen belohnt, selbst wenn fast alle Kulissen bekannte Orte wie Muschelhöhe, Curtis Haus, das Raumschiff und Wolkenheim darstellen. Deren Szenerie ist jedoch etwas abgeändert und erneut mit grandiosen Orchestermelodien oder sphärischen Klängen unterstrichen. Was dabei letztlich immer wieder entzückt, ist das Geschehen um die herzig gezeichneten Haupt- und grandios durchgeknallten Nebencharaktere. Darunter zuvorderst die Wächter der blinden Pyramide, die sich nach der Auferstehung ihres Gottes in ihren sakralen Roben aufmachten, um sich etwas neues zum Anbeten zu suchen.

Broken Age, Akt 2 - Ein anrührendes, kein perfektes Ende

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Die Eindeutschung ist diesmal komplett. Statt nur deutscher Untertitel gibt’s also auch deutsche Sprecher, die durchaus gute Arbeit leisten.
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Als Shay ihre Roben erkämpfen will, … na ja, jedenfalls schweben sie letztlich nackt auf einem Riesenvogel davon. Und dass der Guru Lightbeard trotz Rauschebart und Vogelnest nicht so leicht ist, wie er gerne tut, hätte man fast ahnen können. All diese Figuren wurden dank Nordic Games nun übrigens auch mit deutscher Sprachausgabe versehen. Zwar kommen die hiesigen Stimmen nicht ganz an die geniale Vertonung durch Masasa Moyo (Team America) und Elijah Wood (Der Herr der Ringe) oder auch Wil Wheaton (Star Trek, Big Bang Theory) ran, machen aber einen guten Job.

Aber natürlich sind es allem voran die Geschichte und die offenen Fragen, die am Spielen halten – aber nicht mehr so wie in Akt 1. Denn all zu schnell wird leider offenbar, wer im Kostüm des mysteriösen Wolf Marek steckt und was er will. Auch das Rätsel um die Bassinostra, die geopferten Mädchen und Shays vermeintliche Computermutter werden recht zackig gelöst, was aber wirklich verblüffende und anrührende Momente sind. Momente in denen Double Fine großes Gefühl und ein Händchen für emotionale Inszenierung beweist.

Aber viel zu hastig weicht dabei auch die Motivation der beiden Teenager auf – und lässt fragen, warum sie eigentlich noch tun, was sie tun. Der Knabe hat zurück, was er all die Jahre vermisste, und erlebt ein Abenteuer. Und Vella hat dank ihres Mutes die Anerkennung ihrer Eltern geerntet und das Maidenmahl entzaubert. Das alles mündet dann in ein Finale, das leider nicht so recht bewegen mag, und – nach einiger Überlegung – wenig Sinn ergibt. Schade drum. Aber insgesamt ergeben Akt 1 und 2 von Broken Age trotzdem ein poetisches Adventure-Erlebnis, das einiges falsch, aber doch genug richtig macht, um zu verzaubern.