Genau 50 Euro hab ich Tim Schafer vor zwei Jahren in den digitalen Hut geworfen, als er auf Kickstarter Geld sammelte, um die Entwicklung eines klassisches Adventures zu finanzieren. Ich war voller Hoffnung, denn auch wenn mich moderne Abenteuer wie The Walking Dead und The Wolf Among Us begeistern, sehne ich mir doch Spiele in der Machart der 90er Jahre herbei. Weniger Pomp, mehr Gefühl, wenn ihr versteht. Was ich von Broken Age nun genau erwartet habe? Ich weiß es selbst nicht so recht. Doch was ich bekam, das gefällt…

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Ganz schön anders

Altmodisch, das ist das erste erschienene Kapitel von Broken Age ganz sicher. Genau das hatte der Kopf hinter Kultspielen wie Day of the Tentacle, Vollgas und Grim Fandango ja auch versprochen. Mit der Maus eine Figur durch die Gegend schicken, Gegenstände sammeln und Multiple-Choice-Dialoge führen. Hach, oh vertrauter Hauch der Nostalgie! Fast wie in den alten LucasArts-Spielen. Einfach schön.

Trotzdem ist Broken Age anders als ich gedacht hätte. Statt in einer schrägen Komödie mit urigem Slapstick und nerdigen Sprüchen landet man hier in einem charmant-romantischen Coming-of-Age-Drama, das zwar Witz beweist, diesen aber unter eine poetischen Decke versteckt. Statt um Humor dreht sich alles um das Schicksal der zwei Teenagerhelden, die vordergründig unterschiedlicher nicht sein könnten. Durch Raum und Zeit scheinen sie getrennt und unvereinbar. Und so stehen auch vom Start weg zwei getrennte Geschichten bereit. Was sie vereint, das ist das Los der Heldenfiguren, die gegen ihr vorherbestimmtes Schicksal ankämpfen und aus dem Trott der Fügsamkeit entfliehen...

Broken Age - Tim Schafer, Kickstarter, Hype: Hält Double Fine, was 3,3 Millionen gespendete Dollar versprechen?

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Broken Age ist anders geworden, als man vielleicht erwartet hätte. Schlecht ist das nicht.
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Opfert sie!

Tatsächlich scheint die junge Vella Tartine schon zu Anfang nicht in ihr Umfeld zu passen. Denn als man sie zu Spielbeginn hinab ins Elternhaus führt, soll ihr großer Tag begangen werden. Die Kleine soll mit Kuchen und Cupcakes verköstigt und dann in ein Kleid aus Zucker und Sahne gesteckt werden. Und das nur, um sie mit einigen anderen Mädels aus dem Dorf dem Riesenmonster Mog Chothra zu opfern. Alle finden, das sei eine total tolle Idee und Grund zu feiern. Nur man selbst, Vella und ihr renitenter Opa fragen sich, warum man dieses Ungeheuer nicht lieber absticht.

In aller Ruhe reimt man sich in Gesprächen erst einmal zusammen, was in den Köpfen der Leutchen abgeht, und wie die Welt in Broken Age so tickt. Selbst denken, statt alles vorgebetet bekommen. Schnell saugt man sich fest, wird von der makaberen Märchenwelt gefangen. Am Schicksal von Valla ändert das aber zunächst nichts. Erst auf der verblüffend zynisch inszenierten Opferparty ergibt sich die Möglichkeit zur Flucht. Doch selbst mit dem Menschenfresser vor Augen, kann der Spieler entspannen. Es bleibt alle Zeit der Welt. Wer etwas länger braucht, um herauszufinden, wie man mit Vogel und Korsett nach Wolkenheim entkommt, hat keinen Nachteil. Broken Age ist gänzlich dem Erleben und Erfahren verpflichtet, und schon damit eine Ausnahmeerscheinung.

Packshot zu Broken AgeBroken AgeErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Der mit dem Wolf spricht

Wer trotz Zeit im Überfluss mal feststeckt, vom Geblubber der esoterischen Sektenjungs im Reich der Wolken genug hat, kann fast immer zur zweiten Geschichte wechseln – und zurück. Deren Held ist Teenagerknabe Shay Volta, der seit Kindesbeinen im Giganto-Raumschiff Bassinostra durch die Finsternis treibt und vom Schiffscomputer immer noch wie ein Sechsjähriger bemuttert wird. Farblos, müde ist er. Ob gewollt oder nicht, das bleibt Tim Schafers Geheimnis.

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Die junge Vella ist einer der beiden spielbaren Protagonisten.
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Doch passt das irgendwie, wenn man zunächst den automatisierten Tagesablauf des Tropfs durchlebt. Heißt: Tatsächlich werden mehrmals hintereinander exakt die gleichen Klickmanöver durchexerziert. Obskur, kafkaesk, fast schon etwas frustig. Aber umso mehr erfreut es, wenn's Shay dann endlich schafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Er nicht mehr täglich Knuddelwesen mit einem sprechenden Löffel aus Eiscreme-Lawinen freischaufeln oder Kindereisenbahnen vor Unfällen retten muss. Na endlich, Junge!

Umso gefangener ist man sofort, wenn der triste Bube plötzlich noch von einem Wolf namens Market zu einem Abenteuer eingeladen wird. Wie... was … sprechender Wolf? Krieg? Welten retten? Ein Vergleich mit der ersten Episode der Serie Lost mag hinken, aber ganz ähnlich fühlt sich das an. Wie hypnotisiert spielt man weiter, ohne auf die Uhr zu schauen. Man muss wissen, wie's weitergeht.

Broken Age - Tim Schafers Kickstarter-Baby in farbenfrohen Bildern

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Charakter mit Bedeutungsverlust

So bizarr die Geschichten beider Heldenfiguren beginnen, so lau sind sie Anfangs leider in spielerischer Hinsicht. Erst nachdem man knapp eine halbe Stunde von einer abgeschlossenen Szene zur nächsten getragen wurde, öffnen sich Interaktionsvielfalt und Umgebung. Erst dann erscheint Broken Age tatsächlich als vollwertiges Point-and-Click-Adventure, bei dem von einer Kulisse zur nächsten gewandert, Gegenstände aufgeklaubt und Rätsel gelöst werden.

Eines hat Broken Age auf jeden Fall geschafft: es zeigt, wie sehr auch heute noch klassische Adventures Herz und Hirn berühren können.Fazit lesen

Das Durchhalten wird belohnt. Denn auch wenn die Aufgaben eher simpler Natur sind, macht das Erforschen, Herumprobieren und Lösen der gestellten Probleme Freude. Da werden mal eine Flasche gegen ein Handtuch getauscht, im Inventar eine Gaskartusche mit einer Puppe kombiniert oder drei goldene Eier an der richtigen Stelle abgelegt.

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Im Kern ist Broken Age ein Adventure der alten Schule.
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Insgesamt dürfen die meisten Spieler rund vier Stunden für einen Durchgang veranschlagen. Andere werden deutlich früher das Ende sehen, sich etwas unterfordert, aber nicht enttäuscht fühlen. Schließlich beleben nicht zuletzt die liebevollen Haupt-, aber vor allem kuriosen Nebencharaktere samt abstruser Dialoge die märchenhafte Spielwelt. Hier schwingt dann auch der Humor mit, für den Tim Schafer und sein Team so bekannt sind. Wie die Wächter der blinden Pyramide, die in mythischen Roben einen Eingang bewachen, aber dabei in quietischiger Kinderstimme okkulte Rätsel absondern. Liebenswerte Spinner!

Schade daher, dass manch Konversation nur aus wenigen Sätzen besteht und einige Charaktere schnell in die spielerische Bedeutungslosigkeit driften. Insbesondere da bei der bis dato rein englischen Sprachausgabe neben den Heldensprechen Masasa Moyo (Team America) und Elijah Wood (Der Herr der Ringe) auch Jack Black (Brütal Legend) und Wil Wheaton (Star Trek, Big Bang Theory) mit von der Partie sind. Wer des Englischen nicht so mächtig ist, der kann übrigens jederzeit recht gut eingedeutschte Untertitel zuschalten, die selbst Tafeln und Anzeigen in der Spiewelt in deutscher Sprache erscheinen lassen.

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So, und jetzt sagt nicht, das würde nicht wunderschön aussehen.
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Ach, wie schön

Trotz einiger humoriger Einschläge bleibt Broken Age ein melancholisches Werk. Das zeigt sich zuvorderst in der wunderschönen Grafik. Figuren mit abstrakten Proportionen und fantastische Landschaften durchzogen von flächigen und blassen Pastellfarbstrichen. Das schaut aus wie in einem modernen Märchen- oder Kinderbuch. Zauberhaft. Auch die meisten Areal wirken erstaunlich lebendig. Die meisten, weil einige qualitativ stark abfallen und geradezu leblos wirken. Fast so, als hätte den Entwicklern noch die ein oder andere Woche Zeit gefehlt.
Schmerzt aber nicht wirklich. Auch so entfaltet sich eine dichte und von Kulisse zu Kulisse frische Atmosphäre.

Nicht zuletzt dank der grandiosen Musikuntermalung. Im Wolkenheim ertönen sphärische Klänge, die in ihrer Anmutung an Filme wie The Fall und The Fontaine denken lassen. Im quirligen Strandparadies Muschelhöhe dringen Südsehrythmen aus den Boxen und in den Untiefen des Raumkreuzers wiederum dröhnen tiefe Orchesterklänge, die Weite und Unendlichkeit vermitteln. Oder anders gesagt: die letztlich 3,6 Millionen US-Dollar, die in Broken Age flossen, sind wahrlich hörbar!