Der Preis für den merkwürdigsten Spielenamen des Jahres geht 2016 an Square Enix: Mit Bravely Second: End Layer (was soll das überhaupt heißen?) haben sich die Japaner selbst übertroffen und sogar den befremdlichen Titel des Vorgängers Bravely Default noch getoppt. Eigentlich ist es aber ironisch: Denn hat man beide Teile erst einmal gespielt, ergeben die Namen plötzlich Sinn.

Was als eine liebevolle Hommage an Final Fantasy begann, ist mittlerweile längst mehr als das und spätestens mit Bravely Second auch zu einer eigenständigen Serie herangewachsen. Bravely Default, damals noch mehr oder weniger als Abklatsch der großen hauseigenen Schwester abgetan, hat sich seinen Platz in der modernen JRPG-Welt verdient – nicht zuletzt durch sein fantastisches Kampfsystem, das auch mit verantwortlich dafür ist, warum auf der Box eben kein sinnvoller Titel steht, sondern etwas, das zunächst wie falsch ins Englische übersetzte Geschwurbel klingt. Dabei sind Brave und Default hier tatsächlich mehr als nur ein paar Adjektive: Es sind die Herzstücke des ganzen Spiels.

Es wirkt wie Ironie des Schicksals, den Test zu einem immerhin locker 50 Stunden verschlingenden Rollenspiel-Monster mit einer Lobpreisung des Kampfsystems zu beginnen – und doch ist es wichtig und richtig, hier sogar mehr denn je, genau das hervorzuheben. Nicht nur, um dieses Element zu würdigen. Sondern auch, um klarzustellen, dass es wohl kaum das Drumherum ist, für das es sich lohnt, Bravely Second in den Modulschlitz des Nintendo 3DS zu schieben.

Bravely Second: End Layer - Auf dem Mond sprechen sie Französisch

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Unser "Willkommen zurück" war selten wörtlicher zu verstehen: Als direkte Fortsetzung spielt Bravley Second in derselben Welt wie sein Vorgänger und setzt dabei ein wenig zu stark auf Recycling.
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Willkommen zurück

Schon das Original war seinerzeit keine Blüte der Erzählkunst – geschweige denn in der Lage, seine spannenden und taktisch anspruchsvollen Gefechte in eine stimmige, spannende, vor allem aber einprägsame Spielwelt einzubetten. Die Dungeons entsprangen quasi direkt der gängigen Definition auf Wikipedia („[…] ein meist irrgartenartig verschachteltes Raum- und Gängesystem. Die Spieler erkunden den oft unterirdisch gelegenen Dungeon, um dort nützliche oder für die Handlung relevante Gegenstände zu bergen und gegen dort lauernde Monster zu kämpfen.“), ohne eigene Nuancen hinzuzufügen. Die Oberwelt war eine staubtrockene, dröge, schrecklich einfallslose Landkarte. Und die Städte? Jeweils zauberhaft schön gezeichnete Gemälde – in denen es außer Shops nichts zu sehen gab.

Bravely Second schert sich um all das ebenso wenig wie sein Vorgänger. Es ist sogar noch einfallsloser und spielt in einer nahezu identischen Welt mit den exakt gleichen Städten. Ein paar Dinge haben sich freilich geändert – so gibt es pro Kapitel immerhin eine komplett neue Stadt –, aber im Großen und Ganzen ist Luxendarc so ziemlich genau das, an was man sich noch aus dem ersten Teil erinnert.

Packshot zu Bravely Second: End LayerBravely Second: End LayerErschienen für 3DS kaufen: ab 30,99€

Erinnerungen werden im Laufe des Abenteuers immer und immer wieder geweckt. Sei es bei der Durchreise durch das vor Schnee glitzernde Eternia, bei der Ankunft in der industriell geprägten Wüstenmetropole Ancheim oder beim Wiedersehen mit bekannten Charakteren. Tiz ist wieder mit dabei, die immerzu hungrige und launische Edea Lee ebenso. Komplettiert wird die vierköpfige Heldentruppe vom leicht naiven Gelehrten Yew und der ominösen Magnolia Arch, die, wie sie selbst behauptet, vom Mond auf die Erde gefallen ist und mit ihren Kollegen in der Mondbasis ausschließlich auf Französisch kommuniziert. Neue Gesichter trifft man zwar regelmäßig, aber so ganz wollte sich die Bindung zu den charismatischen Figuren dieses Mal nicht einstellen.

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Wäre der Rest des Spiels auf derselben Höhe wie das tolle Kampfsystem, würden wir locker eine 12/10 vergeben.
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“We are Agnés’ Ba’al-Busting Avengers!”

Natürlich ist es das Ziel der selbsternannten Rächerbande, die Welt abermals vor einer finsteren Macht zu retten, sie vor dem Kaiser zu beschützen und in diesem Zuge die mittlerweile gefangen genommene Agnés Oblige zu befreien, die (Spoileralarm) nach den Ereignissen in Bravely Default zur Päpstin gekrönt wurde. Wer an dieser Stelle nur Bahnhof versteht, sollte unbedingt vor Bravely Second den Erstling spielen oder sich zumindest intensiv einlesen. Denn auch wenn das Spiel zu Beginn kurz die Vorgeschichte zusammenfasst, sind Kenntnisse derer unglaublich wichtig, um die Zusammenhänge der Geschehnisse und Charaktere und vor allem die Motivation jener zu verstehen. Da Bravely Second direkt an das Ende des Vorgängers anknüpft und die Geschichte zweieinhalb Jahre später fortsetzt, ist es unvermeidlich, ohne grobe Spoiler irgendetwas zu erklären – deshalb lasse ich es an dieser Stelle einfach sein. Das hat aber auch noch einen zweiten Grund: So viel zu erzählen gibt es nicht – die Handlung ist sowieso eher plump.

Das liest sich beinahe, als wäre Bravely Second ein schlechtes Spiel. Nichts davon könnte von der Realität weiter entfernt sein. Denn damit kommen wir zurück zum Eingang dieses Tests und zu dem, was ich euch schon anfangs als das Herzstück des ganzen Spiels angekündigt habe: zum Kampfsystem.

Ein erstaunlich gewöhnliches Rollenspiel mit ausuferndem Recycling, das durch ein grandioses Kampf- und Jobsystem viele seiner Probleme wieder wettmacht.Fazit lesen

In vielen Rollenspielen sind Kämpfe einfach … da. Da, um die Erzählung aufzulockern; da, um einen gesunden Ausgleich zu Dialogen, Leveling und Erkundung der Spielwelt zu liefern. Kaum jemand spielt The Witcher oder Fallout für sein Kampfsystem – nicht einmal Final Fantasy. In Bravely Default und Bravely Second ist das allerdings anders. Diese beiden spielt man für ihre Kampfsysteme – und sie sind auch die größte Motivationsspritze, immer und immer weiterzumachen.

Bravely Second: End Layer - Das Abenteuer beginntEin weiteres Video

Von Katzen und Pfannkuchen

Was macht die Systeme so besonders? Auf den ersten Blick findet man nur ein vermeintlich gewöhnliches, rundenbasiertes Prinzip vor. Yew schlägt mit dem Schwert zu, anschließend ist der Gegner an der Reihe (übrigens in den meisten Fällen ebenfalls ein alter Bekannter – das Recycling macht bei den Monstertypen nicht Halt) – so weit, so unspektakulär. Doch mit Brave und Default gewinnt das Prinzip an Tiefe. Und zwar ganz gewaltig: Mit dem Default-Befehl etwa kann man quasi eine Runde „aussetzen“, indem man nur verteidigt, und gewinnt dafür für die darauffolgende Runde eine weitere hinzu. Dafür wiederum ist der Brave-Befehl da: Mit ihm kann man spätere Runden „vorwegnehmen“ und dadurch bis zu vier Aktionen hintereinander ausführen – wofür man im Umkehrschluss danach pausieren muss, bis die vier Runden wieder zurückgewonnen sind. Das klingt zunächst relativ kompliziert, ist aber in wenigen Minuten verstanden und trotzdem sehr tiefgründig.

Richtig spannend werden die Kämpfe aber erst durch die Rollen, die man seiner Party zuweisen darf. Keine Figur ist in Bravely Second an irgendeine Klasse gebunden. Wer möchte, kann Edea problemlos von einer gewöhnlichen Schwertkämpferin zu einer Heilerin machen. Oder zu einer Schwarzmagierin. Vielleicht sogar zu einer Astrologin oder einer Diebin. Die Freiheiten sind fast grenzenlos. Mit über 30 verschiedenen Berufen nach dem Vorbild von Final Fantasy: The 4 Heroes of Light ist so viel Abwechslung und taktische Vielfalt drin, dass man Stunden über Stunden alleine darin versenken kann, mit den Möglichkeiten zu experimentieren. Und mal ehrlich: Wer möchte denn freiwillig auf einen Patissier im Team verzichten, der seine Widersacher mit süßen Pfannkuchen manipuliert? Oder auf die superknuffige Katzenbeschwörerin, deren Name alleine schon Grund genug ist, sie mit einzuplanen?

Bravely Second: End Layer - Auf dem Mond sprechen sie Französisch

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Viel zu erkunden gibt es nicht – weder auf der Oberwelt noch in den Städten.
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Dieb oder Rotmagier?

Es ist wichtig, das noch einmal bewusst zu betonen: Die Kämpfe in Bravely Second sind nicht einfach nur zum Selbstzweck – sie sind der Kern des Spiels. Antagonisten werden nicht durch ihre Charakterzüge interessant, sondern durch den Asterisken, den sie bei sich tragen, also das Amulett, das ihnen ihre Kraft und Fähigkeiten verleiht. Und deshalb muss man sich auch in den Nebenmissionen oft die schwersten aller Fragen stellen: Dieb oder Rotmagier? Schwertmeister oder Beschwörer?

Die Erzählung bemüht sich zwar tapfer, Emotionen hervorzurufen, indem sie beispielsweise zwei ehrenhafte Persönlichkeiten gegenüberstellt, die beide durchaus ihre Gründe haben, für die eine oder die andere Seite zu stehen. Aber schlussendlich bleibt die Entscheidung doch eher davon abhängig, ob man seinen Feinden lieber seltene Gegenstände stibitzt oder sie mit mächtiger Magie bezwingt.

Ein Element, das es übrigens erneut ins Spiel geschafft hat: Mikrotransaktionen. Wie schon im Erstling kann man gegen Echtgeld SP-Punkte erwerben, um damit die „Bravely Second“ zu aktivieren: eine Art Zeitverlangsamung, in der alle Angriffe kritische Treffer erzielen. Wer nicht zahlen möchte, muss auf jeden SP-Punkt acht Stunden Spielzeit warten. Ein jämmerliches „Feature“, das ich an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähne – und um klarzustellen, dass ich es absolut nicht einsehe, was so etwas in einem Vollpreisspiel zu suchen hat. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.