Jetzt ist es passiert, die gamona Zeitmaschine ist in die Luft geflogen, der Sand der Zeit quillt über den Beckenrand, kurzum: Wir bei gamona sind wieder im Jahr 2008 gelandet und rezensieren jetzt die Spiele von damals. Wenn wir doch nur einen DeLorean oder eine umfunktionierte Telefonzelle zur Hand hätten...

Halt, so ist es gar nicht! Vielmehr kriegt das mittlerweile schon zum Kultobjekt erhobene Downloadspiel Braid endlich eine Retail-Version für den Rechner spendiert, komplett mit Verpackung, Datenträger und allem! In Verbindung mit der hinlänglich bekannten Qualität des außergewöhnlichen Jump'n'Runs ist das allemal einen zweiten Blick wert, den wir für euch geworfen haben.

Es war einmal...oder doch nicht?

Eines sei gleich vorweg angemerkt: Braid hat sich auf seiner Reise aus dem Download-Land kein Stück verändert. Wenn ihr euch die Box holt, erhaltet ihr nach wie vor dasselbe großartige Erlebnis, aber eben kein Stück mehr. Insofern sollten sich alle, die das Spiel bereits haben, keine Sorgen machen, dass sie etwas verpassen könnten: gleiche Levels, gleiches Gameplay, gleiche Grafik, alles beim Alten. Zusätzlich zum unveränderten Spiel hat die PC-Fassung jedoch einen Leveleditor, der vielleicht bei manchem das Zünglein an der Waage sein könnte.

Braid - Das geniale Zeitreise-Spiel endlich auch als Box

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Auf den ersten Blick ein gewöhnliches Jump 'n Run - auf den zweiten eine spielerische Offenbarung.
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Ursprünglich für Xbox Live Arcade (2008) und auf dem Playstation Network (Ende 2009) erschienen, erzählt Braid die Geschichte von Tim, der auf der Suche nach seiner Prinzessin ist. Wer jetzt schon wieder den Kopf müde auf den Tisch sinken lässt, weil er Braid für einen typischen Fall von Pseudostory und Uraltgeschichte hält, sollte aufhorchen. Die Geschichte wird nämlich äußerst unkonventionell und geradezu fragmentarisch erzählt.

Während Tim die verschiedenen Welten des Spiels besucht, wird in Büchern seine Vergangenheit mit der Prinzessin nach und nach rekonstruiert, ohne jemals ein definitiv deutbares Bild zu ergeben. Es geht um eine große Liebe, um den Spagat zwischen Leidenschaft und Alltag, aber auch um einen schrecklichen Fehler Tims und sich entwickelnde Probleme. Man gelangt bei dem Punkt an, zu dem Braid einsetzt: Die Prinzessin ist fort, offenbar ist ein Ungeheuer Schuld, und Tim will, nein, muss sie wiederfinden.

Zeitscroller

In eine traumhafte Welt geworfen, die als ein Meer aus Blumen und Wolken beginnt und im Laufe des Spiels immer düsterer und unheimlicher wird, beginnt Tim also seine Reise. Er kann, was alle Sidescroll-Helden können: Laufen, springen, Schalter umlegen... und außerdem die Zeit nach Belieben vor- und zurückspulen. Ob er nun gerade an einem Gegner gestorben ist, weil er es nicht ganz geschafft hat, ihm tödlich auf den Kopf zu springen, oder eine sich wegklappende Plattform nicht ganz erwischt, der Sand der Zeit ist offenbar stark in Tim. Er hat seine Chrono-Manipulation allerdings auch bitter nötig, denn sie ist mehr als nur ein Bequemlichkeitsfeature. Weit mehr.

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Nur wer die Zeit richtig manipuliert, knackt die Rätsel in Braid.
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Braid ist nämlich vorrangig ein Puzzlespiel und die Zeitreisen sind der hauptsächliche Schlüssel zur Lösung der vertrackten Situationen. Hierbei werden sowohl eure Reflexe als auch eure grauen Zellen bemüht, und je weiter das Spiel voranschreitet, desto mehr werden diese beiden Anforderungen ausgebaut und ineinander verwoben. Kommt man zu Beginn noch mit einer einigermaßen simplen Planung, ein bisschen Rumprobieren und der etablierten Mario-Motorik aus, stößt man schon nach einigen Ebenen auf die ersten Kopfnüsse. “Wie soll ich denn da rankommen?” oder “Meinen die das ernst?” sind Fragen, die sich mancher bei Braid stellen dürfte.

Allerspätestens, wenn derjenige in Welt 3 angelangt ist, denn hier muss sich Tim mit einer besonders ausgefuchsten Mechanik rumplagen: Die Zeit ist an seine Bewegung gekoppelt. Solange er stillsteht, tut es die Welt ebenfalls, bewegt er sich nach rechts, so läuft die Zeit vorwärts, will (oder muss) er wieder nach links, wird alles wieder zurückgespult.

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Sand der Zeit Deluxe - der Prinz hätte seine Freude an Braid.
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Dies führt zu einigen unheimlich vertrackten Rätseln, denn wer auf Anhieb eine solche Situation durchschaut, seine Bewegungen und die damit verbundenen Zeitmanipulationen genau durchplant, weiß, wann er welche Schalter zu drücken hat und wie sich dann was bewegen wird, wer das alles kann und dann noch die notwendigen Fähigkeiten besitzt, diese Pläne akkurat umzusetzen, der darf sich gleich und ohne Warteschlange sein Gamerdiplom abholen.

Nach wie vor einer der besten Indie-Titel überhaupt. Zeit, zuzuschlagen!Fazit lesen

Zusätzlich erschwert werden diese kleinen Kunststückchen dadurch, dass Objekte auftauchen, die grün glitzern und von den Zeitverschiebungen nicht betroffen sind. So kann sich Tim beispielsweise einen so markierten Schlüssel aus einer Grube holen, die so tief ist, dass er nicht mehr herausspringen kann. Er kann sich selbst aber, samt aufgehobenem Schlüssel, “zurückspulen”, um letztendlich wieder am Grubenrand zu landen, was mit einem normalen Schlüssel nicht ginge, weil das Aufheben desselben ebenfalls rückgängig gemacht würde. Und das war das einfachste Beispiel für diese Art von Rätseln.

Hop around the clock

Es wird zum Ende des Spiels hin nur komplexer, denn jede der insgesamt sechs Welten führt eine neue Mechanik ein bzw. funktioniert etwas anders. Ist man erst in der dritten Welt zum Herr der Geh-Zeiten geworden, schließt sich Tim in Welt 4 ein hilfreicher Schatten an, der im Falle des Zurückspulens die letzte Aktion imitiert und somit komplexe Simultanmanöver ermöglicht, ein Feature, das erst kürzlich wieder im ebenfalls gelungenen Downloadtitel The Misadventures of P.B. Winterbottom aufgegriffen wurde. In der fünften Welt erlaubt ein magischer Ring den Zeitfluss zu verlangsamen, je näher die betroffenen Objekte dem platzierten Ring sind, desto langsamer sind sie.

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Das grafische Design ist ein kleines Meisterwerk.
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In diesen fünf Welten gilt es, mithilfe von Tims Fähigkeiten Puzzlestücke zu sammeln und zu Gemälden zusammenzusetzen, um letzten Endes die finale Welt freizuschalten. Hier geraten wir an einen schwierigen Punkt, denn diese Welt und ihr Ende, das Ende des Spiels also, haben eine ganz eigene Qualität, die wir euch eigentlich nicht vorenthalten wollen. Leider haben wir aber keine andere Wahl, all diejenigen, die Braid noch nicht gespielt haben, müssen diesen Schluss selbst erleben.

Was wir euch aber sagen können ist, dass das Spiel auch in Nachhinein noch ordentlich als Gesprächsstoff und Philosophenfutter herhält. Die Präsentation der eigenen und erstaunlich reifen Story ist, wie erwähnt, sehr fragmentarisch und lässt viel offenen Raum für Spekulationen. So ist es im Internet mittlerweile zu einer Art Sport geworden, Deutungsmöglichkeiten für Braid zu finden. Wir wollen an dieser Stelle nicht zuviel verraten, aber um euch ein bisschen neugierig zu machen: Eine der verbreiteteren Auslegungen hat mit Atombomben zu tun.

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Über das Ende von Braid debattieren noch die Philosophen.
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Was von alledem schlüssig oder gar eine definitive Wahrheit ist? Zumindest, dass Designer Jonathan Blow sein selbstgestecktes Ziel erreicht hat, etwas ganz Eigenes und auf seine Art Wunderschönes zu schaffen. Braid ist weder das erste noch das letzte Spiel, das ästhetisch atemberaubend präsentiert wird, eine bewegende und gleichzeitig rätselhafte Story erzählt oder mit Zeitverschiebung spielt, aber es ist wohl das einzige Spiel, das in all diesen Kategorien gleichermaßen hervorsticht.