Wir sind vorsichtig geworden – sie eher nicht so. Mit beeindruckender Beständigkeit schaffte es das französische Studio Spiders bislang noch jedes Mal, Kerben und teils gravierende Schönheitsfehler ihrer Spiele im Vorfeld perfekt zu kaschieren, so dass auf eine „gute“ Vorschau schon mal ein unterdurchschnittlicher Test kam. Zumindest in einem Punkt hat sich bis heute nicht viel geändert.

Verkaufen können sich die Jungs und das wissen sie ziemlich gut. Haben ihre französischen Kollegen während des Focus-Lineup-Events zumeist eher zurückhaltend, fast kleinlaut von den Vorzügen ihrer Spiele berichtet, war das hier schon eine andere Nummer. Mit einem breiten, professionellen Lächeln nahm Produzent Walid Miled jeden in Empfang, der sich im Präsentationsraum einfand, schüttelte Hände, verteilte schneidige Visitenkarten und lockerte mit einstudierten Witzen die Stimmung auf. Ich suche nach Zeichen der Erschöpfung auf seinem Gesicht; es muss mindestens seine fünfte oder sechste Vorstellung an diesem Tag sein. Anmerken lässt er sich nichts.

„This is not the final version of our game“, ist eine der ersten Hinweise, die er uns mit auf den Weg gibt, als er das Xbox-360-Pad in die Hand nimmt. Allzu viel sollten wir davon in der nun folgenden halbstündigen Demonstration nicht merken, dafür aber etwas anderes: Wer bereits im August auf der gamescom Ellenbogen an Ellenbogen vor Bound by Flame stand, weiß ein bisschen zu genau, was da gerade auf dem Bildschirm passiert.

Bound by Flame - Ist das noch ein Geheimtipp oder schon Mainstream?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 36/381/38
Bildschirmfüllende Kreaturen sind auch am Start. Gute Sache.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf einer lichtdurchfluteten Lichtung, deren Sand so rot ist wie der auf dem titelgebenden roten Planeten im vorangegangenen Spiders-Spiel, stolpert der im noch nicht genauer gezeigten Editor zusammengeschusterte Protagonist Vulcan ein wenig hüftsteif gegen ein Grüppchen untoter Skelettkrieger an. Hinter seinen sehr dynamischen Schwerthieben stecken gleichermaßen taktisches Kalkül wie der Wille, sieben bösartigen Eislords das Handwerk zu legen.

Die Actionsau unter den Rollenspielen

Das Ende der Welt wollen sie herbeiführen, vielleicht auch den Untergang der Menschheit oder meinetwegen nur ein bisschen kühlere Temperaturen. Ist ohnehin nicht so, als ob all das eine große Rolle spielen würde; die Motivation des weiblichen oder männlichen Helden scheint kaum weniger flach als dessen Breitschwert zu sein. Insofern die Franzosen auf betont epische Szenen und pseudo-tiefschürfende Gespräche verzichten, muss das keine Schwäche sein (die mehrmalige Verwendung des Begriffs „story-driven“ lässt jedoch anderes vermuten). Bound by Flame sucht sein Heil in Kampfsystem – und könnte verdammt gut daran tun.

Bound by Flame - Screenshots zum Rollenspiel

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (7 Bilder)

Bound by Flame - Screenshots zum Rollenspiel

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 31/381/38
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Wer nicht dazu in der Lage ist, sich seinem Gegner taktisch anzupassen, wird schon nach wenigen Spielstunden ernste Probleme bekommen“, erklärt Miled und verleiht diesem Rat mit betont plumpen Angriffen seines Charakters Nachdruck. Er fummelt im bereits von der gamescom-Demo und anderen Spielen bekannten Ringmenü herum, wechselt gemeinsam mit seiner Waffe auch den Kampfstil seines athletischen Kämpfers und tänzelt fortan deutlich agiler um den großen Bruders des knochigen Gegners herum.

Packshot zu Bound by FlameBound by FlameErschienen für PC, PS3, PS4 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Dass wir genau hinschauen sollen kann er noch sagen, was genau jetzt passiert nicht mehr – schon rennt sein Vulcan mit offener Deckung in den Angriff seines Gegenübers. Ein Tastendruck im richtigen Augenblick und einen flinken Konter später hat er aus dem Nach- einen Vorteil und den dicken Klumpen vor ihm zu Brei gemacht. Essentiell soll das Ausweichen im richtigen Augenblick sein und so sieht es auch aus.

Noch ein paar Monate haben die Franzosen Zeit, diesem System, mit dem sich jeder Angriff parieren lassen soll, den letzten Schliff zu geben. Ganz einfach wird das nicht, wenn Bound by Flame letztlich ordentlich knackig und trotzdem jederzeit fair bleiben soll. Das ist es zumindest, was die Entwickler versprechen.

Das Ende einer nervigen Tradition? Bound by Flame hat gute Karten, aus dem durchwachsenen Ruf seines Studios endlich einen guten zu machen.Ausblick lesen

Wer sich in den letzten Jahren auch mal ein Devil May Cry neben The Witcher und Dragon Age ins Regal gestellt hat, bringt demnächst eine deutlich schärfere Klinge in diesen Kampf. Bound by Flame ist nicht unbedingt das, was man als Hack-and-Slay bezeichnet, kommt dem Genre der pubertierenden Halbdämonen und bärbeißigen Griechen jedoch immer wieder erstaunlich nahe.

Unter der kernigen „Du musst dein Schwert schon selbst führen können“-Fassade steckt dann aber doch mehr als genug, um die Aufschrift „Rollenspiel“ zu rechtfertigen – nur waren das keine neuen Argumente, die Spiders vorlegte. Item-Crafting, drei Fähigkeitenbäume, unterstützende NPCs und der ganze obligatorische Kram, der schon seit Jahren irgendwie langweilig, aber trotzdem immer dabei ist, fehlt auch den Franzosen nicht.

Bound by Flame - Actionreiches Kampfsystem im Teaser präsentiert5 weitere Videos

„Wecke den Tiger in dir!“

Bound by Flame deutet bereits mit seinem Namen an, was es von „einem ganz brauchbaren Rollenspiel“ zum Geheimtipp machen soll, ohne sich und seinen Helden damit selbst zu entzaubern. Den Kampf gegen die sieben Eislords mag sich Vulcan als Söldner selbst auferlegt haben, die Vereinigung mit einem Dämon gehörte aber eher nicht zu seinem Plan.

Auf die Szene der Verwandlung sei er besonders stolz, erklärt Miled. Sein Spiel ist kein außergewöhnlich hübsches, zeigt aber in diesem Moment, dass durchdachtes Design und cleveres Lichtspiel viel von dem auffangen können, was sich Studios wie Crytek mit einer Flut an Polygonen, Shadern und aufwendigen Effekten erkaufen. Als das Spektakel vorbei ist, setzt er erneut an und wiederholt im Grunde die Erklärungen seiner Kollegen vor einem halben Jahr auf der gamescom.

Bound by Flame - Ist das noch ein Geheimtipp oder schon Mainstream?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
Haben wir schon erwähnt, dass es große Gegner im Spiel gibt?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nicht unbedingt eine schlechte Sache; es klingt immer noch vielversprechend, wie sich die Wechselwirkung zwischen Vulcan und Dämon gestalten soll. Das Geschöpft teilt seine enorme Macht mit dem Wirt, macht das Überleben um einiges leichter, schert sich aber auch nicht um moralische und ethische Grenzen. Wer gelegentlich den wohlklingenden Versprechungen des kleinen Teufelchens auf seiner Schulter anheimfällt, könnte sich schon morgen nicht mehr im Spiegel erkennen. Wie die Umwelt auf eure schicken Hörner und die feurige Aura reagiert, könnt ihr euch ja denken.

Es ist ein großer Kreislauf, der euren Spielstil nach etwa 20 bis 25 Stunden zu einem von mehreren möglichen Enden führen soll. Diesmal dann aber bitte ohne böses Erwachen wie die beiden Male zuvor.