Das kann jedem passieren: Man fährt bei einem Rennspiel souverän an der Spitze des Feldes, verbremst sich aber in der letzten Kurve und wird noch überholt. Dumm gelaufen, aber selbst Schuld! Moderne Racer wie Forza 3 haben eine eingebaute Reiserücktrittsversicherung (aka Zurückspulen), die solche Fehler im Handumdrehen vergessen machen.

Es gibt aber auch die Sorte Rennspiel, bei denen ihr nichts, oder fast nichts dafür könnt, wenn ihr wenige Meter vor dem Ziel noch vom sicher geglaubten Thron gestoßen werdet, weil ein Mitspieler eine Rakete auf euer Heck abgefeuert hat. Spiele wie Blur sind daher nichts für schwache Nerven, schlechte Verlierer und Rennsport-Traditionalisten.

Blur - Entwicklertagebuch: Cars'n'Tracks5 weitere Videos

Mehr Skill als Verstand

Letztere dürften sich bei Blur aber trotzdem deutlich wohler fühlen als beim häufig zitierten "Mario Kart". Beide Titel haben zwar oberflächlich gesehen eine vergleichbare Spielstruktur, spielerisch unterscheiden sie sich hingegen erheblich. Während man Blur die Handschrift seiner britischen Entwickler Bizarre Creations, die mit Rennspielen wie Project Gotham Racing jahrzehntelange Erfahrung in diesem Genre vorweisen können, vom ersten Moment an anmerkt, hat Mario Kart mit Rennsport so viel zu tun, wie Jack Bauer mit einer Landwirtschaftssimulation.

Blur - Besser als Oasis? Ähm... sorry, falsches Thema...

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Bei den Rennen mit bis zu 20 Wagen geht es heiß her, manchmal wird’s auch (zu) chaotisch.
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Das macht sich bei Blur vom ersten Moment an bemerkbar beim Fahrzeug-Handling: Auch wenn die Steuerung einen Tick zu schwammig daherkommt, so legt jeder der lizenzierten Wagen ein ganz spezifisches Verhalten an den Tag.

Dieser Umstand ist so bedeutsam, weil die Wahl des richtigen Boliden entscheidend für die Platzierung im mit bis zu 20 Fahrern sehr großen Teilnehmer-Feld sein kann. Da es verschiedene Wagenklassen gibt, bedarf es zusätzlich einer gewissen Streckenkenntnis, um das ideale Fahrzeug für einen bestimmten Parcours auszuwählen: Wie hoch ist der Anteil der Offroad-Komponente? Handelt es sich um eine schnelle Strecke oder sind eher driftlastige Typen im Vorteil?

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Power-ups reißen die Konkurrenz von der Strecke und können auch nach hinten eingesetzt werden.
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Zusätzlich fließt natürlich noch der eigene Fahrstil mit in die Überlegungen ein - setzt man eher auf robuste, aber langsamere Vehikel oder fährt lieber mit schnellen Geschossen, die jedoch weniger Treffer aushalten? Darüber hinaus lassen sich die Fahrzeuge noch mit Mods upgraden, was für weitere individuelle Noten sorgt.

Bereits vor dem Rennen sind taktische Überlegungen also womöglich ausschlaggebend für die endgültige Platzierung - und können letztendlich doch für die Katz sein. Ihr findet euch bei Rennstart nämlich am Ende des großen Pulks wieder und müsst euch zunächst einen Weg durch das anfängliche Chaos bahnen. Und das ist nicht leicht, schließlich fahren alle Konkurrenten als Erste durch die farbigen Icons, mit denen jeder Rennteilnehmer jederzeit bis zu drei Powerups bunkert.

Da gibt es so nette Gimmicks wie den "Stoß" (zielsuchende Rakete), die "Mine", "Blitz" (feuert Energiesalven ab), "Nitro", "Schild" und "Reparatur", mit denen sich die Fahrer gegenseitig einheizen oder sich kurzzeitige Vorteile verschaffen. Wie sehr ihr als menschlicher Fahrer gegen die KI-Konkurrenten im Fokus steht, beweist die Tatsache, dass diese euch selbst dann beschießen, wenn ihr dem Feld als Letzter hinterherfahrt (anstatt sich um besser platzierte Widersacher zu kümmern).

Power-ups als taktische Sprengköpfe

Möglich wird dies, weil offensive Power-ups nicht nur in Fahrtrichtung abgeschossen werden können, sondern auch gegen Hintermänner und anfliegende feindliche Geschosse. Dazu bedarf es aber schon einiger Übung, zunächst habt ihr ohnehin genug damit zu tun, euch an die abwechslungsreichen Streckenverläufe zu gewöhnen, bei denen ihr vornehmlich über Stadtstrecken (Barcelona, Los Angeles, New York, Brighton usw.) rast, aber auch einige industrielle Gegenden. Nur selten gelingt es geübten Fahrern (auf Schwierigkeit "normal") auf Anhieb, den ersten Rang zu belegen. Oft genug mutet der Rennverlauf chaotisch an, wenn es Einschläge aus allen Richtungen hagelt. Hat sich das Fahrzeug gerade von einem Treffer erholt, knallt bereits die nächste Energiesalve ins Heck und wir werden weiter nach hinten durchgereicht.

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Aaargh! Schon wieder knapp am Power-up vorbei gefahren!
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Verblüffend oft rasen wir außerdem an Power-ups vorbei oder ein Gegner schnappt sie sich direkt vor unserer Nase weg - und das, obwohl die Icons vorbildlich schnell respawnen. Pech, Ungeschick oder liegt es doch an der etwas zu ungenauen Steuerung? Der Frustfaktor ist aber lange nicht so hoch wie bei Split/Second, wo oft bereits ein einziger Fauxpas das eigene Fahrzeug an die letzte Position befördert. Meist verliert ihr hier nur wenige Ränge, wenn überhaupt.

Wer sich nicht bei Mario Kart schwarz ärgern möchte, erhält bei Blur das rennsporttauglichere Ambiente geboten.Fazit lesen

Obwohl nur die ersten drei Positionen mit "Lichtern" (mit denen ihr weitere Events freischaltet) belohnt werden, motiviert Bizarre "Verlierer" mit der Fan-Wertung. Durch geschickte Fahrmanöver und bestandene Fan-Herausforderungen innerhalb der Rennen sammelt ihr nebenbei jede Menge Punkte (mit "Kudos" vergleichbar) und schaltet neue Autos frei.

Die Entwickler stellen ihr Spiel im Video vor.Selbst wer Letzter wird, aber Fan-Aufträge meistert, kann verdammt viele Punkte horten und versucht es im nächsten Versuch einfach mit einem anderen Wagen. Apropos Neuversuch: Das Neustarten eines Events dauert mit Ladezeiten und Startanimationen deutlich zu lange und kann schon gehörig auf die Nerven gehen. Schade auch, dass lediglich zwei Kameraperspektiven verfügbar sind, aber das scheint sich bei Arcade-Racern derzeit als "Standard" zu etablieren.

Mehr Spieltiefe und Motivation

Ähnlich wie der erst kürzlich erschienene Genre-Konkurrent Split/Second ist Blur in neun Events aufgeteilt, in denen jeweils sieben Rennen auf euch warten. Neben "normalen" Konkurrenz-Rennen tretet ihr allein in Kontrollpunktparcours und "Zerstörung" an. Bei Ersterem müsst ihr mithilfe von Nitros und gesammelten Stoppuhr-Symbolen (Zeitgutschriften) rechtzeitig ins Ziel gelangen. Dagegen geht es bei "Zerstörung" darum, mit Energieblitzen ausgerüstet, so viele Wagen wie möglich aus dem Rennen zu befördern.

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Wer Fan-Herausforderungen annimmt, kann sich zusätzliche Wertungspunkte erfahren.
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Wer am Ende als Krönung noch gegen den Levelboss antreten will, muss zuvor in allen Rennen eines Events vier spezifische Herausforderungen meistern. Als Belohnung winkt nicht nur die prächtig ausgestattete Karosse des Konkurrenten, sondern auch eine neue Modifikation, mit der eigene Wagen aufgepimpt werden.

Im Vergleich zum bereits erwähnten Split/Second wirkt Blur optisch nicht besonders imposant, sondern eher altbacken. Die Bildrate bleibt allerdings trotz großem Fahrerfeld und einem sehr guten Geschwindigkeitsgefühl immer konstant bei 30 FPS. Stotterer haben wir während unseres Tests praktisch keine erlebt. Was beide Titel jedoch noch gravierender voneinander unterscheidet, ist der Faktor (Langzeit-)Motivation und Spieltiefe.

Während Blur massig freischaltbare Goodies, Socialnetwork-Spielereien (Facebook- und Twitter-Anbindung für Online-"Schwanzvergleiche"), Freunde-Herausforderungen und massig Zusatzinhalte bietet, ist beim grafisch opulenteren Konkurrenten sehr schnell die Luft raus, nachdem man dort alle Powerplays gesehen hat. Im Vergleich zu Mario Kart überzeugt dagegen das deutlich anspruchsvollere Wagenhandling und der zurückgeschraubte "Glücks"-Effekt.

Wer seinen Konkurrenten vom Thron stoßen will, wird dies nicht mit einem blauen Panzer allein (aka "Schock") bewerkstelligen, sondern muss fahrerisches Können mit Streckenkenntnis und taktischer Raffinesse verbinden. Blur ist dadurch zwar für Einsteiger weniger zugänglich als das Nintendo-Werk, dafür aber im Endeffekt befriedigender.

Das gilt natürlich umso mehr, wenn ihr online gegen menschliche Gegner antretet. Die Zahl der verfügbaren Modi ist zwar auf den ersten Blick überschaubar, doch bereits die "Werkseinstellungen" (inklusive Splitscreen-Rennen für vier Teilnehmer) bieten Unterhaltung für viele Stunden. Wenn jedoch noch die vielen Einstellungsoptionen (Strecken- und Fahrzeugwahl, mit/ohne Upgrades oder Powerpus usw.) berücksichtigt werden, die alle möglichen individuellen Rennevents gestalten lassen, zuzüglich einer Vielzahl freischaltbarer Mods und Upgrades, Legendenmodus oder Herausforderungen, eröffnet sich eine unglaublich variationsreiche und motivierende Mehrspielerwelt.

Schade, dass im Singleplayer freigeschaltete Objekte nicht in den Mehrspielermodus übernommen werden. Allerdings erscheint diese Design-Entscheidung angesichts der Masse an freispielbaren Inhalten im Mehrspielermodus verständlich. Einen gewichtigen Minuspunkt handelt sich Blur in dieser Kategorie allerdings wegen der starken Lag-Neigung ein, die einige Rennen zu unspielbaren Geisterevents machte.