Eigentlich darf ich dieses Spiel gar nicht testen. Warum? Na, weil ich ein riesiger Fan der beiden Vorgänger war, natürlich. Man kann doch von jemandem, der in Borderlands 2 über 200 Stunden versenkt hat, nicht erwarten, dass er unbefangen an das nachfolgende Prequel herangeht, oder?

Das Problem an dieser Logik ist nur, dass niemand außer Fans überhaupt jemals so ein Spiel spielen will, sollte oder sogar kann. Prequels sind ein zweischneidiges Schwert, sie liefern auf der einen Seite „more of the same“, worüber sich auch kein Spieler einer Illusion hingibt, auf der anderen Seite ist das ja unter Umständen ganz schön – aber eben nur für Leute, die die Reihe kennen. Niemand sollte jemals als Einstieg in eine Reihe einen Titel wie God of War: Ascension oder Batman: Arkham Origins spielen.

Weiterführende Links

Ich gehe also einfach mal davon aus, dass ihr lieben Leser mit dem Vorgänger vertraut seid. Wenn dem so ist, dann wisst ihr auch, dass Publisher 2K Games und Entwickler 2K Australia, die von Gearbox für diesen Teil nur Unterstützung und Beratung erhalten haben, sich im Vorfeld alle Mühe gegeben haben, euch diesen Teil schmackhaft zu machen. Allen voran durch den sehr transparenten Manipulationsversuch, den quasselnden Metallklumpen Claptrap spielbar zu machen, was euch wahrscheinlich entweder endgültig ins Boot geholt oder für immer verschreckt hat.

Borderlands: The Pre-Sequel - Was habt ihr auch erwartet?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 49/531/53
Ihr könnt Claptrap steuern. Einen besseren Kaufgrund kann es nicht geben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gemeinsam mit Wilhelm, der späteren rechten Hand von Handsome Jack, Nisha, die in Teil 2 der Sheriff von Lynchwood und Jacks Freundin ist und Athena, die in einem DLC zum ersten Teil unter General Knoxx diente, begibt er sich nach Elpis, dem Mond des bislang erforschten Planeten Pandora. Die vier Haudegen haben keine heroischen Ambitionen, dafür aber einen Auftrag: Ein Hyperion-Programmierer namens Jack hat eine der legendären Vaults lokalisiert und braucht die Hilfe dieser vier zwielichtigen Gestalten, um sie zu öffnen.

Auf dem Weg zum Mond wird allerdings der Hyperion-Satellit, auf dem sich Jack befindet, von einer eigenartigen Söldnerarmee angegriffen, die unter Führung einer herrlich schräg benannten Kampfmatrone namens Tungsteena Zarpedon die Kontrolle über die Station übernimmt und von nun an Elpis kontinuierlich mit riesigen Lasern beschießt. Sie behauptet, gute Absichten zu haben und wird von einem seltsamen Wesen begleitet. Sie muss aufgehalten werden – und Jack, der einen Heldenkomplex hat, ist genau der richtige für den Job.

Borderlands: The Pre-Sequel - Was habt ihr auch erwartet?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Schnappt euch ein paar Freunde und ihr werdet eine nette Zeit haben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das eigentliche Ziel ist von Anfang an klar vor Augen: Den Hyperion-Satelliten zurückerobern, die Bombardierung stoppen und dann die Vault plündern. Dass man dennoch über zehn Stunden braucht, um zu diesem Punkt zu gelangen, liegt nicht etwa daran, dass die recht zahme Geschichte wahnsinnig viele Schlenker machen oder Überraschungen bieten würde.

Es ist vielmehr so, dass sie die ganze Zeit durch Mumpitz künstlich gestreckt wird – kaum macht man drei Schritte, funktioniert irgendeine Maschine nicht oder wird ein Weg versperrt, was uns jeweils zu einem riesigen Umweg führt. Der Vorgänger hatte solche Mittel auch genutzt, aber nicht so massiv, und hier leidet mehr als zuvor der Fluss der Story darunter. Sie fühlt sich einfach nicht so organisch an, dafür aber lang und langatmig.

Das mag aber auch an den anderen beiden großen Schwächen des Pre-Sequels liegen, nämlich Charaktere und Humor. Versteht mich nicht falsch, die Figuren sind ganz okay und in jedem anderen Spiel würde man sie einfach unter „ferner liefen“ abtun und dann wäre es gut. Aber für diese Reihe ist es ein herber Rückschritt. Abgesehen von den zurückkehrenden Veteranen habe ich Probleme, überhaupt auch nur einen Charakter zu benennen – und dabei habe ich das Pre-Sequel gerade erst gespielt! Es kommt erschwerend hinzu, dass die Charakterisierung von Handsome Jack holperig und unglaubwürdig ist. Die Ursprungsgeschichte eines Bösewichts soll erzählt werden, aber tatsächlich nimmt man Jack seine Entwicklung kaum ab – er schaltet einfach irgendwann in den Psychopathenmodus und das war's.

Dürfte ambitionierter sein, macht im Design sogar Rückschritte, aber die Neuerungen machen schon Spaß und werden Fans gefallen.Fazit lesen

Und der Humor. Fast bin ich geneigt zu sagen: Es gibt keinen, aber das wäre übertrieben, allerdings gar nicht mal so sehr. Eine der größten stilistischen Schwächen des ersten Teils war, dass er sich nicht richtig entscheiden konnte, ob er ernst oder albern sein wollte und insofern eine Gratwanderung hinlegte, die zumindest meiner Ansicht nach nicht besonders gut funktionierte. Wie wir alle wissen hatte Borderlands 2, das einfach fucking crazy war und die ganze Zeit kalauerte, bis die Schwarte krachte, dieses Problem nicht mehr.

Borderlands: The Pre-Sequel - Was habt ihr auch erwartet?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 49/531/53
Der im zweiten Teil so großartige Humor ist immer noch vorhanden, keine Frage. Insgesamt ist das Pre-Sequel aber deutlich biederer und eine Spur zu ernst.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

So satte Action, da helfen nur noch Laser

Insofern ist das Pre-Sequel ein Rückschritt. Ernst, geradezu bedeutungsschwanger begleiten wir Jack auf seiner, wie gesagt, nicht sehr eleganten Reise in den Abgrund. Damit Momente, in denen er moralisch äußerst fragwürdige bis verwerfliche Dinge tut, mehr Gewicht haben, wurde der Humor insgesamt sehr zurückgeschraubt. Stattdessen sollen Gänsehautmomente erzeugt werden, was nun etwa so gut klappt, als wenn in Manhunt plötzlich eine Tortenschlacht starten würde. Die Witze, die doch geblieben sind, sind lahm. Ich hab nicht ein Mal wirklich laut gelacht, selten breit geschmunzelt und höchsten hin und wieder etwas mehr Luft aus meiner knubbeligen Nase gestoßen.

Erfreulicherweise ist das Pre-Sequel in anderlei Hinsicht dann aber doch ganz lohnend und sogar einen Kauf wert. Das Kampfsystem ist bis hinunter ins kleinste Detail aus Borderlands 2 übernommen. Angereichert wurde es jedoch durch neue Arten von Waffen, vor allem Laser und das neue Eiselement. Erstere werden von verschiedenen Herstellern fabriziert und verhalten sich dementsprechend unterschiedlich. Railguns zum Beispiel feuern wie Einzelschussgewehre starke Strahlen, die durch Gegner dringen. Andere Knarren erlauben Ghostbusters-artige kontinuierliche Strahlen oder Streuschüsse im Stil einer Schrotflinte.

Das Waffengefühl, auch der neuen Energiewummen, ist satt und befriedigend – natürlich nur, wenn man das Lootglück hat und ein gutes Exemplar findet. Man hat aber wieder viele Möglichkeiten, an neue Ausrüstung zu kommen – inklusive neuer Einrichtungen, etwa ein Häcksler, der aus alter Ausrüstung neue baut, und Kisten, die man nur mit der seltenen Spezialwährung freischalten kann, die man aber eigentlich für Upgrades braucht. Die Sucht- und Lootspirale zieht jedenfalls wieder ordentlich.

Pew pew pew

Das mag auch daran liegen, dass das Gefühl der Kämpfe sich leicht verändert und, wie ich finde, verbessert hat. Dadurch, dass Elpis, auf dem man sich hauptsächlich befindet, eine geringe Gravitation hat, können unsere Charaktere abartig hoch (und langsam) springen und dank ihrer Sauerstoffreserven auch kleine Gleitflüge hinlegen. Sie können dann in der Luft Feinde beharken (die sich ebenfalls oft im Flug befinden) oder mit einem krachenden Manöver auf die Erde knallen, um dort Schaden anzurichten oder dank spezieller Ausrüstung sogar Elementareffekte zu erzeugen.

Das führt dazu, dass die Kämpfe sich etwas langsamer anfühlen, eben in stereotyper Neil-Armstrong-Zeitlupe, aber etwas mehr Wucht haben. Helme werden zerschossen, um den Feind ersticken zu lassen, Feuer kann nur innerhalb künstlicher Atmosphären richtig effektiv eingesetzt werden und natürlich wartet Elpis mit seiner ganz eigenen Form tödlicher Fauna auf – zum Beispiel mit Elementarechsen, die sich beim Tod in mehrere kleine Exemplare aufteilen. Wenn man das mit der neuen Vertikalität kombiniert, die auch im Leveldesgn teilweise putzig eingesetzt wird, dann merkt man zumindest sehr deutlich, dass man nicht Borderlands 2 spielt.

Borderlands: The Pre-Sequel - Was habt ihr auch erwartet?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
In den Kämpfen knallt's ordentlich. Sie sind auch der Punkt des Spiels, der den größten (oder überhaupt einen) Fortschritt gemacht hat.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Einen weiteren Anteil daran haben natürlich die vier neuen Klassen. Nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis ist Revolverheldin Nisha die fragwürdigste, denn ihre Fähigkeit in Verbindung mit einigen lernbaren Perks ist über lange Strecken schlichtweg zu mächtig, wenn auch unleugbar unterhaltsam. Athena bietet schöne Möglichkeiten für Schutz und Nahkampf, Wilhelm kann sich mit Dronen schützen und in seinen Skilltrees zum waschechten Terminator werden. Die Skilltrees sind gut durchdacht und man levelt etwas schneller durch als beim Vorgänger, das erzeugt mehr Motivation und Laune.

Claptrap sollte gesondert erwähnt werden. Nicht nur ist der kleine Scheißer das Maskottchen und Liebe-es-oder-hass-es-Objekt der Serie, seine Spielmechanik ist, vor allem, wenn man Koop spielt, die unterhaltsamste. Benutzt er seinen Actionskill, wird nach dem Zufallsprinzip einer von mehreren zufälligen Effekten ausgelöst. Das kann mal sein, dass er sich in ein Piratenschiff mit Kanonen verwandelt, das im Rhythmus zu Tschaikowskys 1812er Overtüre Kanonenschläge loslässt. Oder, dass er eine Diskokugel beschwört, die Laser schießt. Ein anderes mal sorgt er dafür, dass das ganze Team wie Flummis durch die Gegend hüpft. Unleugbar Chaos, aber sehr, sehr unterhaltsam.

Borderlands: The Pre-Sequel - Handsome Jack's Überlebenstipps auf dem Mond! 7 weitere Videos

Das Borderlands Pre-Sequel ist zusammengefasst also nicht die Welt, versetzt keine Berge, sondern macht einfach sehr soliden Spaß. Spaß, der sich mechanisch nur wenig von der Stelle bewegt hat, in Nuancen aber etwas verändert wurde und immer noch gut ankommt. Stilistisch und in Designfragen ist das Teil nicht ganz gelungen, da müssen wir wohl auf die nächste richtige Fortsetzung warten, die hoffentlich schon in Entwicklung ist.