Eigentlich ist es schon ein bisschen verwunderlich, dass noch niemand die realistischen Renndarstellungen eines Need for Speed mit dem Fun- und Gemeinheitsfaktor eines Mario Kart zu einem Racer vermischt hat. Immerhin würde man damit im Jagdrevier zweier Fangemeinden auf die Pirsch gehen. Bizarre Creations, die Macher von Project Gotham Racing, haben sich nun genau an diese Materie gewagt.

In Köln duften wir schon mal einen Blick auf das Spiel werfen und sogar selbst ein paar Ründchen drehen. Eher unspektakulär ging es in dem kleinen Raum zu, in dem Blur der neugiereigen Fachpresse vorgestellt wurde. Trotzdem drängten sich die Schreiberlinge in die enge Zelle, um mit Argusaugen die Fahrfehler ihrer Berufskollegen mit einem versteckten Lächeln zu quittieren – zumindest so lange, bis das Joypad an sie selbst weiter gereicht wurde.

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Spaß oder Ernst?

Schon im Vorfeld betonten die Macher, dass sie Frustmomente vermeiden wollen, Blur für jeden etwas bieten soll. Das schreit nach dem ungeliebten „C“-Wort, das eher die Kurzzeit-Motivatoren auf der Wii umschreibt. Wir waren schon mal vorgewarnt, hatten aber den rettenden Gedanken im Hinterkopf, dass ja auch ein Mario Kart für die Vielzocker ein Spaßgarant aus vorderster Front ist. Warum sollte Blur auch ein verwässertes Gameplay aufweisen, nur weil es so vielen Spielstilen wie möglich gerecht werden möchte? Also Augen gebannt gen Bildschirm gerichtet und sich sein eigenes Bild vom Spiel machen.

Blur - Gotham Racing trifft Mario Kart

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Schluss mit lustig: Die PGR-Macher gehen die Mario-Thematik ernsthaft an.
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Verschiedene Fahrzeugklassen sollen Vielfalt in den Fuhrpark bringen. Da stehen Formel 1-Boliden neben Musclecars in der Garage, echte Straßenracer lassen ihren Lack glitzern und stattliche Pickup-Trucks zeigen ihre bullige, unübersehbare Präsenz. Alle Fahrzeuge sind von den Autoherstellern lizenziert, Rätselraten, welches Original sich hinter der Fantasiemarke verbergen mag, fällt also flach. Etwa 50 verschiedene Renner werden zur Auswahl stehen, die auf die verschiedenen Klassen verteilt sind.

Auch der Streckenfundus kann sich sehen lassen, denn mehr als 40 Strecken, die sich auf die Metropolen dieser Welt verteilen, können vom Spieler angesteuert werden. Dabei rast man durchs beschauliche Barcelona, huscht hügelauf- und abwärts durch San Francisco oder macht den Strip in Los Angeles unsicher. Dass die Strecken etwas üppiger sein müssen, kann man sich bei 20 Rennteilnehmern sicher lebhaft vorstellen. Gewimmel und harte Überholmanöver sind vorprogrammiert. Da sind die Power-ups und Extrawaffen schon befreiender Schlag gegen das beengende Verkehrsaufkommen.

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Geldprämien wird es in Blur nicht geben. Für besonders spektakuläre Stunts, Siege oder waghalsige Manöver werden Fan-Punkte verteilt. Diese sind in neuen Karren gut angelegt, aber auch in verstärkten Karosseriepanzerungen, Waffen und zusätzlichen Slots für die auf der Strecke eingesammelten Power-ups. All diese Aufmotzmöglichkleiten sind während des Rennens auch äußerst sinnvoll, garantieren sie doch einen taktischen Vorteil gegenüber den Besitzlosen. Es gibt dementsprechend also genügend Gelegenheiten, seine sauer verdienten Fan-Points zu verbraten und dabei auch noch auf der Piste eine gute Figur zu machen.

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Tolle Grafikeffekte verzieren die Power-ups.
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Auf einer Profilseite werden die Statistiken jedes Fahrers festgehalten, so dass die Gegner Einblick in das Fahrverhalten und in die Vorlieben haben. Aber man kann auch selbst in die Profilseiten der Gegner spicken und sich anhand dieser Statistiken darauf einstellen, wie der Mitbewerber sich wahrscheinlich im Rennduell verhalten wird.

Getreu dem Motto „Kenne deinen Feind“ kommt auf diese Weise ein klein wenig Taktikgefühl auf. Natürlich eignet sich diese öffentliche Seite auch hervorragend dazu, mit den eigenen Erfolgen zu protzen.

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Wischi-waschi: Der Grafikstil von Blur macht seinem Namen alle Ehre.
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Bis zu fünf Slots erhalten die Spieler, um darin die Power-ups zu sammeln. Hat man mehrere Items gleicher Sorte aufgelesen, so können diese gebündelt auf einen oder mehrere Gegner losgelassen werden. Doppelt- oder Dreifachschläge kicken umso heftiger die Mitfahrer von der Fahrbahn und verschaffen so manchem Grünschnabel den nötigen Respekt. Gleichzeitig sollte man aber aufpassen, dass die eigene Energie immer ausreichend vorhanden ist. Auch hier können Fan-Punkte helfen, einen stärkeren Boliden auf den Asphalt zu hieven.

Sammelsurium der Gemeinheiten

Die Spezialattacken haben es in sich: Blitze peilen den Vordermann an, damit dieser aus buchstäblich heiterem Himmel seine Vormachtstellung verliert, Minen lassen den Verfolger, der an der Stoßstange klebt, für eine Weile zurückfallen und Laserstrahlen bieten dem Überholer eine böse Überraschung. Was bei Mario Kart als niedliche Bosheit verpackt wurde, springt bei Blur als fieser Kastenteufel aus dem Paket.

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Schadenfreude pur: Blur setzt auf den Spaßfaktor.
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Das tiefe, befreiende Gefühl der Schadenfreude hält natürlich immer nur so lange an, bis es einen selber erwischt. Aus allzu brenzligen Situationen rettet man sich gerne mal mit einem aufgenommenen Nitro-Item. Am besten zündet man zwei aufgenommene Nitros gleichzeitig, damit die Flucht länger andauert.

Einen vor Gadgets strotzenden Funracer mit hohem Realismusgrad auf die Fans loszulassen, war längst überfällig. Endlich Schluss mit niedlich!Ausblick lesen

Um beim Mario-Kart-Vergleich zu bleiben: Die Effekte sind natürlich ganz auf den realistischen Racer-Stil getrimmt. Grelle Lichtblitze durchzucken die Rennstrecke, wenn ein Angriffs-Powerup auf die Rivalen losgelassen wird, ebenso wirksam sind die anderen Gemeinheiten in Szene gesetzt. Auch ein Schadensmodell wurde eingefügt. Je mehr der eigene Wagen einstecken musste, desto lädierter ist das Chassis. Zum Glück wird auch die Reparatur während der Fahrt von Power-ups geregelt. Einfach ein Item aufnehmen und schon ist alles wieder im schönsten Lack.

Wenn man seinen Boliden durch die Straßen der Metropolen steuert, werden die Worte des Entwicklerteams wieder ins Gedächtnis gerufen: Hier zeigt sich, was mit dem „unfrustigen Gameplay“ gemeint war. Leicht lassen sich die Autos mit dem Joypad über die Rennstrecke lenken, Fahrfehler werden schneller verziehen als in einer knallharten Simulation und auch haarsträubende Manöver gehen oftmals glimpflich von der Hand.

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Wer bremst, verliert: Vor allem zu mehreren macht Blur richtig Laune.
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Hier will man Anfängern nicht sofort den Einstieg vermiesen, aber auch den Könnern keine Langeweile unterjubeln. Der Mitmach-Effekt wird es wahrscheinlich bringen: Im Multiplayermodus wird der Spaß wie immer maximiert. Online werden bis zu 20 Spieler gegeneinander um die Pole Position kämpfen.

Auch bei den rasanten Fahrten fielen in der Präsentation keine Grafikfehler auf, schnell und dynamisch bauten sich die Städte auf, lieferten ein solides Bild ab und zeugten davon, dass man bei den Gotham-Racing-Machern sein Handwerk versteht und Rennspielen das nötige Geschwindigkeitsgefühl verpassen kann.

Vielleicht sollte man aber bei den Nachtfahrten ein wenig am Helligkeitsregler drehen. Atemberaubend neu wirkten aber weder die Fahrzeuge, noch die Umgebungen. Dennoch wird der hohe Standard eines Studios vom Schlage Bizarre Creations gehalten. Ein solcher Ruf verpflichtet eben, zwingt aber auch das beste Studio nicht zur Quadratur des Kreises.